Kein Schritt vor, zwei zurück

Das geschätzte Audioarchiv hat die Beiträge einer Marburger Konferenz verlinkt, die sich die Frage nach der »Aufgabe kritischer Theorie« stellt. Ich dachte ja immer, die Aufgabe kritischer Theorie wäre klar und man könnte jetzt zur Tat schreiben. Anders gesagt: Wer sich nach gefühlt mehreren hundert Bänden mit Originalschriften1 von ADORNO HORKHEIMER MARCUSE LÖWENTHAL POLLOCK KRACAUER etc.pp. immer noch fragt, was Aufgabe der kritischen Theorie sei, dem kann nicht geholfen werden bzw. der muss mindestens ein Marburger Aushilfswissenschaftler auf der Suche nach Lehraufträgen oder Promotionsstipendien sein. Adorno hatte einst in einem Hegel-Essay die Frage, was Hegel uns heute noch sagen hat (in Marburger Konferenzdeutsch übersetzt: Was die Aufgabe hegelscher Dialektik ist), als ziemlich widerwärtig abgetan und dagegen auf die einzig richtige Fragestellung verwiesen: Wie sieht denn die Welt durch Hegels Brille aus? Während die eine Frage auf die positivistische Zerstückelung und akademistische Integration des jeweiligen Werkes abzielt, weiß die andere Frage schon, dass man ein Werk nur dann ernst nimmt, wenn man es als einheitliches Mittel zur Wirklichkeitsbewältigung begreift.
Aber wehe, unsere Aushilfswissenschaftler und Seminarmarxisten haben die Aufgabensuche einmal beendet, dann kommen sie so rammdösig daher wie der Marburger Referent David Salomon und schreiben über »Gramsci, die deutsche Linke und das Problem der Nation«. Klartext reden wollen (können) sie zwar immer noch nicht, aber doch Klartext drucksen:

Solange wir es mit Nationalstaaten zu tun haben – und vorläufig ist ein Ende nicht abzusehen – gehört es zu den zentralen Aufgaben der Linken an im universellen Emanzipationsbegriff einander übersetzbaren nationalen Konzepten zu arbeiten. Die Debatte darüber, was dies für die Staatsfrage bedeuten kann, hat gerade erst begonnen: Doch ohne in einander übersetzbare Reformulierungen des Begriffs der Nation wird eine wie auch immer geartete internationale Föderation sozialistischer Staaten ebensowenig möglich sein, wie ohne Programme, die die Lösung der sozialen Frage an die Überwindung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse binden. Die Nation der deutschen Linken aus der Literatur zu »befreien« und ihr zu historischer Realisierung zu verhelfen ist – gerade nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in der DDR – nach wie vor unsere Aufgabe.

Und weil es bloß so linkssozialistisch verquast ist, stand dieser »Text« nicht in der Jungen Freiheit, sondern in der Jungen Welt.

  1. Sie sind nicht doktrinär, dogmatisch, schematisch und simpel genug, sie lassen sich auf keine Merksätze, Axiome oder methodologische Regeln reduzieren, es gibt keine Ansätze, die ausgearbeitet werden können, keine leeren Begriffe, die man wie leere Säcke inhaltlich füllen muß, kein kategoriales Gerippe, welches sich beliebig einkleiden läßt, und damit entfallen alle die Hilfsdienste, durch deren Ableistung einer zum Schüler wird. Man kann Adorno nicht als Schüler dienen, wie man das bei Max Weber kann, indem man sich einen Idealtypus vornimmt und sich dann ein Leben lang von ihm ernährt, indem man dessen Übereinstimmung mit der Wirklichkeit oder dessen Abweichung von ihr in Schule, Krankenhaus, Altersheim, Produktionsbetrieb usw. mißt.

    So Wolfgang Pohrt in einer vergleichsweisen frühen – 1984 – Abrechnung mit linkskritischen universitären Rezeptionsbetrieb (»Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl«, der Essay wurde mehrfach nachgedruckt und findet sich u.a. in Pohrts Sammlung »Stammesbewußtsein, Kulturnation«, Edition Tiamat). Die Frage also wäre: WIE lösen denn die kritischen Theoretiker ihre Aufgabe? Lesenswerte, ziemlich eindeutige Antworten darauf, kann man z.B. der Diss. von Peter Decker entnehmen. [zurück]