Aus dem 2006 verfassten Nachwort Jacques Rancières zur Neuauflage von »Der Philosoph und seine Armen« (1983, deutsche Ausgabe 2010, Wien: Passagen Verlag), S. 298ff.:
Der Philosoph und seine Armen wurde in der Zeit der kurzen Euphorie geschrieben, die folgte, als die Sozialisten in Frankreich an die Macht gelangten [›Volksfront-Regierung‹ unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterand ab 1981, Anm. Ofenschlot]. Es war die Zeit großer Projekte, die in den Erfahrungen der Sozialwissenschaften die Mittel suchten für eine Umwandlung der französischen Gesellschaft in eine, in der mehr Gleichheit herrscht. Die Schulreform, die Verminderung der Ungleichheiten durch die Schule, stand in der ersten Reihe dieser Baustellen und die Thesen von Bourdieu über die „Reproduktion“ standen in der Mitte der Debatte über diese Reform. Die Reformatoren hatten von ihnen eine Vorstellung bezogen, für die der Meister sich hütete zu bürgen, doch die als nicht weniger als die genaue Anwendung der soziologischen Kritik auf die politische Reform erschien: Um diese „symbolische Gewalt“ zu beseitigen, welche die Kinder der Armen verinnerlichten, musste man in der Schule den Anteil der legitimen Hochkultur vermindern, den Inhalt weniger gelehrt und die Formen zugänglicher, mehr der Geselligkeit der Kinder der armen Klassen angepasst machen. So formuliert und in der Reform der Collèges umgesetzt sah sich die „soziologische“ These sogleich beschuldigt, die Ungleichheit zu verstärken, die sie vorgab zu reduzieren. Die Schule den Mittellosesten anpassen, hieß das nicht ihre intellektuelle Minderwertigkeit zu behaupten? Bedeutete das nicht, die Aufteilung zu stärken, die den Erwählten die Höhen des Denkens und die Verfeinerungen der Sprache vorbehält und den Beherrschten die entwerteten Werte einer „autochthonen“ Kultur zuweist? Dem sozialistischen Reformismus und seinen soziologischen Grundlagen stellte sich das „republikanische“ Denken entgegen, das den Bürgeruniversalismus verkündete und den Aufstieg der Kinder des Volkes durch die Wissenschaft und die Bildung, die in gleicher Weise allen vermittelt wird. Diese Spannung zwischen zwei Gleichheiten setzte sich schnell in einem Konflikt der Disziplinen fort: Dem theoretischen und politischen Einfluss der Sozialwissenschaft, welche die „rosa“ Version des marxistischen Denkens von gestern und des weiser gewordenen 68er-Eifers war, stellte sich die Idee einer Rückkehr zu den Begriffen der politischen Philosophie entgegen, welche die Bedingungen des „Zusammenlebens“ und des „Gemeinwohls“ bestimmten. Den Versprechungen der Sozialwissenschaft wurden die philosophischen Versprechen der Bürgerrepublik entgegengesetzt.
(…) Die Zeit hat schnell die Verwirrung aufgelöst. Bald verloren sich die Kritik der Sozialwissenschaften, die Rehabilitation der politischen Philosophie und die Hymne auf die republikanische Schule im großen reaktiven Strom, der das „68er-Denken“ anprangerte. Die Rückkehr zur Politik stellte sich als bloße Ergebenheit der existierenden staatlichen Ordnung heraus, die Denunzierung des Sozialen und die Begeisterung für das politische Gemeinwohl dienten dem staatlichen Unterfangen des Abbaus der Errungenschaften der sozialen Kämpfe und derEinreihung in die vorgeblich weltwirtschaftliche Notwendigkeit. Die schöne republikanische Ideologie wurde mit den Jahren die links-intellektuelle Version der Verteidigung des Abendlandes gegen die islamischen Wilden.
Man hätte sehr scharfsichtig sein müssen, um die formidable intellektuelle Restaurationsströmung zu verstehen, der die sozialistische Neuheit ironischerweise den Weg bahnte. Zumindest eröffnete sich mir durch eine neuerliche Reise in die Vergangenheit die Chance, die „Soziologen“ und die „Republikaner“ auf gleichem Abstand zu halten. Meine Untersuchungen hatten mir die Begegnung mit der singulären Figur jenes Joseph Jacotot erlaubt, der in den 1830er-Jahren die Fahne der intellektuellen Emanzipation erhoben hatte und gegenüber den Akademikern und progressiven Erziehern verkündet hatte, dass jeder alleine und ohne Lehrmeister lernen und sogar anderen lehren konnte, was er selbst nicht wusste. Nachdem ich mich einige Zeit in seine Schriften vertieft hatte, konnte ich freilegen, was die beiden Konfliktparteien gemein hatten. [siehe dazu Ders., Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen über die intellektuelle Emanzipation, 1987] Soziologen und Republikaner kämpften um die besten Mittel, durch die Schule diejenigen gleich zu machen, welche die Gesellschaftsordnung ungleich gemacht hatte. Jacotot lehrte, dass das bedeutete, die Dinge von der falschen Seite anzugehen. Die Gleichheit ist nicht ein Ziel, das die Regierungen und die Gesellschaften erreichen müssten. Die Gleichheit als Ziel ausgehend von der Ungleichheit zu setzen, bedeutet einen Abstand einzuführen, den gerade die Operation seiner „Verminderung“ unendlich reproduziert. Wer von der Ungleichheit ausgeht, ist sicher, sie am Ende wiederzufinden. Man muss von der Gleichheit ausgehen, von diesem Minimum an Gleichheit, ohne das kein Wissen weitergegeben wird, kein Befehl ausgeführt wird, und man muss daran arbeiten, diese Gleichheit unendlich auszudehnen. Die Kenntnis der Gründe der Herrschaft hat keine Macht, die Herrschaft zu stürzen. Man muss immer schon begonnen haben, sie umzustürzen. Man muss mit der Entscheidung begonnen haben, sie zu ignorieren, ihr nicht Recht zu geben. Die Gleichheit ist eine Vorannahme, ein Ausgangsaxiom, oder sie ist nichts. Daraus bezog der Pessimismus Jacotots die Vorstellung, dass jeder beliebige Mensch jeden beliebigen emanzipieren könne, aber dass die Gesellschaft immer nur der Logik der Ungleichheit gehorchen werde. (…)
Anmerkung: Jacques Rancière habe den »Sarrazin-Streit« innerhalb der Linken gelöst, schrieb ich im letzten Eintrag, und das scheint doch eine kokette Behauptung. Wenn man aber von den Nebelkerzen des Biologismus absieht – meine Behauptung wäre, dass nur sie Sarrazin positive Rezeption in bestimmten linken, wie heißt das aktuelle Codewort?: »ideologiekritischen« Kreisen verhindert haben –, dann formuliert Sarrazin einen Integrations-Imperativ, also nicht: »Bereichert Euch!«, sondern »Integriert euch!« – und zwar in ein demokratisches, aufgeklärt-bürgerliches, Religion und Moral in den Bereich des Privaten verweisendes Gemeinwesen. »Integriert euch!« ist eine Zumutung, kommt aber auf den ersten Blick ohne rassistische, antisemitische Diskriminierungen aus, verrät sich allerdings immer dann, wenn den Opfern des Integrationszwangs ihr Scheitern als ihr Versagen angerechnet wird.
Jenes demokratische Gemeinwesen markiert also den Emanzipationshorizont, dem sich alle Staatsinsassen gleichermaßen zu unterwerfen haben, verflixt aber, dass das den einen besser gelingt und den anderen schlechter. Einst klagte ein kluger Mann: Erst bindet ihr unsere Hände und dann werft ihr uns vor, sie nicht zu benutzen, und der deutsche Jakobiner blaffte zurück: Dass du deine Hände den Fesseln entwindest, das ist ja wohl das Mindeste!
Dieser jakobinisch-republikanische Zug zieht sich durch die gesamte etatistische Linke, die ein tiefes Misstrauen gegenüber den Massen hegt – unzivilisiert und/oder unkultiviert, in ihren barbarischen Bräuchen verstrickt, unstet, dem Alkohol verfallen oder zur fanatischen (religiösen?!) Raserei neigend. Diese Linke träumte von der Fabrik, dem Volksheer und schließlich der straff durchorganisierten Partei als den großen Erziehern der Massen. »Organisiert euch!«, so hieß das damals, aber es steckte schon der Zwang zur Integration darin, von der »Anhebung des Kulturniveaus der Arbeiterklasse« faselte ein feister bayerischer Rechtssozi um 1900 genauso wie zwanzig Jahre später ein ungleich feinsinnigerer, aber immer darin noch bornierter italienischer Kommunist (vorzugsweise Redakteur von L’Ordine Nuovo).