Erinnerung an die Schönheit der Revolution [Die Linie Rimbaud-Breton-Haiti]

[1944] hatte Aimé Césaire Haiti besucht, dessen Intelektuelle sich unter dem Druck der US-Okkupation auf ihre afrikanischen Wurzeln besannen: Mit seinem poetischen Manifest Cahier d‘un retour au pays natal rannte der Dichter der Négritude bei haitianischen Intellektuellen offene Türen ein. Damit war der Boden bereitet für den Auftritt von André Breton, dessen Vortrag über die surrealistsiche Revolution in Haiti wie eine Bombe einschlug, und dies nicht nur im übertragenen Sinn.
Die High-Society der Hauptstadt, einschließlich des Staatschefs Elie Lescot, versammelte sich am 20. Dezember 1945 im Cinéma Rex, schräg gegenüber vom Präsidentenpalast, um dem Wortführer des Surrealismus zu applaudieren, von dem man allerhand Wunderdinge erzählte. Das Grußwort des Ethnologen Pierre Mabille, Kulturattaché aus dem von deutscher Besatzung befreiten Frankreich, legte die Lunte an die Zändschnur, die im Kinosaal glomm: „Ich möchte Sie hinweisen auf die Kompromißlosigkeit im Leben von André Breton. Seine entschiedende Ablehnung jeder Art von Opportunismus ist unter Literaten eine Seltenheit. Junge Menschen aus aller Welt werden von Bretons Magnetismus angezogen, weil sie sein Unbehagen teilen angesichts der von außen aufoktroyierten Bedingungen ihrer Existenz.“
Damit war der Grundton angeschlagen, der in Haiti auf einen breiten Resonanzboden traf, der der vom Wohlwollen Washingtons abhängige Präsident Lescot war extrem unpopulär, und das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Hoffnungen auf tiefgreifende Veränderungen geweckt. Die Minister und ranghohen Militärs trauten ihren Augen und Ohren nicht, als breton, statt über die Rolle der Latinität oder ein ähnlich unverfängliches Thema zu sprechen, unter Berufung auf Rimbaud zur Entreglung und Entrieglung der Sinne aufrief, ohne zu bedenken, daß man in Haiti seine Parolen vom Kampf gegen Doppelmoral und Heuchelei wörtlich nehmen würde.
Das Publikum trampelte mit den Füßen, johlte und pfiff, der Kinosaal wurde zum Tribunal, und der Staatschef mußte unter Polizeischutz zum Ausgang geleitet werden. Am nächsten Tag verbot die Regierung die dem Surrealismus gewidmete Sondernummer der Literaturzeitschrift La Ruche (Bienenwabe), André Breton wurde zur Persona non grata erklärt, und der Herausgeber der Zeitschrift, der junge Dichter René Depestre, wurde ins Gefängnis gesteckt. Daraufhin traten Schüler und Studenten in den Streik, die Arbeiter der Zuckerindustrie und der staatlichen Zementfabrik schlossen sich ihnen an, die Botschafter Frankreichs und der USA forderten Depestres, und im Januar 1946 legte ein Generalstreik Haiti lahm.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde René Depestre im Triumphzug durch die Straßen getragen, und ohne sein Zutun fand der junge Dichter sich an der Spitze einer Massenbewegung wieder, die Präsident Lescot zum Rücktitt zwang. Sein Nachfolger Estimé wies Depestre als Aufwiegler und Unruhestifter nach Frankreich aus, wo die Mandarine von Paris ihn mit offenen Armen empfingen. Unter dem Einfluß von Aimé Cesaire sagte René Depestre sich später vom Surrealismus los und trat in die Kommunistische Partei ein, die ihn als Neger vom Dienst auf internationalen Friedenskongressen herumreichte …

Aus: Hans Christoph Buch, Tanzende Schatten oder der Zombie bin ich. Romanessay, Frankfurt/M: Eichborn, 2004, S. 73ff.
Breton bezeichnetze diese Schockwellen als einzige surrealistische Revolution, die den Namen wirklich verdient.

Mit diesem Fundstück beginnen wir eine lose Reihe von unsystematischen Einträgen, in denen Haiti als Ort genuin revolutionärer Konflikte im Mittelpunkt steht. Anlass ist die deutschsprachige Veröffentlichung von Susan Buck-Morss‘ bahnbrechender Studie Hegel und Haiti sowie der anstehende 220. Jahrestag des großen Sklavenaufstands (21.8.1791), der die in der Unabhängigkeit der französischen Kolonie gipfelnde Revolution einleitete.
Frühere Haiti-Einträge finden sich hier und hier.