Archiv für Februar 2012

»Die Gleichheit als Ziel ausgehend von der Ungleichheit zu setzen, bedeutet einen Abstand einzuführen, den gerade die Operation seiner ›Verminderung‹ unendlich reproduziert.«

Aus dem 2006 verfassten Nachwort Jacques Rancières zur Neuauflage von »Der Philosoph und seine Armen« (1983, deutsche Ausgabe 2010, Wien: Passagen Verlag), S. 298ff.:

Der Philosoph und seine Armen wurde in der Zeit der kurzen Euphorie geschrieben, die folgte, als die Sozialisten in Frankreich an die Macht gelangten [›Volksfront-Regierung‹ unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterand ab 1981, Anm. Ofenschlot]. Es war die Zeit großer Projekte, die in den Erfahrungen der Sozialwissenschaften die Mittel suchten für eine Umwandlung der französischen Gesellschaft in eine, in der mehr Gleichheit herrscht. Die Schulreform, die Verminderung der Ungleichheiten durch die Schule, stand in der ersten Reihe dieser Baustellen und die Thesen von Bourdieu über die „Reproduktion“ standen in der Mitte der Debatte über diese Reform. Die Reformatoren hatten von ihnen eine Vorstellung bezogen, für die der Meister sich hütete zu bürgen, doch die als nicht weniger als die genaue Anwendung der soziologischen Kritik auf die politische Reform erschien: Um diese „symbolische Gewalt“ zu beseitigen, welche die Kinder der Armen verinnerlichten, musste man in der Schule den Anteil der legitimen Hochkultur vermindern, den Inhalt weniger gelehrt und die Formen zugänglicher, mehr der Geselligkeit der Kinder der armen Klassen angepasst machen. So formuliert und in der Reform der Collèges umgesetzt sah sich die „soziologische“ These sogleich beschuldigt, die Ungleichheit zu verstärken, die sie vorgab zu reduzieren. Die Schule den Mittellosesten anpassen, hieß das nicht ihre intellektuelle Minderwertigkeit zu behaupten? Bedeutete das nicht, die Aufteilung zu stärken, die den Erwählten die Höhen des Denkens und die Verfeinerungen der Sprache vorbehält und den Beherrschten die entwerteten Werte einer „autochthonen“ Kultur zuweist? Dem sozialistischen Reformismus und seinen soziologischen Grundlagen stellte sich das „republikanische“ Denken entgegen, das den Bürgeruniversalismus verkündete und den Aufstieg der Kinder des Volkes durch die Wissenschaft und die Bildung, die in gleicher Weise allen vermittelt wird. Diese Spannung zwischen zwei Gleichheiten setzte sich schnell in einem Konflikt der Disziplinen fort: Dem theoretischen und politischen Einfluss der Sozialwissenschaft, welche die „rosa“ Version des marxistischen Denkens von gestern und des weiser gewordenen 68er-Eifers war, stellte sich die Idee einer Rückkehr zu den Begriffen der politischen Philosophie entgegen, welche die Bedingungen des „Zusammenlebens“ und des „Gemeinwohls“ bestimmten. Den Versprechungen der Sozialwissenschaft wurden die philosophischen Versprechen der Bürgerrepublik entgegengesetzt.

(…) Die Zeit hat schnell die Verwirrung aufgelöst. Bald verloren sich die Kritik der Sozialwissenschaften, die Rehabilitation der politischen Philosophie und die Hymne auf die republikanische Schule im großen reaktiven Strom, der das „68er-Denken“ anprangerte. Die Rückkehr zur Politik stellte sich als bloße Ergebenheit der existierenden staatlichen Ordnung heraus, die Denunzierung des Sozialen und die Begeisterung für das politische Gemeinwohl dienten dem staatlichen Unterfangen des Abbaus der Errungenschaften der sozialen Kämpfe und derEinreihung in die vorgeblich weltwirtschaftliche Notwendigkeit. Die schöne republikanische Ideologie wurde mit den Jahren die links-intellektuelle Version der Verteidigung des Abendlandes gegen die islamischen Wilden.

Man hätte sehr scharfsichtig sein müssen, um die formidable intellektuelle Restaurationsströmung zu verstehen, der die sozialistische Neuheit ironischerweise den Weg bahnte. Zumindest eröffnete sich mir durch eine neuerliche Reise in die Vergangenheit die Chance, die „Soziologen“ und die „Republikaner“ auf gleichem Abstand zu halten. Meine Untersuchungen hatten mir die Begegnung mit der singulären Figur jenes Joseph Jacotot erlaubt, der in den 1830er-Jahren die Fahne der intellektuellen Emanzipation erhoben hatte und gegenüber den Akademikern und progressiven Erziehern verkündet hatte, dass jeder alleine und ohne Lehrmeister lernen und sogar anderen lehren konnte, was er selbst nicht wusste. Nachdem ich mich einige Zeit in seine Schriften vertieft hatte, konnte ich freilegen, was die beiden Konfliktparteien gemein hatten. [siehe dazu Ders., Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation, 1987] Soziologen und Republikaner kämpften um die besten Mittel, durch die Schule diejenigen gleich zu machen, welche die Gesellschaftsordnung ungleich gemacht hatte. Jacotot lehrte, dass das bedeutete, die Dinge von der falschen Seite anzugehen. Die Gleichheit ist nicht ein Ziel, das die Regierungen und die Gesellschaften erreichen müssten. Die Gleichheit als Ziel ausgehend von der Ungleichheit zu setzen, bedeutet einen Abstand einzuführen, den gerade die Operation seiner „Verminderung“ unendlich reproduziert. Wer von der Ungleichheit ausgeht, ist sicher, sie am Ende wiederzufinden. Man muss von der Gleichheit ausgehen, von diesem Minimum an Gleichheit, ohne das kein Wissen weitergegeben wird, kein Befehl ausgeführt wird, und man muss daran arbeiten, diese Gleichheit unendlich auszudehnen. Die Kenntnis der Gründe der Herrschaft hat keine Macht, die Herrschaft zu stürzen. Man muss immer schon begonnen haben, sie umzustürzen. Man muss mit der Entscheidung begonnen haben, sie zu ignorieren, ihr nicht Recht zu geben. Die Gleichheit ist eine Vorannahme, ein Ausgangsaxiom, oder sie ist nichts. Daraus bezog der Pessimismus Jacotots die Vorstellung, dass jeder beliebige Mensch jeden beliebigen emanzipieren könne, aber dass die Gesellschaft immer nur der Logik der Ungleichheit gehorchen werde. (…)

Anmerkung: Jacques Rancière habe den »Sarrazin-Streit« innerhalb der Linken gelöst, schrieb ich im letzten Eintrag, und das scheint doch eine kokette Behauptung. Wenn man aber von den Nebelkerzen des Biologismus absieht – meine Behauptung wäre, dass nur sie Sarrazin positive Rezeption in bestimmten linken, wie heißt das aktuelle Codewort?: »ideologiekritischen« Kreisen verhindert haben –, dann formuliert Sarrazin einen Integrations-Imperativ, also nicht: »Bereichert Euch!«, sondern »Integriert euch!« – und zwar in ein demokratisches, aufgeklärt-bürgerliches, Religion und Moral in den Bereich des Privaten verweisendes Gemeinwesen. »Integriert euch!« ist eine Zumutung, kommt aber auf den ersten Blick ohne rassistische, antisemitische Diskriminierungen aus, verrät sich allerdings immer dann, wenn den Opfern des Integrationszwangs ihr Scheitern als ihr Versagen angerechnet wird.
Jenes demokratische Gemeinwesen markiert also den Emanzipationshorizont, dem sich alle Staatsinsassen gleichermaßen zu unterwerfen haben, verflixt aber, dass das den einen besser gelingt und den anderen schlechter. Einst klagte ein kluger Mann: Erst bindet ihr unsere Hände und dann werft ihr uns vor, sie nicht zu benutzen, und der deutsche Jakobiner blaffte zurück: Dass du deine Hände den Fesseln entwindest, das ist ja wohl das Mindeste!
Dieser jakobinisch-republikanische Zug zieht sich durch die gesamte etatistische Linke, die ein tiefes Misstrauen gegenüber den Massen hegt – unzivilisiert und/oder unkultiviert, in ihren barbarischen Bräuchen verstrickt, unstet, dem Alkohol verfallen oder zur fanatischen (religiösen?!) Raserei neigend. Diese Linke träumte von der Fabrik, dem Volksheer und schließlich der straff durchorganisierten Partei als den großen Erziehern der Massen. »Organisiert euch!«, so hieß das damals, aber es steckte schon der Zwang zur Integration darin, von der »Anhebung des Kulturniveaus der Arbeiterklasse« faselte ein feister bayerischer Rechtssozi um 1900 genauso wie zwanzig Jahre später ein ungleich feinsinnigerer, aber immer darin noch bornierter italienischer Kommunist (vorzugsweise Redakteur von L’Ordine Nuovo).

Rancière über Finkelstein (aber eigentlich über die Oktoberrevolution)

In Berlin erzählt man sich die Anekdote, dass ein Chefdenker einer irgendwie mal angesagten Antifa-Gruppe einen Essay gelesen hatte, der ihn ziemlich, wie sagen die jungen Leute?, geflasht hatte. Der Autor war ein gewisser Jacques Rancière, und der Chefdenker dachte sich so, Mensch, den können wir uns doch für ein Inputreferat einladen. Bekannte wiesen ihn rechtzeitig darauf hin, wer dieser Rancière ist, und dass es einigermaßen vermessen sei, ihn einfach mal so anzuquatschen. Diese Begebenheit hat genauso genommen zwei Seiten: die Ahnungslosigkeit des Nachwuchsmarxisten, aber auch das durchaus autoritär grundierte Vor-Urteil seiner Bekannten, die sich sicher waren, dass Rancière niemals von seinem Denkerolymp zu irgendwelchen Aktivisten hinabsteigen würde. Dabei ist es doch gerade Rancière gewesen, der in unprätentiös antiautoritäre Manier seit Mitte der 70er Jahre gegen den Stahlmarxismus und die allzu selbstgefällige »subversive« Mikrophysik der Macht beharrlich Spuren proletarischer Autonomie nachforschte (»La Nuit des prolétaires«, 1981, keine deutsche Übersetzung – ein Jammer!; »Der Philosoph und seine Armen«, 1983; »Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation«, 1987 – Rancière löst darin auch die »Sarrazin-Debatte« innerhalb [!] der Linken [!], aber das nur nebenbei und ein andermal mehr dazu) – so beharrlich, dass durchaus denkbar wäre, ihn könne eine ernsthafte Einladung einer im Weltmaßstab doch eher unbedeutenden Antifa-Gruppe selbst den weiten Weg nach Berlin-Kreuzberg antreten lassen.

Diesen sehr genauen, sich überhaupt nicht anbiedernden Geist atmen auch die Beiträge, die Rancière unter dem Gesamttitel »Chronik der Konsensgesellschaft« zusammenfasste, und die vor einem halben Jahr mit sechsjähriger Verzögerung auch in deutscher Sprache erschienen (Passagen Verlag, Wien). Seit Mitte der 90er Jahren hat er diese Chronik für eine große brasilianische Tageszeitung geschrieben und in ihr den Versuch unternommen, anhand aktueller Ereignisse zu zeigen, wie Konsens hergestellt wird – eben nicht der gesellschaftliche Ausgleich, der dem harmonischen Zustand des großen Friedens nahe kommt, sondern jene Strategie der Befriedung, der Fixierung der Alternativlosigkeit, der erpressten Versöhnung, des Beschweigens von Auswegen, Brüchen und Ausstiegen, der Verniedlichung jeder Emanzipation, indem sie mit erhobenem demokratischen Zeigefinger aufs Bestehende verpflichtet wird: »Der herrschende Konsens ist eine Maschine der Macht, insofern er eine Maschine des Sehens ist. Er gibt vor, bloß festzustellen, was jeder sehen kann, wenn er zwei Sätze über den Zustand der Welt miteinander verbindet: Der eine Satz sagt, dass wir endlich in Frieden leben; der andere spricht die Bedingung dieses Friedens aus, nämlich das Zugeständnis, dass es nur gibt, was es gibt.«
Die Zeitungsstücke, die Rancière vorlegt, sind kurz, pointiert, enthalten sich aber der Polemik und der vorschnellen Wertung. Er führt etwas vor, führt zu etwas hin. Was wir mit dem so Gefundenen machen, liegt in unserer Verantwortung.
Im April 2001 (im Buch S. 105-109, daraus alle folgenden Zitate) geht es um die Finkelstein-Kontroverse, die eigentlich eine Finkelstein-Novick-Kontroverse ist, aber die (Gegen-)Angriffe, zumal in Deutschland, richten sich fast ausschließlich gegen Finkelsteins »Holocaust-Industrie«, wobei Peter Novicks nicht minderbrisantes »Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord« (korrekt ist einzig der Originaltitel: »The Holocaust in American Life«) nahezu unbeachtet geblieben ist: Finkelstein ist ein Linker und verknüpft seine Attacke mit antirassistischen und antiimperialistischen Positionen, während Novick streng immanent vorgeht und sich jeder aktivistischen Attitüde enthält.
Auch Rancière konzentriert sich vornehmlich auf Finkelstein, und er kommt dabei auf die Pointe dieser Kontroverse. Deren Struktur – bleiben wir bei der nüchternen Betrachtung– scheint einigermaßen ausweglos: Finkelsteins Kritik an der Instrumentalisierung des Holocausts zu politischen Zwecken (auch zu kommerziellen, aber hier geht es um erstere), wurde von seinen Gegnern als Auftakt zum Negationismus verstanden – Finkelstein löse die materielle Tatsache der Judenvernichtung aus ihrem interpretatorischen Kontext, aus der sich ihre Einmaligkeit erst ergibt (richtig gelesen: materielle und historische Tatsachen sind gerade nicht deckungsgleich), ebne damit die Geschichte zu einer planen Fläche immer wiederkehrender Brutalität. Abwegig?
Jeder, der die Geschichte des Negationismus kennt, weiß, dass sie nicht mit der Gaskammer-Leugnung begonnen hat, sondern mit Zweifeln an der systematischen Vernichtungswut: Der »erste« Negationist war Paul Rassinier, ein durchaus tragischer Fall, denn der libertär-pazifistisch gesonnene Sozialist überlebte das Lager Buchenwald (hat darüber auch einen lesenswerten Bericht geschrieben), war nach dem Krieg angewidert von der parteikommunistisch-stalinistischen Idealisierung des Widerstandes im Lager, stieß bei Kriegsverbrecherprozessen auf seiner Ansicht nach unlautere Zeugenaussagen ehemaliger Mithäftlinge und fing an, systematisch die parteipolitische Instrumentalisierung der Terrorherrschaft in den Lagern zu bekämpfen – indem er DIE UNBESTECHLICHE WAHRHEIT über die Lager zu veröffentlichen trachtete. Rassinier leugnete nicht die Internierung von Juden, aber er bestritt einen Zusammenhang zwischen Massensterben und systematischer Planung, gipfelnd in der Vernichtung durch Gas. Rassinier soll, sagt Wikipedia, bereits 1946 durch antisemitische Töne aufgefallen sein; auf jeden Fall ist sicher, dass sein Weg, der mit einer Instrumentalisierungskritik begann, im vollausgebildeten Negationismus endete. Finkelstein ist kein neuer Rassinier, aber am Beispiel Rassiniers sollte man lernen, dass der Auftakt zur Lüge und Verleumdung, zum antisemitischen Wahn nicht so einfach zu bestimmen ist (bzw. dass er mehrdeutig ist) und dass die »Instrumentalisierungskritik« nach Rassinier – und es gibt kein »vor« Rassinier – nicht so unschuldig sein kann, selbst da, wo sie explizit ideologiekritisch auftritt und die materiellen Tatsachen ganz außen vor lassen will — was nicht hinhaut.
Umgekehrt gerät die Position, die auf die unvergleichliche Einzigartigkeit hinaus will, in ein Dilemma. Denn diese Interpretation muss, so Rancière, »eine erste Ursache, einen notwendigen und zureichenden Grund finden, der sicherstellt, dass es tatsächlich einen ursprünglichen Willen zur Vernichtung der Juden gegeben hat, der in den Todeslagern zur Ausführung kam.« Aber wo macht man den Schnitt? Wo siedelt man die Ursache an? Wie erklärt man den Willen in seiner ganzen Monstrosität (aus diesem Willen muss 1:1 der Holocaust heraustreten, tut er es nicht, ist der Wille »kleiner« als die Tat, muss der Wille also, drücken wir es einmal so aus, eine Reihe von Stationen durchlaufen – z.B. eine ungünstige Wendung des Kriegsverlaufs, das latente Desinteresse des Westens an der Rettung der Juden etc.pp. –, die ihn erst zu dem unbeschreiblich mörderischen machen, was am Ende eben doch auf eine Relativierung hinausläuft1). Damit wäre dieser Wille ein Absolutum in der Geschichte, vielleicht sogar das Absolutum der Geschichte. Im Prinzip unerklärlich und jede Diskussion über Antisemitismus unwiderruflich in das stets gleiche Licht tauchend: Der zweifellos im arabischen Raum grassierende Antisemitismus wäre demnach wesensgleich mit dem der Deutschen (weswegen antideutsch heute antiarabisch resp. antiislamisch heißt, und wenig mehr) – jeder Erklärungsversuch2 kann deshalb nur sein: Relativierung; Verharmlosung; Revisionismus!
An diesem Punkt hakt wiederum Finkelstein ein: »So beklagt er an der These des unvordenklichen Hasses eine Unterwerfung der Tatsachen unter eine eigennützige Interpretation. Den Holocaust mit einem unausrottbaren Vernichtungswillen zu verbinden, bedeutet für ihn, in jeder Hinsicht die Selbsterhaltungspolitik des israelischen Staates und die amerikanische Unterstützungspolitik zu unterstützen.« Und so geht der Streit ins Endlose, folgt auf jede Äußerung Finkelsteins der Vorwurf der Relativierung, auf den Finkelstein wiederum mit dem der Instrumentalisierung kontert.
Was hat das alles mit Rancières Anliegen, die Mechanismen der Konsensgesellschaft auseinander zu nehmen, zu tun?
Durchsichtig wird die Kontroverse, wenn man sich noch mal kurz daran erinnert, dass es Finkelstein ist, der attackiert wird – also ein erklärter Linker, Marxist und internationalistischer Aktivist – und eben nicht Novick. Und umgekehrt: Die Wut resp. Beharrlichkeit, mit der Finkelstein seine Positionen vertritt, rührt sie nicht daher, dass er sich als letzter Marxist wähnt, der auf soziale Ursachen pocht und die imperialistisch-kolonialistische Strategien im Nahen Osten nicht übersehen kann? Als Marxist muss er gegen die angebliche Unerklärlichkeit, die behauptete totale Irrationalität zu Felde ziehen, muss er in dieser Behauptung ein Mittel der Ideologisierung der gegenwärtigen Konflikte, eine Affirmation des schlechten ( = die Palästinenser systematisch benachteiligenden) Status Quo entdecken3. Rancière: »Der Streit über den Holocaust stellt die Gültigkeit umfassender Erklärungen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Typs in Frage, denen ein unauflöslich Irrationales entgegengestellt wird (…). Hinter der Wut eines marxistischen amerikanischen Juden gegen Seinesgleichen steht auch die besondere ideologische Gestalt der Gegenwart, in der die neuen radikalen Formen der weltweiten Herrschaft mit einem Verbot [korrekter wäre: Ächtung, Anm. Ofenschlot] der umfassenden Erklärungsformen einhergehen, die beanspruchen, sich an ihr zu messen.«
Ist also die Finkelstein-Kontroverse de facto eine Abrechnung mit der marxistischen Geschichtswissenschaft (meinetwegen auch »-diskurs«)? Und damit verbunden eine Rücknahme des mit der Oktoberrevolution in die Welt gebrachten Emanzipationsversprechens? It’s the October Revolution, stupid! Stand diese doch exemplarisch für das Aufbrechen der Kontinuität der Schlächterei, sie waren – allen folgenden Schrecken zum Trotz – der Fixpunkt des 20. Jahrhunderts4.
Finkelstein wäre dementsprechend vorzuhalten, dass er selbst zu wenig auf die Voraussetzungen seiner Attacken reflektiert, viel zu sehr an dem Hinundher von Verdächtigung und Gegen-Verdächtigung teilhat und somit gerade nicht das ›Großeganze‹, auf das er ja hinaus will, in den Blick bekommt.
Rancière, der sich nicht auf die eine oder die andere Seite schlägt, sieht es wohl ganz richtig, weswegen ihm die Schlusspassage ganz gehört:

In diesem Kontext ist die Nichtzurückführbarkeit des Holocausts die sinnbildliche Ablehnung des marxistischen Geschichtsdenkens als umfassende Rationalität der geschichtlichen Tatsachen und als Zeitlichkeit, die von einem Emanzipationsversprechen geleitet ist. Die Anrufung des ›unvordenklichen‹ Hasses der Heiden gegen die Juden und die Behauptung der Unmöglichkeit, nach Auschwitz zu denken und zu leben wie zuvor, sind weit mehr als das von Finkelstein angeklagte eigennützige Argument. Sie vollführen eine sinnbildliche Umkehrung der Zeitrichtung, indem sie den Versprechen der Zukunft die Hypothek einer unvordenklichen Vergangenheit entgegenstellen, die niemals vergeht. Die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der Einzigartigkeit des jüdischen Genozids und denen, die ihn in das große geschichtliche und weltweite Verflochtensein der Ursachen einbetten wollen, ist deswegen so heftig, weil sie zwei Erben der aktivistischen Gewissheiten und der geschichtlichen Erwartung von gestern einander gegenüberstellt. Die einen haben das große Versprechen in die Last einer unvordenklichen Vergangenheit verwandelt, die anderen wollen ihre Kraft aufrechterhalten, auch wenn sie bloß das argumentatives Wüten ist. Der Streit über den Holocaust ist auch eine Abrechnung mit dem revolutionären Denken.

  1. Wäre daran gemessen dann nicht ausgerechnet Jochen Bruhn – ja, genau DER – einer der größten Relativierer vor dem Herrn?! In dem übrigens sehr lohnenden Gespräch, das er wohl vor etwa 15 Jahren mit seinem Freund und Genossen Johannes Agnoli führte, kontert er auf dessen Aussage »… daß man die Judenausrottung nicht mit den normalen, also marxistisch gedacht: mit sozio-ökonomischen Kategorien erklären kann.« mit folgender Überlegung

    Liegt nicht darin das Problem, daß die kapitalistische Normalität vom Ausnahmezustand abgekoppelt wird? Immer, wenn von Auschwitz die Rede ist, wird auch von ›Irrationalität‹ gesprochen, als gebe der normale kapitalistische Geschäftsgang ein Maß der Rationalität. Man wundert sich, daß Menschen ermordet werden, die noch arbeiten könnten. Aber da zeigt sich, daß der Begriff von Rationalität nur auf den Zweck-Mittel-Zusammenhang geht, auf nichts sonst. Es ist aber eine Rationalisierung, den ausbeuterischen, also das Leben der Arbeitskraft voraussetzenden Umgang, den das Kapital mit Menschen pflegt, vom Massenmord abzuspalten.

    und kurz darauf

    Adorno und Horkheimer waren der seltsam klingenden Auffassung, daß es in keinem Land weniger Antisemitismus gegeben habe als im Deutschland vor Hitler. Aus dieser Beobachtung läßt sich ableiten, daß der Nationalsozialismus nicht einfach eine Potenzierung des Antisemitismus darstellt, sondern die schärfste Radikalisierung der inneren Krise der bürgerlichen Gesellschaft, also der Zusammenbruchskrise, in der der Staat des Kapitals als Nothelfer auftreten muß. Frankreich war vor 1933 wesentlich antisemitischer als Deutschland. Hitler hat die Juden nicht ausgerottet, weil er ein Antisemit war (das war er natürlich), sondern er ermordete die Juden, weil die Krise Formen annahm, in denen es geboten schien, durch die Ausrottung der Juden aus den Deutschen, Kapitalisten und Arbeiter eingeschlossen, ein verschworenes Mordkollektiv zu machen.

    [zurück]

  2. Wer es gerne gründlich mag, bitte. [zurück]
  3. Ob ihm das auch gelingt, ist freilich eine andere Frage. [zurück]
  4. Vor 31 Jahren brachte der Warren Beatty sein über dreistündiges Opus Magnum »Reds« heraus, eine stattliche, »Oscar« gekrönte Hollywood-Produktion, die ungebrochen die Oktoberrevolution abfeiert. Beatty führte Regie und spielte die Hauptrolle, er war am Drehbuch beteiligt und auch einer der Produzenten. In gewisser Hinsicht ist es der Abschluss des »New-Hollywood-Radikalismus«. Heute kennt kein Linker mehr Warren Beatty. [zurück]