»Was ist Mode?« (Teil 1)

Wilhelm Weitling (1808-1871), Schneidergeselle aus Magdeburg, kann man als ersten deutschen oder besser: deutschsprachigen Kommunisten bezeichnen, jedenfalls gehört er zu den radikalrepublikanischen Emigranten, die im Paris der 1830er Jahre mit der dortigen stark präsenten sozialistischen Strömung in Kontakt kamen und deren Radikalismus weitersponnen: Seine Schriften »Die Menschheit. Wie Sie ist und wie sie sein sollte« (1838/39, erstes kommunistisches Programm), »Garantien der Harmonie und Freiheit« (1842, Entwurf einer kommunistischen Zukunftsrepublik), »Das Evangelium eines armen Sünders« (1845, radikale Neuinterpretation des Christentums) leisten die »Übersetzung« eines noch bürgerlichen Utopismus in ein konsequent proletarisches Programm.

Den Widerspruch zwischen der liberalen Politik der Zeit und dem liberalen Ideal reflektiert Weitling feinnerviger als andere Sozialisten. Er verfolgt die historische Metamorphose der kapitalistischen Widersprüche, in der ursprüngliche Wohltat in Plage umschlägt: Warenüberfluss Armut erzeugt, Wunderwerke der Maschinerie Arbeiter brotlos machen, wissenschaftliche Glanzleistungen Schatten werfen, in denen das Volk verdummt und verroht. Das große Lob der freien Konkurrenz hält er für Selbstbetrug. Er zeigt, wie das freie Spiel der Kräfte, von dem man sich persönliche Freiheit und die spontane Harmonisierung der Interessen erhofft, den Kampf aller gegen alle entfesselt, die sozialen Vorrechte der Starken zementiert, die Kluft zwischen Arm und Reich vertieft und alle sozialen Beziehungen verwüstet.

So die Historikerin und Weitling-Spezialistin Waltraud Seidel-Höppner.
Seidel-Höppner hat ihr Handwerk in der DDR gelernt, man kann an ihren stets lesenswerten Texten, gerade an jenen über Weitling, die (von oben verordneten?) Wirrungen der Rezeption des frühproletarischen Kommunismus verfolgen: bloßes Vorspiel des wissenschaftlichen Sozialismus – eigenständiges, aber immer noch »mangelhaftes« Programm – schließlich (heute): Weitling als libertäre Alternative zum deutschen Parteisozialismus (siehe zum letzteren die Hommage, aus der wir weiter oben zitiert haben).

Im folgenden dokumentieren wir – wegen seiner Länge in zwei Teilen – einen kuriosen Essay Weitlings: »Was ist Mode?« Der Gedankengang ist durchaus schwerfällig, vor allem im ersten Teil. Aber es wird klar, worauf Weitling hinaus will: Die Mode als »Lebensregel, die auf die Erhöhung der Reize des geselligen Umgangs berechnet ist«, kann erst dann zu sich selbst bekommen, also sich entfalten, wenn sie in Gesellschaft wirkt, die das Privateigentum abgeschafft hat und ihre Reichtümer gleichmäßig unter allen verteilt – alle sollen nicht gleich, sondern gleich viel bekommen. Weitlings Denken entspricht gerade nicht jenem rohen »Neid-Kommunismus«, den Marx in seinen 1844er-Manuskripten als erste und zugleich ärmste Negation der bürgerlichen Gesellschaft kritisch dargestellt hat.

Der Essay erschien 1846 in »Jahreszeiten. Hamburger Neue Mode-Zeitung«, Verlag C.F. Vogel, Jahrgangsband 1, Spalten 131-136. Zitiert wird er nach der Wiedergabe in: »Neue Daten zur „Deutschen Ideologie“«, zusammengestellt von Bert Andréas und Wolfgang Mönke, Archiv für Sozialgeschichte, Bonn 1968, S.5-159, hier: S.142ff.

1846 ist das Jahr, in dem es zum ziemlich hässlichen Bruch zwischen Marx/Engels und Weitling kommt: sein Spontaneismus ist nicht länger mit dem Parteiaufbau-Konzept von Marx und Engels vereinbar. Weitling wandert in die USA aus, sein Einfluss nimmt rasch ab, er, der sich auch in den USA bis in die 1850er Jahre auf Seiten der radikalen Arbeiterbewegung engagiert, wird zur Randfigur, zur historischen Gestalt. Mitten in diesem für ihn eher unglücklichen Jahr erscheint – kaum beachtet – der Mode-Essay.
Weitlings Ausgrenzung aus dem kommunistischen Kanon und seine allzu späte Wiederaufnahme unter der Maßgabe, ihn als »Vorläufer« und »Utopisten« herabzustufen – wie gesagt: Marx und Engels sind daran nicht unschuldig –, gehört zu den Tragödien der kommunistischen Bewegung. Denn die Ausgrenzung Weitlings fällt mit der Leugnung, Verdrängung, Bagatellisierung autonomer proletarischer Theoriebildung zusammen. Übrig bleibt die Legende von der Überlegenheit und also Notwendigkeit der Intellektuellen.

Was ist Mode?

Wer könnte das in Deutschland besser [wissen] als die Leser der Jahreszeiten, die es jede Woche von der ersten besten Quelle funkelnagelneu mitgetheilt erhalten? – So könnten Sie freilich mir fragend und schlagend antworten[,] und die Antwort wäre eben so richtig, als wenn auf die Frage: Was ist die Uhr? Sie mir nach dem präcisen Stand der Sonne aufs Haar die betreffenden Stunden, Minuten und Secunden hergezählt hätten. Aber das ist bei alle dem nicht die Frage[,] und diese Confusion ist nicht meine Schuld, sondern die Schuld der Leute, welche die Sprachen so confus gemacht haben. Ich mache hier keine Anspielung auf die babylonische Verwirrung, obwohl es mir möglich scheint, daß Luther’s Übersetzung von »Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochs und Esel« schon in jener Verwirrung die Wurzelwörter der Prinzipienbilder unserer heutigen Liberalen und Nationalen fand. Ich beschuldige Niemand. Es wäre auch gar nicht möglich, dem Pfuscherwerk auf den Grund zu gehen und das Gemachte vom Verbesserten, das Zufällig vom Überlegten zu unterscheiden. Aber zur Sache. Ich meine nämlich: Was bedeutet denn eigentlich das Wort Mode? mit welcher Idee kann sich Jemand davon eine richtige Vorstellung machen? – Ich will den Begriff nach verschiedenen Seiten hin sondiren, um für meine Definitionen einen zweckmäßigen Ankergrund zu finden. So sage ich ins Blaue hinein: Moden sind Veränderungen in den Kleidertrachten. – So! Weiter nichts? Laßt uns sehen. Ich schlage einen Ballanzug vor, einen Frack mit Pelzkragen und Aufschlägen und Stulpenstiefel sans culotte. – Das ist eine Veränderung der Kleidertracht, aber keine Mode. – So ist die Mode jede angenehme Veränderung in der Kleidertracht? – Aber die obscönste Kleidertracht kann dies dem Einzelnen sein, ohne deshalb Mode zu werden. Auch beschränkt sich die Mode nicht auf die Kleider; ihr Reich erstreckt sich über alles erkünstelte Angenehme, das die Begierden des Menschen im Drange nach fortwährender Abwechselung des geselligen Genusses geschaffen haben. Drum definire ich: Die Mode ist eine durch Reichthum und Schönheit geleitete und vom Wohlstand und Anstand befolgte Lebensregel, die auf die Erhöhung der Reize des geselligen Umgangs berechnet ist. Sie ist einem Kompaß gleich, der immer auf diejenigen Veränderungen des Angenehmen hindeutet, die unter den Kennern und Besitzern des Angenehmen den meisten Beifall finden.
Die Mode hat also ihren Ursprung in dem Reiz des geselligen Umgangs. Die Befriedigung dieses Reizes besteht in dem Aufsichziehen der Sympathie, der Zuneigung, des Wohlgefallen[s], der Anerkennung, Achtung, Belobung und Aufmerksamkeit Anderer. Dies kann aber nur durch Vorzüge geschehen, durch die wir uns vor Andern auszeichnen und am wirksamsten und allgemeinsten durch Auszeichnungen, durch die wir zugleich Andern nützlich werden, durch Vorzüge in körperlichen und denkenden Arbeiten. In einer zukünftigen bessere[n] Organisation der Gesellschaft wird die Mode diesen ungeheuren Stimulus mit in ihren Bereich ziehen und die Verwaltungsfundamente der Gesellschaft darauf gründen, jetzt aber, wo Talent und Fleiß nur mühevoll die Krone erringen, wo dieses Ringen bei Denen, die im Überflusse leben, des Angenehmen weniger bietet als das verfeinerte Studium des gesellschaftlichen Umgangs, wo sogar dieser Umgang und die darin angenommenen Regeln selbst zum Studium, zur Arbeit geworden sind, läßt sich die Mode den Wechsel der Genußformen nur von ausgezeichneten Schönheiten mit goldenen Griffeln Gesetze vorschreiben. Es gelten also nur die äußeren Vorzüge. Schönheit und Reichthum spielen die Hauptrollen. Die denkenden Vorzüge erhalten nur in Verbindung mit diesen Einfluß. Die durch das Selbstinteresse auf die Zwecke der Mode gerichteten denkenden Kräfte, machen der reichsten, beliebtesten und einflußreichsten Schönheit den Vorschlag des Genußwechsels, welche dann unter den zahllosen Proben immer neuer Erfindungen, abwechselnder äußerer auf angenehmen Eindruck berechneten Formen, Eigenschaften und Bewegungen die Wahl trifft.