Notiz zum Histomat

Dass Marx und Engels ein Schema der historischen Entwicklung vorgelegt haben, das ist kein Drama. Jeder, der was zu sagen hat, arbeitet mit Schemata, und man muss sich nicht zeilenweise quälen, um das zu »beweisen«. Ich fange auch nicht gleich an zu weinen, weil sie – vor allem Engels – eine zeitlang die erschütternde Hegel’sche Redeweise von den »geschichtslosen Völkern« (die aus sich heraus also zu keiner Entwicklung fähig sind, sondern getreten werden müssen – sprich: kolonisiert, kapitalisiert, proletarisiert) verwendeten. Relevanter sind doch die Fragen: Zu welchem Zeitpunkt revidieren sie ihre Rede? Wie überwinden sie ihren Eurozentrismus? Wo sehen sie alternative Übergänge zum Sozialismus resp. Ausstiege aus dem Kapitalismus/der Despotie?
Es ist diese radikale Historisierung des marxschen Denkens, die sie von Projektionen, die immer unsere sind, freiräumt und einen nüchternen Blick über Grenzen und Reichweite seiner Kritik ermöglicht. »Geschichte ist kein Argument«, lautet ein beliebter Sonntagsspruch penetranter Neo-Aufklärer. Mag sein. Geschichte ist aber ein Teil unserer Gegenwart und insofern immer auch ein Kampfplatz, auf dem sich der Kommunismus zu behaupten hat.
Bekanntlich haben Linke ihre Haltung zu Afghanistan, Irak, dem Krieg gegen den Terror etc.pp. immer auch mit dem Histomat begründet (die legendären Bedingungen der Möglichkeit …): ’historischer Materialismus’ ist nicht Analyse, sondern Manipulation im Gewande der materialistischen Geschichtsbetrachtung – weswegen es auch DEN Histomat nie gegeben hat, er war immer abhängig von der jeweiligen ZK-Linie.
Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Marotte von Antideutschen1, die nach fünf Jahren sowieso für die WELT schreiben oder FDP-Mitglieder werden, sondern es ist genereller Zug einer provinziellen deutschen Linken, die sich kaum noch mit dem Weltgeschehen (»Internationalismus«) auseinandersetzt, dies also nur durch die deutsche Brille tut. Und dagegen muss man nun sagen: Manipuliert so viel ihr wollt, aber den ganzen Marx kriegt ihr nicht.

  1. Die Antideutschen sind tatsächlich Geschichte, da mag die Bahamas noch so penetrant auf angeblich steigende Verkaufszahlen und überlaufene Veranstaltungen hinweisen (sie wollen ja gar nicht auf die Idee kommen, dass viele vor allem deshalb zu den Veranstaltungen gehen, um eine amüsante Freakshow zu erleben). Früher ging es bekanntlich nicht um verkaufte Hefte, sondern darum, die Redaktionen einschlägiger Kiosk-Magazine vor sich herzutreiben, Kampagnen zu organisieren, missliebige Kritiker zu brandmarken und unmöglich zu machen, Veranstaltungen zu sprengen, halbwegs intakte Szenen zu ruinieren, dies aber der anderen Seite zuzuschreiben, kurzum: um Hegemonie. Das ist vorbei. Deshalb die Langweile und Sterilität in antideutschen Verlautbarungen der letzten Jahre, deshalb auch die Stilkritik eines Lars Quadfasels: Es geht nur noch um die Hülle, gar nicht mehr um den – verdunsteten – Inhalt.
    Geblieben ist der Provinzialismus, jene gespenstische Abhängigkeit vieler Linksradikaler von bürgerlicher Ideologie, die mit feister Selbstgefälligkeit vorgetragen wird. Alles andere als harmlos. [zurück]