Ein Kommunismus der Sprache

Auf Günter Herburger!

Probieren wir Sprache aus, schätzen wir ihre Inhalte ab, indem wir schneller sprechen, verkürzter, als es üblich ist. Machen wir Gedichte,die uns hinwegtragen sollen oder durch die wir uns tief und schrecklich wichtig in unsere Kümmernisse verbohren wollen, um festzustellen, zu was wir fähig sind. Dann fühlen wir uns stolz.
Seien wir Schüler, Oberschüler, feinsinnige Hausfrauen, die sich allein fühlen und ihre Schmerzen flattern lassen, damit jemand auf sie aufmerksam wird.
Kinder machen es genau so. Sie verdrehen Sprache, die von den Erwachsenen beziehen, lassen sie stolpern, knicken Wörter, werfen weg und lesen wieder auf, probieren aus, falsch und richtig zur Übung, um die wilde, kaum beeinflußbare Wirklichkeit, die sie umgibt, zu bannen. Das gibt ihnen Selbstvertrauen, Orientierung. (…)
Gemeinsam in den Prozeß von Sprachbesitz und Risikowitz einstimmend, trauen wir uns auch Identifikation zu, auf die es vor allem ankommt. Wir reden nicht von Sachzwängen, sondern leidenschaftlich über uns, da alle Sachen, die wir nicht bestimmen können, uns ständig zum Verlust von Identität zwingen. Das immer ist Politik, Kenntnis von der Gesellschaft, auch Mangel durch Leidensfähigkeit.
Wir können unsere Bedingen nur verbessern, wenn wir nicht Einzelkämpfer bleiben, vielmehr unser egoistisches Mißtrauen in heftigeres Selbstvertrauen versenken. Erbauung und Verzauberung finden erst statt, wenn Sprache nicht nur genaue Bezeichnung für die Mittel von Gewalt und Hoffnung findet, sondern auch jedem gehört, allen.
(…)
Verzweifelung steht Gedichten ausgezeichnet. Die hektische Gebärde, der anschließend sanfte Fall im Nebensatz, diese schöne Ohnmacht sind wir gewohnt, dafür werden wir gelobt. Wer nur den Faltenwurf, die Farbe der Nähte die verdeckten Knopfleisten, nicht einmal die Knopflöcher an den Kleidern verändert, wird gelitten, kann bezahlt werden. Wir sind, so lange wir nur für uns zu sprechen vermögen, nichts anderes als Faxenmacher, immer noch versessen auf Delikatessen.
Es müßte sich also ein Kommunismus der Sprache entwickeln, der Wichtigtuerei sprengt, Gewichte abhängt, ruhig und einfach sagt, was ist, den Überbau vermiest und das Verständnis aller genießt.
(…)
Daß die sozialen Bedingungen der meisten keinerlei Chance geben für eine Verbesserung, solange nicht durch Bewußtsein, das heißt Sprache, die Gemeinsamkeit der Lage dargestellt wird, wissen wir. Doch es nützt nichts, darüber zu klagen. Wir müßten uns dazu bequemen, unsere gefühligen Skrupel zu vergessen und sprachliche Übereinkommen anzusteuern.
Klischees böten sich an, das jeher geübte Geschwätz, der Jargon, der sich immer wieder den Neuheiten anpaßt, sie aufspießt, abkanzelt, von Mund zu Mund weiterwirft. Ich glaube, daß vor allem der Reim helfen könnte, jene Selbstsicherheit zu demonstrieren, die Satz- und Zeilenende entschieden kappt. Wer reimt, muß sich darüber klar sein, was er sagen will, kann nicht mehr in dunstige Varianten ausweichen, muß bekennen.
Natürlich werden sofort Einwände kommen wir, der Reim habe abgewirtschaftet, klappere nur noch historisch-literarisch nach, sei hohl geworden oder zu preziös, verfüge über keine Attraktion mehr im technischen Zeitalter, deren Fachkürzel die jeweilige Wissenschaftssituation viel genauer schildern könnten als die Vulgärsprache.
Artisten sollten jedoch, wenn sie noch Ehrgeiz spüren, mutig sein, überheblich kühn wie Protagonisten der Pekinger Oper. Sie dürfen sich nicht in Bescheidenheit verstecken, sondern sollten, wenn sie singen und deklamieren, dabei noch Saltos und Flickflack schlagen können, auch mit verbundenen Augen, damit das Beispiel mitreißt durch Leichtigkeit inmitten sozialer Schwere und ungerechter Amputation.
Was wir formulieren, denken wir nicht allein. Was wir fühlen und was uns schmerzt, ist zugespitzter Ausdruck des Verlangens vieler.(…)
Wir dürfen bedenkenlos mischen, vergleichen, erinnern, vorgreifen, beiseiteräumen und das Gegenteil behaupten. Jedes Gemengsel ist erlaubt, wenn es mehr schildern will, als nur das jeweilig Dürftigste, wenn es mehr vorweisen möchte, als nur Information ohne Bezug, ohne Abhängigkeit der Individualitäten. Die Sprache, die durch unsere Köpfe saust, wäre dazu unmißverständlich fähig, notgedrungen reimend, singend, Erträge einbringend.
(…)
Erst wenn wir über Leichtigkeit verfügen, ist Verstand und Differenzierungsvermögen kein Vorteil weniger mehr, und wir getrauen uns auch, über die Dinge zu herrschen, die uns noch lange nicht gehören.

Aus dem Nachwort zum Gedichtband Operette, Luchterhand Literaturverlag, Neuwied Berlin 1973.