Tertium Datur

Wie das so geht. Man liest was, man sucht was, man kommt ins Assoziieren, und dann landet man irgendwo in der Peripherie und entdeckt dort was ganz anderes. Was aber mit dem Ausgangspunkt zu tun hat. Nein, kein privilegierter Zugang zu Erkenntnis und Wissen, aber man kommt auch auf diese Weise recht weit. Das strenge dialektische Denken bleibt öffentlichen Auftritten vorbehalten.
Also. Es ging um diesen Euro-Sozialdemokraten Slavoij »Gib mir Leitbild« Zizek1 und seine notorischen Stalin-Avancen, die natürlich nicht ernst zu nehmen, darin aber noch »gefährlicher« sind. Wo stand noch mal eine gute Zizek-Abrechnung? Ah, hier – in Theweleits »Der Knall – 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell«, und wer besprach den Band einst? Richtig, der Suhrkamp-Leninist Dietmar Dath in seiner damaligen Eigenschaft als FAZ-Nachwuchshoffnung.
Dath offenbart in seiner Besprechung – die ganz gewiss kein bedeutender Text von ihm ist, aber das ist ja auch egal, spricht es doch, nicht wahr, aus ihm; und in Zeiten der digitalen Archivierung fällt die Hierarchie zwischen bedeutenden und unbedeutenden Texten sowieso tendenziell und unaufhörlich – gleich das ganze Elend jenes neulinken Intellektuellengehabes, das den Triumph der Geschichtsvergessenheit (und der Originalitätsversessenheit) gar nicht erst verbergen will2. Da wären wir ja schon wieder bei Zizek!
Was also schreibt Dath?

Wenn vor 1991 eine »Linke« oder ein »Reaktionär«, eine Wissenschaftlerin oder ein Theaterintendant neueste Nachrichten kommentierten, stellten sie sich mit jedem Satz zugleich auf die Seite der Roten Armee oder der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, auf die Seite tapferer bis wahnsinniger Befreiungsnationalisten oder Metropolen-Guerrilleros, die mit der Sowjetunion verbündet waren oder sein wollten, beziehungsweise ihrer Feinde von Ronald Reagan bis André Glucksman.

Auf welcher Seite standen eigentlich Karl Korsch, Paul Mattick, Amadeo Bordiga, Henk Canne Meijer, Karl Schröder, Wolfgang Pohrt, Herbert Marcuse, CLR James, Cornelius Castoriadis, Christel Neusüß, Jacques Camatte, Hal Draper, E.P. Thompson, Raniero Panzieri, Rudi Dutschke, Danilo Montaldi, Günther Anders … ? Also all die Radikalen und Kommunisten, die sich nicht in der »Systemkonfrontation« der Blöcke einordnen wollten, vielmehr darin die vollendete (aber folgerichtige) Selbstaufgabe der Intellektuellen sahen; die im Staatsindustrialismus der »Sowjet«Union die vielleicht schlimmere, weil folgenreichere Konterrevolution erkannten; und die sich nicht verblöden ließen, dem Westen eine Zivilisierungsmission zu unterstellen (wie imperialistisch auch immer) und dem Osten die Fortführung der kommunistischen Arbeiterbewegung (wie deformiert auch immer) zuzubilligen?
Kaum ein größerer – empirischer, logischer, revolutionstheoretischer – Unsinn als »… stellten sie sich mit jedem Satz zugleich auf die Seite der Roten Armee oder der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc«.Tertium datur! Es ist keine heroische, keine individualistische, keine moralisch wertvolle Position, sondern einfach die, die sich dem Blick auf die realen Bewegungen der Selbstbefreiung – die immer jenseits von Parteien und vor allem Blöcken sich entwickelt – nie verschlossen hat. Man wird immer zu einem Dissidenten gemacht.
Die oben genannten – die Liste ließe sich fortführen – ergeben keine Koalition und erst recht keine verschworene Gemeinschaft. Aber sie haben eine gemeinsame Diskussionsgrundlage: Bordiga konnte wenigstens gegen Castoriadis polemisieren, aber nur über Stalin reden. Es gibt da keine weitere Verständigung.

  1. Zizek kürzlich in einem ZEIT-Interview: »Europa ist nicht nur Imperialismus und Kolonialismus, sondern auch Demokratie, Gleichheit und Emanzipation. (…) In diesem Sinne bin ich auch für eine neue europäische Leitkultur.« Sage niemand, wir hätten es mit einem verkappten Radikalen zu tun! [zurück]
  2. Was dabei herauskommt, wenn man eine Biographie über eine halbvergessene Revolutionärin vorlegt, hat Felix Baum auf den Punkt gebracht. [zurück]