ÜBER KOPFSCHMERZEN
Es ist schön, Kommunist zu sein,
obwohl es viel Kopfschmerzen verursacht.Und es ist so: das Kopfweh der Kommunisten
versteht sich historisch, das heißt
es geht nicht mit Schmerztabletten weg
sondern allein mit der Verwirklichung des Paradieses auf Erden.So ist das.
Unter dem Kapitalismus tut uns der Kopf weh
und sie reißen uns den Kopf ab.
im Kampf für die Revolution ist der Kopf eine Bombe mit Zeitzünder.Beim Aufbau des Sozialismus
planen wir das Kopfweh mit ein
und es wird nicht knapp bemessen, ganz im Gegenteil.Der Kommunismus wird sein (unter anderem)
ein Aspirin von der Größe der Sonne.
Roque Dalton, aus: »Y otros lugares. Und andere Orte. Gedichte (zweisprachige Ausgabe)«, übertragen von Daniel R. Basi und Peter Schleuning. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt/M. 1981, S.113
Der Verlag teilt über Dalton mit: »1933 in San Salvador geboren hat sich Roque Dalton schon früh in der Oppositionsbewegung seines Landes engagiert. In Chile und Mexiko hat er Jura und Anthropologie studiert. 1955 ist er der kommunistischen Partei San Salvadors beigetreten, Jahre der Verfolgung, Gefängnis, Exil. Er geht nach Guatemala, Mexiko, 1967 nach Prag, dann Cuba, 1974 kehrt er nach El Salvador zurück, schließt sich im Untergrund der Widerstandsbewegung an, 1975 wird er unter ungeklärten Umständen ermordet; eine Fraktion der Guerillagruppe ERP (Ejercito Revolucionario del Pueblo) erklärt in einem Flugblatt ihn als Verräter hingerichtet zu haben …« Ein CIA-Agent soll ihm prophezeit haben: »Glaube nicht, daß du als Held sterben wirst, wir haben Dokumente, durch die wir dich als Verräter erscheinen lassen…«1
Die beiden Übersetzer waren in den 1970ern Teil von Freiburgs undogmatischer linker Szene. Peter Schleuning, der seit den 70ern mit Klaus Theweleit in einer freien Improvisationsgruppe spielt(e), avanicerte zu einem der spannendsten deutschsprachigen Musikhistorikern (etwa »Der Bürger erhebt sich. Geschichte der deutschen Musik im 18. Jahrhundert«, Neuausgabe 2000 bei Metzler/Stuttgart). Oben zitiertes Gedicht war eines der bestgehüteten Schmuckstücke der Freiburger Szene: Schleuning und Basi waren Mit-Initiatoren einer Filmreihe unter dem Namen »Kino Aspirin«, und der linke Buchladen Jos Fritz hieß ursprünglich Aspirin (bis zur Intervention des namenbesitzenden Chemie-Konzerns).
»Y otros lugares.« weist einen informationsreichen Anhang auf, daraus noch ein längeres Zitat der Literaturwissenschaftlerin Judith A. Weiss:
In einem kurzen Prosaabschnitt 1957 sah ich Lenin in Moskau erklärt Dalton den Mechanismus, den er in seinem Werk entwickelt hat. Er macht einem fiktiven Leser klar, daß die Ironie eine kritische Ausdrucksweise des kolonisierten Menschen ist, die er angenommen hat, um die Werte zu entheiligen, die ihm aufgezwungen worden sind. Die ideologischen Grimassen Daltons haben einen gewissen Bezug zu der immensen Lust, die er während seines Moskaubesuches, das Mausoleum in die Luft zu jagen, damit sich Lenin aus den Marmorwänden erhebt, um aufs Neue die Welt zu durchwandern, Hand in Hand mit dem Gespenst des Kommunismus. Äußerst ironisch und eindrucksvoll ist dieser Gebrauch des Wortes »Gespenst« für einen Hinweis auf den Kommunismus, weil es sowohl die Macht bedeuten kann, die wie ein Racheengel in jedem Moment die Feinde des Kommunismus verfolgt, als auch die Qualität einer unberührbaren Bewegung, eines vagen und unfaßbaren Phänomens, einer Energie, die immer noch nicht einen Platz gefunden hat, wo sie rasten kann.
Aktuelle Texte zu Dalton
Horacio Castellanos Moya, „Von der Unfähigkeit, sich das Lachen zu verbeißen“
Thomas Schmid, „Wer erschoss Roque Dalton?“
Erich Hackl, „Der Fall Dalton“
Markus Müller, „Vom Ameisenhaufen zum Auberginenpüree“
- Aus einer anderen Kurzbiographie: „1970 ging Dalton zurück nach El Salvador und baute die »Revolutionäre Volkarmee« mit auf. Bald jedoch kam es zu Auseinandersetzungen mit anderen Mitgliedern: Man unterstellte ihm, die Organisation spalten zu wollen, und exekutierte ihn am 10. Mai 1975. Wahrscheinlich durch die salvadorianische Regierung wurde später das Gerücht in Umlauf gebracht, wonach er als CIA-Agent enttarnt und deshalb hingerichtet worden wäre. Die Geschichte dieser Verleumdung ist vorweggenommen in Daltons nachgelassenem Roman Poibrecito poeta que era yo (dt. Armer kleiner Dichter, der ich war).“ [zurück]