100.000 (und mehr) Menschen stürmten vom Tahrir-Platz Richtung Innenministerium, die Nazi-Zombies sind unter uns (deren Enttarnung in der selbstverständlich völlig überraschten deutschen Öffentlichkeit aber immerhin den Erkenntnisfortschritt bewirkt hat, dass ermordete Migranten hierzulande für gewöhnlich dann doch nicht »Mafia-Opfer« sind, also selber schuld), Leverkusen ringt Chelsea nieder und – very last und very least – Guttenberg kommt zurück. Das kann ein normales Hirn schon mal überfordern, und es kriegt dann nicht mit, dass am Mittwoch dieser Woche das Super-Komitee, der gemeinsam von höchstrangigen Demokraten und Republikanern besetzte Kongressausschuss, gescheitert ist: Es war trotz höchster Dringlichkeit ihnen nicht möglich zu bestimmen, wo denn im us-amerikanischen Haushalt 1,5 Billionen Dollar eingespart werden könnten. Gespart wird aber auf jeden Fall, aber jetzt nach der »Rasenmähermethode«, von ihr ausgenommen werden wohl die Rüstungsausgaben. In keinem Land »des Westens« ist das für alle Öffentlichkeit bestens sichtbare Auseinanderklaffen von Reichtum und Verlendung dermaßen obszön, ist der Verfall eben dieser Öffentlichkeit – nicht ideologisch, sondern ganz real infrastrukturell – dermaßen rasant.
… Der Landkreis Jefferson County im Bundesstaat Alabama beispielsweise steht mit über vier Milliarden Dollar in der Kreide, weil die Abwasserentsorgung so teuer war und der Schuldendienst zu groß wurde. Jefferson County hat gerade mal 658000 Einwohner.
Überall im Land kämpfen Bürgermeister, Kreisvorstände und Gouverneure gegen die Finanznot, und das bekommen die Leute sehr schnell zu spüren. Öffentliche Angestellte verlieren ihre Jobs, Einrichtungen schließen. Clayton County im Bundesstaat Georgia stellte im März den kompletten öffentlichen Busverkehr ein, die einstige Autometropole Detroit hat aus Kostengründen fast die Hälfte der öffentlichen Schulen geschlossen. In South Dakota und Ohio sehen sich Gemeindeverwaltungen gezwungen, Hunderte von Kilometern Landstraße auf Kiesbelag zurückzubauen: Die Pflege und Wartung von Asphalt ist zu teuer. In High Park, einem kleinen Ort im Bundesstaat Michigan, wurden die Straßenlaternen abmontiert – vom Stromversorger, dem die Stadt die Rechnung schuldig geblieben war.
Sprich: Das ganze Land ist inzwischen so marode, dass die Financial Times bereits von den »Vereinigten Staaten des Notstands« schrieb.
Und das sind keine Neuigkeiten.
Der Abspann der zweiten Staffel von The Wire führt das Verschwinden der alten Welt der amerikanischen Arbeiter noch einmal vor. The Wire, das ist, wie wir alle wissen, diese Fernsehserie von Balzac’schen Ausmaßen, der große Gesellschaftsroman unserer Zeit, der das Drogenmilieu Baltimores und die bürokratisch-verzweifelten Polizeiermittlungen dagegen zum Gegenstand hat. Die zweite Staffel – sie spielt 2003! – handelt aber vor allem von dem sich beständig auflösenden Hafenarbeitermilieu. Mehr noch als Detroit ist Baltimore von Bevölkerungsschwund, Deindustrialisierung und Anomie betroffen. Die Solidarität und Handlungsmacht der Hafenarbeiter reicht gerade noch dafür aus, ein paar krumme Geschäfte zu drehen, was ihren Untergang letztlich nur noch mehr befeuert. Am Ende schaut Nick Sobotka auf die Trümmer seines Lebens (er ist noch jung, aber er kommt sich vor wie ein alter Mann, der Veteran einer hoffnungslosen Schlacht) zurück: sein Onkel Frank, der lokale Gewerkschaftsboss, ist ermordet, dessen Sohn Ziggy, auch er Hafenarbeiter, lief Amok und sitzt im Knast, das Gewerkschaftsbüro ist auf polizeiliche Anweisung geschlossen, im verrottenden Hafen werden demnächst schicke Lofts gebaut (genehmigt von Politikern, die in drogenfinanzierten Immobiliendeals verstrickt sind), die Major Crime Unit geht zum nächsten Fall über, den sie auch nicht befriedigend lösen wird, die Drogengeschäfte gehen weiter, die Jugend verblödet auf der Straße. Die letzten Bilder von den Hafenanlagen sind nicht gestellt. »We used to build shit in this country. Make shit. Now we just stick our hand in the next guy’s pocket.« (Frank Sobotka) Dazu läuft Steve Earls »I Feel Alright«. Man wird den Eindruck nicht los, die Arbeiter hätten vor vierzig Jahren – nicht nur in den USA, sondern weltweit – ihre große Chance verpasst (The Wire handelt davon, was nach dieser verpassten Chance kam.)
Aber man sollte nicht lamentieren. Es gibt, zögerlich noch, aber längst nicht mehr vereinzelt und langsam vorankriechend, eine neue Anti-Eviction-Bewegung, das Zurückerobern von Häusern, deren Bewohner zwangsgeräumt wurden. Es sind die ersten Schritt von Leuten, die ihr Leben nicht weiter vor die Hunde gehen lassen wollen. Auf diese Geschichten sollte man achten.