Die despotische Rationalität (Erinnerung an die Anstrengungen für eine Revolution)

Im Juni vor fünfzig Jahren erschien die erste Ausgabe der Quaderni Rossi, jenes Theoriemagazins, das häufig als Gründungsdokument des Operaismus identifiziert wird (was aber ein bisschen wichtigtuerisch ist, die Wurzeln des sogenannten Operaismus – das war übrigens mal ein Schimpfwort, das darauf abzielen sollte, die hier durchaus vorliegende Verherrlichung der ArbeiterInnen-Subjektivität aufs Korn zu nehmen – liegen in den 50er Jahren, als sich junge Marxisten wie eben Raniero Panzieri an eine Relektüre des Marxschen und nota bene auch des Leninschen Textkorpus unter dem Eindruck zahlreicher Einflüsse [amerikanische Industriesoziologie] und Erinnerungen an die Aufgaben der Revolution [die Beharrlichkeit des Linkskommunismus] machten1). Dieses Jahr wäre der Zeitschriftengründer und wahrscheinlich anregendste ›Operaist‹ Raniero Panzieri (wahrscheinlich deshalb, weil nur ein Bruchteil seiner Schriften übersetzt ist) neunzig Jahre geworden. 1964, wenige Monate vor seinem jähen Tod am 9. Oktober 1964, veröffentlichte er in den Quaderni einen seiner letzten Texte »Mehrwert und Planung«. Aus diesem wird im folgenden zitiert (»Pozzoli-Edition«, S. 68f., gekürzt um zwei Fußnoten). Lassen wir das Konstruieren von Anlässen. Panzieris Text ist großartig, gerade weil er sich streng und absolut »unorigenell«am »Kapital« entlang hangelt und die rationalen Momente in der widersprüchlichen Einheit von Produktions- und Verwertungsprozess herausarbeitet. In diesen rationalen Momenten kristallisiert sich aber nicht das BEWAHRENSWERTE des Kapitalismus, seine guten Seiten. Gerade in ihnen konzentriert sich das Potenzial zur Verkehrung der Welt: Das Rationale im Produktionsprozess erscheint als Naturgesetz, Aufklärung schlägt in Mythos um, auch eine Dialektik der Aufklärung (man sollte nicht vergessen, dass Panzieri ein exzellenter Kenner der kritischen Theorie war). Der klassische Operaismus (ersetze dieses Wort künftig durch: orthodoxer Marxismus) singt gerade kein Loblied einer ungebrochen widerständigen Arbeiterinnensubjektivität, sondern will die reformistisch-revisionistischen Illusionen, die damals am krassesten von den Parteikommunisten Moskauer Provenienz gepflegt und gehegt wurden, zertrümmern. »Die ›immanenten Widersprüche‹ [der kapitalistischen Produktion] liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse.« Damit ist die AUFGABE kommunistischer Klassenkerne formuliert und noch keine ZUSTANDSBESCHREIBUNG. Die Verdinglichung dieses Postulats zu einem ontologischen Zustand blieb dann Toni Negri überlassen. ANMERKUNG dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind2.

Wenn die Anwendung der Maschinen in großem Maßstab und in allen Produktionszweigen verallgemeinert ist, ist der Kapitalismus im Bereich der unmittelbaren Produktion Despotismus, der im Namen der Rationalität ausgeübt wird: der alte »wissenschaftliche« Traum vom Perpetuum mobile, einer ohne Arbeitsaufwand erzeugten Bewegung, scheint sich mit der aufs höchste gesteigerten Ausbeutung der Arbeitskraft und der höchsten Unterwerfung des Arbeiters unter den Kapitalisten zu realisieren (in der Verbindung dieser beiden Elemente äußert sich das Mehrwertgesetz).
Der Despotismus des Kapitals erscheint als Despotismus der Rationalität; sie ist die notwendige Vermittlung für das bessere Funktionieren des Kapitals in seinen beiden Bestandteilen, dem konstanten und den variablen Teil, festigt ihre Wechselbeziehung und läßt sie als technisch notwendig erscheinen. In der Sphäre der unmittelbaren Produktion ist der Kapitalismus für Marx Planung auf der Grundlage der unbeschränkten Entwicklung der Produktivkräfte: vor allem hier offenbart sich der antagonistische Charakter der kapitalistischen Produktion. Die ›immanenten Widersprüche‹ liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse. Das Prinzip der Planung, das für den Kapitalisten ›Vorausschau‹, ›Sicherheit des Resultats‹, ›rationale Proportionalität‹ ist, setzt sich gegenüber dem Arbeiter nur als ›überwältigendes Naturgesetz‹ durch. Im Fabriksystem besteht der anarchische Aspekt der kapitalistischen Produktion einzig in der Insubordination der Arbeiterklasse, in ihrer Ablehnung der ›despotischen Rationalität‹. Angesichts der engen Verflechtung von Technik und Macht, die den Kapitalismus kennzeichnet, kann die Perspektive einer anderen (von den Arbeitern selbst bestimmten) Anwendung der Maschinen sich natürlich nicht auf die bloße Umwälzung der Produktions-(Eigentums-)verhältnisse gründen, als seien diese eine, Hülle, die auf einem bestimmten Entwickungsniveau der Produktivkräfte nur deshalb unweigerlich fallen müßte, weil sie zu eng geworden ist: die Produktionsverhältnisse liegen in den Produktivkräften, die Produktivkräfte tragen den ›Stempel‹ des Kapitals. Gerade das ermöglicht es dem Kapitalismus, sich auch noch fortzusetzen, nachdem die Entwicklung der Produktivkräfte bereits ihr höchstes Niveau erreicht hat. Die gesellschaftliche Regelung des Arbeitsprozesses stellt sich dann unmittelbar als eine Art Planung dar, die im Gegensatz zur kapitalistischen Planung steht.

  1. Siehe hierzu jetzt die Einführung von Christian Frings: »Organisationskritik im Operaismus«, erschienen in Michael Bruch / Wolfram Schaffar / Peter Scheiffele (Hrsg.): »Organisation und Kritik«, Münster 2011 (Verlag Westfälisches Dampfboot), S. 170ff. Über weite Strecken ein präziser, knackiger Text, der sich mit dem Ärgernis des sog. Post-Operaismus nicht weiter aufhällt, der allerdings auch nicht dem Erbe des Linkskommunismus nachspürt. [zurück]
  2. Dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind. [zurück]