Unwirkliche Weichbirnigkeit

Vergessen die Zeiten, als junge Leute mit aller Macht den revolutionären Walter Benjamin heraus- (und eben nicht: durch-)streichen wollten – den Brecht-Intimus, den Marxisten und kühnen Strategen im anti-bürgerlichen Literaturkampf. Benjamin, der Dialektiker des Zersplitterten und Materialist des Assoziativen! Das ging gegen das religiöse Geschwurbel und nicht zuletzt auch gegen die adornitische Vereinnahmung. Aber vorbei, eine radikale Benjamin-Rezeption gibt es nicht mehr, und die Philologie hat längst bewiesen, dass es mit Benjamins Marx-Kenntnissen nicht weit her war. Das aber ist eine wirklich glücklich machende Nachricht. Benjamin ist einer der ganz wenigen Fällen, wo man einfach konstatieren muss: Das, was an ihm genial war, stammt einzig von ihm selbst.
Bei Alexander Kluge, womit wir beim Thema wären, verhält es sich genau umgekehrt, wir wissen heute, dass alles das, weswegen man seine Bücher gekauft und seine Filme geschaut hat, nicht von ihm stammt, sondern von Adorno (zunächst), (dann) Brecht, Korsch und Benjamin (vorgekaut jeweils von Oskar Negt, was aber auch nicht schlimm ist, denn Negt – der mittlerweile dem wenig heiteren Wahn verfallen ist, sich als Duzfreund von Gerhard Schröder aufzuspielen – war vor dreißig, vierzig Jahren schließlich nicht der allerdümmste).
Oberflächlich-marxistisches Vokabular bildet bei Kluge seit doch schon ein paar Jährchen jene harte Kruste unter der das Hirn immer weicher und weicher wird. Was irgendwie schade ist, es gibt ja keine Zwangsläufigkeit, aber man sieht: Der Marxismus bewahrt einem vor nix.
Kluge hatte also mal wieder – Überraschung – jemanden von der ZEIT zu Besuch, um eine Art, uuhh, ›Werkstattgespräch‹ zu führen, das man jetzt online lesen kann, was aber auch nichts besser macht:

Was tun? Die Leninsche Grundfrage. Für Kluge ist sie aus welthistorischer Perspektive überraschend leicht und ganz konkret zu beantworten: bloß keinen Rechtsbruch zulassen. Damit ist er übrigens ganz auf der Seite von Christian Wulff, der kürzlich den Ankauf der Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank als rechtlich bedenklich einstufte und überhaupt die entmachteten Parlamente beklagte – und allerorts als Ahnungsloser verhöhnt wurde, als jemand, der den Ernst der Stunde nicht ganz begreift. Folgt man dem Argumentationsgang Kluges, verhält es sich damit genau umgekehrt.

Genau umgekehrt, das kennen wir schon.
Aber dieses Gespräch ist nicht nur eitel und öde und öde eitel, sondern beinhaltet auch ein sattes Pfund Geschichtsrevisionismus – und bringt darin die soziale Verantwortung des kritischen Intellektuellen auf den Begriff:

Ihm dränge sich, sagt Kluge, eine historische Parallele auf. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts habe aus den größten Menschheitstragödien bestanden, die zweite – alles in allem – aus einer geradezu unwirklichen Friedfertigkeit. Nun drohe die erste Jahrhunderthälfte sich zu wiederholen (nichts wiederhole sich natürlich in gleicher Weise, aber als schaurige Variante durchaus). Dass ein Wirtschaftskollaps abermals zur Entgleisung der Welt führen könnte – von diesem Gedanken sei er ganz ergriffen. Lebten wir nicht in Wahrheit im Jahr 1912? Vor beinahe hundert Jahren, als sich die Konflikte mit dem Ersten Balkankrieg zuspitzten? Wenige Jahre vor dem großen Knall?

Die geradezu unwirkliche Friedfertigkeit1 begann am 8. Mai 1945, als die französische Kolonialmacht einen (höflichen!) Aufstand nach Unabhängigkeit verlangender Algerier in einem Massaker erstickte. Sie setzt sich fort in Korea, dann in Vietnam, sie beinhaltet die Auslöschung der Kommunisten Indonesiens, die Massaker während der Ablösung Bangladeschs (»Ost-Pakistans«) von Pakistan, die durch Kommunalismus, Modernisierungseifer und Selbstverwaltungswahn ausgelöste Hungerkatastrophe während des chinesischen »großen Sprungs nach vorne«, sie reicht bis nach Ruanda und Srebrenica. Allein schon die Aufzählung dieser Ereignisse (wir setzen das nicht fort), lässt einen schäbig und beschämt zurück.
Was es mit dieser Rhetorik der »Friedfertigkeit« (und natürlich: der »Demokratie«), die Imagination eines Zeitalters des Wohlstands und des Interessensausgleichs, ein Zeitalter, das uns immerhin die kommunalen Kinos und damit zahlreiche Abspielstationen für Kluge-Filme beschert hat, auf sich hat, ist leicht zu entschlüsseln – aber eben wirkungsvoll, mit der Autorität des post-marxistischen Sehers vorgetragen: Wir sind die Erben dieses goldenen (niedersächsisch-sozialdemokratischen) Zeitalters; wir müssen dieses Erbe bewahren; dieses Erbe repräsentiert das non plus ultra sozialen, humanen, kulturellen Forschritts. »Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene.« Das stammt von Benjamin, und ich bin mir sicher, diese Passage schon mal in einem Kluge-Film gehört zu haben.2

  1. Irgendwo an einer anderen Stelle in der ZEIT stimmt der Herausgeber und Metaphern-Narr Josef Joffe den gleichen Ton an und stellt triumphierend fest, dass Demokratien niemals andere Demokratien überfallen hätten. Aber sie haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass missliebige Demokratien einfach aufhören – Chile 1973. [zurück]
  2. Oder war es die Luxemburg mit ihrem Verzweifelungsruf »Sozialismus oder Barbarei«? Nebenbei, eine verständlich, letztendlich aber dumme Invektive gegen die friedlichen Barbaren, die ungesellig gewesen sein mögen, aber eines bestimmt nicht kannten: staatlich befohlenen, »wissenschaftlich« legitimierten, mit industrieller Perfektion umgesetzten Massenmord — genuiner Bestandteil »unserer« Zivilisation. [zurück]