Über Kreativität

Günter Anders: Über Kreativität

»Schreiben?« seufzte der molussische Philosoph L., »Kinderspiel! Da gräbt man ja nur im eigenen Gartengrund! Schwer ist allein das Lesen! Da hat man sich ja durch das Gedankengestrüpp der Anderen durchzukämpfen!«
Als der molussische Schöpfergott diesen Seufzer L.s gehört hatte, da fragte er ihn befremdet: »Sag mal, habe ich dir das einmal in einer schwachen Stunde verraten?«
»Nicht daß ich wüßte«, antwortete L., »ich glaube, dieser Kohl ist auf meinem eigenen Mist gewachsen.«
»Schau mal einer an!« rief da der Gott Bamba, und er wußte nicht recht, ob er erschrocken sein sollte, weil es da jemanden gab, der sein Geheimnis teilte – oder erleichtert, weil er nicht mehr so furchtbar einsam bleiben mußte, sondern jemanden hatte, der seine Misere verstand. »Die Welt erschaffen, also das tun, was du ’schreiben‘ nennst«, erklärte er, »das habe ich zwar immer gekonnt und kann das auch heute noch und das nicht zu tun, fällt mir sogar heute noch schwer. Aber zu verstehen, was meine Geschöpfe dann post creationem angestellt und getrieben haben und anstellen und treiben, dazu bin ich von Anfang an außerstande gewesen und bin das auch heute noch.«
»Donnerwetter!« rief da L., »sogar dein Hausgemachtes kannst du nicht verstehen? Da geht’s dir ja noch übler als mir!«
»Inwiefern?« fragte da Bamba und begann stolz zu werden auf dieses Lob und auf die Überlegenheit seines Unglücks.
»Geht’s dir denn nicht genauso? Kannst du denn deine Texte post creationem verstehen?«
»Weiß nicht«, antwortete L.
»Das weißt du nicht?« staunte da der Gott.
»Das habe ich noch nie ausprobiert.«
»Was?« (Pause) »Und warum nicht?«
»Zeitmangel«, antwortete L., so als gestände er eine Schwäche.
Da bewunderte Bamba den Philosophen, weil der offenbar weniger narzisstisch war als er selber. »Du gehörst auch zu den Produkten, die ich zwar geschaffen habe, deren Benehmen mir aber nachher unverständlich bleibt«, und er verstummte für eine ziemliche Weile. »Aber das alles«, flüsterte er schließlich, »bleibt natürlich ganz unter uns!«
»Warum ‚natürlich‘?« fragte da L. nach einer ebenso langen Pause und so, als erkundigte er sich nur. Aber natürlich war das eine Erpressung. »Das werde ich mir noch überlegen.« Und nach einer zweiten Pause: » –
gelegentlich!«

»Seit diesem und durch dieses Wörtchen ‚gelegentlich‘«, so heißt es in den molussischen »Theologoumena«, »hat Bamba zu kränkeln begonnen und ist kränklich geblieben und wird kränkelnd wohl seine Ewigkeit absolvieren müssen, obwohl L., soweit uns bekannt ist, des Gottes Geheimnis niemals gelüftet hat. Aber beweist das etwas für die Zukunft?«