Archiv für Mai 2011

Magie der Vorsilbe oder: Wo Günther Anders sich einmal geirrt hat

Vor einiger Zeit auf diesen Schnipsel gestoßen:

Günther Anders: Entfremdung?

Denn dieser von Marx eingeführte und nun von Allen, auch Nichtmarxisten, auch Halbgebildeten nachgeplapperte Terminus war von Beginn an wenig glücklich. In den Ohren genau Hörender müsste der eigentlich (parallel etwa zu „Enteisung“ oder „Entfettung“ bedeuten: etwas seiner Fremdheit oder Befremdlichkeit entkleiden; und nicht umgekehrt, wie Marx es gemeint hatte, und wie es die Erben des Terminus ebenfalls meinen, etwas fremd oder befremdlich machen.1 Wer fortfährt, den Ausdruck zu verwenden, der darf das eigentlich nur dann tun, wenn er bewusst die dem Marxschen Sinne entgegengesetzte Bedeutung mit ihm verbindet – was allerdings der Wahrheit entspräche. Denn den Politikern, Industriellen, Ingenieuren und Arbeitern liegt ja nichts ferner, als ihre enormen Leistungen und Effekte, also z.B. die hergestellte atomare Gefahr, in etwas „Fremdes“ zu verwandeln.

Umgekehrt liegt ihnen ja ausschließlich daran, die unvorstellbar großen, ihnen und uns durch diese ihre Größe total fremd bleibenden Zielsetzungen und Effekte sprachlich so zu behandeln, als gehörten diese zum Alltäglichsten, Selbstverständlichsten und Vertrautesten ihres und unseres Lebens; sie also ihrer Fremdheit oder Befremdlichkeit zu entkleiden – kurz: sie (nun im korrigierten Sinne des Terminus) zu „ent-fremden“.

FN 1 Brecht, dessen Ohr untrüglich war, war das längst aufgefallen. Schon vor 60 Jahren hat er das unglückliche Verb „entfremden“ für seine Theateranweisungen durch das andere „verfremden“ ersetzt; das freilich zur Charakterisierung dessen, was wir nun im Auge haben, auch nicht geeignet wäre.

Aus dem Manuskript zum Dritten Band der „Antiquiertheit des Menschen“; zuerst veröffentlicht in: „Sprache und Endzeit“ (VI) § 31, FORVM Nr. 433-435, Heft Jänner-März 1990, S. 17. Mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Oberschlick.

Das ist prima Partywissen, dachte ich mir, und machte mit diesem Döneken tatsächlich einige Punkte. Günther Anders steht sowieso in unserem Kanon ziemlich weit oben. Bis ich auf den letzten Operaisten traf, der ganz trocken reagierte und mir die entsprechenden Passagen aus dem Duden (Ausgabe 2001) schickte. Und Essig war’s:

ent- [mhd. ent-, ahd. int-, Gegensatz od. Trennung bezeichnendes Präfix, durch Abschwächung in unbetonter Stellung entstanden aus mhd., ahd. ant-, Antlitz]:
1. drückt in Bildungen mit Verben aus, dass etw. wieder rückgängig gemacht, in den Ausgangszustand zurückgeführt wird: entbürokratisieren, entnuklearisieren, entproblematisieren.
2. drückt in Bildungen mit Substantiven und einer Endung aus, dass etw. entfernt wird: entmotten, entrußen.
3. drückt in Bildungen mit Verben ein Weggehen, ein Entfernen aus/weg-: enteilen, entschweben.
4. drückt in Bildungen mit Verben ein Herausgelangen, ein Wegnehmen aus: entreißen, entsteigen.
5. drückt in Bildungen mit Verben den Beginn von etw. aus: entbrennen, entzünden.
6. drückt in Bildungen mit Adjektiven und einer Endung aus, dass eine Person oder Sache so wird, wie es das Adjektiv besagt: entblößen, entleeren.
7. a) drückt den Gegensatz zu Verben auf ver- aus: entkrampfen, entzaubern;
b) drückt den Gegensatz zu Verben auf be- aus: entkleiden, entwaffnen;
c) drückt in Bildungen mit Verben den Gegensatz zu diesen Verben aus: entsichern, entwarnen.

Es stimmt zwar, dass „Ent-“ meistens eine Auflösung ausdrückt („Ich habe mich in dir getäuscht, jetzt bin ich enttäuscht.“). Aber offensichtlich fällt die ENTFREMDUNG in die Kategorien 5 und 6. Eine Art Hinarbeiten zu dem, was im Hauptbestandteil des Wortes ausgedrückt ist: „… dass eine Sache so wird, wie es das Adjektiv besagt“. Passend dazu auch eine Passage aus Pfeifers Etymologisches Wörterbuch:

Schließlich weist ent-. bei trans. und intrans. Verben auf eine Trennung, einen vom Ausgangspunkt wegführenden Vorgang hin (z. B. entfernen, entnehmen, entreißen, entfliehen, entgehen, entweichen), gelegentlich im Sinne eines Hervortretens, Sichtbarwerdens (z. B. entsprießen, entspringen).

… gelegentlich im Sinne eines Hervortretens, Sichtbarwerdens: In der Entfremdung tritt also das Fremde, das Fremdwerden hervor. Die Marxisten unter uns können sich also wieder beruhigt zurücklehnen und müssen sich darüber keine Gedanken mehr machen, bleibt die eher unerhebliche Frage, wieso der sonst so supergenaue Anders sich an dieser, durchaus nicht unheiklen Stelle dermaßen verhauen konnte. Vielleicht ein Rest jener einfältigen Sprachmagie, der einer seiner Lehrer (nicht genannt werden soll sein Name, aber als Tipp: Es ist nicht der Husserl!) gefrönt hat?!

Die alten Werte, in deren Namen ich spreche

Macht sonst das feine Audioarchiv, machen wir aber auch mal: einen Hörtipp geben. Am kommenden Aufstandssonntag (haha) läuft im Deutschlandradio Kultur das Feature »Im Bild versinken. Giuseppe Zigaina und Pier Paolo Pasolini«. Es geht um die Freundschaft des friulischen Malers Zigaina (ist Jahrgang 1924 und lebt noch) zum Dichter, Filmemacher, Journalisten, Romancier und überhaupt Italiens schönstem Kommunisten Pier Paolo Pasolini. Das knapp 90-minütige Stück von Klaudia Ruschkowski und Giuseppe Maio ist anmutig und still, klar und straff komponiert, lässt sich sehr viel Zeit und wird darüber auch schon mal zu Edelkitsch. Hm. Aber es gibt eine Entschädigung: Dafür dürfen wir nämlich Pasolini im O-Ton hören! (Pasolini lesen kann man hier.)

Pasolini: Ich bin eine Kraft der Vergangenheit und moderner als jede Moderne.

Ein Junge fühlt sich dazu verpflichtet, immerzu in einer Paarbeziehung zu leben, und die Paarbeziehung ist ein Albtraum geworden, Obsession anstatt Freiheit… Dieses Paar ist absolut entstellt und unehrlich, von einer Furcht erregenden Unehrlichkeit. Du siehst die jungen Menschen, die aus wer weiß welcher romantischen Anwandlung Händchen haltend oder Arm in Arm daherspazieren. Du fragst dich, »Was ist das für eine Art von Romantik?« Das ist nichts. Dieses Paar ist ein Produkt des Konsumismus. Dieses konsumistische Paar soll kaufen. Händchen haltend gehen sie in die Warenhäuser. Ich bilde mir nicht ein, von der Jugend verstanden zu werden, denn es ist schlichtweg unmöglich, mit ihr ein kulturelles Verhältnis aufzubauen, da sie neue Werte lebt, die mit den alten Werten, in deren Namen ich spreche, unvereinbar sind. Als hätten sie sich abgesprochen, reden sie, lachen sie, und verhalten sich gleich, machen die gleichen Gesten, lieben die gleichen Dinge, fahren die gleichen Motorroller.

Der Tod liegt nicht / im Sich-nicht-mitteilen-können, / sondern im Nicht-mehr-verstanden-werden-können.

(…)

Zigaina: Er wurde laufend verklagt, fast jeden Monat, wegen Beleidigung, Verführung Minderjähriger und so fort, und jedes Mal musste er vor Gericht erscheinen… ich glaube, er ist 120 Mal vorgeladen worden, und alle haben sich in den Zeitungen darüber ausgelassen, ihre Witze gemacht über seine Homosexualität. Umberto Eco im Espresso… ich war fassungslos…Da war nicht einer, der widerstehen konnte, sich daran hochzuziehen.

Was hat ihn bloß so ruiniert?

Ist das wirklich Terry Eagleton gewesen, der diesen anbiedernden, unangenehm aufdringlichen »Hallo Kleinbürger, der Marx hat eigentlich für euch gedacht!«-Text geschrieben hat? Jener Eagleton, dem so großartige Bücher wie »Die Illusionen der Postmoderne« oder »Einführung in der Literaturtheorie« gelungen sind und den man deshalb als eleganten, entspannten, aber in der Sache entschiedenen Marxisten schätzen gelernt hatte?
Die ZEIT hatte letzte Woche anlässlich der Berliner Marx-Konferenz Eagleton rangelassen, zu erklären, »warum Karl Marx wieder aktuell ist«. Ich weiß nicht, wie oft Feuilleton und Nachwuchs-Wissenschaftler Karl Marx seit seinem jähen Ableben vor 22 Jahren für »wieder aktuell« befunden haben, dürfte alle drei Jahre passieren (2008 – Finanzkrise, Marx wieder SUPERAKTUELL), jetzt darf halt mal der Eagleton. Aber es wird nicht besser, von den Aktualitätshuldigungen hat er die vielleicht abgefuckteste geschrieben. Man fragt sich, wozu es überhaupt der Wälzer vom ollen Marx bedarf, wenn für all das, wofür er laut Eagleton stehen soll, Kant, Adam Smith, Eduard Bernstein, John Dewey oder Anthony Giddens völlig ausreichen. Die Redaktion hat den Text mit »Ein romantischer Humanist« übertitelt, was zweifellos auf den heutigen Eagleton, aber kaum auf Marx zutrifft.
Eagletons Text ist eine große Liebeserklärung an den Kapitalismus, denn den Sozialismus stellt er sich als Verwirklichung, als Zu-sich-Kommen der politischen Ideale des Bürgertums, deren Verwirklichung allein das lästige Ding »Ökonomie« im Wege steht. Merke:

Der Sozialismus erfordert materielle Ressourcen, demokratische Institutionen, eine blühende Zivilgesellschaft, aufgeklärte liberale Traditionen sowie eine gut ausgebildete und unterrichtete Arbeiterschaft.

»Materielle Ressourcen« ist einfach ein stumpfer Gemeinplatz, jede menschliche Gesellschaft bedarf materieller Ressourcen, jede menschliche Gesellschaft ist tendenziell eine Überflussgesellschaft. Und »demokratische Institutionen, eine blühende Zivilgesellschaft, aufgeklärte liberale Traditionen sowie eine gut ausgebildete und unterrichtete Arbeiterschaft« haben sich in den letzten hundert Jahren als alles mögliche erwiesen, aber nie als effektiven Schutz der Arbeiterklasse vor Verelendung, Konterrevolution, Domestizierung – sondern (schrecklicher Verdacht!) im Gegenteil, irgendwie ließen sich Verelendung, Konterrevolution, Domestizierung unauffälliger, schneller, nachhaltiger durchsetzen und abwickeln unter dem Mantel demokratischer Institutionen und einer aufgeklärten liberalen Tradition. Und die am besten »ausgebildete und unterrichtete Arbeiterschaft«, nämlich die deutsche, warf weder 1914 noch 1933 ihr Wissen für einen Generalstreik in die Wagschale. Aber Eagleton, will schließlich den »Mittelklassen« erklären, warum sie in Wirklichkeit den Sozialismus dringend brauchen, und da stört die Arbeiterklasse als Subjekt (egal ob als revolutionäres oder als nationalistisches) bloß. »Binnen wenigen Jahrhunderten«, fährt er seinen Lobgesang fort

haben die europäischen Mittelklassen kulturelle und materielle Reichtümer angehäuft, Autokraten gestürzt, die Sklaven befreit, Weltreiche zerschlagen, uns zu Demokratie und Menschenrechten verholfen und die Grundsteine für eine wahrhaft globale Form von Humanität gelegt. Für die Fürsprecher dieser Klasse war die Geschichte eine packende Fortschrittserzählung, für ihre Kritiker hingegen nicht mehr als eine Verfallsgeschichte.

Das Wahlrecht hat die Arbeiterklasse durch Streiks und Aufstände sich erstritten, die Sklaven haben sich zwar nicht immer selbst befreien können, sie sind aber massenhaft davon gelaufen und haben durch ihre permanente Unruhe ab einem bestimmten Zeitpunkt für einen derartigen Druck gesorgt, dass das System der (klassischen) Sklaverei nicht mehr haltbar war. Davon abgesehen: Eagleton sollte schon mal was von Lohnsklaverei gehört haben?!

Die Moderne war für ihn eine Geschichte der sozialen Emanzipation, aber auch ein langer, unerträglicher Albtraum. Darüber hinaus ließ sich die eine Geschichte nicht ohne die andere erzählen. Dieselben gesellschaftlichen Mechanismen, dachte Marx, brachten beides hervor. Er hatte nichts gegen die mächtigen bürgerlichen Ideale von politischer Freiheit, Gleichheit, persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung. Dies waren auch seine Ideale.

Ahja, auch seine Ideale:

Die feudale Gesellschaft war aufgelöst in ihren Grund, in den Menschen. Aber in den Menschen, wie er wirklich ihr Grund war, in den egoistischen Menschen.
Dieser Mensch, das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, ist nun die Basis, die Voraussetzung des politischen Staats. Er ist von ihm als solche anerkannt in den Menschenrechten.
Die Freiheit des egoistischen Menschen und die Anerkennung dieser Freiheit ist aber vielmehr die Anerkennung der zügellosen Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche seinen Lebensinhalt bilden.
Der Mensch wurde daher nicht von der Religion befreit, er erhielt die Religionsfreiheit. Er wurde nicht vom Eigentum befreit. Er erhielt die Freiheit des Eigentums. Er wurde nicht von dem Egoismus des Gewerbes befreit, er erhielt die Gewerbefreiheit.

Immer weiter rattert Eagletons Phrasendreschmaschine: Marx der Moralist, der leidenschaftlich Gläubige, der Aufklärungsrationalist, wie ein Pfaffe am SPD-Stand.

Marx war ein Moralist im besten, traditionellsten Sinn des Wortes. (…) Marx glaubte leidenschaftlich an das Individuum. Sosehr er ein Aufklärungsrationalist war, sosehr war er auch ein romantischer Humanist, der sich vor abstrakter Theorie hütete und für alles begeisterte, was sinnlich, greifbar und einzigartig war.

Mies wird diese Masche, wenn Eagleton Marx zum »abgerissenen jüdischen Emigranten« erklärt. Marx ist als Revolutionär vertrieben und ausgewiesen worden, nie als Jude. Allein letzteres würde es rechtfertigen, ihn, der niemals auf die jüdische Vergangenheit seiner Familie sich bezog, der selbstverständlich die engen Grenzen seiner Tradition (wie schon sein Vater, der aufgeklärte, liberale Jurist Heinrich Marx) hinter sich ließ, als »abgerissenen jüdischen Emigranten« zu bezeichnen. Die ganz fiese Mitleidstour also. Es hat viele Menschen aus jüdischen Familien gegeben, die sich der kommunistischen Bewegung anschlossen. Weil sie für das Versprechen des doppelten Bruchs stand: Bruch mit der Herkunft, den Traditionen, der Familie, dem Glauben; Bruch mit jener Gesellschaft, die die Menschen immer wieder auf ihre Traditionen, ihre Familie, ihren Glauben festnagelt – auch um sie zu stigmatisieren und zu Objekten der Verfolgung zu machen.
Sie hat dieses Versprechen nicht eingelöst.
Eagleton aber geht glatt über den »abgerissenen jüdischen Emigranten« hinweg, um schlussendlich zu säuseln:

Er [Marx] gab uns keine Blaupausen für eine sozialistische Zukunft. Er zeigte lediglich auf, wie wir die Widersprüche am besten auflösen könnten, die eine solche Zukunft gegenwärtig verhindern.

(Aufzeigen, wie wir die Widersprüche auflösen können – das ist etwa keine Blaupause?! Ach, egal.) Doch die Blaupause hat es gegeben: Es war tatsächlich die kommunistische Bewegung, jenes »Kollektiv anonymer Revolutionäre« (Bordiga), in dem die ganze Herkunftsscheiße, die Sortiererei nach Geschlechtern und Hautschattierungen keine Rolle hätten spielen dürfen.

Are you ready to testify?

Wenn einer der Feuilleton-Häuptlinge, irgend so ein dahergelaufener FAZ-Herausgeber oder ein SZ-Autor, der auch schon mal den Gastprofessor spielen durfte, aus der Handke-, Bernhard- oder »Der Kommende Aufstand«-Lektüre aufschrecken und tagesaktuelle Ereignisse mit ihrer Deutungskunst beglücken, dann lohnt es sich für uns Bildungsferne, zwei mal hinzugucken. Nirgendwo wird die Beschränkung des hochbürgerlichen Bewusstseins deutlicher. Das Gefängnis ihrer Originalitätssucht mag komfortabel sein, es ist aber trotzdem unerbittlich. Denn selbstverständlich darf man als Häuptling niemals das Ereignis referieren und ihm einen schnörkellosen Kommentar hinterher schreiben, stets muss es überhöht werden, wird es in der rhetorischen Geste des schärfsten Scharfsinns noch übertroffen. Deshalb sind die Texte von Schirrmacher, Seibt, Seidl, Bahners, Broder sowieso, Jessen, Herzinger (alles Männer! Wenn es stimmt, dass Hysterie der verzweifelte Versuch ist, der zersplitterten – bürgerlichen – Welt Form, Gestalt und Einheit zu geben, dann liegen hier einige der miesesten Formen von Hysterie vor.) so schrill, so klügelnd, belehrend, polemisch, so versessen darauf, einmalig zu sein, aber dann doch ganz beflissen gegenüber der großen Gewalt des Staates. In einer besseren Welt ließe ihnen kein Blattmacher ihr aufgeregtes Gehacke durchgehen, in einer besseren Welt, freilich, gäbe es aber auch keine Blattmacher.

Gustav Seibt hat den Anschlag am Berliner Ostkreuz mit einem tremolierenden Text bedacht: »Der Brand am Berliner Ostkreuz und seine Folgen gehören zu den Schocks, über die man erst schlafen muss, um ihre Tragweite zu ermessen.« Nein, natürlich musste nur Seibt darüber schlafen, denn den genervten Lohnabhängigen, die auf die gottverdammte Berliner S-Bahn angewiesen sind, wird sofort klar gewesen sein, dass ihr Arbeitstag ein noch beschissenerer werden würde. Seibt aber wird mit seiner Dienstlimou vorgefahren sein.
Im Text raunt es, dass dieser Anschlag besonders gefährlich sei, weil er aus der Mitte unserer Gesellschaft komme und wiederum auf die Mitte unserer Gesellschaft ziele. »Es wird Zeit, dass die demokratischen Befürworter einer neuen Energie- und Verkehrspolitik den Fanatismus ihrer Anhänger mäßigen.« Das stört den Seibt also wirklich: Dass die Konflikte dieser Tage – von den meisten Radikalen übrigens belächelt: Bäumeknutschen in Stuttgart, Hüpfspielchen im Wendland und so – ein Potenzial in sich bergen, das zur Eskalation neigt und recht schnell zur Systemfrage – zum Großen und Ganzen – vorzustoßen in der Lage ist. Und das schlägt dann wiederum auf uns zurück: »Man brennt ein Kabelbündel durch, und sogleich bricht der Zugverkehr im Ostteil der Großstadt Berlin, ja zwischen Ostsee und Thüringen zusammen.« Kurzum: »Der Anschlag am Berliner Ostkreuz ist ein Anschlag auf unsere Gelassenheit.«
Ob es wirklich stimmt, dass der weit verbreitete Zorn auf die Ruinierung des öffentlichen Raumes, die Beschädigung selbst der allgemeinsten Infrastruktur durch Privatisierung und Immobiliengeschäften, die Verwandlung von Innenstädten in Mondlandschaften des Konsums, so weit führt, dass »wir« wirklich nur noch die Wahl hätten zwischen, um Seibt zu folgen, »dem Diktat der Energiekonzerne und dem Diktat politischer Apokalyptiker« ---

Das kann man doch auch schöner sagen!?

»Brothers and sisters, the time has come for each and every one of you to decide whether you are going to be the problem, or whether you are gonna be the solution! You must choose, brothers, you must choose. It takes five seconds, five seconds of decision. Five seconds to realize your purpose here on the planet. It takes five seconds to realize that it’s time to move. It’s time to get down with it! Brothers, it’s time to testify and I want to know, are you ready to testify?«

Danke.

--- ob das also wirklich stimmt, oder es nur der Logik der »paranoiden Endzeitlichkeit« Seibts entspringt, wer weiß das schon? Es ist, wie so oft, eine Frage der Praxis.
Wirklich bemerkenswert an diesem Text ist der Umschlag, an dem Seibt ganz zur Journalistenhysterie findet: Er schreibt dem Anschlag alles das zu, wovon er in den stilleren Momenten seiner Schreiberexistenz weiß, dass es das auch ohne diesen Anschlag gibt. »… aber die hier [in der Berliner Militanten-Szene] gelebte Apokalypse kann auf etwas so Langwieriges wie demokratische Entscheidungsprozesse oder wirtschaftliche Übergänge nicht warten.« Nun haben sehr viele Leute (nicht nur) in Deutschland mitbekommen, dass »demokratische Entscheidungsprozesse oder wirtschaftliche Übergänge« alles andere als langwierig sind, sondern – Stichworte: Agenda 2010, Hartz-Programme, ALG II, Bologna-Prozess etc.pp. – schnell, unerbittlich, gnadenlos, Lebenspläne zerstampfend. Langwieirig sind sie dort, wo dem Kapital ein lausiger Kompromiss aufgezwungen wurde, den es bedächtig und unter Berücksichtigung unzähliger Ausnahmeregelungen umzusetzen gedenkt. Der Ausnahmezustand, dessen selbstherrliche Aufrufung Seibt der Anschlagsgruppe1 zuschreibt, regiert bereits.

Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der »Ausnahmezustand«, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern. Dessen Chance besteht nicht zuletzt darin, daß die Gegner ihm im Namen des Fortschritts als einer historischen Norm begegnen.

  1. Aber der Anschlag bringt nichts voran, spitzt nichts zu, klärt nichts auf, verdoppelt einfach nur den Frust der sowieso auf die Bahn wartenden, kommt aus keiner Bewegung, knüpft an keinen Kampf an und wird zudem noch mit einem offensichtlich schrottigen Papier gerechtfertigt. [zurück]

Leistung gegen Arbeit

Aus Anlass dieses jüngst erschienenen interessanten Büchleins – Jan Ole Arps, »Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren.« (hier eine grundsätzlichere Rezension: »… zeigte sich zugleich die enorme Distanz, die zwischen linken Milieus und der Ausbeutungssphäre existiert. Selten war die Getrenntheit linker Kräfte von diesen „verborgenen Stätten“ größer als heute.«) – ein kleines Resümee von Matthias Beltz.
Beltz kennen die Älteren (höhö) unter uns als denjenigen Kabarettisten, der diese Kleinkunst wirklich ganz groß zu machen imstande war, die ganz Alten wissen aber auch noch, dass Beltz einer der zentralen Kader der operaistischen, betriebsinterventionistischen Gruppe Revolutionärer Kampf war (RK – in Frankfurt beheimatet, siehe auch Arbeitersache München, Proletarische Front Hamburg, Arbeiterkampf Köln …) und sechs harte Jahre bei Opel Rüsselsheim am Band schuftete.
1984 schrieb er für das inzwischen auch schon verblichene Kulturmagazin Freibeuter die »Rüsselsheimische Dramaturgie« auf, ein Sammlung von Gedankensplittern, Impressionen, Anekdoten aus dem Dschungel des Opel-Proletariats. Ein durchaus berührender Text, weil er nämlich nicht zynisch ist, so wie man es von Beltz für gewöhnlich erwarten konnte (unser Ausschnitt folgt: Freibeuter 19, Wagenbach Verlag, Berlin/West 1984, S. 76).
Schlüsselsatz ist die Feststellung: »Der Kämpfer gegen die Arbeit funktioniert als Held der Arbeit.« Und ist es nicht noch immer so? Die Wildcats, jene sozusagen unehelichen Enkel des RK, kennt man »in der Szene« doch als bienenfleißige, handwerklich supergeschickte, stets bestens ausgerüstete, hochdisziplinierte und dann auch noch ein enormes Textpensum hinter sich bringende Genossinnen. Immer auf Achse, immer zwei Aufträge zuviel am Hals. Sodass der ganze große zähe kleinbürgerliche Rest, also die Crustys, die Insurrektionalisten, die Irgendwas-mit-Medien-Typen, die Adorno-Dissidentinnen, Kneipen-Autonomen und Neo-Wobblys, Linksschmittianer, die Antiorganisationsfetischisten, Freiburger Lichtbotschafter und Berliner Post-Leninistinnen, bloß noch staunen kann: »Das ist der Kampf gegen die Arbeit?! Muss ja was wirklich schönes sein!«

(…)
Unser Ziel war es, die Arbeit abzuschaffen. Das Mittel unseres Kampfes gegen die Arbeit war die Leistung.
Nehmen wir eine Spätschichtwoche im schönen September 1971. Täglich geht’s etwa um 13.15 Uhr von zu Hause weg, damit man pünktlich um 14.15 Uhr am Arbeitsplatz ist. Für uns aus Frankfurt bedeutet das, den Weg zur Arbeit über die Autobahn zurückzulegen.
Um 23.15 Uhr läuft man günstiger Verkehrsverhältnissen in Frankfurt wieder ein, ist also gegen halb zwölf in der Kneipe, die kurz nach eins schließt.
Am Dienstagvormittag trifft sich das Schichtkollektiv, in dem die politischen Schritte in der Abteilung und die Strategie der Gesamtgruppe diskutiert werden. Dazu gehört auch, sich auf eine geplante Hausbesetzung in Frankfurt vorzubereiten, an der man sich, je nach Schicht, vormittags oder nachmittags beteiligen wird. Donnerstagvormittag ist von 11 bis 12 Uhr Schulung, hier befassen wir uns mit Freud, Marx, Wittfogel und Backhaus [Backhaus?! Die haben Hans-Georg Backhaus gelesen? Krass!]. Sonntags um 16 Uhr ist Plenum, der »Revolutionäre Kampf – RK« treibt sich voran. Zwischendurch finden noch Fraktionsgruppensitzungen statt, es werden Flugblätter geschrieben und Artikel für eine geplante Betriebszeitung; samstags vormittags heißt es: Demonstrieren!
Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen. Wir werden sie in sieben Tagen pro Woche in den nächsten Jahren verändern. Bei solchem Arbeitskrafttraining liegt es nahe, daß revolutionäre Organisationen in der bürgerlichen Leistungsgesellschaft die Schulen der Eliten sind. (…)

Matthias Beltz