Große Überraschung! Spezielles Thema!

Kürzlich einen Bekannten getroffen, der als Richter gearbeitet hatte, ein Linker, ich weiß aber nicht, ob er als Richter überhaupt im Geiste seiner Haltung entscheiden konnte. Aber man fällt ja nicht nur Urteile, sondern kümmert sich auch um die Belange seines Faches.
So kam es, dass er einst eine hochoffizielle Tagung zum Thema Justiz & NS mitorganisierte. Er referierte über Carl Schmitt und zitierte dessen an Eindeutigkeit und hysterischer Bekenntnissucht nicht zu übertreffenden Aufsatz »Der Führer schützt das Recht«. Sein Referat wurde nicht diskutiert, er selbst geschnitten. In der Kaffeepause nahm ihn ein Kollege beiseite und fragte kopfschüttelnd, wie er denn auf dieses höchst spezielle Thema samt diesem abseitigen Text gekommen sei?
Auf dieser Tagung saßen fast ausschließlich SPD- und CDU-nahe Juristen, kein einziger direkter Schmitt-Schüler unter ihnen, keiner, dessen Geburtsdatum ihn in Verlegenheit hätte bringen müssen. Alles lupenreine Demokraten.
Und höchstwahrscheinlich keiner von ihnen wollte die Realität leugnen. Jaja, der Schmitt war tatsächlich mal ein Naziapologet, aber wir müssen lernen, durch den Zierrat der zeitlichen Umstände hindurch zu stoßen, um uns die Strukturen seiner Argumentationsweisen anzuschauen, die den NS doch weit übersteigen. Ein bisschen recherchiert und in einer älteren Schmitt-Besprechung in der FAZ folgende Passage entdeckt: »Selbst der schreckliche Artikel Schmitts, der schon in seiner Überschrift verkündete, der Führer schütze das Recht (…), enthielt nicht ganz unwesentliche Passagen, in welchen zum Ausdruck kam, daß zwar der Führer oberster Gerichtsherr sei, aber auch nur der Führer, und daß alle anderen Übertretungen strafrechtlich verfolgt werden müßten.« Klarer Fall von: Wenn das der Führer gewusst hätte … (Gefunden in der FAZ vom 9.12.1995, Autor ist der Historiker Wolfgang Schuller.)