Kleist

Rainer Kirsch, Mai 1975
(Aus: Ders., »Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa Gedichte Komödie«, Rowohlt 1978, S. 155ff; in DDR in Kirsch Sammlung »Amt des Dichters«, Hinstorff 1979, S. 81ff., erschienen.)

Implikationen aus «Prinz von Homburg»

Ist es dem Staatsbürgers höchster Zweck, dem Staat zu dienen, und das dazu höchstgeeignete Mittel Gehorsam, so ist aller denkbaren Staaten ideale Seinsform der Soldatenstaat, der ideale Staatsbürger Soldat in Zivil. Dieser, und wenn er Holz hackt, kämpft, wo andere arbeiten; er ruht nicht aus, sondern sammelt Reserven; er nimmt nichts zurück, sondern begradigt unter Hurra Frontlinien. Widerfährt nun jemand zu bevorzugtem Funktionieren bestimmten wie Homburg ein aus Verträumtheit oder hormonaler Gärung rührender Ungehorsam, der Vorteile für den Staat bringt, kann der Staat auf zweierlei Weise reagieren: pragmatisch oder prinzipiell. 1) hieße Umwertung von Werten, also Selbstaufgabe – wo Effekt vor Disziplin treten kann, kann alles an Stelle von allem treten, an der Wand droht das Chaos. Es bleibt 2), das auf zwei Arten zu exekutieren geht. Der noch rohe Staat wird nicht zögern, den unbefohlen Erfolgreichen zu erschießen. Die Lösung ist so üblich wie bequem, allerdings unwirtschaftlich: man muß sie sich leisten können, entweder als großreich oder weil man, wie bestimmte Generalsjuntas, an morgen nicht denkt. Wir aber sind in Preußen, Kleist zeigt die perfekte Variante. Der Kurfürst läßt Homburg in effigie füsilieren, er handelt so a) radikal, b) sparsam. Von Homburgs Individualität bleibt nach der Prozedur nichts, sie (er) ist tot. Um so verwendbarer wird er später sein als Regierer. Soweit Brechts Lesart im bekannten Sonett1, sie gibt den Gang des Stücks ohne dessen Implikationen.

Diese sind: der perfekte Staat – technisch nur möglich als Kleinstaat, wir kennen außer Preußen Sparta – gründet auf der Voraussetzung, an der Spitze stehe ein strategisch-taktisches Genie, dessen Weisungen und Fingerzeige genügen, das Gemeinwesen zu sichern und blühen zu lassen, wenn sie nur strikt befolgt werden. Ist das so, wird Gemeinwohl zur technischen Frage eines Apparats, der die Befehle weitergibt und ihre Ausführung rückmeldet, und zur juristisch-moralischen ausfluchtlosen Gehorsams. Die crux liegt nicht darin, daß Staaten so nicht funktionieren können, sondern darin, wie sie fortbestehen sollen. Sind nämlich Apparat und Gehorsam – bei Vorhandensein des lenkenden Genies – unerläßlich, ist das Genie leichten oder schweren Herzens gezwungen, ungenormtes Handeln äußerst zu ahnden, d.h., vornehmlich seine Thronfolger, die ihm ja am ehesten in den Plan pfuschen, als Persönlichkeiten zu brechen. Da nun Genie, selbst besseres Talent ohne Persönlichkeit aus irgendwelchen Gründen nicht vorkommen, beraubt der lebend Lenkende den Staat für die Zeit nach seinem Tode einer unabdingbaren Kondition: des nächsten Genies. Der perfekte Staat enthält so einen unverbesserlichen Konstruktionsfehler. Apparat und gehorsam werden, des weitsichtigen Strategen verlustig, sich verselbständigen, wie Krebszellen sinnlos wuchern und das Land im günstigen Fall äußerer Okkupation, im schlimmen innerem Terror ausliefern. Daß wir hier nichts dazudeuten, zeigt des Stücks Schlußruf In Staub mit allen Feinden Brandenburgs, in dem der bestimmte Artikel nicht des Metrums wegen weggelassen ist. Kleist braucht nötigenfalls durchaus sechshebige Verse, «Und in den Staub mit allen Feinden Brandenburgs» wäre leicht hingegangen. Vielmehr sagt die Formel: mit nun gebrochenem Rückgrat will Homburg alles, was künftig gegen Brandenburg steht, pulverisieren; in einem ähnlichen Fall wird er, spätestens sein Nachfolger das Peloton scharf schießen lassen.

Stein2 hat in Westberlin PRINZ VON HOMBURG inszeniert als Traum des Dichters, seinem König zu gefallen. Tatsächlich wollte Kleist das, er hat die Handschrift Friedrich Wilhelms III. Schwägerin, einer geborenen von Hessen-Homburg, mit devoter Widmung zuspielen lassen, die Antwort war Schweigen. Die Literaturgeschichtlicher Mehring und Lukács haben sich darüber später lustig gemacht und gefragt, wie Kleist mit einem schlafwandelnden Helden bei Hofe Sympathie zu gewinnen hoffen konnte. Das Argument unterschätzt entweder die Kraft des Stücks oder die zensorische Intelligenz des Hofs.

Denn Herrschende in sich perfekt gebenden Staaten reagieren nicht nur höchst empfindlich auf unerbetene Vorschläge zur Lösung ihrer Probleme, sondern schon auf deren bloße, auf Öffentlichkeit zielende Formulierung. Diese nämlich kann die Lösung enthalten wie ein Kreis die Unmöglichkeit seiner Quadratur. Was Kleists Schauspiel insgeheim ins Bild bringt, ist die innere Aporie der preußisch-spartanischen Staatsform; es weckt so, ohne daß der Dichter das gewollt haben mag, als Gegen-Bild die Utopie eines Gemeinwesens, das Ungehorsam nicht nur duldet, sondern aus sich fördert: eines Staates, der sich statt als Zweck als Mittel zur Bildung von Persönlichkeit begreift und damit auf seine eigene Aufhebung hinarbeitet.

  1. Über Kleists Stück „Der Prinz von Homburg“

    Oh Garten, künstlich in dem märkischen Sand!
    Oh Geistersehn in preußisch blauer Nacht!
    Oh Held, von Todesfurcht ins Knien gebracht!
    Ausbund von Kriegerstolz und Knechtsverstand!

    Rückgrat, zerbrochen mit dem Lorbeerstock!
    Du hast gesiegt, doch wars dir nicht befohlen.
    Ach, da umhalst nicht Nike dich! Dich holen
    Des Fürsten Büttel feixend in den Block.

    So sehen wir ihn denn, der da gemeutert,
    Mit Todesfurcht gereinigt und geläutert,
    Mit Todesschweiß kalt unterm Siegeslaub.

    Sein Degen ist noch neben ihm: in Stücken.
    Tot ist er nicht, doch liegt er auf dem Rücken
    Mit allen Feinden Brandenburgs in Staub.

    Paris, 15. Juni 1939

    Aus: Die neue Weltbühne, Paris, 22. Juni 1939. [zurück]

  2. Gemeint ist Peter Stein, der das Stück an der Schaubühne inszenierte. [zurück]