Archiv für Januar 2012

Staubtrockene Pfennigfuchserei

Ein Freund hat kürzlich an einem längeren Stück über Gramsci und seinen Intellektuellenbegriff gesessen (es gibt noch Leuten, die sich mit ernsthaften Dingen beschäftigen!). In diesem Zusammenhang hatte er mich nach einer Einschätzung eines längeren Papers gefragt. »Towards the Prison Notebooks: The Evolution of Gramsci’s Thinking on Political Organization1918-1926«, Autor ist ein amerikanischer Professor namens Walter L. Adamson, erschienen ist der Text 1979 im Magazin Polity.
[Ich ahne, wie sich selbst bei treuen Leser eine gewisse Müdigkeit einstellt, und ich kann versichern: Es wird noch trockener!]
Interessant ist dieses Papier (das sich jeder, der einen wissenschaftlichen Uni-Job hat, über das akademisches Zugangssystem JSTOR herunterladen kann) vor allem in dieser Hinsicht: Wer explizit die politische Entwicklung Gramscis in jenen entscheidenden Jahren Italiens zwischen Weltkrieg, Revolutionserwartung, KP-Gründung und Faschismus-Durchbruch verfolgt, muss eigentlich immer auch ein Bordiga-Papier schreiben, und deshalb ist es stets faszinierend, was für einen Eiertanz unsere Gramsci-seligen Halbmarxisten aufführen, um nur ja nicht die Rolle Bordigas und die der damaligen KP-Mehrheitsfraktion so darzustellen, wie es historisch angemessen wäre, sondern so, dass die Legitimationsfigur Gramsci irgendwie immer als Gewinner dasteht.
Bordiga als Person ist mir in diesem Zusammenhang egal – ich brauche keine Altarfigürchen –, und Gramsci war kein Dummkopf. Nicht egal ist mir aber, dass die Leute, die bis heute Gramsci hypen, weder etwas wissen wollen von der doppelten Zerstörung der revolutionären Arbeiterbewegung Italiens – einmal von außen durch den Faschismus, einmal von innen durch den von Moskau angeordneten »Bolschewisierungskurs«, letzteres erwies sich als die fatalere, nachhaltigere Zerstörung –, noch sich vorstellen können, dass ihr Liebling Gramsci bei der Bolschewisierung die Rolle des nützlichen Idioten Moskaus spielte; und er spielte sie sehr gewissenhaft: Die Komintern-Richtlinie der nationalen Volksfrontpolitik1 passte haargenau zu seinen kulturalistischen Sozialismusidealen.
Um das alles auszublenden, muss Bordiga als steifnackig Verblendeter dargestellt werden, von dem allenfalls ein paar Phrasen, schlimmer noch: Gerüchte zur Illustration herangezogen werden. Egal, was die Archive tatsächlich hergeben, egal auch, was Bordiga selbst gesagt hat.
Im folgenden werden einige Bordiga-spezifische Aussagen Adamsons, die nichts besonders originell sind, aber exemplarisch, konstrastiert mit – zeitgenössichen wie zurückblickenden – Statements von Bordiga. Nun, mag man einwenden, Bordiga überführt ja tatsächlich den Adamson der Schwafelei, aber entsprechen denn seine Statements auch einer Praxis? Anders gesagt: Wer garantiert uns denn, dass B. nicht nur ein scharfer marxistischer Analytiker gewesen ist, sondern auch ein ebenso überlegener Stratege? Ich will mich nicht mit dem Verweis auf die entsprechenden faktengesättigten Untersuchungen2 aus der Affäre ziehen, sondern immanent bleiben: Selbst wenn sich B. als Schwätzer erweisen würde, liefern seine Statements doch immer noch einen verlässlichen Leitfaden einer realen kommunistischen Strategie. Here we go.

»Bordiga was obsessed with the formation of an all-powerful elite steeling itself for the task of carrying out what was essentially a revolution from above.«

So wie unsere Auffassung den Gedanken ausschließt, dem zufolge das Individuum – ein Individuum! – nach seinem Gutdünken und dank einer Art von göttlicher Gabe umwandelnd und formend auf seine Umwelt einwirken kann, so ist für uns die voluntaristische Auffassung der Partei zu verurteilen, der zufolge eine kleine Gruppe von Menschen ihr Credo verbreitet und mit einer ungeheuerlichen Willensanstrengung, mit einer riesigen Aktivität und Heroismus, der Welt aufzwingt.
Auf der anderen Seite ist jene Auslegung des Marxismus abartig und töricht, wonach – da Geschichte und Revolution nach unabänderlichen Gesetzen ablaufen – uns nichts anderes übrig bliebe, als diese Gesetze objektiv zu ermitteln und zu versuchen, Prognosen für die Zukunft zu formulieren, ohne etwas auf dem Gebiet der Aktion zu unternehmen. Eine solche Auffassung ist fatalistisch und kommt einer Ableugnung der Notwendigkeit der Existenz und Funktion der Partei gleich. (Aus den „Thesen von Lyon“, 1926)

Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer „Sekte“ annimmt, statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. (Aus einem Interview, 1970)

»Bordiga’s official conception of fascism in the two years before the March on Rome was that of a simple „class reaction“ of the bourgeoisie which, however, had no interest in destroying the appearance of formal democracy. The real danger was the formation of a social democratic government posing as an antifascist united front. Gramsci, in contrast, developed a much deeper historical analysis of fascism as the culmination of the characteristic allypost Risorgimento politics of transformismo. Italian liberal regimes like Giolitti’s, he concluded, had subordinated the agrarian petty bourgeoisie to urban, industrial interests, and with the social dislocations of the war, this had led to the „reactionary sovversivismo“ of the petty bourgeois classes.«

Den Faschismus halten wir nur für eine der Formen, worin der kapitalistische bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet, wobei diese Form, wenn es für die herrschenden Klassen vorteilhafter zu sein verspricht, mit der der liberalen Demokratie (also dem Parlamentarismus) abwechselt, die in bestimmten historischen Phasen auch eher geeignet ist, die Interessen der privilegierten Schichten zu wahren. Für die Politik der starken Hand und repressiven und polizeilichen Übergriffe gibt es gerade auch in Italien Vorbilder, die für sich sprechen: Die an die Namen Crispi, Pelloux und viele andere geknüpften Episoden, in denen es dem bürgerlichen Staat oblag, die gerühmten Rechte der Propaganda- und Versammlungsfreiheit mit Füßen zu treten. Die geschichtlich älteren, ebenfalls blutigen Beispiele dieser Methode zur Unterdrückung der unteren Klassen zeigen also, dass das Rezept nicht von den Faschisten oder Mussolini erfunden oder eingeführt wurde, sondern sehr viel älter ist. (…) Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrarbourgeoisie und Rentenempfängern aus Grund- oder Immobilienbesitz und auf der anderen Seite Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten und auch klerikalen Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen (auch laizistisch genannten) Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, indem sie für die Erhaltung aller gesellschaftlichen Formen der Privatwirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im Geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr. 1 nicht im Faschismus oder gar Mussolini ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der Antifaschismus darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit und Niedertracht. Der Antifaschismus hatte einem giftspeienden Ungeheuer historisches Leben eingehaucht: Nämlich dem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und ihrer Nutznießer umfasst, von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen und Laizisten. (Interview)

(…)

Auf dem 5. Kongress [der Komintern] gab ich einen ausführlichen Bericht über den italienischen Faschismus, wobei ich die auf dem 4. Kongress (der kurz nach dem Marsch auf Rom stattgefunden hatte) entwickelten Argumente wieder aufnahm. Ich zog damals die Formulierung der „politischen Komödie“ derjenigen des „Staatsstreiches“ vor, insofern die Schwarzhemden die bewaffnete Staatsgewalt (die den real bestehenden Belagerungszustand nicht zu nutzen verstanden hatte) nicht militärisch geschlagen hatten: Mussolinis „Marsch auf Rom“ bestand darin, die Strecke Mailand-Rom bequem im Schlafwagen zurückzulegen, um im Quirinal mit König Vittorio zusammenzutreffen. Die soziale Basis des Faschismus lässt sich nicht nur, wie Gramsci sagte, in der Klasse der Landeigentümer ausmachen, sondern umfasst ebenso die modernen industriellen Klassen; und die Mitglieder der faschistischen Partei rekrutierten sich nicht nur aus den reichen, sondern auch aus den Mittelschichten, wie Akademikern, Handwerkern und Studenten. (Interview)

  1. Bordiga wies vor allem auf die Absurdität hin, dass die Volksfrontpolitik die Wiedervereinigung mit der – sozialistischen, also: sozialdemokratischen – Partei bedeuten würde, von der man sich zwei Jahre zuvor in einem längeren, schmerzhaften, letztlich aber konsequenten Prozess getrennt hatte. Der reformistische wie der »maximalistische« Flügel der Sozialisten hatte sich als unfähig bzw. nicht willens erwiesen, die revolutionäre Situation nach Ende des ersten Weltkrieges zu forcieren, sich in die kommunistische Weltpartei einzuordnen und den Bruch mit dem bürgerlichen System durchzuziehen. Daraus resultierte auch ihre Unfähigkeit, sich eindeutig gegen die faschistische Gefahr zu positionieren – also den Faschismus nicht als Gefahr für die Demokratie zu verstehen, sondern als den schärfsten Angriff auf die – unmittelbaren – Bedürfnisse und Positionen der Arbeiterbewegung. Die Volksfrontpolitik würde die Rückkehr zu genau dieser Politik bedeuten – die die Sozialisten als größere Partei innerhalb eines solchen Bündnisses problemlos würden durchsetzen können. [zurück]
  2. Leider nur auf Italienisch liegt vor: Andreina De Clementi, »Amadeo Bordiga«, Einaudi, Torino 1971. Auf Englisch dagegen: Earlene Joyce Craver, »The crisis of Italian socialism and the origins of the Italian Communist Party, 1912-1921« (ungedruckte Doktorarbeit, ist aber über das Universitätsbibliothekssystem problemlos auszuleihen) und vor allem: John E. Chiaradia, »The spectral figure of Amadeo Bordiga. A case study in the decline of Marxism in the West, 1912-26« (ungedruckte Doktorarbeit, s.o.). [zurück]

Vom Streik

Mir fällt im Anschluss an die Mike-Davis-Platitude noch ein älterer Kommentar ein, den ich irgendwann mal bei Neoprene in irgendeiner Diskussion gebracht hatte, auf den aber nicht weiter eingegangen wurde, was mir aber auch egal war. Ich hatte ihn vorgeschrieben und ihn auf meiner Festplatte gespeichert und irgendwann beim Aufräumen rutschte der Text in die Wiedervorlage.

Grundsätzlich nervig ist die Angewohnheit, nicht nach dem Inhalt einer Sache zu fragen, sondern nach dem richtigen Gerüst für einen – nicht näher thematisierten, als gültig oder aber verbesserungswürdig schon insgeheim angenommenen – Inhalt zu fragen. Bei Davis ist es das Axiom »Organisiert euch«, anstatt zu fragen, wofür eigentlich und anstatt hinzugucken, was es bereits für reale Organisationsformen »auf der Straße« gibt. Die Intervention bei Neoprene richtete sich gegen einen Teilnehmer – »Antikap« (DER Antikap? Der sich vor zwei, drei Jahren als Anti-MG-GSP-Spürhund in der Blogosphäre profilieren wollte? Ich weiß es nicht mehr.) –, der einen arg formalistisch ausgetrockneten Begriff vom Streik hatte – also auch nicht, weder historisch noch systematisch, hingeschaut hatte, vielleicht auch gar nicht hinschauen wollte.

Here we go.

Gegen den Streik als »›Mittel‹ der alleinigen Arbeitsniederlegung« wandte er/sie ein, dass

damit nichts verbunden wird, keine Forderungen, keine Alternativen. Natürlich muss die kapitalistische Produktion aufgegeben werden, damit eine sozialistische einsetzen kann. Nur kommt die nicht automatisch, wenn Leute aufhören zu arbeiten. Das führt nur dazu, dass nützliche Güter nicht produziert werden und Löhne nicht gezahlt werden, vergrößert also die Armut. Natürlich sollen Arbeiter aufhören kapitalistisch zu arbeiten. Leider erfährt man von euch nie, was sie stattdessen tun sollen. Da kommt immer nur „X abschaffen, mit Y aufhören“.

Diese Kritik halte ich für doppelt falsch.

1. Historisch gesehen. Jede große Streikbewegung, die nicht nur symbolisch ist (siehe z.B. die eintägigen Generalstreiks im letzten Herbst [2010] in Spanien, Griechenland, Portugal …), die nicht in einer militärischen Kampfsituation schnell und blutig abgewürgt (Rote Ruhr Revolution) und die nicht von der eigenen Organisationen verraten wird (Mai 1968 in Frankreich), geht in eine Rätebewegung, in eine Selbstverwaltung und Selbstorganisation der Produktion über. Siehe Russland 1905 und 1917, siehe Italien 1919/20, siehe die Räte in der iranischen Revolution, siehe Chile, Argentinien … die Leute wissen offenbar schon, wie sie sich zu verhalten haben.
Bei einigen [Blog-]Teilnehmern hier herrscht wohl die Vorstellung, eine Revolution oder kleiner gehangen – eine Aufstandsbewegung sei so etwas wie ein Brettspiel, wo man immer einen Schritt nach dem anderen setzen muss, und wenn man einen übersieht, dann muss man zurück aufs Los. Es ist albern anzunehmen, die Leute ließen sich zu einem Streik aufhetzen und würden dann von ihrer Avantgarde im Regen stehen gelassen, weil die ihnen nämlich nicht sagt – so, jetzt macht mal dies oder das… Es ist immer so gewesen, dass die Streikbewegung die Avantgarde überrollt. Da bricht was los, und all die großen Strategen sind erst mal krass überfordert. Man sieht ja an den April-Thesen Lenins, wie sehr der dem revolutionären Aufruhr hinterher galoppieren musste, und er war ja auch der einzige Führer in der Partei, der da was geblickt hatte.

2. Systematisch gesehen. Ich vermute, dass hier die wenigsten Ahnung haben, wie es eigentlich in der Arbeitswelt zugeht. Ist schon okay, nur sollte man dann nicht rumeiern – uh, was machen die Leute, was machen sie bloß?!
In den Betrieben, Büros, Fabriken, auf den Baustellen etc.pp. gibt es das große Summen, wie beschissen und schlecht doch die Arbeit organisiert ist. Überall inkompetente Chefs, cholerische Vorarbeiter, selbstgefällige Meister, faule Kollegen, eine lähmende Bürokratie, ignorante Vorstände… Ihr werdet in den Fertigungshallen und Großraumbüros verdammt viele Leute finden, die der festen Meinung sind, sie würden etwas Vernünftiges tun, die sich also einbilden, es würde, sagen wir: bei Ford WIRKLICH darum gehen, gute Autos zu bauen – und es läge allein an den inkompetenten Managern etc.pp., dass die Autos eben doch nicht gut sind. Das kann man Gebrauchswertfetischismus nennen.

Was bedeutet das für die hiesige Diskussion? A) Die Leute schmeißen bereits den Laden, sie wissen längst, wie sie besser und effektiver und unter Umgehung der Chefs (= OHNE Chefs) arbeiten können (es gibt etliche soziologische Studien, die auch empirisch nachgewiesen haben, dass bestimmte Produktionsvorgaben von den Arbeitern gar nicht anders als durch kreative Regelverletzung zu lösen sind – und sie lösen sie auch!). B) Es ist der Streik, also der Ausstand, der temporäre Ausstieg aus JEDER Arbeitsorganisation (aus der offiziellen, »tayloristischen«, wie aus der untergründigen, »proletarischen«), der überhaupt so etwas wie das Durchbrechen dieses Gebrauchswertfetischismus ermöglicht. Im Streik stehen sich nämlich für gewöhnlich nicht eine einzelne Abteilung und ein dämlicher Vorgesetzter gegenüber, ein Streik markiert immer schon die beiden großen Linien, an denen sich unterschiedliche – unvereinbare – Interessen gegenüberstehen. Da geht’s um mehr Lohn, weniger Arbeitszeit, eine bessere Rentenregelung … um Grundsätzliches. Deshalb sind Streiks staatlich betreute – regulierte – Ereignisse, sie laufen hochgradig ritualisiert ab und sind mit zig Einschränkungen versehen (eine bemerkenswerte Reverenz an die Klassengesellschaft ist die Tatsache, dass das Arbeitsrecht tatsächlich eine Gewalt abseits des staatlichen Gewaltmonopols erlaubt). Natürlich kann man einen Streik zu einer ganz harmlosen Sache herunterkochen, aber das setzt voraus, dass es per se keine harmlose Sache ist.

(…)