Beiläufige Beobachtung: Diejenigen (Linken), die in ihrer theoretischen Arbeit und praktischen Agitation das glückliche Individuum, das Glück des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen und den »Kollektivismus«scharf davon abgrenzen, scheuen sich nicht, und zwar als strenge Konsequenz daraus, die Mächte anzurufen und die Mittel zu befürworten, die nichts anderes tun, als eben dieses Glück zu untergraben: nämlich Krieg und Imperialismus, pardon: Menschenrechtsinterventionismus.
Der »Krieg gegen den Terror« der mächtigsten imperialistischen Bündnisse trägt seine Entgrenzung in sich, weil in ihm der Feind per se als unsichtbar oder besser: potenziell ununterscheidbar von der Zivilbevölkerung definiert wird. Um also das Glück des Einzelnen zu garantieren, müssen sich die Einzelnen darauf einstellen, als Einzelnen zunächst ausgelöscht zu werden. »… wissend das Gras noch / müssen wir ausreißen, damit es grün bleibt«, schreibt Heiner Müller in seinem »Mauser«-Stück (der Zusammenhang – Kritik des Stalinismus – ist ein anderer, das Ergebnis ist das gleiche). Hinterher kommt dann ein SPIEGEL- oder BBC-Reporter und schreibt über die nun verschwundenen Einzelnen ein rührselig-erschütterndes Sachbuch.
Man muss hier aber nicht den Extremfall bemühen – der Krieg gegen den Terror ist ein Extremfall der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung, auch wenn er eine Alltäglichkeit ist –, es reicht, daran zu erinnern, dass zum Beispiel Thomas Maul seine Parteinahme »für die kleinste gesellschaftliche Minderheit, die es gibt, nämlich das Individuum« letztlich mit der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung illustriert, die den »gewissen unveräußerlichen Rechten … Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit« die »Versicherung dieser Rechte«durch Regierungen voraussetzt. Zwar müssen diese Regierungen sich legitimieren, »ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten«, die Regierten bleiben aber stets Regierte: entziehen diese einer Regierung die Legitimation, ist dies nicht anti-staatlich zu verstehen, sondern geschieht zum Zweck der Staatserhaltung.
Umgekehrt gelangen die Linken, die einen emphatischen Begriff der Kollektivität haben und die, würde man sich an sie erinnern und spielten sie in den Debatten eine relevante Rolle, sofort als primitive Naturdialektiker, vulgärmaterialistische Grobiane, die Dialektik der Aufklärung befördernde Mechanisten gebrandmarkt wären, zu einer Vorstellung von Glück und Individualität, die nicht die staatliche Lizenz voraussetzt (und also die permanente Klassenspaltung), sondern die Einheit der Gattung.
Zu erinnern wäre an Charles Fourier, der die Entfaltung der individuellen Triebe und ihren harmonischen – »naturwüchsigen« – Ausgleich erst in der vollendeten Kollektivwirtschaft für möglich hielt. Zu erinnern wäre an Peter Kropotkin, der vor hundert Jahren, in einer Epoche, in der der Sozialdarwinismus hegemonial war, allein auf weiter Flur sein Werk »Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt veröffentlichte«, eine Biologie der Freiheit. Kropotkin wies die Übertragung eines »darwinistischen« Konkurrenzmodells auf die menschliche Gesellschaft zurück, hob dagegen die Kooperation als entscheidendes Entwicklungsprinzip hervor und kritisierte den durch den Staat gesetzten Individualismus, den man unschwer als Liberalismus dechiffrieren kann: »Die Usurpation aller sozialen Funktionen durch den Staat mußte die Entwicklung eines ungezügelten, geistig beschränkten Individualismus begünstigen. Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich häuften, um so mehr wurden offenbar die Bürger ihrer Verpflichtungen gegeneinander entledigt.« Voraussetzung der reichen, in sich differenzierten Individualität ist die freie kollektive Assoziation – erst diese bringt den Individualismus hervor, »der [nicht] die Menschen in den Krieg aller gegen alle treibt und den man bis heute als einzigen kennengelernt hat, sondern […] jenen, der das volle Erblühen aller menschlichen Fähigkeiten, der die höhere Entwicklung dessen, was Eigentümliches im Menschen ist, der die größte Fruchtbarkeit der Intelligenz, des Gefühls und des Willens darstellt.«
Zu erinnern wäre schließlich an Amadeo Bordiga, der für den Kommunismus festgestellt hat: »Im Kommunismus – eine wissenschaftliche Gewissheit, obwohl noch nicht geschehen – wird die Identität des Individuums und seines Schicksals mit der Gattung zurückerobert, nachdem innerhalb der Menschheit alle Grenzen und Trennungen wie: Familie, Rasse und Nation beseitigt worden sind. Nach diesem Sieg endet jede Furcht vor dem persönlichen Tod; erst dann verschwindet jeglicher Kult des Lebendigen und des Toten, da sich die Gesellschaft zum ersten Mal auf der Basis des Wohlseins, der Freude und der Reduzierung des Schmerzes, des Leides und des Opfers auf ein rationales Minimum organisiert und der harmonischen Abfolge der Generationen – naturwüchsige Bedingung der Prosperität der Gattung – jeglichen mysteriösen und unheimlichen Charakter genommen hat.«
Was für eine aparte Koalition, ein utopischer Sozialist, ein russischer Anarchist der Jahrhundertwende, ein italienischer Kommunist, der für seine vehemente Ablehnung aller anarchistisch-syndikalistischer-»rätistischer« Strömungen berüchtigt war! Aber nein, es kann gerade nicht das Ziel sein, eine Koalition zu schmieden, in dem man in der Tat unvereinbare Theoretiker zusammenschweißt und gerade dadurch das jeweils Beste an ihnen tilgt. Vielmehr gilt es eine gemeinsame Idee festzuhalten, eben die Einheit der Gattung, die Verteidigung des Kollektivs als Glück.