Archiv für November 2011

I Feel Alright

100.000 (und mehr) Menschen stürmten vom Tahrir-Platz Richtung Innenministerium, die Nazi-Zombies sind unter uns (deren Enttarnung in der selbstverständlich völlig überraschten deutschen Öffentlichkeit aber immerhin den Erkenntnisfortschritt bewirkt hat, dass ermordete Migranten hierzulande für gewöhnlich dann doch nicht »Mafia-Opfer« sind, also selber schuld), Leverkusen ringt Chelsea nieder und – very last und very least – Guttenberg kommt zurück. Das kann ein normales Hirn schon mal überfordern, und es kriegt dann nicht mit, dass am Mittwoch dieser Woche das Super-Komitee, der gemeinsam von höchstrangigen Demokraten und Republikanern besetzte Kongressausschuss, gescheitert ist: Es war trotz höchster Dringlichkeit ihnen nicht möglich zu bestimmen, wo denn im us-amerikanischen Haushalt 1,5 Billionen Dollar eingespart werden könnten. Gespart wird aber auf jeden Fall, aber jetzt nach der »Rasenmähermethode«, von ihr ausgenommen werden wohl die Rüstungsausgaben. In keinem Land »des Westens« ist das für alle Öffentlichkeit bestens sichtbare Auseinanderklaffen von Reichtum und Verlendung dermaßen obszön, ist der Verfall eben dieser Öffentlichkeit – nicht ideologisch, sondern ganz real infrastrukturell – dermaßen rasant.

… Der Landkreis Jefferson County im Bundesstaat Alabama beispielsweise steht mit über vier Milliarden Dollar in der Kreide, weil die Abwasserentsorgung so teuer war und der Schuldendienst zu groß wurde. Jefferson County hat gerade mal 658000 Einwohner.
Überall im Land kämpfen Bürgermeister, Kreisvorstände und Gouverneure gegen die Finanznot, und das bekommen die Leute sehr schnell zu spüren. Öffentliche Angestellte verlieren ihre Jobs, Einrichtungen schließen. Clayton County im Bundesstaat Georgia stellte im März den kompletten öffentlichen Busverkehr ein, die einstige Autometropole Detroit hat aus Kostengründen fast die Hälfte der öffentlichen Schulen geschlossen. In South Dakota und Ohio sehen sich Gemeindeverwaltungen gezwungen, Hunderte von Kilometern Landstraße auf Kiesbelag zurückzubauen: Die Pflege und Wartung von Asphalt ist zu teuer. In High Park, einem kleinen Ort im Bundesstaat Michigan, wurden die Straßenlaternen abmontiert – vom Stromversorger, dem die Stadt die Rechnung schuldig geblieben war.
Sprich: Das ganze Land ist inzwischen so marode, dass die Financial Times bereits von den »Vereinigten Staaten des Notstands« schrieb.

Und das sind keine Neuigkeiten.
Der Abspann der zweiten Staffel von The Wire führt das Verschwinden der alten Welt der amerikanischen Arbeiter noch einmal vor. The Wire, das ist, wie wir alle wissen, diese Fernsehserie von Balzac’schen Ausmaßen, der große Gesellschaftsroman unserer Zeit, der das Drogenmilieu Baltimores und die bürokratisch-verzweifelten Polizeiermittlungen dagegen zum Gegenstand hat. Die zweite Staffel – sie spielt 2003! – handelt aber vor allem von dem sich beständig auflösenden Hafenarbeitermilieu. Mehr noch als Detroit ist Baltimore von Bevölkerungsschwund, Deindustrialisierung und Anomie betroffen. Die Solidarität und Handlungsmacht der Hafenarbeiter reicht gerade noch dafür aus, ein paar krumme Geschäfte zu drehen, was ihren Untergang letztlich nur noch mehr befeuert. Am Ende schaut Nick Sobotka auf die Trümmer seines Lebens (er ist noch jung, aber er kommt sich vor wie ein alter Mann, der Veteran einer hoffnungslosen Schlacht) zurück: sein Onkel Frank, der lokale Gewerkschaftsboss, ist ermordet, dessen Sohn Ziggy, auch er Hafenarbeiter, lief Amok und sitzt im Knast, das Gewerkschaftsbüro ist auf polizeiliche Anweisung geschlossen, im verrottenden Hafen werden demnächst schicke Lofts gebaut (genehmigt von Politikern, die in drogenfinanzierten Immobiliendeals verstrickt sind), die Major Crime Unit geht zum nächsten Fall über, den sie auch nicht befriedigend lösen wird, die Drogengeschäfte gehen weiter, die Jugend verblödet auf der Straße. Die letzten Bilder von den Hafenanlagen sind nicht gestellt. »We used to build shit in this country. Make shit. Now we just stick our hand in the next guy’s pocket.« (Frank Sobotka) Dazu läuft Steve Earls »I Feel Alright«. Man wird den Eindruck nicht los, die Arbeiter hätten vor vierzig Jahren – nicht nur in den USA, sondern weltweit – ihre große Chance verpasst (The Wire handelt davon, was nach dieser verpassten Chance kam.)

Aber man sollte nicht lamentieren. Es gibt, zögerlich noch, aber längst nicht mehr vereinzelt und langsam vorankriechend, eine neue Anti-Eviction-Bewegung, das Zurückerobern von Häusern, deren Bewohner zwangsgeräumt wurden. Es sind die ersten Schritt von Leuten, die ihr Leben nicht weiter vor die Hunde gehen lassen wollen. Auf diese Geschichten sollte man achten.

Kleist

Rainer Kirsch, Mai 1975
(Aus: Ders., »Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa Gedichte Komödie«, Rowohlt 1978, S. 155ff; in DDR in Kirsch Sammlung »Amt des Dichters«, Hinstorff 1979, S. 81ff., erschienen.)

Implikationen aus «Prinz von Homburg»

Ist es dem Staatsbürgers höchster Zweck, dem Staat zu dienen, und das dazu höchstgeeignete Mittel Gehorsam, so ist aller denkbaren Staaten ideale Seinsform der Soldatenstaat, der ideale Staatsbürger Soldat in Zivil. Dieser, und wenn er Holz hackt, kämpft, wo andere arbeiten; er ruht nicht aus, sondern sammelt Reserven; er nimmt nichts zurück, sondern begradigt unter Hurra Frontlinien. Widerfährt nun jemand zu bevorzugtem Funktionieren bestimmten wie Homburg ein aus Verträumtheit oder hormonaler Gärung rührender Ungehorsam, der Vorteile für den Staat bringt, kann der Staat auf zweierlei Weise reagieren: pragmatisch oder prinzipiell. 1) hieße Umwertung von Werten, also Selbstaufgabe – wo Effekt vor Disziplin treten kann, kann alles an Stelle von allem treten, an der Wand droht das Chaos. Es bleibt 2), das auf zwei Arten zu exekutieren geht. Der noch rohe Staat wird nicht zögern, den unbefohlen Erfolgreichen zu erschießen. Die Lösung ist so üblich wie bequem, allerdings unwirtschaftlich: man muß sie sich leisten können, entweder als großreich oder weil man, wie bestimmte Generalsjuntas, an morgen nicht denkt. Wir aber sind in Preußen, Kleist zeigt die perfekte Variante. Der Kurfürst läßt Homburg in effigie füsilieren, er handelt so a) radikal, b) sparsam. Von Homburgs Individualität bleibt nach der Prozedur nichts, sie (er) ist tot. Um so verwendbarer wird er später sein als Regierer. Soweit Brechts Lesart im bekannten Sonett1, sie gibt den Gang des Stücks ohne dessen Implikationen.

Diese sind: der perfekte Staat – technisch nur möglich als Kleinstaat, wir kennen außer Preußen Sparta – gründet auf der Voraussetzung, an der Spitze stehe ein strategisch-taktisches Genie, dessen Weisungen und Fingerzeige genügen, das Gemeinwesen zu sichern und blühen zu lassen, wenn sie nur strikt befolgt werden. Ist das so, wird Gemeinwohl zur technischen Frage eines Apparats, der die Befehle weitergibt und ihre Ausführung rückmeldet, und zur juristisch-moralischen ausfluchtlosen Gehorsams. Die crux liegt nicht darin, daß Staaten so nicht funktionieren können, sondern darin, wie sie fortbestehen sollen. Sind nämlich Apparat und Gehorsam – bei Vorhandensein des lenkenden Genies – unerläßlich, ist das Genie leichten oder schweren Herzens gezwungen, ungenormtes Handeln äußerst zu ahnden, d.h., vornehmlich seine Thronfolger, die ihm ja am ehesten in den Plan pfuschen, als Persönlichkeiten zu brechen. Da nun Genie, selbst besseres Talent ohne Persönlichkeit aus irgendwelchen Gründen nicht vorkommen, beraubt der lebend Lenkende den Staat für die Zeit nach seinem Tode einer unabdingbaren Kondition: des nächsten Genies. Der perfekte Staat enthält so einen unverbesserlichen Konstruktionsfehler. Apparat und gehorsam werden, des weitsichtigen Strategen verlustig, sich verselbständigen, wie Krebszellen sinnlos wuchern und das Land im günstigen Fall äußerer Okkupation, im schlimmen innerem Terror ausliefern. Daß wir hier nichts dazudeuten, zeigt des Stücks Schlußruf In Staub mit allen Feinden Brandenburgs, in dem der bestimmte Artikel nicht des Metrums wegen weggelassen ist. Kleist braucht nötigenfalls durchaus sechshebige Verse, «Und in den Staub mit allen Feinden Brandenburgs» wäre leicht hingegangen. Vielmehr sagt die Formel: mit nun gebrochenem Rückgrat will Homburg alles, was künftig gegen Brandenburg steht, pulverisieren; in einem ähnlichen Fall wird er, spätestens sein Nachfolger das Peloton scharf schießen lassen.

Stein2 hat in Westberlin PRINZ VON HOMBURG inszeniert als Traum des Dichters, seinem König zu gefallen. Tatsächlich wollte Kleist das, er hat die Handschrift Friedrich Wilhelms III. Schwägerin, einer geborenen von Hessen-Homburg, mit devoter Widmung zuspielen lassen, die Antwort war Schweigen. Die Literaturgeschichtlicher Mehring und Lukács haben sich darüber später lustig gemacht und gefragt, wie Kleist mit einem schlafwandelnden Helden bei Hofe Sympathie zu gewinnen hoffen konnte. Das Argument unterschätzt entweder die Kraft des Stücks oder die zensorische Intelligenz des Hofs.

Denn Herrschende in sich perfekt gebenden Staaten reagieren nicht nur höchst empfindlich auf unerbetene Vorschläge zur Lösung ihrer Probleme, sondern schon auf deren bloße, auf Öffentlichkeit zielende Formulierung. Diese nämlich kann die Lösung enthalten wie ein Kreis die Unmöglichkeit seiner Quadratur. Was Kleists Schauspiel insgeheim ins Bild bringt, ist die innere Aporie der preußisch-spartanischen Staatsform; es weckt so, ohne daß der Dichter das gewollt haben mag, als Gegen-Bild die Utopie eines Gemeinwesens, das Ungehorsam nicht nur duldet, sondern aus sich fördert: eines Staates, der sich statt als Zweck als Mittel zur Bildung von Persönlichkeit begreift und damit auf seine eigene Aufhebung hinarbeitet.

  1. Über Kleists Stück „Der Prinz von Homburg“

    Oh Garten, künstlich in dem märkischen Sand!
    Oh Geistersehn in preußisch blauer Nacht!
    Oh Held, von Todesfurcht ins Knien gebracht!
    Ausbund von Kriegerstolz und Knechtsverstand!

    Rückgrat, zerbrochen mit dem Lorbeerstock!
    Du hast gesiegt, doch wars dir nicht befohlen.
    Ach, da umhalst nicht Nike dich! Dich holen
    Des Fürsten Büttel feixend in den Block.

    So sehen wir ihn denn, der da gemeutert,
    Mit Todesfurcht gereinigt und geläutert,
    Mit Todesschweiß kalt unterm Siegeslaub.

    Sein Degen ist noch neben ihm: in Stücken.
    Tot ist er nicht, doch liegt er auf dem Rücken
    Mit allen Feinden Brandenburgs in Staub.

    Paris, 15. Juni 1939

    Aus: Die neue Weltbühne, Paris, 22. Juni 1939. [zurück]

  2. Gemeint ist Peter Stein, der das Stück an der Schaubühne inszenierte. [zurück]

»Occupy shines forth a fact scandalous to capitalist society«

Es mag ein wenig vermessen sein, seinen Blog nach CLR James zu benennen, vor allem wenn man, wie Chris Taylor, »phd student« an der »upenn« ist (wird wohl die university of pennsylvania sein) und seinen Blog lange Zeit inaktiv dahinschlummernd lässt – 2008 vier Einträge, 2009 einer, letztes Jahr keiner – und nicht etwa, wie der Name nahe legt, Nachrichten zu Leben und Werk dieses überaus produktiven und anregenden afrokaribisch-britisch-amerikanischen Marxisten und Revolutionärs zu bringen. Aber es ist ja auch schwer, sich einen Platz in der CLR-James-Industry zu erkämpfen.
Auffallend ist aber, dass Chris Taylor allein im laufenden November zehn Einträge gepostet hat. Alle kreisen sie um eine Einschätzung der Occupy-Bewegung – Taylor scheint auch ein Aktivist in Philadelphia zu sein – kreisen. Und die sind in der Tat interessant. Zur Occupy-Bewegung ist schon viel geschrieben, die Urteile sind sicher und fest und auch amerikanische Genossen liefern die erwartete (gewünschte?) Einschätzung. So ging auf einer Mailingliste folgendes Zitat eines Anarchisten herum:

About NY, I went to two of the organizing meetings for the actions which were worse than I imagined. They had no plan, and were basically a group of liberal dolts at best (there were some right wing and wingnut elements involved), but they‘ve managed to succesfully victimize themselves enough to gain momentum to the point. Their target isn‘t the police or capitalism, it’s the „bankers…“ which allows a popular front of shitty tendencies from all sides. Now more of my comrades are getting involved and trying to push it into more intelligent direction. It’s really out of nowhere for this to happen in the US so who knows.

So weit, so bekannt, es soll auch gar nicht in Abrede gestellt werden.
Aber vielleicht ist auf Dauer eine andere Perspektive nötig, die nicht nur auf (nicht) vorhandene Programme blickt und die Symbole der Aktivisten bisweilen allzu genüsslich selbstgerecht zerpflückt. Chris Taylor schaut sich die Bewegung in ihrer praktischen Relevanz an, fragt sich, welche imaginär-öffentlichen Räume sie besetzt, und welchen – upps – utopischen Überschuss diese reale Symbolpolitik zu produzieren in der Lage ist. Vorwegnehmend kann man sagen, dass die Bewegung klüger als ihre Aktivisten ist und dass ihr implizites, sich aus ihrer Praxis beinahe, aber eben auch nur beinahe!, wie von selbst ergebendes Programm bereits weiter ist, als alle klaren inhaltlichen Positionierungen, die Linke von der Bewegung einfordern.
Taylor zeigt das am Beispiel der kurzzeitigen Besetzung der New Yorker Brooklyn Bridge vom 17.11.:

Occupy Wall Street’s Day of Action on November 17 concluded with a dramatic occupation of the Brooklyn Bridge. The bridge has an obvious significance within the movement’s internal history: Occupy was galvanized when hundreds of protesters were arrested on the bridge on October 1. But what is it about the Bridge that made it such a cathected site for Occupy in the first place? It is possible that the bridge--any bridge--offers a potent set of symbolics for the movement. We might think of Occupy, for instance, as attempting to bridge that gap between the elites and the plebes. We might think of it as bridging a history of social, political, and economic injustice with a future democracy, a polis to come. We might think of the bridge as symbolizing the peculiar way that Occupy materializes sociality--it convokes a virtual space, a zone of being-with that cannot be localized or demarcated, a place that can always move elsewhere, a site of pure liminality and thus potentiality. Taking a more historical perspective, I suggest that Occupy’s march across the Brooklyn Bridge bridges a gap between utopian socialists of the mid-nineteenth century and social movements today. Indeed, the Brooklyn Bridge is one sedimentation of utopian socialist knowledges and practices that circulated through the Atlantic world in the republic’s first half-century. We might see Occupy’s return to the Bridge as a kind of unconscious homage to their socialist forebears--because, as we know, and as we must always assert, socialism did have a vibrant role in U.S. politics until some silly jackass decided that socialism and class-conscious politics are an impossibility in our always-already utopian land of plenty.

Grundsätzlicher drückt er das in einem anderen Eintrag aus, in dem er die »Zweck«-Frage (Wofür dient die Bewegung? Worauf zielt sie?) ziemlich elegant und mit dem Entdeckerpathos, bei Marx eine besonders schöne Stelle gefunden zu haben aushebelt – kurzerhand zu einem Scheinproblem erklärt:

Marx will describe the same dynamic in terms of communist organizing, the “labor process” of political activism. “When communist workmen gather together,” he writes, “their immediate aim [Zweck] is instruction, propaganda, etc. But at the same time, they acquire a new need—the need for society—and what appears as a means had become an end.” The substitutability of ends and means opens the kind of democratic circularity that I discussed in a previous post. This non-purposive sociality is the surplus of communist organizational efforts. He continues: “This practical development can be most strikingly observed in the gatherings of French socialist workers. Smoking, eating, and drinking, etc., are no longer means of creating links between people. Company, association, conversation, which in turn has society as its goal, is enough for them.” Marx describes a freeing of sociality from purposivity: modalities of association (smoking, eating, drinking) are not longer means of association but its enactment. This is, as he writes, “enough for them.” Yet, this “enough,” of simple satisfaction, is not a privation. For Marx, the enough-ness of Gemeinwesen generates a particular mode of appearance: “The brotherhood of man is not a hollow phrase, it is a reality, and the nobility of man shines forth upon us from their work-worn figures.” The reality of this “brotherhood”—a problematic phrase indexing non-purposive sociality—shines (leuchtet), glows, radiates. Sociality here appears as a kind of halo, a para-material surplus that is not a tool, not reducible to technical purposivity, but signifies the completion and being-enough of that from which it radiates.

To ask what Occupy is “for” is to rip halos from heads, to subject the satisfaction of a sociality that is enough to over-coding by a for-structure that saturates the social with dissatisfaction. Even as people attempt this over-coding, at City Hall hands keep squeezing, mouths yapping, drums drumming, and associates eating, drinking, and smoking together. Occupy shines forth a fact scandalous to capitalist society: that sociality needn’t be for anything at all.

Es ist ohne Zweifel eine philosophische Rettung der Occupy-Bewegung, die stimmen, aber für die Praxis als wenig relevant sich erweisen mag. Über Programme wird man streiten müssen, dem sollte man sich stellen und nicht in schwindelnde Abstraktionen hinabsteigen, denn die Fixierung auf die Bewegung an sich ist der Linken auf Dauer noch nie gut Bekommen – »Die Bewegung ist alles, das Ziel nichts«1 ist bekanntlich das Programm des sozialdemokratischen Revisionismus in nuce.2
Dennoch könnten Taylors Beiträge – ich bin sicher, man findet in der amerikanischen Diskussion noch mehr und vielleicht tieferschürfendes, was in diese Richtung weist – den Weg einer kritischen (und also immer auch solidarischen) jenseits der Buchstabenfixiertheit hiesiger Kritiken weisen. Dies en passant als Denkanstoß in die virtuelle Runde geworfen.

  1. Das Zitat wird Eduard Bernstein zugeschrieben und lautet im Original »Das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles« (»Die Voraussetzungen des Sozialismus«, 1899), Bernstein hat es selbst relativiert und darauf hingewiesen, dass die Rede vom Endziel genau so inhaltsarm und abstrakt-utopisch sein kann (und in der Praxis häufig ist) wie die Faszination für die Realität der Bewegung. Womit er schlicht und einfach… recht hat. [zurück]
  2. Muss an dieser Stelle noch die Verwunderung ausdrücken, als ich vor kurzem einen DER Vorturner der Autonomen bei einem Vortrag erlebte – es war für mich tatsächlich die Premiere –, eine, wie sagt man gleich?, Kultgestalt, Stichwortgeber der 80er-Jahre-Szene, bis heute mit Aufsätzen und Büchern nachlegender Theoretikeraktivist, hochgeachtet für seine unbestechliche Militanz: Die Feier der Bewegung – wie gehabt; aber dann, kein Scherz, zarte Anerkennung des Industriestandortes Deutschland, »… freue mich über jedes neue Windkraftrad …«, »… es gibt hierzulande wenigstens noch eine intakte industrielle Struktur …«, und als Höhepunkt der Kritik: Merkel sei demokratisch nicht (mehr?) legitimiert, weil sie mit den Think Tanks der Industrie kungele und sich von irgendwelchen Harvard-Boys die Politik vorschreiben lasse. Erstaunlich! Die Ausdünnung autonomer Ultramilitanz zu wässriger Lebensphilosophie und de-facto-Reformismus haben freilich schon andere kritisiert. [zurück]

»Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve«

Vor drei Wochen erschien im ZEIT MAGAZIN eine Reportage der Autorin Jana Simon: »Armerika« (mittlerweile auch online). Blöder Titel, aber doch eine eindringliche Beschreibung des Lebens oder besser Vegetierens in Downtown LA. Häme ist nicht angebracht, denn die Mikrogeschichten des Zerfalls, die doch nichts geringeres als reale weggeworfene Leben beschreiben, lassen sich weltweit erzählen.
Eine Passage sticht besonders heraus, nicht weil hier das Elend besonders anschaulich beschrieben wird, sondern weil sie etwas Grundlegendes über den Mechanismus des entwickelten und sich immer weiter entwickelnden Kapitalismus erzählt:

Andrea, unsere [Haus-]Verwalterin, fragt immer wieder nach unserer credit history. Wir haben Kontoauszüge, Arbeitsverträge und Gehaltszahlungen vorgelegt, aber wir haben keine Schulden und sind deshalb aus amerikanischer Sicht nicht vertrauenswürdig. Nur diejenigen, die beweisen können, dass sie ihre Schulden regelmäßig abbezahlen, sind gute Mieter. Wir sind schlimmer als schlechte Schuldner. Wir sind nichts, ohne Kredit, unbeschriebene Blätter. Also müssen wir 100 Dollar mehr Miete im Monat zahlen und die höchstmögliche Kaution hinterlegen. Es ist nicht möglich, die Miete zu überweisen. Bar können wir sie aber auch nicht bezahlen, Andrea darf kein Bargeld annehmen. Also müssen wir jeden Monat eine Woche vor dem Stichtag beginnen, Geld aus dem Automaten zu ziehen, bis wir die Summe beisammenhaben, um das Geld dann im nächstgelegenen liquor store in einen money order umzutauschen, eine Art Scheck, den wir Andrea schließlich in einem Umschlag überreichen. Ein ähnliches Problem gibt es bei der Telefon- und der Internetrechnung und den Kindergartengebühren meiner Tochter. Die Energierechnung muss ich alle zwei Monate leibhaftig im Gas and Power Building in der Hope Street begleichen. Dort warte ich mit vielen Latinos in einer Reihe und zahle bar. Ich komme mir vor wie in einem längst vergangenen Jahrhundert. Das viel beschriebene US-Dienstleistungsparadies kann ich nicht finden, im Gegenteil, alles dauert unheimlich lange und ist erstaunlich kompliziert.

Widersinnig, aber logisch: Wer keine Schulden, ist unglaubwürdig. Wer Schulden hat, sich also schuldig gemacht hat, wird zum Komplizen, zum Gleichen unter Gleichen, dem man verständnissinnig bloß noch zuzublinzeln braucht, zum Bestandteil der Megamaschine. Wobei diese Megamaschine sich auch als ein Monster der Bürokratie erweist, das, zumindest in der amerikanischen Variante, zusehends Ähnlichkeit mit dem staatsindustrialistischen Bürokratismus der RGW-Länder bekommt. Was eine aparte historische Dialektik wäre: Einst eiferte »Sowjet«russland dem Westen, insbesondere den USA nach, Stichwort: »Einholen und überholen«. Jetzt beeilen sich die USA, dem Beispiel Russlands zu folgen, Stichwort: »Mülldeponie mit Atomraketen«.
Vor 55 Jahren beschrieb das schon Amadeo Bordiga in seinem »Dialog mit den Toten«, in dem er vor allem den kapitalistischen Charakter Russlands herausarbeitet (also den ersten Teil der historischen Bewegung – »Einholen und überholen« – nachzeichnet), und bezeichnete es als »das Meisterwerk Amerikas«: Es ist der Konsumentenkredit.
Wir hatten diese Passage bereits zitiert, zitieren sie aber gerne hier noch einmal (leicht gekürzt um einige bloß noch historische Bezüge zu Russland). Was Bordiga sich vielleicht nie auch nur vorstellen mochte1, dass der Schuldenmechanismus nicht nur Zwang ist, sondern für Vertrauen und Verschworenheit, »echte« Teilhabe an der Gemeinschaft, steht; dass die moderne Arbeiterin also nicht nur »objektiv« unter dem Sklaven rangiert, sondern »subjektiv« aus diesem Zwang positive Identität gewinnt, ich bin verschuldet also bin ich (und alle anderen machen sich verdächtig!). Material für eine qualitative Theorie der Verelendung.

Der moderne Zwangsarbeiter
Die Wonnen der modernen warenproduzierenden Zivilisation, der sozialen Fürsorge und des Kreditwesens (…) bestehen darin, die Arbeiterheere, die nie wissen, wie ihnen geschieht, zwischen zwei Extremen hin und her zu werfen: Entweder sind sie beschäftigungslos und frei vor Hunger zu verrecken oder sie sind beschäftigte Sklaven – wobei Vollbeschäftigung identisch ist mit Zwangsbeschäftigung (…).
Nunmehr können antiker Sklave und Leibeigener den modernen Lohnarbeiter schon von oben herab ansehen. Sicher, sie durften ihren Arbeitsort nicht verlassen, mussten aber auch nicht in den Krieg ziehen. Der moderne Sklave steht andauernd unter dem Alb des Krieges und hat die besten Aussichten, verletzt, getötet, gefangen oder zu Zwangsarbeit herangezogen zu werden. Überdies, während der alte Krieg im Schritttempo auf die Zivilbevölkerung zukam, rast der moderne Krieg auf sie zu. Tausende Kilometer hinter der Front hungert der »Zivilist«, während gewisse moderne Umstände es dem Militär sogar erlauben, es sich diesbezüglich gut gehen zu lassen. In Friedenszeiten indes mästet man den Arbeiter mit statistischer Prosperität und Konsumfreiheit. (…) Geschäfte ohne Schlangestehen, vielfältiges und verlockendes Warenangebot, Zauber der allerneuesten Mode und des guten oder schlechten Geschmacks. Bald wird man zum Meisterwerk Amerikas kommen: dem Konsumentenkredit. Der Arbeiter – mag er auch die Illusion hegen, durch seine Anteile am Betriebskapital Teilhaber desselben zu sein – ist nicht mehr Besitzer, sondern Schuldner seiner paar Habseligkeiten, und wenn ihm auch seine Wohnung gehört, schuldet er ihren Wert. Es geht ihm also praktisch wie dem Sklaven, der, nachdem er zu Essen bekommen hatte, Schuldner des Nettowerts seiner eigenen Person war.
Dieses amerikanische Kreditsystem, das den Arbeiter durch die Schulden an seinen Arbeitsplatz bindet, wurde schon industrieller Feudalismus genannt. Ein weiterer Schritt in Richtung »wachsender Verelendung«, also Verlust jeglicher wirtschaftlichen »Reserve«. Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve: Es muss erst eine beträchtliche Summe abzahlen, um nackt davonziehen zu können. Womit soll man zahlen, wenn nicht wie dem Shylock, mit einem Stück des eigenen Fleisches?

  1. Daraus könnte man den Bruch zwischen ihm und seinem Erben, dem ‚Subsumptionstheoretiker‘ Jacques Camatte folgern. [zurück]

Noch mal zum demokratischen Mythos

Die Ereignisse überschlagen sich, das griechische Referendum ist nun doch abgesagt. Aber erinnern wir uns kurz noch mal an Frank Schirrmacher, der vor ein paar Tagen die Bestürzung über das angekündigte Referendum als anti-demokratisch, ja: als anti-politisch schlechthin geißelte.

Denn man muss aufschreiben, was Papandreou gesagt hat und was in den Ohren Europas wie das Gefasel eines unberechenbaren Kranken klingt: „Der Wille des Volkes ist bindend.“ Lehne das Volk die neue Vereinbarung mit der EU ab, „wird sie nicht verabschiedet“. In Deutschland, wir erinnern uns, verstand man unter Demokratie noch vor wenigen Tagen den Parlamentsvorbehalt. Erzwungen von unserem obersten Gericht und begrüßt von allen Parteien. Deswegen musste sogar ein EU-Gipfel vertagt werden. Nichts ist davon für Griechenland noch gültig.
Worin liegt die Zumutung? Dass der griechische Ministerpräsident die Schicksalsfrage seines Volkes diesem selben Volk vorlegt. Darauf reagieren der angeblich vorbildlich sparsame Bundesbürger und seine Politiker mit Panik – aber nur deshalb, weil die Finanzmärkte mit Panik reagieren.
(…)
Das absolute Unverständnis über Papandreous Schritt ist ein Unverständnis über demokratische Öffentlichkeit schlechthin – und auch darüber, dass man für sie bereit sein muss einen Preis zu bezahlen.

Das ist dieser leicht übergeschnappte Schirrmacher-Sound zwischen todernst und hysterisch, mutigen Nonkonformismus vortäuschend, wo es doch nur um das Einverständnis auf rhetorisch höherem Niveau geht: Denn Sinn und Zweck des Referendums ist nicht die Demokratie als Wert an sich, ist auch nicht die Freiheit (Möglichkeit), NEIN zu sagen. Das Referendum selbst ist das Mittel der Disziplinierung – einer besonders perfiden Disziplinierung, die auf Freiwilligkeit, auf Einsicht in das Unvermeidliche beruht (wobei das Unvermeidliche erst dadurch unvermeidlich wird, dass wir es aus freien Stücken wählen – es entspringt unserem Willen, unserem Handeln, ist Teil unserer Persönlichkeit, ist mit uns verschmolzen – und am Ende stimmt diese saudumme Parole Du bist Deutschland Du bist Griechenland Du bist Europa).

Papandreou tut nicht nur das Richtige, indem er das Volk in die Pflicht nimmt. Er zeigt auch Europa einen Weg. Denn in dieser neuen Lage müsste Europa alles tun, um die Griechen davon zu überzeugen, warum der Weg, den es zeigt, der richtige ist.

Das Volk in die Pflicht nehmen, das ist das Geheimnis dieses Referendums – das von Schirrmacher nicht ganz zu Unrecht zur Essenz der Demokratie aufgeblasen wird.
WIR geben euch die Freiheit, zu entscheiden, wie ihr wollt. IHR steht dafür in der Pflicht, euch so zu entscheiden, dass das Vertrauen, das wir euch geschenkt haben, gerechtfertigt ist.