Dead Voices In The Temple Of Error

Letzte Woche hatte ich einen Job zu erledigen, der im Frisieren von Texten bestand: Studierende hatten sich zu bestimmen Situationen ihres studentischen Daseins geäußert, schriftlich. Nun ging es darum, daraus lesbare, verständliche, zumindest irgendwie korrekte Sätze zu machen. Da wo die Aussagen ganz besonders präzise sein sollten, waren sie fürchterlich umständlich formuliert; was vielleicht lässig gemeint war, war einfach nur sinnfreies Gestammel. Kein Gedankengang wurde zu Ende geführt, nach spätestens zwei Sätzen taten sich abgrundtiefe Widersprüche aus – was haben wir da gerade eben noch geschrieben? Hmm? Egal. Das alles selbstredend ohne Punkt und Komma, kurzum: ohne Sinn und Verstand. Es waren Studierende aller Fakultäten, junge Leute noch, aber andererseits – ist man mit Anfang zwanzig eigentlich noch jung?
Verstehen wir uns nicht falsch, ich zähle mich nicht zu den gehässigen Kleinkarierten, die im politischen Streit erst den Gegner, der ihnen am liebsten ein Feind wäre, zitieren, um dann genüsslich in Klammern zu ergänzen: »(Rechtschreibung im Original)«. In einem ganz besonders ideologiedeutschen Forum wurde (wird?) dieses Bloßstellen ganz besonders gerne betrieben, nur blöd, dass die eigene kommentierende Klientel ebenfalls nicht wusste, wie Kommata sinnvoll einzusetzen waren und penetrant »wider besseren Wissens«schrieb.
Aber hier ging es nicht um Tippfehler und notorische grammatische Lapsi, sondern um geistloses Geschmiere »unserer« zukünftigen Elite. Jeder wusste das: Mein Auftraggeber, die Grafiker, die Kolleginnen im Lektorat – alles Grütze, Weichbirnigkeit, rammdösiges Gebrabbel. Aber es durfte nie und nimmer so genannt werden. Und darf es auch weiterhin nicht.
Schönfärberei. Ich kenne Leute, die besprechen Bücher für linke Journale, und die meisten dieser Bücher sind doof. Muss man so sagen. Uninspiriert, unbeholfen, maßlos in der Selbstüberschätzung (John Holloway!), schlecht lektoriert (oder gleich gar nicht), lieblos übersetzt, gesetzt von Leuten, die ihren Job hassen, und das Cover kann nur einer kranken, sowieso farbenblinden Bürokraten-Natur entsprungen sein. Was lesen wir aber, wenn der erschütterte Leseeindruck sich in einer »Rezension« verfestigt hat? Ein beherztes Einerseits-Andererseits, ein mutiges »Ja, aber«, und: »wichtig, dass die Fragen mal gestellt wurden«, »bringt die Debatte voran«, »… wird ganz richtig festgestellt, dass Marx Recht hatte, Lenin ein Dummkopf war, Eier nicht länger als fünf Minuten kochen sollten und Earl Grey am besten drei Minuten zieht«.
Es ist schlechterdings unmöglich, dass 140 Jahre nach der »Kapital«-Erstauflage und 139 Jahre nach dem ersten »Kapital«-Kommentar heute noch ein Kommentar/eine Einführung/ eine Erläuterung etc.pp. erscheint, die dem Stoff irgendwas Klärendes zur Seite stellen könnte. Sorry Karl, aber das Ding ist ausgeschöpft. Wer jetzt noch auf die »beste Einführung« wartet, wird es nie verstehen (das Original). Trotzdem erscheinen Jahr um Jahr irgendwelche Lesehilfen, Einführungen, Vorlesungen, Powerpoint-Präsentationen. Und immer werden sie als die jeweils beste, gültigste, definitivste abgefeiert.
Das meiste ist Bullshit – schon klar: nicht nur die Flut der »Kapital«-Kommentare, gemeint ist das ganze Schönfärber-Business der Rezensenten und Redigierweltmeister –, das wisst die Leute aber auch schon. Der Trick besteht darin, einfach weiter zu machen – WIDER BESSERES WISSEN –, so zu tun, als ob nix gewesen wäre, als gäbe es überhaupt einen Anlass zum fairen Abwägen. Jeder weiß um den Schrott – der Produzent / die Leserin; die Redakteurin / der Anzeigenkunde. Kein BILD-Redakteur hat was gegen das AZ in seiner Stadt, er würde sogar in die Nachbarschaft ziehen, wenn sich die Gelegenheit auf eine schicke Altbauwohnung »mit Flair« böte, aber jeder BILD-Redakteur schüttet unendlichen Hass und Hohn über die jungen Leute aus, die ja meistens nur ein bisschen reden wollen und sich gerne mal als Clowns verkleiden. Jeder weiß das. Kein ZEIT-Redakteur erträgt das Gebrabbel des stahlgewittersenilen Herausgebers – aber sie drucken jeden seiner pisstrüben Wortsturzbäche (»Was Europa jetzt braucht«) blindlings weg. Ein Verleger rastet aus, weil irgendjemand seinen mittelprächtigen Ex-Pop-Immer-Schösel-Autor als Türöffner für rechtes Gedankengut angeschwärzt hat – und weiß, dass dies und nur dies die Auflage verdreifacht hat.
Alles Quatsch, und deshalb machen alle mit.
Jeder weiß: beantragen alle Hilfsbedüftigen Stütze, bricht das autoritäre Versorgungssystem umgehend zusammen (die sog. Piven/Cloward-Strategie); schmieren morgen 500.000 Hausfrauen ihren Männern und Blagen mal nicht die Brötchen, ist das Patriarchat schon am Montag Geschichte; bummeln die Eisenbahner, ist binnen einer Woche das Model Deutschland ruiniert; würde auch nur einmal wild beim Daimler gestreikt, das Weltsystem wäre nächsten Monat einfach weggeknickt. Und würden 30.000 Textarbeiterinnen einfach mal den Schrott Schrott nennen, den sie zu tollen Meinungen und spannenden Features zu veredeln sich irrigerweise gezwungen sehen … dann würde nichts dergleichen passieren. Aber alle wären gelassener.