Bordiga im AZ

Ich kenne so manche, die in der Theorie Sozialisten, und in der Politik Reaktionäre sind. Manchmal mag es auch… umgekehrt sein! Da jedoch beide, der Intellektuelle wie der Arbeiter, oftmals an die politische Überlegenheit der gebildeten Menschen glauben, finden sich letztendlich beide auf verschiedenen Ebenen wieder; der Arbeiter gewöhnt sich daran, im Intellektuellen ein höheres Wesen, mit sehr viel größeren Handlungsmöglichkeiten, zu sehen… er macht schließlich ein Idol aus ihm, der dann auch nicht mehr zum Arbeitermilieu passt. Und so beginnt die nächste Entwicklungsstufe der sozialistischen Bourgeois, die von der bürgerlichen Gesellschaft wieder integriert werden. Es ist ein fast zwangsläufiger Prozess: Das Proletariat bringt einige revolutionäre, fortschrittliche, Individuen aus der bürgerlichen Klasse auf seine Seite und nutzt sie für seine Sache, solange die Bourgeoisie sie nicht wieder in ihre Reihen ziehen kann. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, das dem Sozialismus keinen großen Schaden zufügen würde, wenn jene Intellektuellen, die sich wieder von ihm abwenden, nicht eine persönliche Gefolgschaft von Arbeitern hinter sich gebracht hätten. Der Feind, den wir in diesem Phänomen vor uns haben, der Urheber der Abtrünnigkeit von Arbeitern und Nicht-Arbeitern aus unseren Reihen ist immer derselbe: der „Individualismus“. Er ist das Abbild des bürgerlichen Gesellschaftsmilieus, dessen Ursprung in der ökonomischen Ordnung des Privateigentums und der Konkurrenz liegt. Er ist ein Feind gegen den wir kämpfen müssen. Niedergerungen sein wird er erst, wenn die kommunistische Ordnung begründet wird, doch wir müssen ihn bereits heute angreifen.

Das ganze bürgerliche Milieu führt zum Individualismus. Unser sozialistischer, anti-bürgerlicher Kampf, unsere revolutionäre Vorbereitung müssen sich darauf richten, die Grundlagen des neuen Milieus zu schaffen.

Das also ist es, worin wir ein ganzes Programm der Jugendbewegung sehen: Die Ausbildung des Charakters dem ausschließlichen Einfluss der gegenwärtigen Gesellschaft zu entziehen; zusammen zu sein, wir jungen Arbeiter und Nicht-Arbeiter, wobei wir eine andere und bessere Luft atmen; die Brücken abzubrechen, die uns mit dem nicht-sozialistischen Milieu verbinden; die Verbindungen zu kappen, durch die das Gift des Egoismus, der Konkurrenz, in unser Blut gelangen; mit einem Wort, diese niederträchtige Gesellschaft zu sabotieren, revolutionäre Oasen zu schaffen, die eines Tages fähig sein werden, sie zu stürmen, und Minen zu vergraben, die fähig sein werden, sie in ihren Grundfesten zu erschüttern…

[Anmerkung 1: Klugscheißer, die den Originaltext lesen, was sowieso immer besser ist, als sich mit Blog-Schnipseln aufzuhalten, werden erhobenen Fingers anmerken, dass die obige Passage – ein wenig – aus dem Zusammenhang gerissen ist. Tatsächlich beginnt sie mit einer schönen, einfachen, klaren Feststellung, die eigentlich zu schön ist, um verschwiegen zu werden: »Auf die Gefahr hin, von Idealisten und Kulturanhängern, von ›Philosophie‹ oder ›Wissenschaft‹ Schwärmenden gesteinigt zu werden, sagen wir noch einmal: Die politische Ansicht ist nicht Ergebnis eines Denkvorgangs.« Diesen Satz teilen wir, ohne Wenn und Aber. So einleuchtend er sein mag, seine Erläuterung ist dann doch etwas aufwändiger, und wir wollen sie uns für einen späteren Eintrag aufbewahren.]

[Anmerkung 2: Die zitierte Passage stammt aus einem bereits 1913 veröffentlichten Text Bordigas, dieser war damals 24 Jahre alt und in der sozialistischen Jugendbewegung aktiv. Damals galt es Versuche des mächtigen rechten Flügels abzuwehren, die sozialistische Jugendbewegung weg von ihrem Radikalismus zu bringen, um durch Kultur- und Bildungsarbeit sie langsam an die Höhen des »wissenschaftlichen Sozialismus« – wie auch immer die bestimmt sein mögen! – heranzuführen und sie dadurch zur eigentlichen Avantgarde des stumpfen, nun ja: bildungsfernen Proletariats reifen zu lassen. Wortführer der Kulturalisten war der in der Tat sehr bemerkenswerte Angelo Tasca, ein Ziehvater Antonio Gramscis, der dem zeitgenössischen Marxismus dann der kanonische Dolmetscher dieses kulturalistischen Mists geworden ist. Ein wenig auf die exemplarische Kulturalismus-Debatte in der jungsozialistischen Bewegung Italiens sind wir an dieser Stelle eingegangen.]

[Anmerkung 3, ins Stammbuch aller Klugscheißer:

90% unserer bescheidenen Arbeit widmen wir der Desinfektion, die noch lange nach uns fortgeführt und erst in ferner Zukunft abgeschlossen werden wird: Sie bekämpft die überall und stets grassierende, allerorten und jederzeit gefährliche, durch Verbesserer, Aktualisierer, Erneuerer und Marx-Forscher verursachte Seuche.
Es wäre unnütz und sogar schädlich, den bakteriologischen Bombenabwurf genauer zu orten oder gar personalisieren zu wollen. Es geht vielmehr darum, das Virus ausfindig zu machen und ein Antibiotikum dagegen einzusetzen, das – daran halten wir fest – in der Kontinuität der Linie und in der Prinzipientreue besteht; und es handelt sich zu 99,99 Prozent darum, das katechistische Wiederkäuen dem Abenteuer einer neuen wissenschaftlichen Entdeckung vorzuziehen – letzteres erfordert Adlerflügel, aber jede Mücke fühlt sich vom Schicksal dazu berufen.

– So hebt die großartige Polemik Der Marxismus der Stotterer, 1952, an.]