Eine große Zweideutigkeit liegt in der Sprache von Adorno und sie hat das zweideutige Verhalten dieser ersten »linksintellektuellen« Generation, die zum Juste-milieu degenerieren konnte, wahrscheinlich mit beeinflußt. Der Sirenengesang in den Sätzen Adornos ist ihre musikalische Qualität: eine orchestrale Aufeinanderfolge begrifflich überinstrumentalisierter Behauptungssätze, die den Nachweis ihrer These oft schuldig bleiben, aber gleichzeitig den Eindruck suggerieren, diesen Nachweis gerade vollbracht zu haben. Die ständige Verbindung der Anstrengung des Begriffs und der Anstrengung der Anschauung, die eigentümliche Verknüpfung des Objektiven mit dem Subjektiven, brachte ein nervöses Amalgam hervor, das sich vor dem Zugriff des Skeptikers schützte, weil die Metapher »Kritische Theorie«davorstand. Eine wahrhaft psychologische Prosa. Die Paradoxie des Phänomens liegt darin, daß eine im Grunde exzentrische, hermetische Geistigkeit, die sich von Beginn an vor dem Ruin durch den Konsum schützen wollte, in ihrer Aufnahme gerade zum intellektuellen Standard einer ganzen Generation wurde. Warum? Weil sie den Adepten die Überlegenheit des Durchschauens versprach und sie gleichzeitig aus der Konsequenz entließ?
Aus: Karl Heinz Bohrer, »Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror«, Hanser 1970, S.60f.