Die Abenteuer der Dialektik

Das rauschhaft-poetische der Hegelschen Sprache – und ein großer Teil des uns Überlieferten ist nicht von Hegel geschrieben worden, sondern stellt Vorlesungsnachschriften seiner Schüler dar – rührt her von Hegels ständigem euphorisierten Zustand, in den er sich mit Hilfe von Schnupftabak zu versetzen verstand.

Daß Hegels Weinrechnungen bei der Firma Gebr. Ramann in Erfurt, die auch Goethe belieferte, höher waren als seine Bücherrechnungen bei der Nicolai’schen Buchhandlung zu Berlin, ist bekannt1, bekannt ist auch, daß seine Kollege Arthur Schopenhauer, des aufgedunsenen Gesichts wegen, von Hegels »Bierwirtsphysiognomie«2 sprach. Weniger bekannt hingegen ist, daß zu jener Zeit der Schnupftabak, dem Hegel kräftig zusprach, mit Cannabis versetzt war und damit eine rauschhafte Wirkung hatte. Dadurch besfand sich Hegel ständig in einem euphorisierten Zustand, der sichtbaren und hörbaren Einfluß auf seine Sprache gehabt haben muß. Während seiner Vorlesungen schnupfte er so kräftig, daß die Reste auf dem Katheder ausreichten, um seine Hörer zu erfrischen.

Der Hauptangriffsort des Tetrahydrocannabinol (C21H30O2), des Wirkstoffs jener Pflanze, die den Namen Cannabis indica trägt, ist das Großhrin und das Limbische System, dem psychische und psychosomatische Reaktionen zugesprochen werden. Die somatischen Symptome bestehen in der Zunahme der Pulsfrequenz, Rötung der Konjunktiven und Trockenheit des Mundes. Die psychischen Symptome sind individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Im Vordergrund steht eine Änderung der Bewußtseinslage, Änderung des Raum- und Zeitempfindens, Ideenflucht, Euphorie, bei hoher Dosis Halluzinationen.

Walter Benjamin hatte unter ärztlicher Aufsicht Haschisch-Experimente durchgeführt. Die schriftlichen Aufzeichnungen, die er während des Rausches machte, zeigen eine überaus bildreiche, poetische Sprache. Am 18. Dezember 1927 notierte Benjamin: »Man geht die gleichen Wege des Denken wie vorher. Nur sie erscheinen mit Rosen bestreut.«3 Und in den »Crocknotizen« schreibt er: »Der Opiumraucher und der Haschischesser erfährt die Kraft der Blickes, hunderte Orte aus einer Stelle zu saugen.«4

»Hunderte Orte aus einer Stelle zu saugen« – ist das die Umwertung, die positive Wendung dessen, was der Psychologe als »Ideenflucht«, als Insuffizienz des Denkziels, das immer verloren geht, zu beschreiben pflegt? So scheint es; der Ariadne-Faden des Denkens wird nicht aufgewickelt, sondern abgespult. Nicht das Knäuel, das mehr oder minder nur Signum der bornierten Gewißheit ist, sondern der Verlauf des Fadens ist das Abenteuer des Denkens:

»Man müßte, um den Rätseln des Rauschglücks näher zu kommen, über den Ariadne-Faden nachdenken. Welche Lust ist in dem bloßen Akt, einen Knäuel abzurollen. Und diese Lust ganz tief verwandt mit der Rauschlust wie mit der Schaffenslust. Wir gehen vorwärts; wir entdecken dabei aber nicht nur die Windungen der Höhle, in die wir uns vorwagen, sondern genießen dieses Entdeckerglück nur auf dem Grunde jener anderen rhythmischen Seligkeit, die da im Abspulen eines Knäuels besteht. Eine solche Gewißheit vom kunstvoll gewundenen Knäuel, das wir abspulen – ist das nicht das Glück jeder, zumindest prosaförmigen, Produktivität? Und im Haschisch sind wir genießende Prosawesen höchster Potenz.«5

So mancher poetischer Mystizismus – so dürfen wir folgern – rührt nicht vom Griff in den Bücherschrank her, wo Jacob Böhmes werk stand, sondern vom Griff zur Schnupftabakdose.

  1. Vgl. Günther Nicolin, »Verlorenes aus Hegels Briefwechsel«, in: Hegel-Studien, Bd.3, Bonn 1965, S.80f. [zurück]
  2. Arthur Schopenhauer, Werke, Band V, Darmstadt 1968, S.752 [zurück]
  3. Walter Benjamin, »Über Haschisch«, hrsg. von T. Rexroth, Frankfurt a.M. 1972, S.68 [zurück]
  4. Ebd., S.61 [zurück]
  5. W. Benjamin, »Haschisch in Marseille«, in: »Über Haschisch«, a.a.O., S.51 [zurück]

Aus: »Hegel-Spiele«, hrsg. von Heiner Höfener, München 1977, Rogner & Bernhard, S 58ff.
(Das Büchlein enthält die entzückenden zeitgenössischen Komödien: »Der von Hegel’scher Philosophie durchdrungene Schuster-Geselle oder der absolute Stiefel« von Fr. Ludw. Lindner. – »Die Winde oder ganz absolute Konstruction der neuern Weltgeschichte durch Oberons Horn«, gedichtet von Absolutulus von Hegelingen. – »Das Centrum der Speculation« von Karl Rosenkranz.)