Ohne andre Leute nachzuahmen

Es gibt eine Menge, was der landläufigen Meinung nach gegen eine Beschäftigung mit Amadeo Bordiga1 spricht. Die üblichen Diffamierungen beiseite gelassen, die deswegen interessant sind, weil sie sich so krass widersprechen, lassen sich folgende Vorbehalte aufzählen: »die Sache mit dem Antifaschismus«, die unbedingte (sic!) Parteinahme für Lenin, die Reduktion politischer Aktivität auf die Erhaltung des kommunistisches Programms, die Theorie von der kommunistischen Partei als zentralem Element der Rekonstruktion marxistischer Orthodoxie, schließlich die Invarianz – d.i. Unverrückbarkeit all dieser erwähnten Prinzipien.
Das Invarianz-Postulat dürfe wohl das größte Befremden auslösen. Das schmeckt nach der Halsstarrigkeit eines Unverbesserlichen (so ist es ja auch), und das will sich niemand nachsagen lassen, heutzutage ist selbst die kühnste Linksradikale ein gefallsüchtiger (provokanter, origineller, subversiver) Mensch.
Die entscheidende Passage bei Bordiga lautet:

Eine neue Doktrin kann nicht zu einem x-beliebigen historischen Zeitpunkt auftauchen. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte und genau charakterisierte – und auch höchst seltene – Epochen der Geschichte, in denen sie als blendender Lichtkegel auftauchen kann. Hat man den entscheidenden Augenblick nicht erkannt und das alles erhellende Licht nicht erblickt, wird man vergeblich zu den Kerzenstummeln greifen, mit denen pedantische Akademiker oder von ihrer Sache nicht überzeugte Kämpfer sich den Weg zu bahnen suchen.
Für das moderne, zuerst in den Ländern mit großer kapitalistischer, industrieller Entwicklung entstandene Proletariat wurde die Finsternis kurz vor Mitte des vorigen Jahrhunderts zerrissen. Die in sich geschlossene Doktrin, an der wir festhalten, festhalten müssen und festhalten wollen, hatte damals alle Daten zur Verfügung, um entstehen zu können und den Verlauf von Jahrhunderten zu zeichnen, in denen sie bekräftigt und nach gewaltigen Kämpfen bestätigt werden muss. Entweder bleibt diese Position gültig oder die Doktrin wird sich als falsch und die Behauptung des Auftretens einer neuen Klasse mit eigenem Charakter, eigenem Programm und eigener revolutionärer Funktion in der Geschichte wird sich als hohl erwiesen haben. Wer also daran geht, Teile, Thesen, wesentliche Abschnitte des marxistischen »Korpus« – seit ca. einem Jahrhundert unser »Vermögen« – auszuwechseln, zerstört dessen Kraft noch mehr als der Verneiner, der den Marxismus als Ganzes zu einer Missgeburt erklärt. (6.9.1952)

Eigentlich reicht das an Aufklärung, und wer es noch genauer lesen will, möge sich im vollständiger werdenden deutschsprachigen Textarchiv bedienen. Wer Bordiga aber weiterhin das Festhalten an vermeintlich starren Prinzipien vorwirft, dem sei folgende Denksportaufgabe gestellt: Hat sich irgendjemand darüber aufgeregt, dass die jungen Leute seit einigen Jahren wieder in KAPITAL-Kurse strömen, die dezidiert dem Leitbild folgen, das Buch und NUR das Buch zu lesen und alle Fragen der »Aktualisierung« außen vor zu lassen? Ein aparter Widerspruch, einerseits dem alten Kommunisten die Invarianz seiner Theorie vorzuwerfen, andererseits von der puren, unverfälschten KAPITAL-Lektüre zu schwärmen. Und hat man sich eigentlich mal gefragt, warum die Stücke von Shakespeare nicht altern und uns Herman Melville bis auf den Grund unserer, naja, Seele durchschaut hat?

Franz Baermann Steiner, ein beunruhigender, anregender Denker, gerade weil er nicht gefallsüchtig ist, nicht provokant, nicht originell und schon gar nicht subversiv – und der allein aus dieser Haltung ein entfernter Verwandter Bordigas ist –, hat die Notwendigkeit der Orthodoxie einmal so verteidigt (und das Schlimmste an Stalin war die schöpferische Anwendung des Marxismus):

Die borniertesten Lebensvorschriften und Gesetze geben Freiheit insofern, als sie dem Menschen es ermöglichen, sich einzuordnen, ohne andre Leute nachzuahmen. Erst die Zerstörung jeder Orthodoxie ermöglicht das Massenbewusstsein, wie wir es heute kennen, mit seiner aus Nachäfferei entstandenen ängstlichen, klebrigen Kohäsion.2

  1. B. wird hier pars pro toto nehmen, weil die Formulierung »… jener Minderheit italienischer und dann später auch französischer Kommunistinnen und Kommunisten, die unter widrigsten Umständen die Unbeugsamkeit der Marx’schen Theorie durchgehalten haben« auf die Dauer dann doch zu sperrig und Bordiga nun mal die Reizfigur schlechthin ist: Wer sich in »Szene«-Kreisen als Sympathisantin des sog. Linkskommunismus outet, wird nett getätschelt; wer daran im Anschluss seine Sympathie auf die gründliche Lektüre der Schriften Bordigas, Ottorino Perrones oder Onorato Damens zurückführt, nicht für voll genommen. Jammern nützt aber nix, verstecken auch nicht. Also sprechen wir es aus. [zurück]
  2. Ja, ein Verwandter, indeed. Siehe diese Stelle bei Bordiga (Schlusspassagen!):
    Und das macht es unserer [kommunistischen, Anm. Ofenschlot] Bewegung erst recht zur Pflicht, sich auf den Boden eines unverletzlichen Korpus theoretischer und programmatischer Schriften zu stellen; innerhalb der politischen Klassenorganisation muss dieser Korpus angesichts der schrecklichen Anforderungen des langwierigen Kampfes eine Form von Gehorsam und Disziplin verlangen, die keine Ausnahme zulässt.
    Doch wäre jede organisatorische Disziplin steril und leblos, wenn ihre Grundlage nicht das strenge theoretische Regelwerk wäre. Erstere läuft Gefahr, als Unterwerfung gegenüber einer Person verhöhnt zu werden, deren Fall nach kurzem Aufstieg um so tiefer sein wird; Letzteres hingegen lässt sich nicht als läppische Verehrung eines Namens oder einer Person abtun, sondern muss sich auf einen geschriebenen Text beziehen. Auch wenn dieser ein bescheideneres Aussehen als die alten Schriftrollen oder monumentalen Gesetzestafeln hat, besteht sein Größe doch darin, ein nicht dem Individuum, sondern der kämpfenden Gemeinschaft angehörendes Potenzial auszudrücken, das Potenzial einer Klassenarmee, die durch unsere Bewegung und erstmals im Verlauf der Jahrhunderte – aufgrund eben der Tatsache, dass das Vermächtnis jenes Glaubens eifersüchtig gehütet wird – das wirklich aufgeklärte Gattungswissen in sich selbst erkennt, das erst in einer nicht in Klassen gespaltenen Gesellschaft möglich sein wird.

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