Archiv für März 2011

Welcher Begriff gehört nicht in diese Reihe: Staat. Kapital. Nation. Scheiße.

Harald Schmidt hat es rezitiert, es gibt ein paar 1000 Google-Treffer, wenn man die entsprechenden Stichworte eingibt, es hing in zig WGs neben der Klospülung, im Deutschunterricht schlugen wir, wenn die Rede auf den Autor kam, sofort DIESES und NUR dieses Gedicht nach… Tempi passati! Seit ein paar Jahren gibt es eine enorm erfolgreiche Kampagne (okay, alles ist relativ) unter dem Label »Staat. Kapital. Nation. Scheiße.« und niemand scheint sich an diesem infantilen Gestampfe zu stören. Deshalb, nachgereicht folgendes Gedicht von Hans Magnus Enzensberger, den man nie für einen Genossen halten darf und es auch nie durfte, der aber, wie die folgenden Zeilen demonstrieren, kein ganz schlechter Mensch sein kann. Das Gedicht stammt wohl aus dem Jahr 1964 und findet sich z.B. (dort ohne Jahresangabe) in dem Auswahlband HMW, »Gedichte 1955 – 1970«, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1974 (S.156).

Die Scheiße

Immerzu höre ich von ihr reden
als wäre sie an allem schuld.
Seht nur, wie sanft und bescheiden
sie unter uns Platz nimmt!
Warum besudeln wir denn
ihren guten Namen
und leihen ihn
dem Präsidenten der USA,
den Bullen, dem Krieg
und dem Kapitalismus?

Wie vergänglich sie ist,
und das was wir nach ihr nennen
wie dauerhaft!
Sie, die Nachgiebige,
führen wir auf der Zunge
und meinen die Ausbeuter.
Sie, die wir ausgedrückt haben,
soll nun auch noch ausdrücken
unsere Wut?

Hat sie uns nicht erleichtert?
Von weicher Beschaffenheit
und eigentümlich gewaltlos
ist sie von allen Werken des Menschen
vermutlich das friedlichste.
Was hat sie uns nur getan?

Frage eines arbeitenden Arbeiters

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

(Aus: Bertolt Brecht, »Werke Bd. 12. Gedichte Bd. 2.«, Frankfurt 1988: Suhrkamp, S. 310)

Matti wechselt das rad

Während ich den reifen abmontiere
haut sich der chef auf die wiese,
sieht dauernd rüber.
als fahrer verwartest du stunden, warum
wird er nervös wenn er einmal
auf mich warten muß? Wenn die panne
ihn zu viel zeit kostet: er
kann mir ja helfen.

(Aus: Yaak Karsunke, »Reden & Ausreden. Gedichte«, Berlin 1969: Wagenbach Verlag)

Anmerkung
In »Fragen eines lesenden Arbeiters« hat Brecht gewissermaßen die Ur-Szene des Aufklärungsmarxismus geschildert: Ein Arbeiter liest – er arbeitet also nicht. Er steht abseits des Betriebs, kommt gewissermaßen zur Ruhe, zu sich selbst und kommt bei seiner Lektüre, die ja ganz enorm ist (Theben, Babylon, die chinesische Mauer, das Gold der Inkas, Cäsar, Byzanz, Atlantis …), auf die Frage nach der lebendigen Arbeit, die in den geronnenen Fakten der Geschichte steckt, nach der Qual, die hinter einem bestimmten Datum verschwindet, und deren Bewusstmachen diesem Datum einen umstoßend anderen Charakter verleihen. Der Arbeiter in Brechts Gedicht liest nicht die marxistische Aufklärung über die Heldengeschichtsschreibung – bleibt es deshalb »nur« bei den Fragen (es fehlen noch die Schlüsse)? Oder muss man nicht viel eher sagen: Er braucht die explizite Aufklärungsliteratur nicht, sondern kann in dem Moment der Ruhe und des Innehaltens von selbst darauf kommen – in diesem Sinne wären die Fragen nicht erst die halbe, sondern schon die ganze Miete.
Entscheidend ist aber, dass der Bewusstseinsbildungsprozess abseits der zwangsweise produktiven Tätigkeit des Arbeiters stattfindet. Das »richtige« Bewusstsein entsteht durch Kontemplation, Selbstbesinnung, hartnäckiges Befragen der konformistischen Überlieferung.
Die Variation von Yaak Karsunke, einem der vielen linken Schriftsteller der 60er und 70er Jahre, von denen es heißt, sie hätten sich nicht durchgesetzt (eines dieser frechen, gemeinen Urteile einer rundum widerwärtigen Germanistik), bezieht sich natürlich auf ein anderes, nämlich auf das wohl berühmteste Spätgedicht Brechts (s.o.) und gewinnt seine Energie aus dem Perspektivwechsel – es ist also die typische negative (= vom Original abhängige) Energie der Parodie. Aber eben nicht nur! Der lakonische Sound Karsunkes ist streng brechtianisch – Brecht wird es mit gleicher Münze heimgezahlt, oder feinsinniger: noch die Kritik an Brecht bedient sich seiner Formen und Gesten –, und die Pointe findet sich to be precise … in der Überschrift: »Matti wechselt das rad«! Matti ist eine klassische Brecht-Gestalt, sie ist seinem Herr-Knecht-Drama »Herr Puntila und sein Knecht Matti« entsprungen. Karsunkes Parodie ist streng genommen keine, sondern das Gegengewicht innerhalb einer dialektischen Spannung: Brechts »Radwechsel« wird vollständig erst durch die Perspektive Mattis.
Mit dem Bezug auf Matti öffnet Karsunke den Blick auf das gesamte Werk Brechts, deshalb kann dieser Perspektivwechsel auch als Alternative zu den »Fragen eines lesenden Arbeiters« verstanden werden: Der Prozess der Bewusstseinsbildung ist hier keiner mehr, der allein der Sphäre der Kontemplation – der Trennung von Lernen und Arbeiten – zugehörig wäre, sondern er findet im Arbeitsprozess selber statt. Dies als kleiner Fingerzeig für die Genossen, die der Arbeiterin und dem Arbeiter nur die Erfahrung seiner Ausbeutung und Entfremdung zugestehen, nicht aber das Bewusstsein davon, dass sich ja angeblich nur getrennt von der alltäglichen Schinderei bilden könnte (und das man nach dem Muster eines metaphysischen Cross Border Leasings am besten direkt an die Intellektuellen abtreten sollte).

Und die anderen dürfen gewinnen?

Wehe, man behauptet im gepflegten Gespräch die Machtförmigkeit von Recht! Was kassiert man da für Prügel. Recht auf Macht reduzieren – aber nicht doch! Was für eine brutale Verkürzung, was für eine mindestens stillschweigende Verachtung rechtsstaatlicher Normen. Recht zügelt doch Macht, beschränkt sie, macht sie durchsichtig, unterwirft sie einem System der Prüfung und der Interessensbalance.
»Gaddafi darf nicht gewinnen!« ist eine gestern auf Spiegel Online erschienene »Analyse« überschrieben, die hier als Beispiel für die Rechtsdiskussion anlässlich des völkerrechtlich gedeckten Libyen-Feldzugs der Nato genommen wird. Der Text ist betont nüchtern, aber die Überschrift deutet an, wie sich der Autor positioniert, sie ist doppeldeutig: einerseits Appell des Autors, andererseits den Schlachtruf der internationalen Koalition gegen das Gaddafi-Regime wiederholend.
Wenn Gaddafi also nicht gewinnen darf, was ist dann mit all den anderen – die dürfen weiter gewinnen? Marokko zum Beispiel, ein Land in dem politische Gefangene gefoltert werden und dessen Verbrechen gegen die Bevölkerung der Westsahara bis heute ungesühnt geblieben sind – gegen alle Uno-Beschlüsse hält die marokkanische Regierung weiterhin die Besatzung aufrecht und hat die Vertreibung von fast 200.000 Menschen nicht rückgängig gemacht. In Syrien werden Demonstrationen zu Dutzenden niedergeschossen, und während der „Operation Geschmolzenes Blei“ vor zwei Jahren hat das israelische Militär die gesamte Bevölkerung Gazas prinzipiell zu Kombattanten erklärt – nicht aus rassistischer Hybris, sondern aus der Logik des modernen Krieges heraus, in dem die Unterscheidung zwischen Zivilist und Soldat immer mehr verwischt1.
Und wer es noch nicht wusste: Aus der Türkei sickern jetzt die Details des schmutzigen Krieges gegen die Kurden durch, all die Massengräber, die Verschleppungen, die Zwangsumsiedlungen.
Gewiss – die Wortwahl ist in Marokko, der Türkei, in Syrien oder Israel eine andere. Gaddafi beschimpft seine Gegner als Ratten und schwört blutige Rache. Die Frage aber ist, ob die Worte schon die Sache sind, oder ob die Sache sich nicht als dieselbe entpuppt, wenn man die martialischen Gesten der Kriegshetze rausstreicht. Diese Frage ist einfach zu beantworten.
Die erste Heuchelei in der Libyen-Kampagne der Nato besteht also darin, die Blutrünstigkeit Gaddafis aus seinem offensichtlichen Wahnsinn abzuleiten, aber nicht – was naheliegender wäre – aus der Situation selbst: aus dem Bürgerkrieg. Zügellose Hassrhetorik konnte man ohne Ende auch im jugoslawischen Bürgerkrieg finden, und zwar auf allen Seiten. Aber – ach so, natürlich – schon damals wurde der Krieg aus der Pathologie der Anführer (in der Regel ging es hierzulande eh nur gegen die Serben) abgeleitet und die Eskalation nicht im Krieg gesucht. Und ich möchte nicht wissen, wie Tschetschenien und »der Kaukasus« in der russischen Öffentlichkeit verhandelt werden.
Dürfen die anderen also weiter gewinnen? Das kommt darauf an. Z.B. ob das Land in der Frontlinie im Kampf gegen den Terror auf der richtigen Seite steht (Marokko). Ob eine Regierung für die Weltmächte strategisch (Türkei, Israel)– oder auch wirtschaftlich (Saudi-Arabien) – unentbehrlich ist.2 Jedenfalls entpuppt sich das ganze Gehampel um die UN-Resolution 1973 als: Machtpolitik sans phrase. Sie dämmt mitnichten die Ausübung überlegener Macht ( = die Kriegsmaschinerie der Nato) ein, sondern – wie von Geisterhand – erweitert ihr Mandat geradezu von selbst. Allein schon die Frage, wie die Kontrolle des Luftraums überhaupt zu bewerkstelligen ist, ist keine einfache. Zwar gibt es drei voneinander unterschiedene Waffengattungen – Marine, Herr, Luftwaffe –, diese sind aber real miteinander verwoben: Um den Luftraum zu kontrollieren, müsste man auch einen Flugzeugträger versenken, muss man die auf dem Boden stationierten Kommandozentralen zerstören, muss man, um ganz sicher zu sein, letztlich die Befehlsstruktur des gesamten Militärs durchtrennen. Das kann durchaus beinhalten, dass man schließlich den obersten Befehlshaber ausschaltet – damit wären wir direkt bei Gaddafi. Weil abzusehen ist, dass ein langer Bürgerkrieg Libyens Infrastsruktur über alle Maßen zerrüttet, wäre eine humanitäre Intervention zwecks Wiederaufbaus sicherlich auch eine Option.
Die UN-Resultion ist das beste aktuelle Beispiel dafür, dass Recht Macht nicht begrenzt – oder besser: dass dies nicht das Entscheidende am Recht ist –, sondern ganz generell zum Ausdruck bringt. Abseits des Rechts wäre Macht bloße Willkür und damit letztlich selbst-zersetzend. Natürlich ist Recht wesentlich machtförmig, und natürlich ist das keine Reduktion (auf Gewalt), sondern umgekehrt: Im Recht differenziert sich die nackte Gewalt überhaupt erst und erzeugt den Schein, es würde das Recht der Gleichen und nicht das des Stärkeren gelten.

  1. Diese Diffusion wird zum einen von der unterlegenen Partei angewandt, um die Kämpfer dadurch unsichtbar zu machen, sie bewegen sich, das wusste schon Mao, wie Fische im Wasser. Zum anderen hat aber auch die überlegene Seite ein Interesse daran: Diese Diffusion ermöglicht nämlich die Terrorisierung der gesamten Bevölkerung. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, eine als feindselig eingeschätzte Bevölkerung dermaßen zu zermürben, dass bspw. eine Besatzung erheblich einfacher durchzuführen ist. [zurück]
  2. Und warum ausgerechnet Gaddafi, der doch in den letzten zehn Jahren die besten Kontakte zum Westen pflegte? Einfach weil die Gelegenheit so günstig ist. Die Gelegenheit nämlich, dass sich die Westmächte im Reigen der arabischen Aufstände und Revolutionen ganz offen als Lizenzengeber für einen »vernünftigen« Staatsaufbau präsentieren können. [zurück]

Sehr autoritäre „Organisierungs- und Entscheidungsfindungsform“

In Barcelona, 1917, kriegte die Regierung keinen einzigen Arbeiter, der bereit gewesen wäre, beim Bau eines neuen Knastes mitzuwirken. Keinen Arbeiter, keinen Zimmermann, keinen Polier kriegten die dazu!… Die mußten ungebildete Tröpfe aus der Provinz, aus reaktionären Gegenden rankarren. Und selbst die ließ man nicht an die Arbeit…
Wer? Wer denn wohl? Die Arbeiter von Barcelona. Die hauten denen was aufs Maul – prompt hatten die Klassenbewußtsein.

(aus: Peter Paul Zahl, „Die Glücklichen. Ein Schelmenroman“, Rotbuch Verlag, Westberlin 1979)

Nicht-autoritäre „Organisierungs- und Entscheidungsfindungsform“

SEX FÜR DEN FRIEDEN

Bonobo-Affen lösen Konfikte mit Erotik

Dicke Luft zwischen Bonobo-Männchen Akili, 15, und dem Weibchen Lenore, 13: Akili verspeist seine leckeren Ingwerblätter. Lenore darf nur zuschauen. Die Äffin ist sauer. Aber sie weiß, wie sie den Konflikt schnell lösen kann. Geschickt verführt sie Akili zum Petting. Danach knabbern die beiden friedlich und entspannt am Rest der Mahlzeit.

Bonobo-Affen sind die Hippies des Tierreichs. Nach dem Motto „Make love, not war“ lösen sie die meisten ihrer Streitigkeiten mit Sex. Dabei sind sie nicht wählerisch. Wenn sich im Regenwald zwei Clans unter einem Obstbaum begegnen, veranstalten sie zunächst ein ohrenbetäubendes Kreischkonzert. Der Zank ist nach einiger Zeit beigelegt, und oft wird die Gelegenheit gleich für eine Runde Gruppensex genutzt: Männchen und Weibchen kopulieren, Weibchen reiben ihre Genitalien an anderen Weibchen, Männchen mastubieren mit anderen Männchen, Jungtiere besteigen einander. Nach dem offensichtlich vergnüglichen „Vorspiel“ hat die Meute kein Problem mehr, das Futter aufzuteilen.

Sex wird in der Bonobo-Gesellschaft in allen erdenklichen Varianten zur Streßminderung oder auch einfach zum Spaß eingesetzt.

Bonobos sind äußerst einfallsreich beim Erfinden neuer Positionen oder ungewöhnlicher Liebesspiele. „Als hätten sie das Kamasutra gelesen“, schwärmt der Primatologe Frans de Waal von der Emory University in Atlanta, der das Affenverhalten seit Jahren erforscht.

Die sexlustigen Primaten sind fast so groß wie Schimpansen, jedoch um einiges graziler. Ihr Körperbau – schmale Schultern und Hüften, lange, schlanke Beine und ein schmächtiger Oberkörper – gleicht auf frappierende Weise dem des Menschen. Genetische Analysen haben ergeben, daß sie so nah mit uns verwandt sind wie die Schimpansen. Mit beiden Arten haben wir mindestens 98 Prozent unseres Erbguts gemein.

Bonobos – Vorbilder für den Menschen? „Lange herrschte die Überzeugung, Aggression, Jagdtrieb und Kriegslust seien das dominierende evolutionäre Erbe des Menschen“, sagt Frans de Waal. „Daß die versöhnlichen und amourösen Bonobos mit uns verwandt sind, zeigt aber, daß es offenbar auch ein genetisch programmiertes Talent zum Frieden gibt.“

In den meisten menschlichen Kulturen würde die Sex-Lösung allerdings wohl eher zu neuem Ärger führen als Konflikte beseitigen.