Michael Seidman: »Gegen die Arbeit« (on tour!)

Für gewöhnlich machen wir keine Werbung für Veranstaltungen, weil aber Freunde involviert sind, weil es sich angesichts der derzeit so geschichstvergessenen radikale Linke um eine kleine Sensation handelt, sei auf folgende Lesetour hingewiesen.

Michael Seidman stellt im Oktober, nächste Woche!, sein großes Werk »Workers Against Work« vor, das jetzt in deutscher Fassung erschienen ist: »Gegen die Arbeit«.
Das Buch beschäftigt sich mit der spanischen Revolution und den Streiks und Arbeiteraufständen während der französischen Volksfrontregierung 1936-38 und arbeitet exemplarisch die Radikalität dieser Kämpfe heraus, die sich jenseits, aber vor allem auch *gegen* die etablierten, versteinerten Organisationen der Arbeiterbewegung artikulierten, Seidman kritisiert explizit auch die Anarchosyndikalisten. Er bricht also radikal damit, Revolutionsgeschichte als Geschichte von (richtigen oder falschen) Organisationen zu verstehen und zeigt den, wenn man so will, utopischen oder besser: genuin kommunistischen Charakter dieser Kämpfe auf. Man kann gut aus seinem Buch einen Maßstab gewinnen, wie man sich auch aktuellen Aufstandsbewegungen nähern kann.

Orte und Termine stehen weiter unten. Hier wird noch der Flyer dokumentiert, mit dem die Kölner Veranstaltung beworben wird und der das Thema des Buchs ganz gut auf den Punkt bringt (aber kann sich noch jemand an Moishe Postone und Robert Kurz erinnern?!).

Soll das Hamsterrad der täglichen Arbeit schon das ganze Leben sein? Und welcher eigenartigen Wachstumslogik dient dieser ständige Arbeitswahn und Arbeitsdruck? Einem sinnlosen Kreislauf der Kapital- und Geldvermehrung, dem alles Lebensglück geopfert wird! Ein Kreislauf, der sich seit der Krise 2007/2008 und mit der anhaltenden Instabilität der Finanzmärkte wieder einmal gründlich blamiert hat. Auch die Organisationen der traditionellen Arbeiterbewegung waren einer »produktivistischen Utopie« verpflichtet und sangen das Hohelied auf die Arbeit. In den letzten Jahren ist von Intellektuellen wie Moishe Postone oder Robert Kurz die »Kritik der Arbeit« als theoretisches Postulat wiederentdeckt worden. Allerdings hatte schon Marx gezeigt, dass Kapital nichts anderes ist als die Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige. Die ganze Gestalt und Organisation des Produktionsprozesses dient nur dazu, Arbeit aus denjenigen herauszupumpen, die sich keineswegs hocherfreut tagein tagaus an ihre Arbeitsplätze schleppen.

Jenseits der Ideologie und Politik von selbsternannten Arbeitervertretern wollten die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren alltäglichen Auseinandersetzungen vor allem eins: sich die Arbeit vom Hals schaffen. In seiner jetzt auf Deutsch erschienenen sozialgeschichtlichen Untersuchung »Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38« (»Workers against Work«) spürt Michael Seidman diesen untergründigen und oft unsichtbaren Widerstandsformen nach und zeigt, wie sich nicht nur die Kapitalisten, sondern auch die heroischen Arbeiterorganisationen mit den gegen die Arbeit gerichteten Verhaltensweisen auseinandersetzen mussten. Er wirft damit einen völlig neuen Blick auf diese Zeit zugespitzter Kämpfe und berühmter Auseinandersetzungen. Seit seinem Erscheinen 1990 kursierte das Buch als eine Art Geheimtipp in der linksradikalen und anarchistischen Szene, fand aber keine breitere Resonanz. Gerade heute, mit der fortschreitenden Krise des Kapitalismus, sollte die »Kritik der Arbeit« nicht mehr nur als theoretisches Postulat, sondern als lebendige Tendenz in den Klassenkämpfen wahrgenommen und verstanden werden, um Auswege aus dem Hamsterrad zu finden. Dazu leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag.

Michael Seidman ist Historiker an der University of North Carolina in Wilmington, USA. Er lebte Ende der siebziger Jahre in Paris und promovierte 1982 in Amsterdam über das Thema dieses Buches. Seine Forschungen hat er fortgeführt mit einer Sozialgeschichte des spanischen Bürgerkriegs »The Republic of Egos« (2002) und einer Studie über den Pariser Mai 1968, »The Imaginary Revolution« (2004). Damit korrigiert er eine Geschichtsschreibung, die sich immer noch zu sehr an Organisationen und Stellvertretern orientiert, und lässt wieder das Individuum zu Wort kommen, das doch laut Marx im Kommunismus endlich befreit werden sollte, aber auch in linken Darstellungen nur zu oft aus dem Blick gerät. Nachdem »Workers against Work« bereits in japanischer und französischer Übersetzung vorliegt, wird es im Oktober endlich auch auf Deutsch erscheinen.

Michael Seidman: »Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38« , Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011, 480 S., 24,80 Euro
Leseprobe: Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden.

Termine

Sa, 8. Oktober 2011, Köln
19 h, Allerweltshaus, Körnerstr. 77-79

So, 9. Oktober 2011, Jena
19 h, JG (Junge Gemeinde) Stadtmitte, Johannisstr. 14

Mo, 10. Oktober 2011, Nürnberg
19 h, Nachbarschaftshaus Gostenhof, Adam-Klein-Str. 6

Di, 11. Oktober 2011, Berlin
19 h, FAU-Lokal, Lottumstr. 11 (U8 Rosenthaler Platz)

Mi, 12. Oktober 2011, Bielefeld
20 h, Bürgerwache, Rolandstr. 16

Do, 13. Oktober 2011, Wiesbaden
20.30 h, Café Klatsch, Marcobrunnerstr. 9

Fr, 14. Oktober 2011, Frankfurt/M.
19.30 h, Faites votre jeu!, Klapperfeldstr. 5

Sa, 15. Oktober 2011, Frankfurt/M.
13.30-14 h, live auf der Frankfurter Buchmesse, Literadio, Halle 4, Stand E 207