So geht’s

Den Leserbrief muss man mittlerweile als altehrwürdige Institution bezeichnen. Viele Zeitungen haben ihn abgeschafft, stattdessen gibt es die »Kommentarfunktion«. Die, wie sagt man heute?, gefällt mir nicht. Der Leserbrief wurde, vorzugsweise von den gepiesackten Redakteuren selbst, als Artikel des kleinen Mannes (manchmal auch der kleinen Frau) abgetan, der Blitzableiter für verdruckste Ressentiments, für Geschreibsel, das niemals die Höhen eines halbwegs anständigen Kommentars erklimmen könnte. Ja, das auch. Der Leserbrief konnte aber auch ein Medium der eleganten Intervention sein. Wenn einem ein Text nicht gepasst hatte, musste man nicht gleich krakeelen: Gegenkommentar! Räumt zwei Seiten für mich frei!, es reichte mitunter die spitze Bemerkung. KONKRET pflegt die Institution des Leserbriefs (auch wenn dort mittlerweile die modernen Zeiten angebrochen sind, und man online posten kann). Und siehe da – der beste Kommentar, ein paar Zeilen, nicht mehr, reichen dem großen Unzufriedenen Josef Bierbichler (unglaublich stylisch per FAX abgeschickt), um das, was deutsch-antideutsche Linke unter Islamkritik verstehen, in die Tonne zu treten. Es geht zwar nur um Stefan Frank und nur um eines dieser Witzchen, das man aber getrost als exemplarisch bezeichnen kann.

KONKRET 8/09: von KONKRET und Herrschaftszeiten

In „Von KONKRET“ bewertet einer, vermutlich Gremliza, einen dort zitierten Internettext eines Rügemer, der darin über eine jüdische Feierlichkeit in der Kölner Synagoge spottet, zu Recht mit: „Dieser Dreck läßt sich nicht mehr kommentieren.“ Sieben Seiten weiter, im selben Heft, in „Herrschaftszeiten“, ist ein Text aus einer Online-Ausgabe der „Jerusalem Post“ abgedruckt, der über eine von der Hamas organisierte Massenhochzeit in Gaza berichtet, bei der 100 palästinensische Witwen, die ihre „Ehemänner im Januar während des 22tägigen Krieges mit Israel verloren hatten“, sich wiederverheirateten, und deren neue Männer dafür 2.800 Dollar von der Hamas bekommen haben. Dem zitierten Text ist von KONKRET, vermutlich von Frank, eine Überschrift verpaßt worden, geradeso hauruckpointiert, aber etwas andersseitigen Geistes wie der antisemitisch verkrampfte Pointenkrampf des obigen Rügemers: „Abwrackprämie“. Auch dieser Dreck läßt sich dann leider nicht mehr kommentieren. Und noch was. Es tut dem Reinlichkeitsempfinden wirklich gut, die eigene, immer wieder durch Vergeßlichkeit träge werdende Wut neu angestachelt zu finden, wie z.B. nach dem Lesen von Gremlizas wütender Kolumne auf Herrschaften und ihre Büttel und deren Liebhaber. Da bedanke ich mich dafür. Aber woher holt Ihr Eure fast schon hysterische Wut auf Palästinenser? Kennt Ihr einen? Und wen beherrschen die eigentlich?

– Sepp Bierbichler, per Fax –

Genau, hätte das doch einmal jemand in den letzten zehn Jahren auf einem der zahllosen Plena oder an einem der Linkstresen mal gefragt, als die Drama Queens wieder aufjaulten und um Krieeeg Krieeeg Krieeeg flehten (Minimalbedingung gesellschaftlicher Vernunft undsoweiter): Woher die Wut? Was treibt euch eigentlich? Was issn überhaupt los mit euch?
Aber gut, okay, abgefrühstückt, verlorene Jahre, gab ja in der Zwischenzeit den arabischen Frühling und daraufhin Occupy und als schwächliches Derivat davon u.a. Occupy Frankfurt. Die Analysen kennen wir, haben sie selbst geschrieben, und dann kommt ein kleiner Unzufriedener, Matthias Altenburg, schreibt einen Leserbrief und liefert auf ein paar Zeilen die einzig vernünftige Einschätzung. So geht’s.

KONKRET 11/11: »Occupying Depression« von Hermann L. Gremliza

Es stimmt, die Occupy-Bewegung ist so bunt, daß in ihr jede Dummheit zu Wort kommen kann und auch zu Wort kommt. Sie ist aber auch so offen, daß man als linker Kritiker mit den eigenen Einsichten und Erfahrungen korrigierend eingreifen kann und dabei auf so große Neugier trifft wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Was auch immer aus dieser Bewegung wird, es werden am Ende ein paar hundert Leute klüger geworden sein – die linken Kritiker eingeschlossen. Daß es sich bei der Bewegung um »eine erbärmliche Parodie der Achtundsechziger« handele, ist eine Formulierung, die klingt, als sei sie in einer fensterlosen Zelle entstanden. Am Ende wirst Du womöglich wieder Recht gehabt haben. Aber wie kleinmütig ist diese Haltung! Warum nicht den Mut haben, sich öffentlich zu irren? Vielleicht: gemeinsam voran zu irren, wie es bei Musil heißt. Wer damit kokettiert, Kommunist zu sein, sollte wenigstens keine Angst vor den Schmuddelkindern haben.

– Matthias Altenburg, Frankfurt a. M. –