Prosa des Lebens #13

Auf den 17. März 1921!

Märchen des Vorscheins

In einer Zeit, als das Wünschen nicht half, ließ Hoelz, der gemeine Verbrecher, am Donnerstag plakatieren, daß im Kaufhaus in Chemnitz Freitag sei. Das glaubten die Armen der Gegen, und die reichen ließens gelten, denn sie verstanden zwar nicht die Sprache, aber den Ton. Darum öffnete der Besitzer die Türen, und die Habenichtse strömten hinein. Und sie durften sich bedienen, und er durfte nichts schreien, denn an den Kassen standen bewaffnete; so hat sich keiner verausgabt. Noch nach Jahren murmelte man in den Läden, bis ins Mansfeld hin, wenn eine anschreiben ließ: Hoelz bezahlts. – Dies ist wohl eines der Märchen, die der Philosoph der Hoffnung meinte, und die nicht ohne Grimm zu erzählen sind allen Gebrüdern.

Mansfelder Land
… bis ins Mansfeld hin.

Anekdote aus dem Vogtländischen Aufstand

Als Hoelz, eben aus dem Gefängnis befreit, seinen neuen Steckbrief sah, die Kopfprämie ist wieder erhöht, sprang er in Falkenstein, um die Spießer und Spitzel aufzuregen, durchs Fenster des Schützenhauses auf die Bühne und, nachdem er ein paar Worte gesprochen, wieder hinaus. Der Anzeiger meldete, er sei mit dem Automobil entkommen, aber so leicht wollte sichs der Kerl nicht gemacht haben; und sein kalten Blut beweisend, ging er am hellen Tag, und ohne jede Begleitung, zurück in die Stadt. – Ich versichere Sie, hieße es bei Kleist, daß wenn ein paar Draufgänger mehr, wie er, unter den Kommunisten gewesen, die Reichswehr das Vogtland nie hätte nehmen können. Hoelz – und ich folge nur seinen Worten – geht langsam durch einige Straßen, die Leute bleiben bedeppert stehen, halten ihn für eine Erscheinung oder geben zu, daß er mit sich eine verdammte Ähnlichkeit habe. Dann marschiert er zum Rathaus, direkt in die Wache, und sagt vernehmlich: Guten Tag, ist alles in Ordnung? – Nun, er ist ein Kind des Todes, müßte Kleist vermerken, aber er – ei was, überliefert: Die beamten rühren sich nicht mal vom Platze. Sie erwidern seinen Gruß, und als er noch einmal laut und durchdringend fragt, antwortet einer: Ja, alles in Ordnung. Darauf er: Schön! und macht kehrt, und geht langsamen Schritts die hundert Meter zum Kaffee Meier, läßt sich bei den Stammgästen nieder und verlangt einen Kaffee. Und: Beeilung, ruft er der Wirtin zu, die erblaßt, sonst trinken ihn die Gendarmen. Und wirklich, wie er hinausweicht, legen zwei Polepempel an ihn, aber Popp Paul, der ihn gesucht hat, läßt einen Knüppel blicken, was die bewegt, zu laufen, und sie laufen zu lassen. – Diese und all die Geschichten könnten für erfunden gelten, aber ich kenne keinen, der, selbst vor den Sonderrichtern, ehrlicher berichtet hätte.

Beide Anekdoten aus: Volker Braun, »Das unbesetzte Gebiet«, Suhrkamp Verlag: Frankfurt/M. 2004, S. 102ff.

Hoelz nebst Gattin
… daß wenn ein paar Draufgänger mehr, wie er, unter den Kommunisten gewesen, die Reichswehr das Vogtland nie hätte nehmen können.