Wichtig aber ist, daß eine Aktion stattgefunden hat, die doch alle für undenkbar gehalten hatten.

Sartre_1968

(…) In Frankreich gibt es 700 000 Studenten. Ich sehe absolut nicht, wie es ihnen gelingen könnte, dem Bürgertum oder den Eltern oder wem auch sonst diese Macht zu entreißen, wenn sich die Arbeiter ihnen nicht anschließen.

SPIEGEL: Die Studenten können aber der Zünder sein.

SARTRE: Das sind sie auch gewesen. Aber das ist alles, und dessen sind sie sich sogar vollkommen bewußt.
Um aber eine Aussicht zu haben, die Revolution durchzuführen, muß man in der Lage sein, der bestehenden Macht eine Gegenmacht entgegenzustellen. Angesichts des Repressions-Apparats der besitzenden Klassen, der Regierung und der Armee, ist die einzige Gegenmacht, die wirksam werden kann, die der Produzenten, das heißt der Arbeiter.
Die Waffe der Arbeiter — die einzige, aber die absolute Waffe — ist die Weigerung, der Gesellschaft die notwendigen Produkte zu liefern. Das ganze System wird dann lahmgelegt.

SPIEGEL: Absolute Waffe — aber nur, falls man entschlossen ist, sie einzusetzen.

SARTRE: Gewiß, zum Bruch kann es nur kommen, wenn der Produzent den Kampf aufnimmt. Wenn man dagegen erklärt, daß die Arbeiterklasse, die die einzig produktive Klasse ist, in der „Konsumgesellschaft“ als revolutionäre Kraft aufgehoben wird, würde es in dieser Gesellschaftsordnung nie mehr zu einer Revolution kommen.
Ich weiß, daß Marcuse zu dieser Schlußfolgerung gelangt. Aber ich glaube, daß diese Schlußfolgerung durch die Ereignisse [Mai/Juni 1968] in Frankreich widerlegt wurde. Man darf schließlich nicht vergessen, daß die Studenten nicht allein gewesen sind. Zehn Millionen Streikende folgten ihnen. Gewiß, nicht am ersten Tage und auch nicht bis zum Schluß, aber schnell und weit genug, um die Arbeiter selbst in Staunen zu versetzen.
Sie sind, ohne sich untereinander darüber verständigt zu haben, in eine Bewegung hineingezogen worden, die spontan immer radikaler wurde und die schließlich auf eine neue Forderung hinauslief: nach Würde, Souveränität und Macht.
Die Arbeiter haben sich in den Kampf mit einem ganz neuen Gefühl der Freiheit gestürzt, aber ohne immer zu begreifen, was ihnen geschah. Der Beweis dafür ist: Als man ihnen das Wort erteilte, als man sie aufforderte, einen Stimmzettel abzugeben, haben sie – zumindest viele haben das getan – ihre Stimme de Gaulle gegeben.
Wir finden hier den Unterschied wieder (…): zwischen einer ganz ruhigen politischen Gesellschaft, die wir jetzt nach den Wahlen wiedergefunden haben, und einer sozialen Realität der Gewalt, die sich im Mai offenbart hat.
Während der Aktion war alles klar. Als man aber die Arbeiter aufforderte, ihre Wünsche mit einem Namen zu bezeichnen, haben sie geantwortet: „de Gaulle“.
Das ist klassisch. Wichtig aber ist, daß eine Aktion stattgefunden hat, die doch alle für undenkbar gehalten hatten. Wenn sie diesmal stattgefunden hat, so kann sie sich abermals ereignen, und das entkräftet den revolutionären Pessimismus Marcuses.

SPIEGEL: In Deutschland aber gibt es keine Verbindung zwischen den „handelnden Minderheiten“, insbesondere den Studenten, und den Arbeitermassen. Die meisten Arbeiter stehen der Bewegung der sozialistisch-revolutionären Studenten feindlich gegenüber. Auch in Frankreich scheint diese Verbindung alles andere als leicht erreichbar zu sein.

SARTRE: Das stimmt. Man kann nicht behaupten, daß die Masse der französischen Arbeiter der Studentenbewegung wohlgesinnt war. Was geschehen ist, war weitaus komplizierter.
Die Studenten sind zunächst allein in den Kampf gegangen. Und dann fand die große Demonstration vom 13. Mai vom Place de la République bis zum Place Denfert-Rochereau statt, an der die Arbeiterorganisationen teilnahmen. Aber die Arbeiter waren von der kommunistisch orientierten Gewerkschaft CGT sehr stark kontrolliert. Die CGT wollte die Kontakte zwischen den Arbeitern und Studenten begrenzen und gab sehr schnell Befehl, die Demonstration aufzulösen.
Indessen hat es einige Kontakte gegeben: Am Abend desselben Tages trafen Studenten und junge Arbeiter am Champ de Mars zusammen, um miteinander zu diskutieren. Aber sie redeten nicht die gleiche Sprache und sahen einander mit Erstaunen an, ohne einander zu begreifen

SPIEGEL: Also ein Mißerfolg.

SARTRE: Was aber ist dann geschehen? Ein oder zwei Tage später besetzten junge Arbeiter ihre Fabriken und entfesselten eine Streikbewegung, die sich über das ganze Land ausdehnte. Sie haben es für ihre eigene Rechnung, für sich selbst getan, ohne eine bewußte Verbindung mit den Studenten.
Aber es ist klar, daß die gemeinsame Demonstration der Ursprung ihrer Aktion war. Die Studenten waren der Zünder einer Bewegung, die sich jetzt ohne sie ausbreitete. Wieder griff die CGT überall ein, um den Gedankenaustausch zwischen Studenten und Arbeitern zu verhindern. Das entsprach der Politik der Kommunistischen Partei, die immer darin bestanden hat, die Intellektuellen von den Arbeitern zu trennen: Man gründete Zellen in der Sorbonne, in den Arbeitervierteln und in den Fabriken, aber niemals Zellen, in denen sich Arbeiter und Studenten zusammenfinden konnten.
Auf jeden Fall war der Gedankenaustausch auf der Ebene der Diskussion sehr schwierig: Leute, die nicht aus derselben Gesellschaftsschicht stammen, haben sich niemals etwas zu sagen, sie können nur etwas gemeinsam tun. Deshalb wurden die einzigen positiven Beziehungen während des Mai in den „revolutionären Aktionsausschüssen“ geschaffen, die an zahlreichen Orten entstanden.
Diese Ausschüsse setzten sich nicht die Aufgabe, zu diskutieren, sondern zu handeln. Sie stellten sich den streikenden Arbeitern zur Verfügung, sie verschafften ihnen, was sie brauchten, Nahrungsmittel zum Beispiel. Und sie beteiligten sich an den Streikposten vor den Toren der Fabriken. Dort konnten eich dann die Diskussionen entwickeln, weil vorher eine gemeinsame Aktion stattgefunden hatte.
Heute sind die Streiks zu Ende, es gibt zwischen der Studentenbewegung und den Arbeitern keine allgemeine Verbindung mehr. Aber das, was sich im Mai entwickelt hat, betrachte ich keineswegs als einen Mißerfolg. Denn die Beziehungen, die innerhalb der Aktionsausschüsse entstanden sind, wurden beibehalten. Ich kenne viele junge Leute, die weiterhin mit Arbeitern oder Angestellten zusammenkommen, mit denen sie während der Streikbewegung gekämpft haben.
Die Mauer, die Intellektuelle und Arbeiter trennt, ist nicht gefallen, aber es wurde der Beweis erbracht, daß sie in einer gemeinsamen Aktion zum Einsturz gebracht werden kann.

Kleine Anmerkung melancholischer Natur
Es gab eine Zeit, in der es geradezu selbstverständlich schien (vulgo: mir erschien es selbstverständlich – im Nachhinein ist das natürlich fürchterlich elitär), dass einem in seiner Bildungsbiographie irgendwann Sartre über den Weg lief, in der politischen Gruppe, im Freundeskreis, im Philosophieunterricht, in ambitionierten Rundfunk-Features, die man damals noch hörte. Sartre gehörte immer dazu. Es war nicht so, dass er zu allem etwas zu sagen hatte, umgekehrt: man hatte ein Problem, eine Frage, ein Interesse und schaute bei Sartre nach, um die Lösung / Antwort / Befriedigung zu finden. Sein Werk war riesig, unübersichtlich, wildwuchernd, und wenn einen ein Sartre lesendes Arschloch nervte, dann verkroch man sich einfach in die nächste Ecke seines Werkes. Erst später ist mir klar geworden, dass dieses schier unerschöpfliche Werk ein Torso ist, ein Ensemble großer Theorie- und Literatur-Ruinen (das Unvollendete wird noch potenziert in der deutscher Ausgabe seiner Werke, die ihrerseits ein Torso geblieben ist – und es wohl auch immer bleiben wird). Ein Grund, vielleicht der Grund, ist Sartres Hang zur Praxis, seine Leidenschaft für die intellektuelle Intervention, seine Nebenwerke – die Interviews, Reden, Vorworte, Streitgespräche … – sind in Anzahl wie Gehalt den Hauptwerken ebenbürtig (wäre Sartre in irgendeiner Hinsicht ironisch, könnte man sogar sagen: sie sind das Hauptwerk!).
Aus heutiger Sicht ist das völlig schräg: Sartre redet auf der Gründungsveranstaltung der UNESCO, Sartre engagierte sich für kriminalisierte Ultralinke, indem er selbst einer wird; Sartre reist nach Israel, um die dortige Regierung für die Friedensinitiative von Ägyptens Sadat zu bewegen, Sartre protestiert gegen das Panzerplattwalzen des Prager Frühlings; Sartre diskutiert mit Linksradikalen das Verhältnis von Masse, Spontaneität und Partei, Sartre setzt sich bei Präsident Giscard d’Estaing für vietnamesische Boat People ein; Sartre als Apologet der KP, Sartre als (de facto) Rätekommunist und Kritiker der Parteikommunisten1; Sartre schreibt das Vorwort zu Fanons »Die Verdammten dieser Erde«, Sartre wird der Literatur-Nobelpreis verliehen (den er nicht annimmt).
Sartre ist der Intellektuelle schlechthin, aber betreibt keine Stellvertreterpolitik, er ist kein Repräsentant (vielmehr so kompromisslos, dass er sich mit Freunden und Weggefährten heillos zerstreitet), er ist ein Fürsprecher. Was für Widersprüche! Oder sind es nur für uns Widersprüche? Sartre als öffentliche Person steht für die Gewissheit, zumindest für die damals aktuelle Hoffnung (und den großen Willen), dass die Revolution kommt – ganz sicher kommt! Wenn er mit den Mächtigen seiner Zeit spricht, dann nicht als nützlicher Idiot einer anderen Macht, sondern als Souverän, als Gesandter aus einer besseren Zukunft. Sartre steht für eine Kontinuität der Emanzipation, die es heute nicht mehr gibt – jedenfalls denken wir das, denn Sartres Engagement scheint in seiner Vielfalt und seinen vielfältigen Widersprüchen, in seinem unbedingten Ernst und seiner atemlosen Dringlichkeit radikal fremd. Der Faden ist gerissen. Man kann nicht sagen: »Sartre fehlt«2. Denn das setzte voraus, dass da ein Platz frei geblieben wäre.

  1. (…) Ich habe sogar auf einem kommunistischen Plakat den außergewöhnlichen Satz gelesen: Stimmt für die Kommunistische Partei, die dieses und jenes getan und „die den Bürgerkrieg verhindert hat“. Es ist schon phantastisch, wenn man zu einem solchen Eingeständnis gelangen muß.

    SPIEGEL: Sie haben früher häufig Vorbehalte gegenüber der Politik der Kommunistischen Partei zum Ausdruck gebracht, Sie haben sie dennoch als die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse betrachtet. Haben die Mai-Ergebnisse in Frankreich Sie veranlaßt, Ihren Standpunkt zu ändern?

    SARTRE: Ich bin der Auffassung, daß die Kommunistische Partei in dieser Krise eine Haltung einnahm, die keineswegs revolutionär und die im übrigen nicht einmal reformistisch war.
    Die Kommunistische Partei und die (kommunistische Gewerkschaft) CGT haben zunächst alles getan, um die Forderungen der Arbeiterklasse auf einfache „Lohnforderungen“ zu reduzieren, die gewiß gerechtfertigt waren, haben sie aber dann veranlaßt, ihr Verlangen nach Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen fallenzulassen. Dann sind sie sogleich in die Fußstapfen de Gaulles getreten, als dieser von Parlamentswahlen sprach. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Waldeck Rochet, sagte sofort: „Wir haben niemals etwas anderes verlangt.“
    Die Kommunistische Partei befand sich also in objektiver Komplicenschaft mit de Gaulle: Sie leisteten sich gegenseitig einen Dienst, indem sie Parlamentswahlen forderten.
    Gewiß hat de Gaulle die Kommunistische Partei als den Hauptfeind bezeichnet, indem er sie in bewußt falscher Weise ais die Organisation bezeichnete, die für die „Mai-Unruhen“ verantwortlich gewesen sei. Aber das war auch eine Möglichkeit, den Kommunisten wieder eine Art von Prestige zu verschaffen. Und de Gaulle hatte alles Interesse daran, sie als die Hauptanstifter der Revolte hinzustellen, da sich ja die Kommunisten als „loyale“ Gegner aufführten, die entschlossen waren, sich an die Spielregeln zu halten, also als wenig gefährliche Gegner aufzutreten.

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  2. So enden bekanntlich die üblich geheuchelten Gedenktexte: Böll fehlt, Brecht fehlt, Adorno fehlt… [zurück]