Keine Organisationsaufrufe, nicht schon wieder!

Mike Davis ist einer jener us-amerikanischen Radikalen, deren Radikalismus einfach frisch und unverbraucht rüberkommt, ganz gleich, seit wie vielen Jahrzehnten sie am Start sind. Das hat was unverblümt, ja – tatsächlich: positivistisches, jedenfalls geht ihnen die dialektisch(deutsch?!)-tiefgründelnde Begriffsarbeit weitestgehend ab. Aber wir wollen schließlich von Davis keinen Beitrag zur Neuen-Marx-Lektüre lesen, sondern ein weiteres Buch vom Kaliber »City of Quartz«, »Ecology of Fear« oder »Late Victorian Holocausts: El Niño Famines and the Making of the Third World«. Und ganz nebenbei entpuppte sich mancher Heroe der Neuen-Marx-Lektüre als treues Mitglied der SPD. Na dann.
Die ZEIT hält sich auch ein paar Radikale, einer von ihnen ist Davis. Auf der dümmstmöglichen ZEIT-Seite: »Glauben & Zweifeln« durfte Davis in der aktuellen Ausgabe (29.12.), folglich noch nicht online, »10 Gebote für die Revolte« veröffentlichen, eine, so die Redaktion, »Neujahrsrede eines amerikanischen Protestvertanen an die Jungen«.
Es ist genau das, was wir N.I.C.H.T. von Davis lesen wollen.
Eine genauere Auswertung sparen wir uns an dieser Stelle, es reicht fürs erste der Blick auf das erste »Gebot«:

Kategorischer Imperativ. Organisiert euch, und helft anderen Leuten sich zu organisieren! Das Feuer entfachen ist gut, eine Einheitsfront schmieden ist besser.

Was hätte das erste Gebot wohl sein können? Besinnt euch auf eure Bedürfnisse? Seid maßlos? Hört auf zu arbeiten? Hört auf, euch in den Dienst einer übergeordneten Sache zu stellen?
Wenn Du mit dem Finger auf den Mond zeigst, schaut nur der Dumme auf den Finger.
Als erstes Gebot – akzeptieren wir für einen Moment diese alberne Form der Darstellung – das Organisieren, somit: die Organisation (die sich, weil’s ihm doch irgendwie peinlich ist, im zweiten Gebot schon wieder selber aufheben soll) zu fordern – getrennt nicht nur vom Zweck, sondern vor allem von der realen Praxis – ist dieses Starren auf den Finger. Die Leute sind bereits organisiert. Sie sind es nicht nur (negativ) durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, sie sind erst recht im Moment des Protestes. Die Einheitsfront existiert schon – ihre Konstitution ist nicht das Problem. Nur, und das ist der Anspruch an die Revolutionäre, muss man sich fragen, ob sie es wert ist, sich ihr unterzuordnen. Das Prinzip der Spaltung, nicht um ihrer selbst Willen (ist doch eigentlich klar…), sondern um die Klärung der Widersprüche voranzutreiben, steht über der Einheitsfront. Hier hilft tatsächlich die Lektüre Hegels:

Über jenes absolute Wesen gerät die Aufklärung mit sich selbst in den Streit, den sie vorher mit dem Glauben hatte, und teilt sich in zwei Parteien. Eine Partei bewährt sich erst dadurch als die siegende, daß sie in zwei Parteien zerfällt; denn darin zeigt sie das Prinzip, das sie bekämpfte, an ihr selbst zu besitzen, und hiermit die Einseitigkeit aufgehoben zu haben, in der sie vorher auftrat. Das Interesse, das sich zwischen ihr und den anderen teilte, fällt nun ganz in sie und vergißt der anderen, weil es in ihr selbst den Gegensatz findet, der es beschäftigt. Zugleich aber ist er in das höhere siegende Element erhoben worden. Worin es geläutert sich darstellt. So daß also die in einer Partei entstehende Zwietracht, welche ein Unglück scheint, vielmehr ihr Glück beweist

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(Phänomenologie des Geistes/ VI Der Geist/ B Der sich entfremdete Geist; die Bildung / II Die Aufklärung)

Davis reproduziert einfach nur schlechten Formalismus. Organisiert euch – kann nie schaden, findet auch Giovanni Di Lorenzo gut, Einheitsfront – ist doch Platz für alle da! Vielleicht wollte Davis ›Occupy‹ keine Ratschläge gegeben, was doch sympathisch ist. Aber irgendwie ist er auch eine wichtige Peson, man erwartet etwas von ihm. Irgendein Statement. Muss so sein. Und da hat er sich hingesetzt und mit sich den einfachsten, anspruchlosesten Kompromiss ausgehandelt und ihn aufgeschrieben. Wie auch immer wir die Leute auf der Straße einschätzen, sie sind auf jeden Fall im Vorteil, das Dünndenken Davis’ nicht zu brauchen.