Nachtrag zu Weitling

Wilhelm Weitling ist eine interessante Figur, weil er weder zu den sogenannten Utopisten1 zu zählen ist, noch dem strengen programmzentrierten Parteikonzept von Marx und Engels folgen mag. Er gilt deshalb der marxologischen Forschung als Figur des Übergangs (und ist als solche auch erst spät, nämlich in den 1970er Jahren, ziemlich genau 100 Jahre nach seinem Tod, wieder entdeckt worden). Die Formel »Übergang« wird gerne angewandt, um jemanden zu charakterisieren, der nicht in die Raster passt. Weitling ist kein »roher Kommunist«, kein Gleichmacher, er geht von der produktiven Entfaltung der Bedürfnisse jenseits ihrer Reglementierung und Verwurstung durchs Geld und durch den Privatbesitz aus – sprich: der Reichtum steht bei ihm im Mittelpunkt, nicht der verallgemeinerte Mangel. Er ist aber ganz sicher ein Utopist in dem Sinne, dass er ein »fertiges« Bild der Zukunftsgesellschaft vorlegte. Was ihn aber von allen Utopisten unterscheidet, ist sein Massenansatz: Er konspiriert nicht, tummelt sich nicht in Geheimbünden, agiert aus der Masse für die Masse, Marx entlarvende Frage – Wer erzieht die Erzieher? – trifft auf Weitling gerade nicht zu, er, der sich aus den bedrückendsten Verhältnissen hochgearbeitet hatte, gehört zu den »Erzogenen«.
Wenn man Weitling als Übergangsfigur einordnen will und damit auch die Wucht seiner Gesellschaftskritik wegsortiert, muss man sich also die Gegenfrage stellen lassen, ob das Sperrige seiner Kritik nicht vielmehr einen Überschuss darstellt – eine Autonomie proletarischer Theoriebildung, die gemessen an dem Programm von Marx und Engels (erst recht gemessen an dessen Fortführung bis hin zum KAPITAL) ganz sicher »unterkomplex« ist, aber in entscheidenden Fragen der Strategie (oder auch der Theorie – Stichwort: Kritik des Eigentumsbegriffs) diesem ebenbürtig ist. Von Zeit zu Zeit muss man sich diese Frage vorlegen.2
1846/47 ist es (schon? nur?) die Frage der Partei, die Weitling von den späteren Manifestautoren unterscheidet: Weitling setzt auf ein Netzwerk von proletarischen Agitationskernen, die in direkter kollektiver Aktion – Aufruhr, Ausstand (an individuellen Terror dachte W. selbstverständlich nicht) – die Ordnung angreifen sollen, um selbst von der entfachten Massenaktion (ganz bewusst) überrollt zu werden. Seine Revolutionstheorie ist eruptiv, spontaneistisch – insurrektionalistisch, so würde man wohl heute sagen. Die Frage aber ist, ob sich daraus auch ein Verhaltenskatalog für den Sieg resp. die Formierung der Konterrevolution ableiten lässt. Marx und Engels verneinten dies und setzten auf den kühl-nüchternen, auf lange Dauer berechneten Parteiaufbau.
In den Schriften Weitlings liegt das erste proletarische Programm einer umfassenden Gesellschaftskritik vor. Es ist konsequent, dass es weitgespannte Themen nicht auslässt – Weitling hat immerhin eine komplette Sprachtheorie erarbeitet –, so auch den Begriff der Mode. Und es ist konsequent, dass er sich nicht in abstrakte Negation flüchtet (das Geschäft der Moralisten!), sondern das Schöne und Wahre und Edel-Harmonische an der Mode betont, um sogleich auf ihre Ruinierung durch Geld, Verschwendung, Langweile, kurzum: durch das Privateigentum hinauszuwollen. Mit seinem Mode-Text liefert er ganz bestimmt kein Stück Arbeiter-Agitation3, aber er – höflich, vermittelnd, sicher auch verschwurbelt – markiert den Bruch, den Übergang zum Kommunismus: »Die Vortheile, die Genüsse, die das Eigenthum gewährt, können tausendfach vermehrt werden, wenn man aus dem Begriff des Eigenthums den Begriff des Gemeinthums machte.«

  1. Amadeo Bordiga charakterisiert die Utopisten in knappen, treffenden Sätzen:
    »Bei diesen ersten Vorstößen [zum kommunistischen Programm] gilt einmal die Industriearbeit, dann wieder die Landbauarbeit als das schlimmste entfremdete Dasein. Die frühesten Anschauungen des Kommunismus werden dann im Weiteren irgendeine Art zwielichtiger Unterstützung entweder in der Grundherrlichkeit oder dem kühnen Vorpreschen der kapitalistischen Unternehmen suchen.«
    Die Utopisten wollen »den Staat erobern, um ihn als Instrument der Gesellschaft zu benutzen – so als wäre sie eine formbare Masse.« [zurück]
  2. Material zur Weitling-Marx/Engels-Kontroverse findet sich u.a. in diesen Büchern: Alexander Brandenburg, »Theoriebildungsprozesse in der deutschen Arbeiterbewegung 1835 – 1850«, Hannover 1977. (sehr ausgewogen, pointierte Darstellung der Problematik); Wolf Schäfer, »Die unvertraute Moderne. Historische Umrisse einer anderen Natur- und Sozialgeschichte«, Franfurt/M. 1985 (inspirierend, aber mit großer Vorsicht zu genießen, der Autor ist von Marxtöterei geradezu besessen); Ahlrich Meyer, »Nachwort« in: Wilhelm Weitling, »Garantien der Harmonie und Freiheit«, Stuttgart 1972 (knappe, exemplarische Einführung); Waltraud Seidel-Höppner, »Wilhelm Weitling – der erste deutsche Theoretiker und Agitator des Kommunismus«, Ostberlin 1961 (die Mondlandung der modernen Weitling-Forschung, immer noch ein brauchbares Werk, das Gegenstück zu Schäfer – Weitling wird subaltern zu Marx verortet. Seidel-Höppner ist eine großartige Historikerin, die bis heute – dabei sich selbst produktiv revidierend – zu Weitling und zum »Frühsozialismus« forscht). [zurück]
  3. Im Mode-Artikel bedient er sich der Mittel des guten Ratschlags: Es wäre doch für ALLE so angenehm, wenn… Das wirkt durchaus unbeholfen und inkonsequent und dürfte dazu beigetragen haben, dass der Artikel etwas umständlich und verquast geraten ist. [zurück]