Zum Weiterlesen (Marx und der Eurozentrismus)

Hier die angekündigten Literaturhinweise, kein Anspruch auf Vollständigkeit, kein Interesse an »Originalität«.

Bahnbrechend war die kommentierte Quellenedition »Late Marx and the Russian Road: Marx and the ‚Peripheries of Capitalism‘« (1983), für die der anglorussische Soziologe Teodor Shanin verantwortlich zeichnete. Shanin geht der Öffnung des Marxschen historischen Denkens in dessen letzten Lebensjahren nach, gerade weil Marx sich dem »russischen Rätsel« widmete und ihm gewahr wurde, dass das »Kapital« (mit dem Modell eines ideal durchschnittlichen Kapitalismus) vielleicht doch zu beschränkt war – weswegen er in den 1870er Jahren eben nicht am »Kapital«, sondern an der Russland-Frage weiterarbeitete.
Ganz aktuell hat der verdienstvolle Kevin Anderson (siehe »Foucault and the Iranian Revolution. Gender and the Seductions of Islamism«, zusammen mit Janet Afray, 2005) »Marx at the margins. On nationalism, ethnicity, and non-western societies« vorgelegt, das Buch habe ich noch nicht lesen können, dafür aber diesen Aufsatz: »Marx’s Late Writings on Non-Western and Precapitalist Societies and Gender« (2002), der vermutlich einige Thesen des Buches in nuce enthält. Anderson ist ein wenig spitzfindig, er will herausfriemeln, dass auch der »eurozentrische« Marx (nach Shanin: der Marx vor 1872) bereits differenzierter über außereuropäische Gesellschaften und andere gesellschaftliche Entwicklungswege geschrieben hat, als es den Anschein hat. Marx ist ein Meister der Subtilitäten und Zwischentöne, deswegen ist die Spitzfindigkeit Andersons legitim. Hier sein Vergleich der englischen und französischen Ausgabe des »Kapital« (Marx bezeichnete die französische Ausgabe als im Prinzip eigenständiges Werk; die englischen Ausgaben basieren – natürlich – allesamt auf den deutschsprachigen Editionen, die aber nur teilweise [!] die Änderungen der französischen berücksichtigen…)

First, in a well-known passage on the relationship of capitalist to noncapitalist societies, the English edition reads: “The country that is more developed industrially only shows, to the less developed, the image of its own future” (emphasis added). Some of those who criticize volume one of Capital as a deterministic work have interpreted this passage to suggest that Marx thought all human societies would be forced to follow a single pathway of development, that of nineteenthcentury capitalist England (Shanin). But note how this same passage reads in the French edition, where Marx clarified his argument: “The country that is more developed industrially only shows, to those which follow it on the industrial path [échelle], the image of its own future” (emphasis added). Here the notion of one country following the pathway of another is explicitly limited to those that are moving toward industrialization. Nonindustrial societies of Marx’s time such as Russia and India are now seemingly bracketed out, leaving open the notion of alternative pathways for them.
Marx did something similar with another passage, this one from the section on primitive accumulation, where he discussed the origin of capitalism in the expropriation of the peasantry. In the standard English and German editions, Marx wrote: “The expropriation of the agricultural producer, of the peasant, from the soil, is the basis of the whole process . . . Only in England, which we therefore take as our example, has it the classic form” (emphasis added). However, in the later French edition, this passage reads: “But the basis of this whole development is the expropriation of the peasants. England is so far the only country where this has been carried through completely . . . but all the countries of Western Europe are going through the same development” (emphasis added). Once again, he left room for a possibly alternative development for Russia and other non-Western societies.

Got the picture? Anderson ist vorsichtiger (oder einfach: orthodox-marxistischer), mit ihm könnte man sagen: Es gab vielleicht keinen Bruch in Marxens Denken und Forschen, aber eine massive Verschiebung — die einigen Radikalen in den 1970er Jahren zufolge ganz andere Perspektiven für revolutionäres Handeln eröffnete. Das bekannteste Statement dazu ist sicherlich Rudi Dutschkes Doktorarbeit »Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus: Lenin, Lukács und die 3. Internationale« (1974). Die Arbeit ist wesentlich ideengeschichtlich, hätte aber sozialgeschichtlich vorgehen müssen. So läuft es auf einen Vorwurf hinaus, auf den eigentlich nur Intellektuelle kommen können: Hätte Lenin – der westeuropäische Revolutionär im halbasiatischen Russland – doch nur bei Marx besser aufgepasst! Dann wäre er vielleicht nicht auf die Idee gekommen, ein verfehltes Revolutionskonzept auf Teufel komm raus verwirklichen zu wollen! Dutschkes Buch ist natürlich um Lichtjahre all dem klügelnden Zeugs voraus, das heutzutage als akademischer Marxismus firmiert.
Den Blueprint für Dutschkes Arbeit lieferte der Ethnologe Fritz Kramer in zwei brillanten Aufsätzen: »Über den Sozialismus in China und Rußland und die Marxsche Theorie der Geschichte« (in: »Rotes Forum. Organ des SDS Heidelberg«, 3/1970) und »Kollektivwirtschaftliche Ursprünge des Sozialismus in China und Rußland« (in: »Gesellschaftsstrukturen. Hg. von Klaus Meschkat und Oskar Negt«, 1973). Kramer hat später eine tiefgehende Selbstkritik seines Fachs, »Verkehrte Welten. Zur imaginären Ethnographie des 19. Jahrhunderts« (1977) veröffentlicht, sowie zusammen mit Christian Sigrist zwei Sammelbände »Gesellschaften ohne Staat« ediert (1978/1983).
Jacques Camatte, Meisterschüler Amadeo Bordigas und gleichzeitig der rätselhafte Aussteiger aus der bordigistischen Szene (wie überhaupt aus der ganzen Politik), hat – als geplante Einleitung zu einer letztendlich verhinderten Ausgabe mit Rußland-Schriften Bordigas – ebenfalls einen langen Kommentar zum russischen Gemeinwesen, Marx’ Geschichtsanalyse und der Revolution der Bolschewiki vorgelegt: »Community and Communism in Russia« (1974, englische Übersetzung: 1978).
Zum Abschluss zwei Schritte zurück – und ein Ausblick. Roman Rosdolsky hat 1948 Material zum Sturz eines Heiligenbildes vorgelegt: »Friedrich Engels und das Problem der „geschichtslosen“ Völker :die Nationalitätenfrage in der Revolution 1848 – 1849 im Lichte der „Neuen Rheinischen Zeitung“)« (die knapp 200-seitige Studie liegt online vor, Achtung – wegen großer Datenmenge längere Ladezeit möglich!). Rosdolsky, den man als bahnbrechenden »Grundrisse«-Kommentator (»Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals«) kennt, war einer der Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, die nicht viel Aufhebens um sich gemacht haben, deren Lebenslauf einen aber stumm dastehen lässt. Rosdolsky hat mal ganz nebenbei, es wird demnächst auf Ofenschlot dokumentiert, eine ebenso abseitig-kuriose wie schlüssige Geschichte erzählt, was Universalismus tatsächlich ist. Anyway – in seiner Engels-Kritik listet er schmerzhaft genau die chauvinistischen Borniertheiten der 48er-Revolutionäre auf und ist optimistisch genug – 1948! Welche Verzweifelung dahinterstecken mag! –, auf die langfristige Durchsetzung des proletarischen Internationalismus zu setzen.
Und der Ausblick? »Europa als Provinz« von Dipesh Chakrabarty.