Archiv für Dezember 2011

Keine Organisationsaufrufe, nicht schon wieder!

Mike Davis ist einer jener us-amerikanischen Radikalen, deren Radikalismus einfach frisch und unverbraucht rüberkommt, ganz gleich, seit wie vielen Jahrzehnten sie am Start sind. Das hat was unverblümt, ja – tatsächlich: positivistisches, jedenfalls geht ihnen die dialektisch(deutsch?!)-tiefgründelnde Begriffsarbeit weitestgehend ab. Aber wir wollen schließlich von Davis keinen Beitrag zur Neuen-Marx-Lektüre lesen, sondern ein weiteres Buch vom Kaliber »City of Quartz«, »Ecology of Fear« oder »Late Victorian Holocausts: El Niño Famines and the Making of the Third World«. Und ganz nebenbei entpuppte sich mancher Heroe der Neuen-Marx-Lektüre als treues Mitglied der SPD. Na dann.
Die ZEIT hält sich auch ein paar Radikale, einer von ihnen ist Davis. Auf der dümmstmöglichen ZEIT-Seite: »Glauben & Zweifeln« durfte Davis in der aktuellen Ausgabe (29.12.), folglich noch nicht online, »10 Gebote für die Revolte« veröffentlichen, eine, so die Redaktion, »Neujahrsrede eines amerikanischen Protestvertanen an die Jungen«.
Es ist genau das, was wir N.I.C.H.T. von Davis lesen wollen.
Eine genauere Auswertung sparen wir uns an dieser Stelle, es reicht fürs erste der Blick auf das erste »Gebot«:

Kategorischer Imperativ. Organisiert euch, und helft anderen Leuten sich zu organisieren! Das Feuer entfachen ist gut, eine Einheitsfront schmieden ist besser.

Was hätte das erste Gebot wohl sein können? Besinnt euch auf eure Bedürfnisse? Seid maßlos? Hört auf zu arbeiten? Hört auf, euch in den Dienst einer übergeordneten Sache zu stellen?
Wenn Du mit dem Finger auf den Mond zeigst, schaut nur der Dumme auf den Finger.
Als erstes Gebot – akzeptieren wir für einen Moment diese alberne Form der Darstellung – das Organisieren, somit: die Organisation (die sich, weil’s ihm doch irgendwie peinlich ist, im zweiten Gebot schon wieder selber aufheben soll) zu fordern – getrennt nicht nur vom Zweck, sondern vor allem von der realen Praxis – ist dieses Starren auf den Finger. Die Leute sind bereits organisiert. Sie sind es nicht nur (negativ) durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, sie sind erst recht im Moment des Protestes. Die Einheitsfront existiert schon – ihre Konstitution ist nicht das Problem. Nur, und das ist der Anspruch an die Revolutionäre, muss man sich fragen, ob sie es wert ist, sich ihr unterzuordnen. Das Prinzip der Spaltung, nicht um ihrer selbst Willen (ist doch eigentlich klar…), sondern um die Klärung der Widersprüche voranzutreiben, steht über der Einheitsfront. Hier hilft tatsächlich die Lektüre Hegels:

Über jenes absolute Wesen gerät die Aufklärung mit sich selbst in den Streit, den sie vorher mit dem Glauben hatte, und teilt sich in zwei Parteien. Eine Partei bewährt sich erst dadurch als die siegende, daß sie in zwei Parteien zerfällt; denn darin zeigt sie das Prinzip, das sie bekämpfte, an ihr selbst zu besitzen, und hiermit die Einseitigkeit aufgehoben zu haben, in der sie vorher auftrat. Das Interesse, das sich zwischen ihr und den anderen teilte, fällt nun ganz in sie und vergißt der anderen, weil es in ihr selbst den Gegensatz findet, der es beschäftigt. Zugleich aber ist er in das höhere siegende Element erhoben worden. Worin es geläutert sich darstellt. So daß also die in einer Partei entstehende Zwietracht, welche ein Unglück scheint, vielmehr ihr Glück beweist

.

(Phänomenologie des Geistes/ VI Der Geist/ B Der sich entfremdete Geist; die Bildung / II Die Aufklärung)

Davis reproduziert einfach nur schlechten Formalismus. Organisiert euch – kann nie schaden, findet auch Giovanni Di Lorenzo gut, Einheitsfront – ist doch Platz für alle da! Vielleicht wollte Davis ›Occupy‹ keine Ratschläge gegeben, was doch sympathisch ist. Aber irgendwie ist er auch eine wichtige Peson, man erwartet etwas von ihm. Irgendein Statement. Muss so sein. Und da hat er sich hingesetzt und mit sich den einfachsten, anspruchlosesten Kompromiss ausgehandelt und ihn aufgeschrieben. Wie auch immer wir die Leute auf der Straße einschätzen, sie sind auf jeden Fall im Vorteil, das Dünndenken Davis’ nicht zu brauchen.

In der Kreisstadt Werneuchen

In der Kreisstadt Werneuchen ist das soziale Bewußtsein entwickelt
In der Kreisstadt Werneuchen hängt man sich auf
Wenn man aus dem Leben will. Keine Gashähne
Die, aufgedreht, Explosionen verursachen
Können, keine Ertränkungrn wegen des
Fischbestands, keine Sprünge von Türmen
(Wem auf den Kopf). Neulich, sagt mir Frau W.,
Hängte sich Lehrer X. auf, an einem Dachbalken
Alle Bodenfenster geöffnet, daß die durchstreichende Luft
Langsames Trocknen bewirkte, fast keine Fäulnis
Und sagt: Der Mensch
Macht das am Abend vor seinem Urlaub
Der war doch bezahlt.

Rainer Kirsch

(Das Gedicht, auf März 1976 datiert, erschien zunächst in der Sammlung Ausflug machen und steht heute in den Werken, Band 1: Gedichte & Lieder, S. 59, Berlin: Eulenspiegel Verlag, 2004. Zu Kirsch siehe hier, Werneuchen gibt es tatsächlich.)

Zur geflissentlichen Kenntnisnahme

Der in deutschsprachigen Diskussionen – die sehr häufig deutsche Selbstbetrachtungs-, Selbstfindungs-, und nationale Geschichtsdiskussionen statt Blicke auf eine äußere Realität darstellen – oft auf den Nahostkonflikt projizierte Begriff des Antisemitismus passt in Wirklichkeit nicht auf die Realität arabischsprachiger Länder. Weder stützt sich die Opposition gegen Israel (in ihrer großen Mehrheit) auf eine ›Rassen‹theorie, noch sind auch nur die gesellschaftlichen Grundlagen des Antisemitismus in Europa des frühen 20. Jahrhunderts vorhanden. Damals wurden dort einerseits die abstrakten, modernen (d.h. vorkapitalistische, ›idyllische‹, feudale) Verhältnisse umwälzenden und persönliche Loyalitäts- und Feudalbindungen zerreißenden Aspekte und andererseits die krisenhafte Elemente des Kapitalismus gleichermaßen auf die Juden projiziert: Letztere galten verantwortlich für ›Intellektualismus‹, für ›Winkeladvokaten‹tum und ›Schmierenjournalismus‹, für moderne Kunst, für die ›Finanzoligarchie‹ (verkörpert in der Figur Rothschild) und für den Marxismus (verkörpert in Marx oder Trotzki). Erleichtert wurde dies dadurch, dass die europäischen Juden seit dem Mittelalter – als ihnen Bodenbesitz verboten war – zum Teil in Handels-, Finanz- und später auch in intellektuellen Berufen konzentriert waren. Ferner lebten sie über die neuen nationalstaatlichen Grenzen hinweg über den ganzen Kontinent verstreut. Dies bildete die Grundlage für die Wahnvorstellung, durch die Vernichtung der jüdischen ›Rasse‹ auch die Krisenphänomene, die etwa zur wirtschaftlichen und sozialen Katastrophe von 1929 geführt hatten, ausmerzen zu können. Würde man jedoch heutzutage einen repräsentativen Querschnitt von arabischen Menschen danach befragen, welches Volk ›über die ganze Welt verstreut lebt und Handel betreibt‹, käme als spontane Antwort mutmaßlich: ›Libanesen‹. Würde man nachfragen, welche Leute unverschämt reich im Finanz(spekulations)geschäft aktiv sind, würden die Antwortenden wohl auf Saudis und Golf-Araber tippen. Jene, die ein Feindbild ›Israel‹ pflegen, würden es keineswegs mit dem ›wurzellosen‹, abstrakten Bild des Juden – das im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet war – assoziieren, sondern weitaus eher mit einem Staatsvolk, das sich ›an einem Boden festklammert und ihn nicht gleichberechtigt teilen möchte‹. Der Unterschied ist manifest. Es ist arabischsprachigen Ländern zwar tatsächlich oft ein diffuses judenfeindliches Ressentiment im Alltagsklima anzutreffen. Doch ist es falsch – weil darauf nicht tragbare historische Implikationen aufrufend –, darauf den historisch konnotierten Begriff des Antisemitismus (wie er in Europa entstanden war) anwenden zu wollen.

Aus: Bernhard Schmid, »Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Staaten«, Edition Assemblage, Münster 2011. S.91f.

Hic Rhodus

Auf der Rückseite der neuen, dritten Ausgabe des KOSMOPROLET, die gerade ganz frisch auf den Tisch gelangt ist und zu der wir also (noch) kein Urteil abgeben können, steht das schöne, allerdings etwas falsche Zitat ---

Seitdem die Gesellschaft auf den Boden der ökonomischen Tatsachen zurückgeholt wurde, ist der kulturalistische Karneval der Differenzen vorbei. Unter dem bunten Überbau der Gesellschaft kommt, in orthodoxer Diktion, ihre eintönige gemeinsame Basis wieder zum Vorschein. Und was um die Verknüpfung von Kämpfen bemühten Aktivisten in Jahrzehnten nicht gelang, hat die globale Krise binnen kürzester Zeit geschafft: Millionen gehen gleichzeitig an allen Orten der Welt mit denselben Anliegen auf die Straße.

Etwas falsch ist es deshalb, weil angesichts der Antikriegsproteste gegen die letzte us-amerikanisch angeführte Irak-Kampagne Kommentatoren wohl zu recht von der bis dato größten weltweiten Protestbewegung sprachen, keine neun Jahre ist es her. Auch damals gab es keine Networker, keine Protest-Elite, keine gestählten Parteisoldaten an vorderster Front. Es würde einmal lohnen, die vermeintliche Erfolgsgeschichte des Kapitals in seiner jüngsten sog. »neoliberalen« Formierung auf seine untergründigen Gegenströmungen hin zu untersuchen, die nie ganz verschwunden waren und auch 2011 wieder aufgebrochen sind. Prekär sind das Kapital und seine Kriegsmaschinen nicht erst seit dem Platzen der Immobilienkrise vor drei Jahren. Anyway.
Wenn man das obige Zitat etwas weiterdenkt, dann sagt es auch aus, dass das Rendezvous mit der Geschichte nicht im Ermessen der Aktivisten liegt: Verknüpft so viel ihr wollt, am Ende kommt doch alles ganz anders. So ist es. Die Linke hat in den letzten Jahren, na, hier stimmt es: Jahrzehnten aufgehört, sich positiv1 auf Gesellschaft und Geschichte (und by the way: auf die Natur) zu beziehen – »objektive Entwicklungsgesetze«, »gesellschaftliche Ursachen« … oh Gott, das klang nach Lenin, Engels, schmeckte nach Determinismus und Ontologie, Dampfmaschinensozialismus. Nun ist es immer noch ein Unterschied, ob ich einen bestimmten (von, meinetwegen, Engels und/oder Lenin geprägten) Diskurs über »objektive Entwicklungsgesetze« kritisiere oder diese selbst ableugne (ich weiß, liebe intellektuelle Kameraden, es ist schwer …). Fakt ist, dass die Linke die »objektiven Entwicklungsgesetze« über alle Maßen subjektivierte, also mit eigenen Moralvorstellungen und Zukunftserwartungen vollpumpte, und dann zuerst basserstaunt und schließlich peinlich berührt zur Kenntnis nehmen musste, dass die Arbeiterinnen und Abhängigen es wieder mal unterlassen hatten, Elmar Altvater rechtzeitig zu lesen. Böswilligerweise. Seitdem verstehen Linke Kommunist-Sein als subjektive Verpflichtung, als dandyeske Figur der Gegenkultur im Total-Falschen, und was die Geschichte nicht mehr hergibt, muss man halt durchs Verknüpfen oder Vermitteln leisten. Oder man schreibt, auch nicht schlecht, die Geschichte um und sieht in der irakischen Wüste das Herr Napoleons auf Moskau zureiten (es ging schon damals nicht gut!).
Die Fassade bröckelt. Die »objektiven Entwicklungsgesetze« haben an die Tür geklopft und die Linke während eines ihrer schier endlosen Familienzwiste aufgescheucht. In einem gelehrten Streit, ob Bewegung möglich ist – ob sie überhaupt möglich ist –, haben die Kyniker die Sache dadurch geklärt, dass sie aufgestanden und gegangen sind. Das war konsequenter Subjektivismus. Der aber nichts ohne die »objektiven Entwicklungsgesetze« gewesen wäre.

  1. Positiv?? Genau. Der kürzlich verstorbene H.H. Holz erklärte einst elegant, was Leibniz mit dem geflügelten (heute eher belächelten) Wort von der besten aller möglichen Welten meinte: Dass die Welt, in der wir leben, alle Mittel, die sie zur Veränderung braucht/ zur Weiterentwicklung benötigt, bereits in sich trägt. [zurück]

Großer Gesang vom Konformismus

Als Nachtrag zur gestrigen Schivelbusch-Notiz hier „Love I‘m a Liberal“ von Phil Ochs.

(…)
I read New republic and Nation
I‘ve learned to take every view
You know, I‘ve memorized Lerner and Golden
I feel like I‘m almost a Jew
But when it comes to times like Korea
There’s no one more red, white and blue
So love me, love me, love me, I‘m a liberal

I vote for the democratic party
They want the U.N. to be strong
I go to all the Pete Seeger concerts
He sure gets me singing those songs
I‘ll send all the money you ask for
But don‘t ask me to come on along
So love me, love me, love me, I‘m a liberal

Es gibt auch einen Update aus den 90er Jahren, der von Jello Biafra und Mojo Nixon stammt. Aber mir gefällt der jammernde, aufrichtig heuchelnde Tonfall von Ochs besser als der offen ausgestellte, schon „klassische“ Sarkasmus Biafras.