Amerikanische Eröffnung

Aus [Detective Sergeant Terrence] McLarney sprudeln jetzt die Geschichten hervor. Er ist aufgeräumter Stimmung auf dieser Fahrt durch die nächtlichen Straßen Baltimores, ein Effekt, den eine Tour durch den Western District jedes Mal auf ihn hat. Wenn McLarney durch Ghetto fährt, fällt ihm immer etwas Verrücktes ein, das ihm an dieser Ecke passiert, oder etwas Komisches, das er dort unten auf der Straße gehört hat. Oberflächlich betrachtet erinnern seine Gedanken eher an Albträume, gräbt man jedoch tiefer, erkennt man in McLarneys Schilderungen die abgründige Sprachgewalt dieser endlosen innerstädtischen Komödie von Verbrechen und Strafe.
Das hier ist zum Beispiel die Ecke, an der Snot Boogie erschossen wurde.
»Snot Boogie?«, fragt [Detective Dave] Brown ungläubig.
»Ja«, sagt McLarney, »seine Freunde nannten ihn wirklich Snot Boogie, Schnodderschanuze.«
»Wie nett.«
McLarney lacht, dann beginnt er mit der Parabel von Snot Boogie, der sich dazugesellte, als seine Nachbarn um Geld würfelten. Er wartete, bis der Pot gut gefüllt war, schnappte sich das Geld, sauste wie ein Blitz davon und wurde ein Stück weiter unten an der Straße von einem wütenden Mitspieler erschossen.
»Als wir die Zeugen im Präsidium verhörten, erzählten die uns, Snot Boogie hat das immer so gemacht. Ist ins Spiel eingestiegen und dann mit dem Pot abgehauen. Irgendwann hatten sie einfach die Nase voll …«
Brown schweigt, während er ihren Wagen lenkt. Er kann dem Ablauf der Ereignisse nicht so ganz folgen.
»Darauf habe ich einen von ihnen gefragt, warum, habe ich gefragt, warum habt ihr Snot Boogie immer mitspielen lassen, wenn er ständig versuchte, mit eurem Geld abzuhauen?«
McLarney macht eine Kunstpause.
»Und?«, fragt Brown.
»Da sieht er mich an, als wäre ich nicht ganz dicht«, erwidert McLarney, »und sagt, man muss ihn doch mitspielen lassen … Wir sind hier schließlich in Amerika.«

Aus: David Simon, »Homicide. Ein Jahr auf mörderischen Straßen«, München: Antje Kunstmann Verlag 2011, S.723

Siehe auch Auftakt zu »The Wire«, der epischen Serie, für die David Simon als Produzent und Autor verantwortlich zeichnete und mit der er sich als Balzac unserer Zeit in unseren Kanon einschrieb – ja, genau: Balzac. Das ist seine Liga!