Ontologische Rückfälle

Jeder, der in Frankfurt an der Universität studiert, hat schon einmal Alfred Schmidt gesehen: Sein Porträt hängt übergroß in der U-Bahn-Station an der Uni, ein massiger Kerl, der vermutlich auch als Brauerei-Kutscher hätte reüssieren können. Schmidt – Horkheimer- und Marcuse-Herausgeber, bis zu seiner Emeritierung 1996 Inhaber einer Lehrstuhls für Materialismus (!) – ist der Marxist unter den Kritischen Theoretikern. Ein Bekannter, der einst bei Schmidt studierte, erzählte von den KAPITAL-Kursen, die Schmidt leidenschaftlich abhielt: nach jeder Stunde war er nass geschwitzt, klappte den blauen Band zu und stöhnte: wieder eine Seite geschafft.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist vor allem sein Ringen um eine Neubegründung des Historischen Materialismus – entwickelt vor allem in einer kritischen Auseinandersetzung mit dem (marxistischen) Strukturalismus. Ein anderer, heute nicht minder prominenter Marxist und Strukturalismus-Kritiker, hat sich in einer Rezension für die Argument-Reihe – für seine Verhältnisse – knapp und poinitiert mit Schmidts Geschichtsphilosophie auseinandergesetzt. Die Rede ist von Ulrich Enderwitz, der einst eine ziemlich gute – ihm tristen Strukturalismus nachweisende – Postone-Kritik geschrieben und vor allem den Antideutschismus (»Ideologiekritik«) angemessen gewürdigt, also analytisch erledigt hat (der Hauptstrang seines Werkes, wie schnell ersichtlich wird, ist freilich ein anderer).
Mit der Dokumentation dieser Kritik weisen wir auch auf das Argument-Archiv hin, das mittlerweile den Großteil der 60er- und 70er-Jahre Veröffentlichungen abdeckt. Eine Fundgrube – und nebenbei die Revue des westberliner akademischen Marxismus: von der Kritischen Theorie über die DDR-Apologie bis schließlich zur Gramsci-Renaissance. Die Enderwitz-Rezension erschien in der Nr. 88 (1974), S. S.926ff., die Zahlen in Klammern verweisen auf die Seitenzahlen des besprochenen Buchs.

Schmidt, Alfred: Geschichte und Struktur. Carl Hanser Verlag, München 1971 (141 S., br., 7,80 DM).

Wie schon früher setzt sich Schmidt auch in diesem Essay mit dem französischen Strukturalismus und seinem systembildnerischen »Angriff auf die Geschichte« auseinander. Zur Diskussion steht diesmal die durch die Althusser-Schule vorgeschlagene Marx-Rezeption, in der Schmidt den Versuch erkennt, durch eine Neuinterpretation der politisch-ökonomischen Theorie des historischen Materialismus letzterem nicht zwar die geschichtliche Dimension überhaupt auszutreiben, wohl aber die Rolle einer intentionslosen Darstellung der Geschichte als eines subjektiver Vermittlung baren »Transformationsprozesses gesellschaftlicher Strukturen« (15) zuzuweisen. Gegen diesen, einen theoretischen »Anti-Humanismus« und »Anti-Historizismus« propagierenden, objektivistischen Interpretationsversuch, der unter anderem darin resultiert, daß die Marxschen Arbeiten in scharfer Trennung einer die Frühschriften umfassenden »ideologischen« Phase und einer vornehmlich durch »Das Kapital« repräsentierten strukturalistisch-wissenschaftlichen Spätphase zugeordnet, werden, will Schmidt einen Marx, der vielmehr durchgängig »den subjektiv-objektiven Doppelcharakter des geschichtlichen Prozesses in den Mittelpunkt seiner Erwägungen (rückt)« (14), in Schutz nehmen.

Wie Schmidt aber einerseits gegen den Strukturalismus darauf insistiert, daß auch und gerade im »Kapital« »strukturanalytisch und geschichtlich zugleich« (38) verfahren werde, so zieht er andererseits mit dem Strukturalismus die traditionelle Versicherung in Zweifel, daß für die Kritik der Politischen Ökonomie »Erkenntnis … mit der Historiographie ihres Gegenstandes einfach zusammenfällt« (39). Diese Versicherung begegnet nach Schmidt »erkenntnistheoretische(n) Schwierigkeiten« (38), die dem strukturalistischen Ansatz ein beschränktes Recht verleihen. Schmidt sieht sie um das traditionell problematische Verhältnis von »Forschungs-« und »Darstellungsweise« in der Marxschen Theoriebildung zentriert. Die Kompliziertheit des Verhältnisses von empirischer »Forschungs-« und systematischer »Darstellungsweise« will er durch eine Rückerinnerung an das Verfahren der Hegelschen Logik dartun, dem er, anders als die Strukturalisten, Modellcharakter für den Marxschen Theoriebildungsprozeß zubilligt. Unbeschadet seiner zahlreichen empirisch-historischen Vorarbeiten hat demzufolge Marx nach dem Vorbild Hegels einer Darstellungsweise den Vorzug gegeben, die unter heuristischer Abstraktion von der realen Entstehungsgeschichte kapitalistischer Produktionsverhältnisse und in kritischer Verarbeitung der abstrakten Kategorialität der bürgerlichen politischen Ökonomie »die bürgerliche Gesellschaft … als geschlossenes, aus sich selbst erklärbares System« (55) »unter dem Aspekt ihrer gewordenen Struktur«(56) begreife und konstruiere. Methodologisch entspringt nach Schmidt diese Vorgehensweise der Hegelschen Einsicht in die Opportunität eines »progressiv-regressiven« Erkenntnisverfahrens, das, aller falschen Unmittelbarkeit entgegen, Geschichte unter der festgehaltenen Voraussetzung ihrer Resultate reflektiert und begründet und sich in dieser Absicht die von Schmidt polemisch akzentuierte und fast schon kantisch eingefärbte Freiheit herausnimmt, anknüpfend an die fix abstrakte Kategorialität der fortgeschrittensten bürgerlichen ökonomischen Theorien, ein entwicklungsgeschichtlich unter heterogenen Voraussetzungen Gewordenes als eine aus sich heraus werdende Totalität begrifflich-systematisch zu rekonstruieren. Der Sache nach sieht Schmidt diese Vorgehensweise durch die den »universalhistorische(n) Ort des Kapitalismus« (65) definierende, objektive Eigenart der bürgerlichen Gesellschaft legitimiert, ihre kontingenten historischen Voraussetzungen sich einzuverleiben und in systemimmanente Prämissen ihrer eigenen erweiterten Reproduktion umzubilden.

Insbesondere diese sachliche Rechtfertigung der Marxschen Vorgehensweise führt Schmidt zwar zu der Einsicht, »daß die logische Methode, recht verstanden, die zugleich dem geschichtlichen Verlauf angemessenste Methode ist« (74). Wenn er dennoch an seiner zentralen These einer unaufhebbar spezifischen Differenz von Geschichtsschreibung und Systemanalyse festhält, so offenbar in der Absicht, der – Geschichte liquidierenden – strukturalistischen Verabsolutierung des Systemgedankens das gegengewichtige Konzept einer systemsprengenden Geschichtsmächtigkeit vorzuhalten. Dem marxistischen Strukturalisten, der im »ontologischen Rückfall« (83) Geschichte nurmehr als streng immanente Funktion einer objektiven Systementwicklung gelten lasse, stellt Schmidt einen humanistischen Marx gegenüber, der im Bewußtsein, daß der Grund des »Systems« allemal die Geschichte, die Vergangenheit, bleibe, nicht nur »immer wieder auf die Knotenpunkte zurück(kommt), an denen die immanente „Darstellung“ einer geschichtlichen weichen muß« (74), sondern mehr noch das »System« auf eine Geschichte hin antizipiere, die ihm als solchem den Garaus zu machen bestimmt sei. Mit dieser Verwandlung der Geschichte in einen quasi transzendentalen Grenzbegriff des »Systems« tendiert allerdings Schmidt dazu, dem Strukturalismus in Marxens Namen das systematisch weite Feld einer »auf unabsehbare Zeit« »gleichsam fortwuchern(den)« »falsche(n) Gesellschaft« (75) kampflos zu überlassen. Zwar weiß er natürlich, daß es Marx wesentlich darum gegangen ist, »die jetzigen Bedingungen der Produktion als sich selbst aufhebende und daher als historische Voraussetzungen für einen neuen Gesellschaftszustand setzende« (74; zit. aus den Grundrissen) zu begreifen und also die historische Absicht revolutionärer Praxis mit der theoretischen Einsicht in die als bestimmte Negation wirksamen immanenten Selbstzerstörungstendenzen des »Systems« strikt zu verschränken. Aber da er zugleich einem Systembegriff huldigt, der die gesellschaftlichen Verhältnisse als geschichtsfeindlichen objektiven Verblendungszusammenhang erscheinen läßt und der ihm per Fußnote die Notwendigkeit eingibt, »die strukturalistische „Geschichtsfeindlichkeit“ aus dem realen Einfrieren der geschichtlichen Bewegung ab(zu)leiten« (137), steht er in der Gefahr, den »subjektiv-objektiven Doppelcharakter des geschichtlichen Prozesses« (14), den die Marxsche Verschränkung festhält und den ein von Schmidt gering geschätzter „unreflektierte(r) Historismus“ (76) immerhin zu wahren trachtet, zugunsten einer lebens-philosophisch angehauchten Lehre von Geschichte machender subjektiver Spontaneität aufzulösen. Tatsächlich tritt denn auch in der Schmidtschen Abhandlung an die Stelle von Krise und Klassenkampf ein Nietzsche abgelauschtes »Aufbrechen« »träge(r) Strukturen« (13) und ein dem »fichteanisch« »großartigen Impuls« (104) Gramscis entlehnter »revolutionäre(r) Humanismus« (32). Die Frage ist, ob auf diesem Weg einer Verklärung der potentiell spontanen »Geschichte« zur Gegenmacht gegen das aktuell verdinglichte »System« Schmidt sich nicht eben des »ontologischen Rückfall(s)« (83) schuldig macht, dessen er Althusser zeiht.

Ulrich Enderwitz (Berlin/West)