Archiv für Juni 2011

Die despotische Rationalität (Erinnerung an die Anstrengungen für eine Revolution)

Im Juni vor fünfzig Jahren erschien die erste Ausgabe der Quaderni Rossi, jenes Theoriemagazins, das häufig als Gründungsdokument des Operaismus identifiziert wird (was aber ein bisschen wichtigtuerisch ist, die Wurzeln des sogenannten Operaismus – das war übrigens mal ein Schimpfwort, das darauf abzielen sollte, die hier durchaus vorliegende Verherrlichung der ArbeiterInnen-Subjektivität aufs Korn zu nehmen – liegen in den 50er Jahren, als sich junge Marxisten wie eben Raniero Panzieri an eine Relektüre des Marxschen und nota bene auch des Leninschen Textkorpus unter dem Eindruck zahlreicher Einflüsse [amerikanische Industriesoziologie] und Erinnerungen an die Aufgaben der Revolution [die Beharrlichkeit des Linkskommunismus] machten1). Dieses Jahr wäre der Zeitschriftengründer und wahrscheinlich anregendste ›Operaist‹ Raniero Panzieri (wahrscheinlich deshalb, weil nur ein Bruchteil seiner Schriften übersetzt ist) neunzig Jahre geworden. 1964, wenige Monate vor seinem jähen Tod am 9. Oktober 1964, veröffentlichte er in den Quaderni einen seiner letzten Texte »Mehrwert und Planung«. Aus diesem wird im folgenden zitiert (»Pozzoli-Edition«, S. 68f., gekürzt um zwei Fußnoten). Lassen wir das Konstruieren von Anlässen. Panzieris Text ist großartig, gerade weil er sich streng und absolut »unorigenell«am »Kapital« entlang hangelt und die rationalen Momente in der widersprüchlichen Einheit von Produktions- und Verwertungsprozess herausarbeitet. In diesen rationalen Momenten kristallisiert sich aber nicht das BEWAHRENSWERTE des Kapitalismus, seine guten Seiten. Gerade in ihnen konzentriert sich das Potenzial zur Verkehrung der Welt: Das Rationale im Produktionsprozess erscheint als Naturgesetz, Aufklärung schlägt in Mythos um, auch eine Dialektik der Aufklärung (man sollte nicht vergessen, dass Panzieri ein exzellenter Kenner der kritischen Theorie war). Der klassische Operaismus (ersetze dieses Wort künftig durch: orthodoxer Marxismus) singt gerade kein Loblied einer ungebrochen widerständigen Arbeiterinnensubjektivität, sondern will die reformistisch-revisionistischen Illusionen, die damals am krassesten von den Parteikommunisten Moskauer Provenienz gepflegt und gehegt wurden, zertrümmern. »Die ›immanenten Widersprüche‹ [der kapitalistischen Produktion] liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse.« Damit ist die AUFGABE kommunistischer Klassenkerne formuliert und noch keine ZUSTANDSBESCHREIBUNG. Die Verdinglichung dieses Postulats zu einem ontologischen Zustand blieb dann Toni Negri überlassen. ANMERKUNG dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind2.

Wenn die Anwendung der Maschinen in großem Maßstab und in allen Produktionszweigen verallgemeinert ist, ist der Kapitalismus im Bereich der unmittelbaren Produktion Despotismus, der im Namen der Rationalität ausgeübt wird: der alte »wissenschaftliche« Traum vom Perpetuum mobile, einer ohne Arbeitsaufwand erzeugten Bewegung, scheint sich mit der aufs höchste gesteigerten Ausbeutung der Arbeitskraft und der höchsten Unterwerfung des Arbeiters unter den Kapitalisten zu realisieren (in der Verbindung dieser beiden Elemente äußert sich das Mehrwertgesetz).
Der Despotismus des Kapitals erscheint als Despotismus der Rationalität; sie ist die notwendige Vermittlung für das bessere Funktionieren des Kapitals in seinen beiden Bestandteilen, dem konstanten und den variablen Teil, festigt ihre Wechselbeziehung und läßt sie als technisch notwendig erscheinen. In der Sphäre der unmittelbaren Produktion ist der Kapitalismus für Marx Planung auf der Grundlage der unbeschränkten Entwicklung der Produktivkräfte: vor allem hier offenbart sich der antagonistische Charakter der kapitalistischen Produktion. Die ›immanenten Widersprüche‹ liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse. Das Prinzip der Planung, das für den Kapitalisten ›Vorausschau‹, ›Sicherheit des Resultats‹, ›rationale Proportionalität‹ ist, setzt sich gegenüber dem Arbeiter nur als ›überwältigendes Naturgesetz‹ durch. Im Fabriksystem besteht der anarchische Aspekt der kapitalistischen Produktion einzig in der Insubordination der Arbeiterklasse, in ihrer Ablehnung der ›despotischen Rationalität‹. Angesichts der engen Verflechtung von Technik und Macht, die den Kapitalismus kennzeichnet, kann die Perspektive einer anderen (von den Arbeitern selbst bestimmten) Anwendung der Maschinen sich natürlich nicht auf die bloße Umwälzung der Produktions-(Eigentums-)verhältnisse gründen, als seien diese eine, Hülle, die auf einem bestimmten Entwickungsniveau der Produktivkräfte nur deshalb unweigerlich fallen müßte, weil sie zu eng geworden ist: die Produktionsverhältnisse liegen in den Produktivkräften, die Produktivkräfte tragen den ›Stempel‹ des Kapitals. Gerade das ermöglicht es dem Kapitalismus, sich auch noch fortzusetzen, nachdem die Entwicklung der Produktivkräfte bereits ihr höchstes Niveau erreicht hat. Die gesellschaftliche Regelung des Arbeitsprozesses stellt sich dann unmittelbar als eine Art Planung dar, die im Gegensatz zur kapitalistischen Planung steht.

  1. Siehe hierzu jetzt die Einführung von Christian Frings: »Organisationskritik im Operaismus«, erschienen in Michael Bruch / Wolfram Schaffar / Peter Scheiffele (Hrsg.): »Organisation und Kritik«, Münster 2011 (Verlag Westfälisches Dampfboot), S. 170ff. Über weite Strecken ein präziser, knackiger Text, der sich mit dem Ärgernis des sog. Post-Operaismus nicht weiter aufhällt, der allerdings auch nicht dem Erbe des Linkskommunismus nachspürt. [zurück]
  2. Dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind. [zurück]

Material zur Kritik der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften stehen inzwischen auch hinsichtlich der Probleme der Arbeitsorganisation voll auf Unternehmerseite. Arbeiterinteressen werden von ihren Institutionen nur insoweit aufgegriffen und transportiert, als es die Stabilität des Kontakts mit den unqualifizierten deutschen Arbeiterschichten erheischt. Nur unter diesem Aspekt werden Konzessionen ausgehandelt, und nur in diesem Kontext wird politischer Druck ausgeübt: die Mitbestimmungsbewegung zielt beispielsweise ausschließlich darauf ab, die Gewerkschaften und deren selektierte Basis innerhalb der Klasse auch auf gesellschaftlicher Ebene an den Perspektiven des Systems zu beteiligen. Und nicht zuletzt haben sich auch diverse traditionelle Arbeiterorganisationen, die ihre Arbeitermitglieder inzwischen zum systematischen Aufstieg innerhalb der prospektiven Mitbestimmungshierarchie verpflichten – allen voran die DKP – entschieden, ihre Rückwärtsgewandtheiten zu modernisieren und sich an die Stabilisierungsperspektive des Systems anzuhängen. Soweit die materielle Basis für ein flexibel reorganisiertes Klassenkommando, das inzwischen auf spektakuläre äußere Einkreisungsmanöver verzichtet und alle Kräfte darauf konzentriert, die Initiative von der Abteilungsebene her wiederzugewinnen. Es ist dies der Ausgangspunkt für die politisch-repressive Disziplinierung jener Arbeiterschichten der mechanisierten Massenproduktion, die sich mit dem Produktionsziel nicht mehr identifizieren, die mehr denn je durch ihre alltäglichen Kampfformen die Existenzberechtigung eines reifen Kapitalismus bestreiten. An dieser Disziplinierung, die die Hingabebereitschaft an die Mehrwertproduktion offen und politisch bewußt erzwingt, sind die Gewerkschaften voll beteiligt. Es demonstriert ihre konsequente Klassenlinie und ist keinesfalls als skandalöser faux pas zu werten, wenn wir hören, daß eben diese Gewerkschaften, die 1967 noch scheinheilig die volle ‚Aufdeckung‘ der Werkschutzaffäre forderten, 1970 zur Gründung eines ‚Arbeitskreises Werkschutz im DGB‘ fortgeschritten sind. Heute sind 80 Prozent aller Werkschutzpolizisten gewerkschaftlich organisiert – ein weiterer Beleg dafür, daß die Gewerkschaften kaum mehr Arbeiterorganisationen, sondern zuallererst einmal Zusammenschlüsse von Meistern, Vorarbeitern, Kalkulatoren, Arbeitsvorbereitern mit einem gewissen Rückhalt bei den umqualifizierten deutschen Arbeitergruppen sind, denen inzwischen sogar ein Refa-Ingenieur [Refa = urspr. Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung] als Bundesvorsitzender präsidiert.

Aus: Karl-Heinz Roth, Die andere Arbeiterbewegung und die Entwicklung der kapitalistischen Repression von 1880 bis zur Gegenwart. Ein Beitrag zum Neuverständnis der Klassengeschichte in Deutschland; mit ausführlicher Dokumentation zur Aufstandsbekämpfung, Werkschutz u.a. (unter Mitarbeit von Elisabeth Behrens), erste Auflage München 1974 (Trikont Verlag). S. 254f. (Download)

Gedächtnisstütze zur Kritik der Gewerkschaften

Gestern – Zentral war die Arbeiterpartei, die die klare, militante Organisationsstruktur verkörperte, ein festes Programm vorgab und über alle tagespolitischen und konjunkturellen Schwankungen hinweg das Ziel des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft nie aus den Augen verlor. Jede konjunkturelle Krise bedeutete ja eine existenzielle Krise der Gewerkschaften: Arbeitslose können bekanntlich weder streiken noch Mitgliedsbeiträge zahlen. Gewerkschaften waren an eine Branche gefesselte, meistens borniert »betriebspatriotische« Interessen verfolgende Organisationen. »Die Trade Unions schließen sogar prinzipiell und statutengemäß jede politische Aktion aus und damit die Teilnahme an jeder allgemeinen Tätigkeit der Arbeiterklasse als Klasse«, notierte ein genervter Friedrich Engels 1879 zu den britischen Gewerkschaften.
In den Arbeiterparteien bekämpften deshalb Marxisten vehement die syndikalistische (anarchistische) Vorstellung, ausgerechnet so ein wankelmütiges, starken Schwankungen ausgesetztes Gebilde wie eine Gewerkschaft könnte das Kampfinstrument zur Durchsetzung des Sozialismus sein. Gewerkschaften waren allein deshalb wichtig, weil sie im konjunkturellen Aufschwung die Konkurrenz der Arbeiter untereinander aufhoben, gewissermaßen die Bataillone für die große Schlacht bereitstellten. Die Programm- und Strategiehoheit lag stets bei der Partei. So die historische Situation. Für Länder mit starken kommunistischen Parteien – Frankreich, Italien – blieb diese Arbeitsteilung noch bis weit in die Nachkriegszeit gültig. Allerdings nicht mehr unter dem Leitbild des revolutionären Kampfes, sondern des friedlich-parlamentaristischen Appeasements
Heute – Der Aufstieg der Gewerkschaften zu befestigten Organisationen, wenn man so will: zu halbstaatlichen Apparaten erfolgte parallel zur positiven Integration der Sozialdemokratie in das parlamentarische System. Die Sozialpartnerschaft der BRD wirkte in beide Richtungen: Die Gewerkschaften gelobten Mäßigung durch die bedingungslose Anerkennung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und wurden dafür von der Kapitalseite als einzig legitime Interessensvertreter anerkannt. Man rang in zahllosen Tarifrunden zäh um Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzung, aber man wollte ich gegenseitig nicht zerstören.
Nach wie vor stellen in Deutschland, unter den großen Industrienationen diejenige mit dem höchsten gewerkschaftlichen Organisierungsgrad, die Gewerkschaften die stärksten Bataillone – aber gerade deshalb, weil die Gewerkschaften staatlich anerkannt und voll integriert sind. Weil sie sich den Erfordernissen der Kapitalakkumulation unterordnen, bekommen sie im Gegenzug das Recht eingeräumt, auf dem Arbeitsmarkt als Arbeitskraftkartelle aufzutreten. Das ist die immer noch gültige Machtachse in der Sozialpartnerschaft.

»Das Menschenbild des Sozialismus ist, ich sage das als zukunftsfroher Marxist, durch und durch rassistisch.«

GROLL: Ich bin der tiefen Überzeugung, daß die Kommunisten, wären sie zugrunde gegangen, anstatt sich zugrunde gerichtet zu haben, wegen ihres Versagens gegenüber den Schwächsten zugrunde gegangen wären. Übrigens möchte ich Kuba von diesem Befund ausnehmen. Selbst heute noch, da Kuba ökonomisch erdrosselt wird, leben geistig Behinderte dort unvergleichlich menschenwürdiger als in den USA. Dennoch: Die Marxschen Gedanken sind zuerst in den Behindertenghettos des Realen Sozialismus erstickt. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Warnungen beamteter Revolutionäre vor den politisch unberechenbaren Lumpenproletariern, wozu auch die Behinderten gezählt wurden.

TRITT: Bei allem Respekt für Ihre Lage: Heißt das nicht, die Bedeutung der Behinderten für die Linke grotesk überzubewerten?

GROLL: Keinesfalls! Der Aufstand der russischen Proleten war zu großen Teilen ein Aufstand der Lumpenproletarier, der Kriegskrüppel, Invaliden, Arbeits- und Wohnungslosen. In jeder Revolution, die in den Straßen ausgefochten wurde, war der Anteil der Deformierten, der späteren »Ballastwesen«, unverhältnismäßig hoch. Der Abscheu der Bürger vor den Kommunisten war auch der Abscheu vor den in deren Reihen hinkenden oder rollenden Krüppeln. Nehmen Sie nur die Ausrufung der österreichischen Republik im Oktober 1918: Auf den Fotos erkennen Sie überwiegend Kriegskrüppel – einbeinige, blinde, verwachsene, skrofulöse Menschen. Das Massaker am Gründonnerstag 1919 in Wien – nahezu alle Getöteten waren Kriegsinvaliden! Die Angehörigen des Arbeiter- und Soldatenrates, der die Macht bis ins Jahr 1920 innehatte: nur wenig Nichtbehinderte. Dieselbe Situation in Italien, in Deutschland, in der Slowakei, in Ungarn. Nein, geschätzter Freund, wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, daß sowohl die Sozialdemokraten als auch die Kommunisten in den Jahren des kapitalistischen und des sozialistischen Aufbaus in dieser Frage auf der ganzen Linie versagt haben. Für die Revolution waren die Krüppel gut genug, Staat wollte man mit ihnen aber keinen machen. Der Reale Sozialismus sperrte sie in Heime, nie erlangten sie die Freiheit, ihren Bedürfnissen gemäß zu leben. Zwar wurden den Behinderten untergeordnete Arbeiten zugeteilt, die baulichen und sozialen Barrieren aber wuchsen mit der Saturiertheit der Revolutionäre ins Skandalöse. Mit dem Rollstuhl den Alexanderplatz zu überqueren, die Altstadt von Krakau zu befahren oder in Budapest eine Behindertentoilette zu finden, das waren Extremsituationen, die nur mit der Kursker Panzerschlacht zu vergleichen sind! Für mich gibt es keinen Zweifel, daß in diesen Beispielen nicht nur abgrundtiefe Borniertheit, sondern, mehr noch, eine generelle Menschenfeindlichkeit sich ausdrückt.

TRITT: Sie bringen es noch soweit, daß ich als Sozialdemokrat die Kommunisten vor Ihnen in Schutz nehme!

GROLL: Warten Sie ab, was ich über die Sozialdemokratie zu Protokoll gebe. Aber noch sind wir beim Realen Sozialismus. Es stimmt: Behinderte bekamen ihren Trabant schneller als Nichtbehinderte. Es stimmt: Sie durften auch in den Westen reisen, um ihre Rollstühle reparieren zu lassen.

TRITT schreibt: Sehen Sie!

GROLL: So mancher Verantwortliche hoffte wohl, sie würden im Westen bleiben. Die große Sowjetunion, die Sibirien und den Weltraum erschloß, die Flüsse umleitete, Wüsten bewässerte und Millionen Panzer produzierte, war nicht in der Lage, eine funktionierende Hilfsmittelversorgung auf die Beine zu stellen. Haben Sie einmal sowjetische Rollstühle gesehen? Bei ihrem Anblick glaubte man, eine Selbstfahrlafette aus der Zeit Iwans des Schrecklichen vor sich zu haben.

Tritt schüttelt den Kopf und schreibt eifrig in das Notizbuch.

GROLL: Anfang der achtziger Jahre erteilte der Stadtrat in Frankfurt an der Oder der evangelischen Kirche die Erlaubnis, für einen querschnittgelähmten Burschen zu sammeln – er sollte einen Westrollstuhl erhalten. Und das, nachdem der Bedauernswerte ein volles Jahr im Bett gelegen hatte!

TRITT: Das ist nicht wahr!

GROLL: Das dachte der Betroffene auch. Einem durch Kinderlähmung schwer gehbehinderten Mitarbeiter eines großen Berliner Verlages mutete man eine Wohnung im sechsten Stock ohne Lift zu.

TRITT: Unmöglich!

GROLL: Eine Tatsache. Ein Bluter mußte von Woche zu Woche um seine lebensnotwendigen Medikamente bangen. Das VEB Arzneimittelwerk war nicht in der Lage, kontinuierlich zu liefern.

TRITT: Aufhören!

GROLL: In ungarischen Schulen wurden behinderte Kinder von ihren nichtbehinderten Altersgenossen strikt getrennt. In der polnischen Stadt Bialystok durfte ein muskelkrankes Mädchen mit Gleichaltrigen nicht einmal denselben Kindergarten besuchen.

TRITT: Dabei hätte der Reale Sozialismus erstmals die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben auch behinderter Menschen geboten, ein Leben frei von Faschisten, Ausbeutern und mächtigen Dummköpfen.

GROLL: Doch der Feind der Behinderten saß von allem Anfang mit am Tisch, saß im Politbüro, saß in den Parteivorständen, und dieser Feind hieß: Rassismus.

TRITT: Ich weigere mich, das zu glauben!

GROLL: Dann hören Sie die folgende Geschichte: Im Jahre 1982 fuhr ich mit dem Auto in die DDR, und an der Grenze fragte mich der Zöllner: »In welchem Ausmaß sind Sie denn schwerbeschädigt?«

TRITT: Schwerbeschädigt?

GROLL: Sie hören recht. Wer behinderte Menschen als schwerbeschädigt tituliert, degradiert sie zu Wesen jenseits der Person, einer Maschine näher stehend als einem Menschen. Die Unterdrückung behinderter Menschen zählt dann nur als Sachbeschädigung, wie die Ermordung eines Hundes.

TRITT: Ich bin entsetzt!

GROLL: Als ich den Zöllner dieses unsägliche Wort aussprechen hörte, war mir klar, daß es mit dem humanistischen Gehalt der »entwickelten sozialistischen Gesellschaft« nicht so weit her sein kann; und als ich, Jahre später, in einer Rostocker Buchhandlung das Buch Schwerbeschädigtengesetz der DDR erwarb, stand für mich fest: In den sozialistischen Staaten behindert zu sein, ist ein empörend schweres Los.

TRITT: Niemand hat davon gesprochen.

GROLL: Die Defekte des Sozialismus wollte man nicht an seinen Bürgern verwirklicht sehen. Deswegen wurde der »allseitig vervollkommnete sozialistische Körper« auf Universiaden und Spartakiaden in einer Art und Weise vergötzt, die Leni Riefenstahl mit Genugtuung erfüllt haben muß. Der defekte Körper, der defekte Geist aber wurden in Sonderanstalten gesperrt, die Atombunkern mehr als Sanatorien glichen.

(…)

GROLL: (…) Nur bewußte Menschen können Sozialisten sein, gegen die Gefühlsduselei in der Linken hat Marx schon vor hundertfünfzig Jahren in der Schrift Das Elend der Philosophie gewettert. Die sozialistischen Staaten und der Sozialstaat der Sozialdemokraten gehen gemeinsam unter. Wer sich um die Schwächsten nicht kümmert, der kann auch keine Ökonomie führen. Die Ikone beider Sozialismen war der schweißüberströmte, siegessichere Facharbeiter. Muskeln wie ein Gebirge, Blick in die Ferne, Fäuste wie ein Amboß. Der sozialistische Humanismus ist, was die Lage der Behinderten betrifft, nichts als eine böse Karikatur auf eine Gesellschaft, in der potentiell jeder seinen Bedürfnissen gemäß hätte leben können.

TRITT: Das ist ein niederschmetternder Befund.

GROLL: Das Menschenbild des Sozialismus ist, ich sage das als zukunftsfroher Marxist, durch und durch rassistisch. Daß der Antisemitismus in der Linken nicht ausgestorben ist, daran besteht ja mittlerweile kein Zweifel mehr. Daß auch der gewöhnliche Rassismus in der Linken tief verwurzelt ist, diese Geburtsbehinderung muß gerade uns behinderten Linken zu denken geben.

TRITT: Da erhebt sich aber die Frage: Wozu überhaupt noch Linker sein?

GROLL: Die Frage ist berechtigt. Aber sie ist leicht zu beantworten, wenn Sie die politischen Alternativen in Betracht ziehen.

TRITT: Ja, manchmal unterscheiden sich die Alternativen nur im Ausmaß ihrer Scheußlichkeit.
(…)

[Muss man noch irgendwas hinzufügen? Nein, muss man nicht. Quelle: Erwin Riess, Ausschnitt aus einem längeren Dialog, der in KONKRET 4/1995, S.28, erschien und der später auch in Riess’ Publikation »Herr Groll erfährt die Welt«, Elefanten Press, Berlin 1996, aufgenommen wurde. Riess kennt man hierzulande vor allem als KONKRET-Autor (seit 1991), in Österreich ist er mittlerweile einer der wichtigsten Gegenwartsdramatiker.]

Große Überraschung! Spezielles Thema!

Kürzlich einen Bekannten getroffen, der als Richter gearbeitet hatte, ein Linker, ich weiß aber nicht, ob er als Richter überhaupt im Geiste seiner Haltung entscheiden konnte. Aber man fällt ja nicht nur Urteile, sondern kümmert sich auch um die Belange seines Faches.
So kam es, dass er einst eine hochoffizielle Tagung zum Thema Justiz & NS mitorganisierte. Er referierte über Carl Schmitt und zitierte dessen an Eindeutigkeit und hysterischer Bekenntnissucht nicht zu übertreffenden Aufsatz »Der Führer schützt das Recht«. Sein Referat wurde nicht diskutiert, er selbst geschnitten. In der Kaffeepause nahm ihn ein Kollege beiseite und fragte kopfschüttelnd, wie er denn auf dieses höchst spezielle Thema samt diesem abseitigen Text gekommen sei?
Auf dieser Tagung saßen fast ausschließlich SPD- und CDU-nahe Juristen, kein einziger direkter Schmitt-Schüler unter ihnen, keiner, dessen Geburtsdatum ihn in Verlegenheit hätte bringen müssen. Alles lupenreine Demokraten.
Und höchstwahrscheinlich keiner von ihnen wollte die Realität leugnen. Jaja, der Schmitt war tatsächlich mal ein Naziapologet, aber wir müssen lernen, durch den Zierrat der zeitlichen Umstände hindurch zu stoßen, um uns die Strukturen seiner Argumentationsweisen anzuschauen, die den NS doch weit übersteigen. Ein bisschen recherchiert und in einer älteren Schmitt-Besprechung in der FAZ folgende Passage entdeckt: »Selbst der schreckliche Artikel Schmitts, der schon in seiner Überschrift verkündete, der Führer schütze das Recht (…), enthielt nicht ganz unwesentliche Passagen, in welchen zum Ausdruck kam, daß zwar der Führer oberster Gerichtsherr sei, aber auch nur der Führer, und daß alle anderen Übertretungen strafrechtlich verfolgt werden müßten.« Klarer Fall von: Wenn das der Führer gewusst hätte … (Gefunden in der FAZ vom 9.12.1995, Autor ist der Historiker Wolfgang Schuller.)