Gewalt? Oh, ja!

Interviewer: Sie haben Atomkraftwerke einmal als Mordinstrumente bezeichnet. Jedes Jahr kommt es zu hunderten von Zwischenfällen…

Günther Anders: … die dann vertuscht oder verniedlicht werden …

… was aber sollen wir noch tun, um uns Gehör zu verschaffen?

Also, ich will erst einmal – und das mag Sie vielleicht erschrecken oder auch nicht – gestehen: Obwohl ich sehr häufig als ein Pazifist angesehen wurde, bin ich inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß mit Gewaltlosigkeit nichts mehr zu erreichen ist. Verzicht auf Tun reicht nicht als Tun.

Das ist eine neue Überzeugung?

Es ist seit Tschernobyl deutlicher geworden. Ich bin gerade dabei, ein Buch zu schreiben, das heißt »Notstand und Notwehr«. Wir sind – das kann wohl niemand bestreiten – wirklich in einem Zustand, der juristisch als »Notstand« bezeichnet werden kann. Nein, muß. Millionen von Leben, alles Leben auf der Erde, das heißt also auch das künftige, sind tödlich bedroht. Nicht von Leuten, die direkt Menschen umzubringen wünschen, sondern die das Risiko in Kauf nehmen; und die nur technisch oder faktisch denken …

… oder eben ökonomisch…

… natürlich. Ökonomisch und geschäftlich. Wir sind also in einem Zustand, der, juristisch gesehen, ein »Notstand« ist. Von allen Gesetzbüchern, selbst vom kanonischen Recht, ist Gewalt im Zustand des Notstands nicht nur erlaubt, sondern empfohlen. Zum Beispiel Strafgesetzbuch Paragraph 53, 1 bis 3. Das muß man den Mitmenschen klarmachen. Es ist nicht möglich, durch liebevolle Methoden, wie das Überreichen von Vergissmeinnichtsträußchen, die von Polizisten gar nicht in Empfang genommen werden können, weil sie ja ihre Schlagstöcke in der Hand halten, effizienten Widerstand zu leisten. Ebenso unzulänglich, neun: sinnlos, ist es, für den atomaren Frieden zu fasten. Das erzeugt nur im Fastenden selbst einen Effekt, nämlich Hunger, und vielleicht das gute Gewissen, etwas »getan« zu haben. Den Reagan und die Atom-Lobby interessiert das aber gar nicht, ob wir Schinkenbrot mehr oder weniger essen. Das sind wirklich nur »Happenings«. Unsere heutigen, angeblich politischen Aktionen ähneln diesen Schein-Aktionen, die in den sechziger Jahren aufkamen, wirklich aufs erschreckendste. Auch die schillerten schon (oder noch) zwischen Schein und Sein. Die diese durchführten, glaubten zwar, die Grenze des Nur-Theoretischen überschritten zu haben, aber sie blieben doch »actores« nur im Sinne von Schauspielern. Sie spielten nur Theater. Und zwar aus Angst vor dem Wirklichhandeln. In Wirklichkeit lösten sie keinen Schuß, sondern nur einen Schock aus. Sogar einen, der genossen werden sollte. Theater und Gewaltlosigkeit sind eng miteinander verwandt.

Sie plädieren für Gewalt, Herr Anders, können Sie präzisieren, was Sie damit meinen?

Oh, ja! Das könnte ich wohl. Werde es aber nicht ausführlich tun, weil dann ihre Zeitschrift in Schwierigkeiten geriete. Jedenfalls halte ich es für erforderlich, daß wir diejenigen, die die Macht innehaben und uns (ein millionenfaches »Uns«) bedrohen, einschüchtern. Da wird uns nichts anders übrig bleiben, als zurückzudrohen und diejenigen Politiker, die gewissenlos die Katastrophe in Kauf nehmen oder direkt vorbereiten, ineffektiv zu machen. Schon die bloße Androhung könnte vielleicht und hoffentlich eine Einschüchterung zur Folge haben. Als Schwert hat sich ja schließlich einer bezeichnet, den Christen wohl kaum einen »Chaoten« zu nennen, die Kühnheit haben würden.

Was raten Sie den jungen Menschen, die gerade angefangen haben zu begreifen, was die atomare Katastrophe bedeuten kann? Was können sie tun?

Das ist die Gretchenfrage: Gewalt wird so lange nicht nur erlaubt, sondern gilt als moralisch legitimiert, als sie von der anerkannten Macht gebraucht wird. Macht selbst beruht ja stets auf der Möglichkeit der Gewaltausübung. Für jedermann war es ja 1939 selbstverständlich gewesen, mit in den Krieg zu ziehen und »mitgewalttätig« zu werden; wenn man da »mit war«, hat man ja sogar, wie ein gewisser Präsident gerne betont, »nur seine Pflicht getan« [Anspielung auf den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim und seinen ekelhaften Umgang mit seiner Nazi-Vergangenheit, Anm. Ofenschlot]. Auf Befehl der Macht darf man nicht nur gewalttätig sein, man soll und muß das sogar.
Uns Heutigen dagegen, die wir nichts anderes im Auge haben, als die schließliche Verhinderung jeder Gewalt – uns wird vorgeworfen, daß wir an Gewaltausübung auch nur denken, obwohl wir ja, wenn wir sie in Betracht ziehen, auf nichts anderes abzielen, als auf den Zustand des Gewaltlosigkeit, also auf den Zustand, den Kant den »ewigen Frieden« genannt hat. Soviel steht fest: Ziel darf Gewalt für uns niemals sein. Aber daß Gewalt – wenn mit ihrer Hilfe Gewaltlosigkeit durchgesetzt werden soll und nur mit ihrer Hilfe durchgesetzt werden kann –, unsere Methode sein muß, das ist wohl nicht abstreitbar.

(…)

Sie sagen, nach Tschernobyl gebe es eine neue Qualität von Widerstand. Was sollen die machen, die schlicht Angst haben?

Das Problem der Angst ist sehr schwierig. Die meisten Leute haben Angst vor der Angst. Und halten für gefährlich nur die bewußten Angstmacher wie mich. Und was die schon halb Einsichtigen betrifft – wenn die dann zu Tausenden zusammenkommen, vergessen sie, daß sie zusammenkommen, um zusammen Angst zu haben und etwas gegen das Ängstigende zu tun. Denn sobald hunderttausend zusammen sind, wird automatisch ein lustiges Volksfest daraus. Dann gibt es Würschtl, Tschernobyl mit Würschtl. Und dann kommen die Gitarren. Und wo die anfangen, fängt auch der emotionale Schwachsinn an. Denn die meisten Gitarrenspieler bedienen sich nur dreier Akkorde, die jeden Hörenden und Mitsingenden so trivialisieren, daß sie nicht mehr fähig sind, das Ungeheure, das sie zusammengetrieben hat, wirklich zu spüren. Aber davon abgesehen: Wenn Tausende zusammenkommen, dann stärkt das automatisch den Mut. In der Menge, in der sie dann baden, vergessen sie schnell, daß sie Tschernobyl gibt und daß Tschernobyl morgen hier sein kann. Und dabei ist es ja heute schon hier: Die Verseuchung mit Radioaktivität ist ja heute schon wirksam und wird eine undenkbare lange Zeit wirksam bleiben.

(…)

Was sagen Sie zu der These, man dürfe den Menschen die Hoffnung nicht nehmen? Wir haben das oft geschrieben.

Ich glaube, Hoffnung ist nur ein anderes Wort für Feigheit. Was ist überhaupt Hoffnung? Ist es der Glaube, daß es besser werden kann? Oder der Wille, daß es besser werden soll? Noch niemals hat jemand eine Analyse des Hoffens durchgeführt. Auch Bloch nicht. Nein, Hoffnung hat man nicht zu machen, Hoffnung hat man zu verhindern. Denn durch Hoffnung wird niemand agieren. Jeder Hoffende überläßt das Besserwerden einer anderen Instanz. Ja, daß das Wetter sich bessere, das darf ich vielleicht erhoffen. Das Wetter wird dadurch zwar nicht besser, aber auch nicht schlechter. Aber in einer Situation, in der nur das Selbsthandeln gilt, ist »Hoffnung« nur das Wort für den Verzicht auf eigene Aktion.

Aus: »Hoffnung ist nur ein anderes Wort für Feigheit«, Interview Dezember 1986, erstmals erschienen in der Zeitschrift Natur, hier zitiert nach: »Günther Anders antwortet. Interviews & Erklärungen«, hg. von Elke Schubert, Edition Tiamat, Westberlin 1987, S. 144 ff.