Material zur Kritik der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften stehen inzwischen auch hinsichtlich der Probleme der Arbeitsorganisation voll auf Unternehmerseite. Arbeiterinteressen werden von ihren Institutionen nur insoweit aufgegriffen und transportiert, als es die Stabilität des Kontakts mit den unqualifizierten deutschen Arbeiterschichten erheischt. Nur unter diesem Aspekt werden Konzessionen ausgehandelt, und nur in diesem Kontext wird politischer Druck ausgeübt: die Mitbestimmungsbewegung zielt beispielsweise ausschließlich darauf ab, die Gewerkschaften und deren selektierte Basis innerhalb der Klasse auch auf gesellschaftlicher Ebene an den Perspektiven des Systems zu beteiligen. Und nicht zuletzt haben sich auch diverse traditionelle Arbeiterorganisationen, die ihre Arbeitermitglieder inzwischen zum systematischen Aufstieg innerhalb der prospektiven Mitbestimmungshierarchie verpflichten – allen voran die DKP – entschieden, ihre Rückwärtsgewandtheiten zu modernisieren und sich an die Stabilisierungsperspektive des Systems anzuhängen. Soweit die materielle Basis für ein flexibel reorganisiertes Klassenkommando, das inzwischen auf spektakuläre äußere Einkreisungsmanöver verzichtet und alle Kräfte darauf konzentriert, die Initiative von der Abteilungsebene her wiederzugewinnen. Es ist dies der Ausgangspunkt für die politisch-repressive Disziplinierung jener Arbeiterschichten der mechanisierten Massenproduktion, die sich mit dem Produktionsziel nicht mehr identifizieren, die mehr denn je durch ihre alltäglichen Kampfformen die Existenzberechtigung eines reifen Kapitalismus bestreiten. An dieser Disziplinierung, die die Hingabebereitschaft an die Mehrwertproduktion offen und politisch bewußt erzwingt, sind die Gewerkschaften voll beteiligt. Es demonstriert ihre konsequente Klassenlinie und ist keinesfalls als skandalöser faux pas zu werten, wenn wir hören, daß eben diese Gewerkschaften, die 1967 noch scheinheilig die volle ‚Aufdeckung‘ der Werkschutzaffäre forderten, 1970 zur Gründung eines ‚Arbeitskreises Werkschutz im DGB‘ fortgeschritten sind. Heute sind 80 Prozent aller Werkschutzpolizisten gewerkschaftlich organisiert – ein weiterer Beleg dafür, daß die Gewerkschaften kaum mehr Arbeiterorganisationen, sondern zuallererst einmal Zusammenschlüsse von Meistern, Vorarbeitern, Kalkulatoren, Arbeitsvorbereitern mit einem gewissen Rückhalt bei den umqualifizierten deutschen Arbeitergruppen sind, denen inzwischen sogar ein Refa-Ingenieur [Refa = urspr. Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung] als Bundesvorsitzender präsidiert.

Aus: Karl-Heinz Roth, Die andere Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland; mit ausführlicher Dokumentation zur Aufstandsbekämpfung, Werkschutz u.a. (unter Mitarbeit von Elisabeth Behrens), erste Auflage München 1974 (Trikont Verlag). S. 254f. (Download)