Archiv für April 2012

»Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre.«

Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen unvermindert hoch im Kurs bei radikalen Linken (genauso wie »Basisdemokratie« im Gegensatz zur angeblichen bloß formellen oder bürgerlichen Demokratie). Es grassiert eine regelrechte »Selbst-«Sucht, als ob es nicht auch böse Selbst-Wörter gäbe – die Selbstoptimierung beispielsweise (Management-Jargon!), und von Selbstregierung reden all die Selbstverwalter dann schon nicht mehr so gerne, denn mit »›Regierung« hat man ja so seine Probleme, obwohl die Selbstverwaltung immer auch auf eine Art Regierung abzielt, aber wer denkt schon gerne so weit. Erinnert sei daran, dass die Sache mit dem Selbst, also die Subjektivierung von Politik, die freilich ein die Subjektivierung voraussetzendes übermächtiges Objekt impliziert, mit der Selbstkritik begann, mit jenem erniedrigenden, demütigenden Verfahren, in dem die Opfer Stalins in diesen so unheimlichen Schauprozessen sich zu Tätern erklärten: Im Stande ihrer größten Machtlosigkeit und totalen Isolierung mussten sie sich – selbstkritisch – in die Rolle diabolischer Gegenspieler einfühlen; nie waren sie selbstbewusster als im Moment vor ihrer realen Auslöschung, ein gespenstischer Akt der Selbstbestimmung, den mit für ausländische Prozessbeobachter zutiefst verwirrendem Furor nicht wenige Altbolschewiken vollzogen.1

Die historische Geburt linker Selbst-Sucht ist in den Ritualen der Selbstkritik zu suchen. Ironie der Geschichte, dass das Konstrukt der Selbstbestimmung ausgerechnet bei dezidiert anti-stalinistischen Gruppen aufblühte, namentlich – sprich: am profiliertesten – bei der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie (SouB), deren zentrale Thesen in einem mittlerweile legendären Text von Cornelius Castoriadis unter dem Titel »Über den Inhalt des Sozialismus« niedergelegt wurden2. Amadeo Bordiga, der schon zu Beginn der 50er Jahre in einer ausführliche Essay-Reihe3 sich ebenso gründlich wie sarkastisch mit den rrrrrevolutionären SouB-Ideen auseinandergesetzt hatte4, kam 1957 in dem Referat »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus« noch einmal – abschließend – auf die Franzosen zurück5.

Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermaßen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heißt in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik – Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Maß jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schließlich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst – gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln – an die solche Leute noch heute glauben – hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).

  1. Wolfgang Pohrt ganz richtig über den Zusammenhang von Despotie und Subjektivierung:
    Hitler und Stalin haben es auch gewusst: Nicht das Wort des Führers war Befehl, sondern sein Wille. Und den kannte man halt nicht. Den lernte man erst kennen, wenn es zu spät war. Also kann man sich nie bequem im Sessel zurücklehnen und darauf vertrauen, man habe doch alle Anweisungen befolgt und alles richtig gemacht. Man muss vielmehr permanent versuchen, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in den Führer oder in den Markt, man muss versuchen, die Trends zu erschnuppern, und man weiß nie, ob es geklappt hat. Dieses Risiko schärft alle Sinne, es hält einen hellwach. (Aus: Ders., »Kapitalismus Forever«, Berlin 2012: Edition Tiamat, S. 60)

    Eben – Selbstoptimierung. [zurück]

  2. Im Rahmen der bei der Edition AV erscheinenden Castoriadis-Werkausgabe finden sich die Thesen im Band 2.1, »Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus«. Es kursieren auch ältere Übersetzungen. [zurück]
  3. Die wichtigsten Texte sind hier genannt, auf Deutsch liegen vier der genannten fünf vor (und der letzte ist bereits in Vorbereitung): »Die Lehre vom ›Teufel im Leibe‹«; »Vorwärts, Barbaren!«; »Der Froschmäusekrieg«; »Das Geschnatter über die Praxis«. [zurück]
  4. Keine Ironie der Geschichte, sondern eine ermüdende Nachlässigkeit ist es, wenn in einer der wenigen auf Deutsch vorliegenden ausführlichen Arbeiten über SouB zwar brav referiert wird (S.27), dass es eine »bordigistische« Strömung auf Seiten der französischen antistalinistischen Linken gegeben, Bordiga eine, oh la la!, »ungewöhnliche Theorie« vertreten und auch dass »SouB sich zu diesem Zeitpunkt mit ihnen [hier gemeint: sog. »Neobordigisten« ?!] in einem längeren Diskussionsprozeß über die UdSSR, die aktuelle Entwicklung des bürgerlichen und bürokratischen Kapitalismus, das Bewußtsein von Klasse und Partei, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Gesellschaft sowie revolutionäre Perspektive und aktuelle Aufgaben der Avantgarde verständigt« habe. Aber es ging nicht um »Verständigung«, sondern um Trennung, und was die Punkte der Bordigisten, äh… Neobordigisten bzgl. des »Bewußtseins von Klasse und Partei« (was für ’ne blöde Konstruktion, die sich so nicht bei B. findet!) gewesen waren, dass sie sich um’s Ganze von den SouB-Positionen unterscheiden, erfährt man nicht, nicht mal im Modus der »ungewöhnlichen Theorie«. [zurück]
  5. Zitiert nach einer mutmaßlich verbesserungswürdigen Übersetzung. Die Fettungen stammen aus der Übersetzung, wir können nicht dafür bürgen, dass sie sich auch im Original finden. An diese Grundlagen hat mich der Genosse von Espace Contre Ciment erinnert! [zurück]

Evolutionäres Verschwinden der Gewalt?

Letzten Herbst hat das Buch »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit« von Steven Pinker für – na, jetzt müsste hier die Floskel stehen … für Furore gesorgt. Hat es aber nicht so richtig. Es ist ein gewichtiges Werk, weil er auf den 1200 Seiten eine Irrsinnsmenge an Fakten und Literatur verarbeitet, und es ist auch in einem renommierten Verlag erschienen, die Feuilletons kamen also nicht drum herum. Aber es ist vielleicht ein bisschen heikel, ein Buch abzufeiern und das Pinker-Paradigma auszurufen, wenn man in einer dermaßen rezessionszerfurchten Zeit schreiben muss, in der der big bang, der nächste richtig große Krieg nur eine gescheiterte Währungsrettungskonferenz entfernt liegt. Pinker jedenfalls gibt den knallharten Evolutionstheoretiker der Gewaltlosigkeit, sozusagen eine fröhlich-pragmatische US-Version Norbert Elias’. Herfried Münkler resümmierte in der FAZ:

So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

Dabei könnten auch wir es belassen, hätten wir nicht kürzlich einer Diskussion beigewohnt, in der Pinker von linker Seite aus verteidigt, ja: angepriesen wurde, vor allem als Gegengift für den in der Tat lähmenden Kulturpessimismus (äußert sich bei Linken eher als Geschichtsfatalismus – denn die nächste Dubstep-Party will sich keiner vermiesen lassen). Das Anliegen geht in Ordnung, die spontan geäußerte Kritik – Pinker würde sich nicht um »strukturelle« oder »verinnerlichte« (soll wohl heißen: statistisch nicht erfassbare, aber evidente) Gewalt kümmern – war wenig triftig. Wir haben uns auch ein paar Notizen gemacht – die nicht als Buchbesprechung etc.pp. zu verstehen sind –, weil die Diskussion aber bislang nicht wieder aufgenommen wurde, lagen sie ein paar Wochen auf dem Desktop und werden jetzt hier veröffentlicht.

Das Gegen-Argument zu Pinker ist nicht, dass die Gewalt »verinnerlicht« oder »struktruell« geworden ist, man halst sich damit nur die Probleme auf, was Begriffe wie Verinnerlichung resp. strukturell meinen (sie erklären die Gewalt gerade nicht).
Die Behauptung, dass »wir« immer friedfertiger werden, fängt an zu riechen, wenn man sich die entsprechende Analogie dazu ausmalt: Demnach lebten wir bereits im Sozialismus. Ist doch klar, früher haben die Leute sechs Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet und sind mit 40 oder spätestens 50 an irgendeiner Arbeiterseuche krepiert, von den zwölf Kindern haben auch nur vier überlebt. Heute fängst du erst mit 30 an zu arbeiten, wirst mit 60 in die Frührente geschickt, hast eine 38-Stunden-Woche, vier Wochen Urlaub … und wenn du mal arbeitslos bist, kriegst du Stütze und auch noch staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen angedient.
Also leben wir im Sozialismus! Das würde selbst ein Negrist nicht mal nach der Einnahme krassen Optimismus induzierender Happy-Pills behaupten wollen.
Verhältnisse in ihrem historischen Verlauf zu vergleichen führt meistens zu einem schwerwiegenden Methodenfehler – weil das, was verglichen wird, isoliert wird von seinem realen Zusammenhang. Wenn man vergleicht, dann den Sachverhalt XY nicht mit etwas früherem, sondern man muss die Gesellschaft an ihren eigenen Ansprüchen, ihren eigenen Maßstäben messen. Es hat 1995 in Srebrenica einen planmäßigen Massenmord an 8000 bosnischen Männern durch serbische Milizen gegeben. Für Pinker aus historischer Perspektive wohl eine Petitesse. Ja, früher, da hätten sie nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder, einfach alle niedergemetzelt, so ungefähr würde die Pinker-Linie aussehen.
Aber: Srebrenica hätte es niemals geben dürfen! Jugoslawien war eine antifaschistische Republik, jahrzehntelang Völkerfreundschaft gepredigt, unglaublich viele »Mischehen« (nicht meine Sprache!), einheitliche Sprachenpolitik, mit einem Wort: hochzivilisiert. Die Frage ist doch nicht, ob früher viel mehr umgebracht worden wären, sondern warum eine Gesellschaft so schnell zerfällt (und sich neu konstituiert – das Srebrenica-Massaker sollte so etwas wie das Gründungsverbrechen der Serbischen Republik von Bosnien sein) und dabei diese Gewalt freisetzt. Um solche Fragen zu klären, muss man eine Gesellschaft an sich selbst messen.1
Um zum vermeintlichen Sozialismus zurück zu kommen: Die Verelendung besteht nicht darin, dass »alles immer schlimmer wird«, sondern dass es keine Garantie gibt, dass nicht alles doch ganz schlimm kommt. Oder andres gesagt: Der Skandal besteht darin, dass vermutlich allein mit den tagtäglich in Deutschland weggeschmissenen Nahrungsmitteln man den Hunger in der Welt ausräumen könnte. Das ist der Maßstab. Oder noch mal anders gesagt: Die Menschen schuften nicht mehr zehn, sondern acht Stunden pro Tag (dafür hat der Kapitalismus 80 Jahre gebraucht…), gemessen am technisch-wissenschaftlich-kommunikativen-kooperativen Stand der Gesellschaft – so wie sie jetzt ist, man muss sich nicht irgendwelche Utopien flüchten! – bräuchte jeder aber nur zwei Stunden zu arbeiten. Nicht bloß in Europa, sondern weltweit. Verelendung ist immer ein qualitativer Begriff, dass man ihn empirisch darstellen kann, heißt nicht, aus der bloßen Empirie eine Tendenz abzuleiten.

  1. Pinker unterlaufen wohl noch mehrere dieser methodischen Fehler, z.B. scheint er Massaker in früheren Zeit so zu bewerten, als wären sie statistisch wie die neuzeitlichen Kriege erfasst, man kann aber nicht mit der Gewissheit über frühere Gewaltherrscher urteilen – etwa über Dschingis Khan – wie man das über Mao oder Hitler kann. [zurück]

Avantgarde/Elite

(Nachtrag zum vorherigen Eintrag über das »Anknüpfen an Alltagskämpfen« und der dort implizit enthaltenen Avantgarde-Apologie.)

Eines ist es, von Avantgarde, die im Dienst des Volkes steht oder sich stellen will oder vorgibt sich zu stellen, zu sprechen und ein anderes, von Elite zu sprechen. In der Avantgarde-Metapher steckt ja ein Versprechen, daß es gelingen kann, die Massen mitzureißen. In der Elitekonzeption steckt die Vorstellung – latent natürlich, es muß nicht immer artikuliert werden – einer permanenten Stratifikation, die prinzipiell nicht aufgehoben werden kann. In der Avantgarde-Konzeption scheint mir das Gleichheitsprinzip der Menschen und ein Begriff von Wissen durchzuleuchten oder anvisiert zu sein, der an alle gerichtet ist, eine Katholizität; während die Elite prinzipiell die Unterscheidung, die unübersteigbare Schranke zwischen der großen Masse und den wenigen setzt und gezwungen ist, einen heroisierenden Begriff von Wissenschaft zu postulieren oder unbewußt einzuspielen. (…) Das für mich bis heute noch bedeutendste Dokument, in dem ein Anfang einer neuen Form von Wissen gesetzt werden soll, ist das »System-Fragment« des deutschen Idealismus, von Hegel, Hölderlin und Schelling, wobei ich jetzt die Frage ausschalte, ob es ein Text von Schelling oder ein Text von Hegel oder ein von beiden konzipierter Text ist. Erinnern Sie sich doch, da wird von der »Gleichheit der Geister« gesprochen, von dem Utopikum, daß alle zu erreichen sind von diesem Wissen. Es fällt das Wort von der »Mythologie der Vernunft« – eine Vernunft, die in die Sinnlichkeit herabreicht. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Programm, auch die Stände zu erreichen, die nur im Sinnlichen sich bewegen. (…) das ist kein Elitepapier, sondern da ist der Begriff von Wissenschaft, der an alle geht, der sich dann vollendet in Hegels »Phänomenologie des Geistes«, die auch den Philosophiebegriff der Neuzeit grundlegend verändert. Wenn ich das Problem auf eine Formel bringen kann: Der klassische Philosophiebegriff – wobei die Unterschiede hier zwischen Plato und Aristoteles und Thomas wegfallen und vielleicht sogar der Anfang der Neuzeit vernachlässigt werden darf – der klassische Philosophiebegriff impliziert die These: Der Weg zur Wahrheit ist schwer, diffizil, und nur wenige können ihn gehen, aber immer gehen. Mit Hegel beginnt ein neuer Begriff der Philosophie: Der Weg zur Wahrheit ist schwer – »Arbeit des Begriffs« ist Arbeit! –, aber am Ende können alle daran teilhaben. Und es ist nicht zufällig, bei aller Differenz zwischen Hegel und Marx, daß es dieser Begriff von Wahrheit ist, die nicht nur in einer Theorie, die nur wenigen bei Muße zugänglich ist, inkarniert bleibt, sondern daß Wahrheit durch die Praxis der Geschichte eine Möglichkeit für alle wird, also Philosophie – das war das Anliegen von Hegel – das Esoterikum verliert.

Aus: »Elite oder Avantgarde? Jacob Taubes im Gespräch mit Wolfert v. Rahden und Norbert Kapferer«, Tumult. Zeitschrift für Verkehrwissenschaft, Nr 4., 1982, S. 64f.1

  1. Taubes antwortet – ablehnend (»Ich kann Ihrer phänomenologisch orientierten Analyse nicht folgen«) auf folgende Ausgangsthese der Interviewer:
    »Gerade in diesem Gewande, im Gewande des Egalitären konnte das Elitäre sich umso wirksamer Bahn brechen, was die Entwicklung der Studentenbewegung selbst dann ja auch verdeutlicht, als die Avantgardekonzeptionen immer freimütiger vertreten wurden bis hin zum postulierten und praktizierten Kaderprinzip, wo die Trennung – gerade auch die organisierte Trennung – zwischen einer elitären Vorhut und den Massen bzw. der Basis schließlich wieder rigoros und mit Nachdruck betont wurde.« [zurück]

Anknüpfen macht auch nicht immer schöner

In der Jungle World gibt es eine Diskussion über die aktuellen Krisenproteste (sogenannten Krisenproteste, well). Ein Text aus der Disko-Serie hat Anlass zum Weiterdenken gegeben: Peter Nowak forderte in der Ausgabe vom 12. April »Zurück zu den Alltagskämpfen«, und die zentrale Passage Nowaks scheint mir diese zu sein:

Wenn die Parole, die Symbolik hinter sich zu lassen, ernst gemeint ist, müsste man die Alltagskämpfe am Arbeitsplatz, im Jobcenter, an der Universität oder im Stadtteil zum Ausgangspunkt der Proteste machen. Die Großdemonstration wäre dann nur das Forum, auf dem sich die Menschen mit ihren jeweiligen Protesten präsentieren, sich koordinieren, aber auch voneinander lernen können.

Abgesehen davon, dass es ein bisschen weltfremd ist, eine »Großdemonstration« zu einem Ort zu deklarieren, wo Menschen »sich koordinieren« – eine Demo ist gerade kein Forum, wo gegrübelt wird, sondern man zeigt sich der Welt; die Koordination fand vorher statt –, ist es auch nur ein Postulat, das er formuliert, und er sollte, wenn ich seine Autorentätigkeit richtig verfolgt habe, es besser wissen. Wenn … dann … müsste. Wenn ich es ernst meine, dass ich mit dem Auto in den Urlaub fahren will, dann muss ich vorher den Führerschein gemacht haben. Naja.
Jede linke Agitation, jede Kampagne von radikalen Gruppen ist doch nur dann von Relevanz – soll heißen: bleibt über den unmittelbaren Anlass hinaus etwas länger im Gedächtnis – wenn sie an Alltagskämpfen anknüpft. Das ist doch eine so grundlegende Praxis- und Erkenntnisbedingung, dass ich mich wundere, wenn sie überhaupt noch mal formuliert wird.1 Das Anknüpfen an reale Konflikte vor Ort ist Voraussetzung – nicht das Rätsel. Die Fragestellung müsste einen Schritt weitergehen: Wieso geht das häufig so furchtbar schief, wenn an »Alltagskämpfe«2 angeknüpft wird – und was geht da schief? Nur daraus können die Konsequenzen bestimmt werden.
Das Interessante ist doch, dass Nowak – wie übrigens viele Linke – offensichtlich etwas grundlegend verdrängt: Die Linke hatte erst kürzlich, sozusagen: gestern, großen Erfolg mit dem »Anknüpfen« gehabt. Genauer gesagt: DIE LINKE, also die Partei bzw. das, was dann zur Partei wurde. Denn woraus ist dieser West-Aufschwung, dieser Durchbruch zu erklären? Aus der Anti-Hartz-Bewegung 2004, aus den Agenda-Gesetzen 2003, aus den unterschiedlichen Wellen der neoliberalen Bildungsreform. Es sind drei Gruppen gewesen, die den Durchbruch resp. die erfolgreiche Linksabspaltung von der SPD möglich gemacht hatten: 1. Frustrierte Betriebsräte, die die Erosion der Sozialpartnerschaft in ihren Betrieben durchlitten und sich an der Nibelungentreue der Gewerkschaften zur SPD aufgerieben hatten – ein gewerkschaftlicher Mittelbau, der von der Bürokratie in regelrecht verheizt wurde und der noch basisnah genug war/ist, um die – diffuse, gewiss – Wut von unten zu spüren. 2. Anti-Hartz-Aktivistinnen und -Aktivisten, Leute aus der Arbeitslosenbewegung. 3. Ein akademisches Prekariat, das die Trostlosigkeit der Bildungsreformen, die Verhunzung von Forschung & Lehre frontal zu spüren bekommen hat.
Da haben wir drei Alltagskonflikte, dreimal Anknüpfen – und schließlich eine bundesweite Koordination. Natürlich kann man a priori sagen: Wenn es schon eine Partei sein muss, dann sollen sich die Leute nicht weiter wundern, dass es so schief geht, die Parteiform ist doch per se des Teufels. Aber man muss schon genauer hingucken, um dahinter zu kommen, was da kaputt gemacht worden ist. Es ist offensichtlich, dass die Partei die Anti-Hartz’ler als Mobilisierungstruppen verheizt hat und das die Leute selber in der West-LINKEN keine Rolle mehr spielen, alle Forderungen aus dieser Bewegung, die, wie verkrümmt auch immer, Ansätze zu einer radikalen Kritik der (Lohn-)Arbeit enthielten, kommen nicht mehr vor. Die Partei stützt sich auf das Protestreservoir, das – im Hinblick auf Wahlkampagnen und Parlamentsarbeit, sicher auch auf zukünftige Koalitionen – am stabilsten und berechenbarsten erscheint: das Gewerkschaftsmilieu (dementsprechend der Aufstieg von Klaus Ernst zum Parteichef); die Akademikerinnen und Akademiker dienen eher dazu, so etwas wie eine neoliberal-kritische Diskurshegemonie vorzubereiten, sind also für den Parteiapparat nicht unmittelbar zentral und dürfen sich auf Kosten der RLS austoben. Wir haben also drei Gruppen: die einen sind an Gegenmacht im Betrieb interessiert, an einem neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Kapital und Arbeit, der »der Arbeit« wieder mehr Rechte einräumt; die zweiten haben als Aussortierte sicherlich die radikalste Perspektive, sind gewillt, sich in Kampagnen und Mobilisierungen besonders engagiert reinzuhängen; die dritten leiden darunter, dass sie ihr akkumuliertes Wissen nicht adäquat einsetzen können, sie sind die frustrierte Bildungselite, bereit zum, naja, vorsichtigen Klassenverrat. Die übergreifende Organisationsform ist die der Partei, genauer: des neuen Westflügels einer bereits existierenden Partei, und übernimmt damit nolens volens alle Voraussetzungen, um als solche anerkannt zu werden: Akzeptanz demokratischer Institutionen; Teilnahme an den vorgeschriebenen politischen Willensbildungsprozessen; Vorrang von Wahl(kampagn)en. Alles, was heterogen ist, wird dem untergeordnet, alles Radikale darf allein als Mobilisierungstreibstoff vorkommen.
Die Linkspartei interessiert mich nicht, aber die Absorption von Bewegungsenergie. Es ist einfach zu sagen: Es hat so kommen müssen. Natürlich hat es so kommen müssen. Aber die Bewegungen »von unten«, aus denen die Westlinke entstanden ist, waren real, und dass betriebliche Interessen – also Interessen von Lohnabhängigen in sog. Normalarbeitsverhältnissen – gegen die Bedürfnisse des Prekariats gleichsam verrechnet werden, ist nicht selbstverständlich. Aber wieso ist das gelungen? Und was hätte dagegen unternommen werden müssen? Wo gibt es die Spaltungen von oben – etwa die Behauptung, Arbeiterinteressen sind von denen der Prekarisierten erst mal unterschieden und darin auch höherwertig? Wo hätte die radikale Linke die Spaltung von unten betreiben müssen?
Über sowas müsste man diskutieren, was ein Interesse an Geschichte voraussetzt (und auch ein Interesse an der Klärung der Frage, wieso Geschichte so häufig verdrängt wird – und sei es diejenige unserer unmittelbaren Gegenwart), aber auch an kompromissloser Analyse – wieso will z.B. die FAU unbedingt Gewerkschaft spielen? Wieso artikuliert sich deren Kritik am DGB ausschließlich als Bürokratiekritik, aber nicht als eine der Form? Klar – weil diese dann auch die FAU selber miteinschließen müsste.
Zum Schiefgehen: Das liegt am Vermittlungswahn. »Wie kriegen wir das alles unter einen Hut?«. Linke denken endlos darüber nach. Ja, wie geht das wohl alles zusammen, die Kämpfe der einen und die Kämpfe der anderen? Eigentlich kann man da nur sagen: lasst es. Nicht vermitteln, sondern radikalisieren. Das zeigt die Geschichte: Wenn sich die amerikanische Arbeitslosenbewegung in den 30er Jahren auf die »offiziellen« Organisationen und Gewerkschaften verlassen hätte und eben nicht allein losmarschiert wäre, wäre es Essig gewesen. Die Radikalität einer Bewegung, kann die gesamte mitreißen, die Aktion eines Teils der Klasse kann für die ganze stehen – das ist die Wahrheit, oder kleiner gehangen: der historische Sinn der Avantgarde, die man nicht mit Elite verwechseln darf. Die schwarzen Arbeiter, die sich 1968 in Detroit in eigenen Organisationen versammelt haben, taten das nicht aus Separatismus und Black-Panther-Nationalismus, sondern um die Klassenkämpfe insgesamt voranzubringen, und zwar über die Artikulation ihrer Bedürfnisse. Die unabhängige Organisierung kommunistischer Feministinnen intendierte nicht die Entdeckung weiblicher Differenz (das kam später und ist schon als Backlash zu verstehen), sondern war notwendiger Ausdruck der Selbstbehauptung. Der Klassenkampf bringt durchaus das Element der Besonderung und Abspaltung hervor – muss es hervorbringen, um nicht eingemeindet, befriedet zu werden.
Und das Mittel der Radikalisierung? Hat mal jemand so auf den Punkt gebracht: »Proletarier gegen Bourgeois ist eine Formel, um die gegenwärtige Gesellschaft marxistisch zu beschreiben, nicht eine marxistische Formel der Revolution; die richtige heißt: Kommunismus gegen Kapitalismus.«3

  1. Jede Stadtteil-Aktivistin weiß, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft, die die Schriften, also die theoretisch-historischen Selbstverständigungen, ihrer Heimatorganisation lesen, schreiend davon laufen müssten. Wenn die Aktivisten, na, Respektsperson sein sollen, Gestalten, auf die Verlass ist, dann weil sie sich auf das, was bei ihnen im Quartier passiert, einlassen, weil sie immerhin gelernt haben, die Leute nicht gleich mit Zizek-Gefuchtel zu nerven, sondern zuhören können. [zurück]
  2. Gibt es eigentlich nicht-alltägliche Kämpfe? Wenn ich gegen AKWs kämpfe, dann doch weil die Gefahr alltäglich ist! [zurück]
  3. Oder Lenin in »Staat und Revolution«:

    Wer NUR den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist, er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken, heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der DIKTATUR DES PROLETARIATS ERSTRECKT. Hierin besteht der tiefste Unterschied des Marxisten vom durchschnittlichen Klein- (und auch Groß-) Bourgeois. Das muß der Prüfstein für das WIRKLICHE Verstehen und Anerkennen des Marxismus sein.

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Kleiner Koalitionsvorschlag

Derzeit tourt (noch bis zum 27.4.) der FAU-Aktivist Roman Danyluk, um sein aktuelles Buch »Befreiung und soziale Emanzipation« – der Titel ist ein bisschen arg doppelgemoppelt – vorzustellen. Zum Buch kann ich nichts sagen, weil ich es nicht gelesen habe, aber ich war auf einer der Vorstellungen – und war angenehm überrascht. Sagen wir so: Es dürfte nicht wenige »unter uns« geben, die die Geschichten, die Danyluk erzählt, aus dem Eff-Eff kennen. Das Buch wird wohl keine Offenbarung radikaler Theorie sein, soll es aber auch gar nicht! Es ist eine Handreichung für insbesondere junge Aktivistinnen und Aktivisten, denen nicht noch mal ein Aktivistenbuch dargeboten werden soll.
Danyluk, der in seinem Vortrag einen Durchgang durch alle Kapitel seines Buchs bietet, durchmustert die Geschichte der radikalen Arbeiterbewegungen (immer im Plural), um daraus Material für eine heutige antiautoritäre, schonungslos selbstkritische und überraschend offene Herangehensweise an die Probleme der Selbstbefreiung zu gewinnen. Dabei hat er keine Scheu, auf marxistisches Tafelsilber (Operaismus! Rätekommunismus!) zurückzugreifen, Theoretiker wie Roman Rosdolsky und Karl Korsch angemessen zu würdigen und die historische Praxis des Syndikalismus mitunter hart zu kritisieren – er dürfte zu den wenigen hiesigen Syndikalisten zählen, die Michael Seidmans »Gegen die Arbeit«, eine gründliche Darstellung auch der CNT-Politik als zutiefst bürgerlichen Rationalitätskritierien verhaftet, mit jenem Spaß, der sich immer einstellt, wenn die Selbstkritik gelingt, rezipieren.
Danyluks Buch – oder präziser: sein Vortrag, der das Buch vorstellt – mündet in einer Produktivitäts- und Technologiekritik, die vorbehaltlos diesen unverwüstlichen Kern des Marx’schen KAPITAL in sich aufgenommen hat. Danyluk stellt das alles sehr unprätentiös und entspannt unkompliziert vor, und er macht klar, dass sein Buch weitgehend der Selbstverständigung dient – nach dreißig Jahren Aktivismus nimmt er sich noch mal einige Kategorien zur Brust und arbeitet sie kritisch durch. Diese Anstrengung, die, um es zu betonen, gänzlich uneitel daherkommt, vermittelt sich dem Publikum: Hier will jemand was wissen und ist an Austausch und Dialog interessiert über die Grenzen einer Organisation, die ja ganz gerne ihre Fähnchen schwenkt und schwer einen auf Verein mit Schrebergarten-Anschluss macht, hinweg.
Nicht falsch verstehen: Danyluk ist kein »Überläufer«, kein Anarcho, der geblickt hat, wo der Hammer des Histomat hängt. Genau darum – um Rechthaberei und Vereinsmeierei – geht es nicht. Auch wenn der theoretische Ertrag von »Befreiung und soziale Emanzipation« eher gering ausfallen mag, ist es eine Einladung zum Austausch linksradikaler Gruppen auf Grundlage der Geschichte der Arbeiterselbstbefreiung. Sollte man nicht ausschlagen.