Avantgarde/Elite

(Nachtrag zum vorherigen Eintrag über das »Anknüpfen an Alltagskämpfen« und der dort implizit enthaltenen Avantgarde-Apologie.)

Eines ist es, von Avantgarde, die im Dienst des Volkes steht oder sich stellen will oder vorgibt sich zu stellen, zu sprechen und ein anderes, von Elite zu sprechen. In der Avantgarde-Metapher steckt ja ein Versprechen, daß es gelingen kann, die Massen mitzureißen. In der Elitekonzeption steckt die Vorstellung – latent natürlich, es muß nicht immer artikuliert werden – einer permanenten Stratifikation, die prinzipiell nicht aufgehoben werden kann. In der Avantgarde-Konzeption scheint mir das Gleichheitsprinzip der Menschen und ein Begriff von Wissen durchzuleuchten oder anvisiert zu sein, der an alle gerichtet ist, eine Katholizität; während die Elite prinzipiell die Unterscheidung, die unübersteigbare Schranke zwischen der großen Masse und den wenigen setzt und gezwungen ist, einen heroisierenden Begriff von Wissenschaft zu postulieren oder unbewußt einzuspielen. (…) Das für mich bis heute noch bedeutendste Dokument, in dem ein Anfang einer neuen Form von Wissen gesetzt werden soll, ist das »System-Fragment« des deutschen Idealismus, von Hegel, Hölderlin und Schelling, wobei ich jetzt die Frage ausschalte, ob es ein Text von Schelling oder ein Text von Hegel oder ein von beiden konzipierter Text ist. Erinnern Sie sich doch, da wird von der »Gleichheit der Geister« gesprochen, von dem Utopikum, daß alle zu erreichen sind von diesem Wissen. Es fällt das Wort von der »Mythologie der Vernunft« – eine Vernunft, die in die Sinnlichkeit herabreicht. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Programm, auch die Stände zu erreichen, die nur im Sinnlichen sich bewegen. (…) das ist kein Elitepapier, sondern da ist der Begriff von Wissenschaft, der an alle geht, der sich dann vollendet in Hegels »Phänomenologie des Geistes«, die auch den Philosophiebegriff der Neuzeit grundlegend verändert. Wenn ich das Problem auf eine Formel bringen kann: Der klassische Philosophiebegriff – wobei die Unterschiede hier zwischen Plato und Aristoteles und Thomas wegfallen und vielleicht sogar der Anfang der Neuzeit vernachlässigt werden darf – der klassische Philosophiebegriff impliziert die These: Der Weg zur Wahrheit ist schwer, diffizil, und nur wenige können ihn gehen, aber immer gehen. Mit Hegel beginnt ein neuer Begriff der Philosophie: Der Weg zur Wahrheit ist schwer – »Arbeit des Begriffs« ist Arbeit! –, aber am Ende können alle daran teilhaben. Und es ist nicht zufällig, bei aller Differenz zwischen Hegel und Marx, daß es dieser Begriff von Wahrheit ist, die nicht nur in einer Theorie, die nur wenigen bei Muße zugänglich ist, inkarniert bleibt, sondern daß Wahrheit durch die Praxis der Geschichte eine Möglichkeit für alle wird, also Philosophie – das war das Anliegen von Hegel – das Esoterikum verliert.

Aus: »Elite oder Avantgarde? Jacob Taubes im Gespräch mit Wolfert v. Rahden und Norbert Kapferer«, Tumult. Zeitschrift für Verkehrwissenschaft, Nr 4., 1982, S. 64f.1

  1. Taubes antwortet – ablehnend (»Ich kann Ihrer phänomenologisch orientierten Analyse nicht folgen«) auf folgende Ausgangsthese der Interviewer:
    »Gerade in diesem Gewande, im Gewande des Egalitären konnte das Elitäre sich umso wirksamer Bahn brechen, was die Entwicklung der Studentenbewegung selbst dann ja auch verdeutlicht, als die Avantgardekonzeptionen immer freimütiger vertreten wurden bis hin zum postulierten und praktizierten Kaderprinzip, wo die Trennung – gerade auch die organisierte Trennung – zwischen einer elitären Vorhut und den Massen bzw. der Basis schließlich wieder rigoros und mit Nachdruck betont wurde.« [zurück]