»Was ist Mode?« (Teil 2)

Teil 1

So macht es sich die Mode zum Gegenstand, die von der Natur verarmten Körpertheile künstlich zu entschädigen, so lehrt sie die Kunst, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von solchen Theilen ab und auf andere günstiger bedachte Formen, Bewegungen oder Eigenschaften zu leiten und die Nachtheile geschickt durch die Vortheile aufzuwiegen, immer aber diese letzteren wirken zu lassen, wenn die ersteren ihren Einfluß geltend machen wollen. Was hierbei auf natürlichem Wege nicht zu erreichen ist, wird auf künstlichem versucht. So wie diese Regeln für die Formen, Eigenschaften und Bewegungen des Körpers gelten, ebenso gelten andere für die Äußerungen des innern Gefühls. Die innere widrige Stimmung gegen einzelne Individuen wird äußerlich künstlich zu verdecken gesucht. Dieser Punkt ist von den Moralisten am meisten angegriffen worden und zwar allemal mit Recht, wenn die Vorstellung eine betrügerische Speculation zum Zweck hat. Das ist denn aber ein besonderer Zweck, den die Mode nicht im Auge hat, indem sie die Regeln des verfeinerten geselligen Umgangs vorschreibt. Diesem Zweck nach sind die Regeln für Alle gut, welche ohne dieselben noch mehr im Schatten stehen würden. Wer den Reiz des geselligen Lebens auf rein natürlichem Wege zu finden weiß, braucht derselben freilich nicht. Der Theil der Mode aber, der gleichsam ihr stabiles Gesetz ist und den man Lebensart nennt, der wird zu allen Zeiten für alle Menschen nothwendig sein. Es wird z.B. immer ein Unterschied sein in der Handhabung des Taschentuchs. Es wird nie angenehm sein, daß der Eine den Löffel in der rechten Hand und der andere ihn in der linken hält und beide Ellenbogen auf diese Weise karamboliren. Indem die Mode die Formalitäten der Begrüßung und des Empfangs vorschreibt, polirt sie die Gefühlsäußerungen des Widerwillens gegen Andere. Während das Gebot Christi immer [mehr] in Vergessen geräth, ist sie hingegen – wenn auch nur äußerlich – doch die wirksamste Beförderin der Feindesliebe.
Die Civilisation hat der Mode einen Theil ihrer Herrschaft abgetreten. Die Mode regiert darin und das mit Recht: denn die Fähigkeiten und Kenntnisse des Angenehmen können am besten die Produktion und Consumtion des Angenehmen regieren. Aber die Fähigkeiten und Kenntnisse bestimmt heute das Geld. Darum beschränkt sich die Mode nur auf den geldhabenden Theil der Gesellschaft und speculirt mehr des Geldes als der Mode wegen. Unter den modernen Modesachen ist das Ausgezeichnetste auch nur mit großen Opfern anzuschaffen, die nur ein verhältnismäßig kleiner Theil bringen kann. So ist dies mit der Architektur, den Gemälden, Möbeln, Kleidern, das Alles muß individuell angeschafft werden und wird deshalb kaum der zehnte Theil des Genusses davon gezogen, als im Falle einer gemeinschaftlichen Benutzung solcher Gegenstände. Die schönsten Palläste, Zimmer, Equipagen u.s.w. stehen Tage, Monate, ja oft Jahre lang leer; die schönsten geräumigsten Gärten, an welchen sich Tausende erfreuen könnten, werden dem Eigenthümer und seiner Familie ein langweiliger Aufenthalt: denn man kann wohl Kleider, Tänze und Komplimente nach der Mode und den Launen wechseln, aber nicht so leicht Palläste, Gärten, Möbeln, Gegenden am wenigsten, wenn man unter dem Begriff Eigenthümer genöthigt ist, seine Interessen und seine Langeweile an die mit diesem Begriff verbundene Scholle zu knüpfen. Hier tritt das Eigentum dem Interesse der persönlichen Freiheit und der Sehnsucht nach Veränderung schroff entgegen, hier kommt es mit dem wesentlichsten Theil der Mode in Conflict.
Während so auf der eine Seite nur ein kleiner Theil der reichen den extremsten Forderungen der Mode nachkommen kann, entspricht auf der anders Seite nicht ein jeder von diesen jenen Forderungen; Reichthum, Schönheit und Symetrie des Körperbaues werden zugleich verlangt. Das ist aber selten beisammen[,] und die Speculation, die sich nur auf den Reichthum lenkt, wirft sich oft schon im Original auf künstliche Ersatzmittel. So gab eine kleine Maitresse am Hofe der Bourbonen zu der Mode der drei Zoll hohen Absätze unter den Schuhen, zu der der langen Kleider und des ellenhohen Kopfputzes Anlaß[,] und die kleinen Maitressen der Bourgeois in der Größe von fünf und einem halben Schuh machten eine Geschmacklosigkeit daraus. So macht die Mode unter dem Einflusse des Reichthums selbst noch Übergriffe in das Interesse der Schönheit der Bemittelten, während sie die Schönheit der Armen gar nicht in Betracht zieht.
Man ist gewohnt, das Eigenthumsprincip als vom Begriff der persönlichen Freiheit unzertrennlich zu betrachten, während man – die Tyrannei, die es gegen die Armen ausübt, nicht gerechnet – in einer langen Liste von Unannehmlichkeiten, Unruhen und Bedrückungen beweisen kann, daß es selbst seine Besitzer zu Sclaven macht. Die Vortheile, die Genüsse, die das Eigenthum gewährt, können tausendfach vermehrt werden, wenn man aus dem Begriff des Eigenthums den Begriff des Gemeinthums machte. Es giebt unter den Parias tausende von bildschönen Jünglingen und Jungfrauen. Wie angenehm würde es für die Adepten der modernen Bildung sein, wenn diese schönen Gestalten dieselbe feine Bildungsschule durchgemacht hätten und mit in die geselligen Zirkel gezogen werden könnten, um den Reiz derselben zu erhöhen! Wie angenehm würde es sein, wenn es allen Menschen vergönnt wäre, sich von Zeit zu Zeit in eine Festgalla zu werfen, wenn die kostbaren Kleider, Geschmiede und Geräthe nicht mehr unter zehnfachen Riegeln und Schlössern verborgen lägen, sondern bei allen Hochzeiten, in den Festsälen und an den Tafeln und Kleidern der Hochzeitleute Parade machten! Wie angenehm würde es sein, sich die Regeln der feinen Bildung anzueignen, wenn Allen dazu die Mittel gegeben würden, sie befolgen zu können! Wie angenehm würde es für Alle sein, wenn es auf diese Weise der Mode möglich würde, ihren wohlthätigen Einfluß auf alle Verehrer des Angenehmen und Schönen auszudehnen, mit dem Angenehmen und Schönen das Nothwendige und Nützliche zu befördern und das Anstößige, Nachtheilige zu vermeiden! O wie angenehm! wie angenehm!