»Das Menschenbild des Sozialismus ist, ich sage das als zukunftsfroher Marxist, durch und durch rassistisch.«

GROLL: Ich bin der tiefen Überzeugung, daß die Kommunisten, wären sie zugrunde gegangen, anstatt sich zugrunde gerichtet zu haben, wegen ihres Versagens gegenüber den Schwächsten zugrunde gegangen wären. Übrigens möchte ich Kuba von diesem Befund ausnehmen. Selbst heute noch, da Kuba ökonomisch erdrosselt wird, leben geistig Behinderte dort unvergleichlich menschenwürdiger als in den USA. Dennoch: Die Marxschen Gedanken sind zuerst in den Behindertenghettos des Realen Sozialismus erstickt. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Warnungen beamteter Revolutionäre vor den politisch unberechenbaren Lumpenproletariern, wozu auch die Behinderten gezählt wurden.

TRITT: Bei allem Respekt für Ihre Lage: Heißt das nicht, die Bedeutung der Behinderten für die Linke grotesk überzubewerten?

GROLL: Keinesfalls! Der Aufstand der russischen Proleten war zu großen Teilen ein Aufstand der Lumpenproletarier, der Kriegskrüppel, Invaliden, Arbeits- und Wohnungslosen. In jeder Revolution, die in den Straßen ausgefochten wurde, war der Anteil der Deformierten, der späteren »Ballastwesen«, unverhältnismäßig hoch. Der Abscheu der Bürger vor den Kommunisten war auch der Abscheu vor den in deren Reihen hinkenden oder rollenden Krüppeln. Nehmen Sie nur die Ausrufung der österreichischen Republik im Oktober 1918: Auf den Fotos erkennen Sie überwiegend Kriegskrüppel – einbeinige, blinde, verwachsene, skrofulöse Menschen. Das Massaker am Gründonnerstag 1919 in Wien – nahezu alle Getöteten waren Kriegsinvaliden! Die Angehörigen des Arbeiter- und Soldatenrates, der die Macht bis ins Jahr 1920 innehatte: nur wenig Nichtbehinderte. Dieselbe Situation in Italien, in Deutschland, in der Slowakei, in Ungarn. Nein, geschätzter Freund, wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, daß sowohl die Sozialdemokraten als auch die Kommunisten in den Jahren des kapitalistischen und des sozialistischen Aufbaus in dieser Frage auf der ganzen Linie versagt haben. Für die Revolution waren die Krüppel gut genug, Staat wollte man mit ihnen aber keinen machen. Der Reale Sozialismus sperrte sie in Heime, nie erlangten sie die Freiheit, ihren Bedürfnissen gemäß zu leben. Zwar wurden den Behinderten untergeordnete Arbeiten zugeteilt, die baulichen und sozialen Barrieren aber wuchsen mit der Saturiertheit der Revolutionäre ins Skandalöse. Mit dem Rollstuhl den Alexanderplatz zu überqueren, die Altstadt von Krakau zu befahren oder in Budapest eine Behindertentoilette zu finden, das waren Extremsituationen, die nur mit der Kursker Panzerschlacht zu vergleichen sind! Für mich gibt es keinen Zweifel, daß in diesen Beispielen nicht nur abgrundtiefe Borniertheit, sondern, mehr noch, eine generelle Menschenfeindlichkeit sich ausdrückt.

TRITT: Sie bringen es noch soweit, daß ich als Sozialdemokrat die Kommunisten vor Ihnen in Schutz nehme!

GROLL: Warten Sie ab, was ich über die Sozialdemokratie zu Protokoll gebe. Aber noch sind wir beim Realen Sozialismus. Es stimmt: Behinderte bekamen ihren Trabant schneller als Nichtbehinderte. Es stimmt: Sie durften auch in den Westen reisen, um ihre Rollstühle reparieren zu lassen.

TRITT schreibt: Sehen Sie!

GROLL: So mancher Verantwortliche hoffte wohl, sie würden im Westen bleiben. Die große Sowjetunion, die Sibirien und den Weltraum erschloß, die Flüsse umleitete, Wüsten bewässerte und Millionen Panzer produzierte, war nicht in der Lage, eine funktionierende Hilfsmittelversorgung auf die Beine zu stellen. Haben Sie einmal sowjetische Rollstühle gesehen? Bei ihrem Anblick glaubte man, eine Selbstfahrlafette aus der Zeit Iwans des Schrecklichen vor sich zu haben.

Tritt schüttelt den Kopf und schreibt eifrig in das Notizbuch.

GROLL: Anfang der achtziger Jahre erteilte der Stadtrat in Frankfurt an der Oder der evangelischen Kirche die Erlaubnis, für einen querschnittgelähmten Burschen zu sammeln – er sollte einen Westrollstuhl erhalten. Und das, nachdem der Bedauernswerte ein volles Jahr im Bett gelegen hatte!

TRITT: Das ist nicht wahr!

GROLL: Das dachte der Betroffene auch. Einem durch Kinderlähmung schwer gehbehinderten Mitarbeiter eines großen Berliner Verlages mutete man eine Wohnung im sechsten Stock ohne Lift zu.

TRITT: Unmöglich!

GROLL: Eine Tatsache. Ein Bluter mußte von Woche zu Woche um seine lebensnotwendigen Medikamente bangen. Das VEB Arzneimittelwerk war nicht in der Lage, kontinuierlich zu liefern.

TRITT: Aufhören!

GROLL: In ungarischen Schulen wurden behinderte Kinder von ihren nichtbehinderten Altersgenossen strikt getrennt. In der polnischen Stadt Bialystok durfte ein muskelkrankes Mädchen mit Gleichaltrigen nicht einmal denselben Kindergarten besuchen.

TRITT: Dabei hätte der Reale Sozialismus erstmals die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben auch behinderter Menschen geboten, ein Leben frei von Faschisten, Ausbeutern und mächtigen Dummköpfen.

GROLL: Doch der Feind der Behinderten saß von allem Anfang mit am Tisch, saß im Politbüro, saß in den Parteivorständen, und dieser Feind hieß: Rassismus.

TRITT: Ich weigere mich, das zu glauben!

GROLL: Dann hören Sie die folgende Geschichte: Im Jahre 1982 fuhr ich mit dem Auto in die DDR, und an der Grenze fragte mich der Zöllner: »In welchem Ausmaß sind Sie denn schwerbeschädigt?«

TRITT: Schwerbeschädigt?

GROLL: Sie hören recht. Wer behinderte Menschen als schwerbeschädigt tituliert, degradiert sie zu Wesen jenseits der Person, einer Maschine näher stehend als einem Menschen. Die Unterdrückung behinderter Menschen zählt dann nur als Sachbeschädigung, wie die Ermordung eines Hundes.

TRITT: Ich bin entsetzt!

GROLL: Als ich den Zöllner dieses unsägliche Wort aussprechen hörte, war mir klar, daß es mit dem humanistischen Gehalt der »entwickelten sozialistischen Gesellschaft« nicht so weit her sein kann; und als ich, Jahre später, in einer Rostocker Buchhandlung das Buch Schwerbeschädigtengesetz der DDR erwarb, stand für mich fest: In den sozialistischen Staaten behindert zu sein, ist ein empörend schweres Los.

TRITT: Niemand hat davon gesprochen.

GROLL: Die Defekte des Sozialismus wollte man nicht an seinen Bürgern verwirklicht sehen. Deswegen wurde der »allseitig vervollkommnete sozialistische Körper« auf Universiaden und Spartakiaden in einer Art und Weise vergötzt, die Leni Riefenstahl mit Genugtuung erfüllt haben muß. Der defekte Körper, der defekte Geist aber wurden in Sonderanstalten gesperrt, die Atombunkern mehr als Sanatorien glichen.

(…)

GROLL: (…) Nur bewußte Menschen können Sozialisten sein, gegen die Gefühlsduselei in der Linken hat Marx schon vor hundertfünfzig Jahren in der Schrift Das Elend der Philosophie gewettert. Die sozialistischen Staaten und der Sozialstaat der Sozialdemokraten gehen gemeinsam unter. Wer sich um die Schwächsten nicht kümmert, der kann auch keine Ökonomie führen. Die Ikone beider Sozialismen war der schweißüberströmte, siegessichere Facharbeiter. Muskeln wie ein Gebirge, Blick in die Ferne, Fäuste wie ein Amboß. Der sozialistische Humanismus ist, was die Lage der Behinderten betrifft, nichts als eine böse Karikatur auf eine Gesellschaft, in der potentiell jeder seinen Bedürfnissen gemäß hätte leben können.

TRITT: Das ist ein niederschmetternder Befund.

GROLL: Das Menschenbild des Sozialismus ist, ich sage das als zukunftsfroher Marxist, durch und durch rassistisch. Daß der Antisemitismus in der Linken nicht ausgestorben ist, daran besteht ja mittlerweile kein Zweifel mehr. Daß auch der gewöhnliche Rassismus in der Linken tief verwurzelt ist, diese Geburtsbehinderung muß gerade uns behinderten Linken zu denken geben.

TRITT: Da erhebt sich aber die Frage: Wozu überhaupt noch Linker sein?

GROLL: Die Frage ist berechtigt. Aber sie ist leicht zu beantworten, wenn Sie die politischen Alternativen in Betracht ziehen.

TRITT: Ja, manchmal unterscheiden sich die Alternativen nur im Ausmaß ihrer Scheußlichkeit.
(…)

[Muss man noch irgendwas hinzufügen? Nein, muss man nicht. Quelle: Erwin Riess, Ausschnitt aus einem längeren Dialog, der in KONKRET 4/1995, S.28, erschien und der später auch in Riess’ Publikation »Herr Groll erfährt die Welt«, Elefanten Press, Berlin 1996, aufgenommen wurde. Riess kennt man hierzulande vor allem als KONKRET-Autor (seit 1991), in Österreich ist er mittlerweile einer der wichtigsten Gegenwartsdramatiker.]