»… ihn nicht von dem Schmutz des Erwerbs befreien, sondern ihm vielmehr die Gewerbefreiheit verleihen.«

Dem gewittrigen, schwülen, wechselhaften Wetter entsprechend, geben wir uns träge und folgen einfach einer Assoziation, besser: einer Anregung, die wir aus dem letztens hier verlinkten Bordiga-Essay über die Lehren der Konterrevolution entnommen haben. Bordiga geht dort auf Marxens (und Engels’)1 Bruno-Bauer-Kritik aus der »Heiligen Familie. Oder Kritik der kritischen Kritik« (1844/45 geschrieben) ein und zeigt wie Marx Napoleon, wenn man so will: dialektisch rettet.
Wenige Seiten zuvor – MEW, Bd. 2, S. 119ff. (wir zitieren im folgenden nach www.mlwerke.de) – fasst Marx seine Dekonstruktion (uh, böses Wort!) der Menschrechte zusammen und entwickelt daraus seine Staatsableitung (uh, noch ein böses Wort!): »Der moderne „öffentliche Zustand“, das ausgebildete moderne Staatswesen, hat nicht, wie die Kritik meint, die Gesellschaft der Privilegien, sondern die Gesellschaft der aufgehobnen und aufgelösten Privilegien, die entwickelte bürgerliche Gesellschaft, worin die in den Privilegien noch politisch gebundenen Lebenselemente freigelassen sind, zugrunde liegen.«
Man liest viel zu wenig Marx und hält sich viel zu oft mit Kommentatorinnen, Aktualisieren, Neutendeckerinnen und Kontextualisieren auf. Und wenn man dann mal – fast schon widerwillig – dazu kommt, die ein oder andere Stelle bei den Alten selber mal nachzuschlagen, kriegt man heiße Ohren: Es ist ja alles schon gesagt.

In den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ wurde nun dem Herrn Bauer entwickelt, daß diese „freie Menschlichkeit“ und ihre „Anerkennung“ nichts anders ist als die Anerkennung des egoistischen, bürgerlichen Individuums und der zügellosen Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche den Inhalt seiner Lebenssituation, den Inhalt des heutigen bürgerlichen Lebens bilden, daß die Menschenrechte den Menschen daher nicht von der Religion befreien, sondern ihm die Religionsfreiheit geben, ihn nicht von dem Eigentum befreien, sondern ihm die Freiheit des Eigentums verschaffen, ihn nicht von dem Schmutz des Erwerbs befreien, sondern ihm vielmehr die Gewerbefreiheit verleihen.

Man zeigte nach, wie die Anerkennung der Menschenrechte durch den modernen Staat keinen andern Sinn hat als die Anerkennung der Sklaverei durch den antiken Staat. Wie nämlich der antike Staat das Sklaventum, so hat der moderne Staat die bürgerliche Gesellschaft zur Naturbasis, sowie den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. den unabhängigen, nur durch das Band des Privatinteresses und der bewußtlosen Naturnotwendigkeit mit dem Menschen zusammenhängenden Menschen, den Sklaven der Erwerbsarbeit und seines eignen wie des fremden eigennützigen Bedürfnisses. Der moderne Staat hat diese seine Naturbasis als solche anerkannt in den allgemeinen Menschenrechten. Und er schuf sie nicht. Wie er das Produkt der durch ihre eigne Entwickelung über die alten politischen Bande hinausgetriebnen bürgerlichen Gesellschaft war, so erkannte er nun seinerseits die eigne Geburtsstätte und Grundlage durch die Proklamation der Menschenrechte an.

(…)

Der moderne „öffentliche Zustand“, das ausgebildete moderne Staatswesen, hat nicht, wie die Kritik meint, die Gesellschaft der Privilegien, sondern die Gesellschaft der aufgehobnen und aufgelösten Privilegien, die entwickelte bürgerliche Gesellschaft, worin die in den Privilegien noch politisch gebundenen Lebenselemente freigelassen sind, zugrunde liegen. Keine „privilegierte Abgeschlossenheit“ steht hier weder der andern noch dem öffentlichen Zustande gegenüber. Wie die freie Industrie und der freie Handel die privilegierte Abgeschlossenheit und damit den Kampf der privilegierten Abgeschlossenheiten untereinander aufheben, dagegen an ihre Stelle den vom Privilegium – welches von der allgemeinen Gesamtheit abschließt, aber zugleich zu einer kleineren exklusiven Gesamtheit zusammenschließt – losgebundenen, selbst nicht mehr durch den Schein eines allgemeinen Bandes an den andern Menschen geknüpften Menschen setzen und den allgemeinen Kampf von Mann wider Mann, Individuum wider Individuum erzeugen, so ist die ganze bürgerliche Gesellschaft dieser Krieg aller nur mehr durch ihre Individualität voneinander abgeschlossenen Individuen gegeneinander und die allgemeine zügellose Bewegung der aus den Fesseln der Privilegien befreiten elementarischen Lebensmächte. Der Gegensatz von demokratischem Repräsentativstaat und bürgerlicher Gesellschaft ist die Vollendung des klassischen Gegensatzes von öffentlichem Gemeinwesen und Sklaventum. In der modernen Welt ist jeder zugleich Mitglied des Sklaventums und des Gemeinwesens. Eben das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft ist dem Schein nach die größte Freiheit, weil die scheinbar vollendete Unabhängigkeit des Individuums, welches die zügellose, nicht mehr von allgemeinen Banden und nicht mehr vom Menschen gebundne Bewegung seiner entfremdeten Lebenselemente, wie z.B. des Eigentums, der Industrie, der Religion etc., für seine eigne Freiheit nimmt, während sie vielmehr seine vollendete Knechtschaft und Unmenschlichkeit ist. An die Stelle des Privilegiums ist hier das Recht getreten.

Also erst hier, wo kein Widerspruch zwischen der freien Theorie und der praktischen Geltung der Privilegien stattfindet, vielmehr die praktische Vernichtung der Privilegien, die freie Industrie, der freie Handel etc. der „freien Theorie“ entspricht, wo dem öffentlichen Zustand keine privilegierte Abgeschlossenheit entgegensteht, wo der von der Kritik entwickelte Widerspruch aufgehoben ist, ist das vollendete moderne Staatswesen vorhanden.

  1. Weswegen Engels bloß in Klammer erwähnt wird: »Die Heilige Familie« wird als erste gemeinsam von Marx und Engels verfasste Schrift angesehen. Tatsächlich gingen der Niederschrift ausgiebige Diskussionen der beiden voran. Der Text selbst stammt zum ganz überwiegenden Teil von Marx, Engels war es sogar ein wenig peinlich, dass er auf dem Titel als gleichberechtigter Autor erschien. Klar auch am ausufernden polemischen Stil zu erkennen, der einen krassen rhetorischen Überschuss produziert. Engels, dem es ein wenig unangenehm war, auf dem Titel als gleichberechtigter Autor genannt zu werden, ist ja ein viel nüchterner, aufgeräumterer Schreiber. Kann es sein, dass der GSP den Tick, alle wichtigen Worte durch penetrante Kursivierung noch wichtiger zu machen, aus »Die Heilige Familie« haben?![zurück]