Einladung zur Debatte

Vor sechzig Jahren publizierte der Politologe und Philosoph Iring Fetscher in der »Zeitschrift für philosophische Forschung« eine kleine Notiz, sie blieb, das sei vorweg gesagt, folgenlos (Bd. 6, H. 3 [1952], pp. 425-426).

Die Bedeutung Max Stirners für die Entwicklung des historischen Materialismus
von Iring Fetscher, Tübingen

H. Arvon weist im Septemberheft 1951 der »Temps Modernes« (7e année, no 71 p 509-536) auf eine unerklärliche Lücke in der Marx-Forschung hin. In der Tat hat bislang die Polemik des jungen Marx gegen Stirners »Der Ein zige und sein Eigentum« (1845) kaum Beachtung gefunden, obwohl diese Polemik den größten Teil, der allerdings erst 1932 im Druck erschienenen »Deutschen Ideologie« ausmacht. Die Gründe für diese Mißachtung sieht Arvon vor allem in der Darstellung der Entwicklung des historischen Materialismus, die Engel in seinem Buch über Feuerbach gibt. Dort wird Stirner unter den Hegelianern noch vor Feuerbach genannt, obgleich sein Hauptwerk erheblich nach den beiden großen Arbeiten Feuerbachs (»Das Wesen des Christentums« und »Die Philosophie der Zukunft«) erschienen ist. Arvon ist aber der Meinung, daß in Wahrheit Stirner das Bindeglied zwischen Feuerbach und Marx darstellt und keineswegs, wie Engels meint, nur als ein skurriler Vorgänger des Anarchisten Bakunin anzusehen ist.
Die Bedeutung Stirners erblickt der Verfasser darin, daß er durch seine scharfe Kritik des ethischen dt. Sozialismus und Kommunismus seiner Zeit und durch Entlarvung der »idealistischen Reste« in Feuerbachs Philosophie Marx direkt beeinflußt oder wenigstens in der Entwicklung seines Denkens klärend und beschleunigend gewirkt hat. »Marx versucht … nicht nachzuweisen, daß die Kritik, die im ›Einzigen und sein Eigentum‹ geübt wird, falsch in sich ist, sondern nur, daß sie den (eigentlichen) Sozialismus und Kommunismus nicht trifft (zu diesem Zweck zitiert Marx zwei Zeitschriften: ›l‘Egalitaire‹ und ›La Voix du Peuple‹, die Stirner in Deutschland unmöglich kennen konnte und weist auf den ebenfalls auf dem Kontinent unbekannten Owen hin). Zu diesem Zwecke ist er (außerdem) gezwungen, mit äußerster Energie den Feuerbachschen Humanismus aufzugeben und einen endgültigen Bruch zu vollziehen, vor dem er noch in der ›Heiligen Familie‹ zurückgeschreckt war. Von jetzt an hat Marx nur noch Verachtung für eine ethische Interpretation des Kommunismus …« (S. 524). Die Hauptthese Arvons faßt noch einmal seine Auffassung über das Verhältnis von Feuerbach, Stirner und Marx zusammen: »Der historische Materialismus, den (Marx) in der Dt. Ideologie vertritt, ist unmittelbar aus dem Widerspruch des Feuerbachschen Humanismus und des Stirnerschen Idealismus hervorgegangen – oder anders gesagt – aus der Polemik, die Stirner im ›Einzigen und sein Eigentum‹ gegen den Verfasser des ›Wesens des Christentum‹ richtet.«

Henri Arvon1 erweiterte den Aufsatz 1954 zu einer Stirner-Monographie, die eine lange Zeit (bis 1966) die weltweit einzige bleiben sollte. Auch dieses Buch fand in der deutsch(sprachig)en Debatte um die Herausbildung des Marxismus keine Beachtung, von dem ganz kleinen Kreis der Stirnerianer vielleicht abgesehen. Es gibt überhaupt nur eine aus einem marxistischen Impetus heraus geschriebene Arbeit, die die Anregung Arvons positiv aufnimmt »Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse zwischen Max Stirner und Karl Marx« (1978/1982) von Wolfgang Essbach. Essbach hat die empirisch ziemlich eindeutig zu belegende These, dass Stirner »Geburtshelfer und böse Fee an der Wiege des Marxismus« resp. des historischen Materialismus sei, noch in einigen kleineren Arbeiten vertreten, so z.B. in dem von Harald Bluhm herausgegebenen Kommentarband zur »Deutschen Ideologie« (Akademie Verlag 2010, S.165ff.). Rezeption außerhalb der Stirner-Kreise: Fehlanzeige. Bis heute herrscht die handelsübliche Denunziation vor (»absolute Selbstsetzung des Individuums durch Vernichtung von allem, was diesem entgegensteht«). Der Marxismus wird nun mal nicht intelligenter, wenn er in unangemessen altkluger, dabei dummdreist ignoranter Pose in Abwehrhaltung zu Stirner geht. Aus Stirner einen Protofaschisten zu schnitzen fällt übrigens schwer, wenn man allein eine feine Polemik wie diese liest.
Lange Rede, kurzer Sinn: Arvons Buch »Max Striner – An den Quellen des Existenzialismus«2 liegt seit wenigen Wochen in deutscher Übersetzung vor. Und noch mal bietet sich die nicht häufige Gelegenheit einer zumindest geistigen Lockerungsübung, und wieder wird sie ausgeschlagen, vermutlich noch nicht mal wahrgenommen werden. Wir registrieren das ganz ungerührt, und werden uns alsbald wieder mit den ernsten Dingen des Lebens beschäftigen.3

  1. Der Verweis auf den Artikel Bernd A. Laska ist bitte als Leseaufforderung zu verstehen! [zurück]
  2. Korrekter wäre allerdings, hält der Stirner-Forscher Bernd A. Laska (siehe Link) fest, es »An den Quellen des Marxismus« zu nennen: »Während Arvon darin im Detail gezeigt hat, dass Stirner eine wichtige ›Quelle‹ des Historischen Materialismus und somit des Marxismus war, deklarierte er ihn im Buchtitel als ›Quelle‹ des Existentialismus. Von Stirner als Ahnherrn des Existentialismus ist in Arvons Buch indes nur auf den beiden letzten Seiten die Rede, zwar unter dem Titel Conclusion, aber keineswegs aus dem Vorhergehendem erschließbar. Auch hat sich kein namhafter Existentialist positiv auf Stirner bezogen.« [zurück]
  3. Das Interesse an Stirner ist kein philologisches, es geht nicht um die Rehabilitation Stirners als jemanden, der an einer bestimmten Stelle mal eine wichtigere Rolle im politischen Leben Marx’ens gespielt hat. Stirner wird, wenn er denn überhaupt mal explizit erwähnt wird, in der Marx-Forschung nicht als Kuriosum erwähnt, sondern mit zähnefletschendem Ingrimm verfolgt. Wenn Marx doch so eindeutiger Punkt-Sieger gegenüber diesem ›wildgewordenen Kleinbürger‹ ist, woher dann die Aufregung? Wenn der Stirner dem Marx tatsächlich die humanismusduseligen Flausen und das moralisch-anthropologische Gesäusel ausgetrieben haben sollte – wie gesagt: die Quellenlage lässt kaum einen anderen Schluss zu –, kann man dann noch Stirner zu einem Protofaschisten machen, und was hieße das für den Marxismus? Und wenn Stirner schon da war, wo Marx gerne hinwollte, wieso ist Marx dann doch einen anderen Weg gegangen? Ach, merkwürdige Fragen. [zurück]