Archiv für Februar 2011

Prosa des Lebens #12

In Buenos Aires fuhren sie einmal Trambahn, Ascaso und Durruti, und auf einmal merkten sie, daß sie unter ihrem eigenen Steckbrief saßen. Die Regierung hatte ein Kopfgeld ausgesetzt; sie mußten das Land so schnell wie möglich verlassen.
Sie kauften sich Schiffspassagen erster Klasse, und das war sehr schlau von ihnen. Sie kamen ohne weiteres an Bord. Aber dann, als Arbeiter in der Ersten Klasse, ja, vor allem Durruti, der war tapfer und ein prima Kerl, aber ein feiner Herr, Manieren und so weiter, nie! Zum Beispiel am Eingang zum Speisesaal stand ein Laufbursche und nahm den Leuten den Hut ab. Durruti ging einfach an ihm vorbei, die Mütze auf dem Kopf. »Mein Herr, Ihre Mütze, Ihre Mütze!« Durruti ließ ihn stehen und stopfte sich die Mütze in die Tasche. Oder beim Nachtisch, Äpfel und Orangen mit Messer und Gabel schälen, das war nichts für ihn, er schmiß das Besteck einfach weg.
Da sagte sein Freund zu ihm: »Paß auf, die beobachten dich schon. Da ist etwas im Gange. Wir müssen etwas erfinden. Sagen wir einfach, wir sind Artisten!« – »Was? Artisten? Soll ich als Tänzer herumlaufen, oder wie?« – »Nein, das nicht. Aber was machen wir bloß? Ich weiß! Ihr seid eben Sportler, Handballstars!« Und so sind sie auf dem Schiff angetreten, als Handballspieler, eine phantastische Idee. Die Passagiere wurden ganz zutraulich. Als es an die Ausschiffung ging, natürlich die aus der Dritten Klasse wurden haarscharf kontrolliert, aber in der ersten nahmen sie nur den Paß und hauten ihre Stempel rein, bitte sehr mein Herr, und schon waren sie von Bord.


Eugenio Valdenebro
, nach HM Enzenseberger, »Der kurze Sommer der Anarchie« (Frankfurt/M., 1972)

Handballstars
Handballstars: Francisco Ascaso,
Buenaventura Durruti und Gregorio Jover (1927)

Avanti Barbari!

Was die Barbarei betrifft, so steht sie der Zivilisation, damit auch der Bürokratie, gegenüber. Unsere barbarischen Vorfahren – die Glücklichen – besaßen keine Organisationssysteme auf Grundlage (ach, alter Engels) zweier Elemente: ein abgegrenztes Territorium und eine bestimmte herrschende Klasse. Es gab den Clan, den Stamm, noch keine civitas. Civitas heißt Stadt, und auch Staat; Zivilisation im Gegensatz zur Barbarei heißt staatliche Organisation und zwangsläufig Bürokratie. Immer mehr Staat, mehr Zivilisation, mehr Bürokratie, und das, solange Klassengesellschaften einander ablösen. Das ist, was der Marxismus sagt. Was uns aufs Kreuz legt, ist nicht die Rückkehr der Barbarei, sondern der Anbruch der Superzivilisation in allen von den Ungeheuern der staatlichen Superorganisationen beherrschten Ländern.

Aus: Amadeo Bordiga, »Dottrina del diavolo in corpo«, Battaglia comunista, Nr. 21, November 1951.

Hilfsverfassungsschützer (Broder vs. Bahners)

»Die Panikmacher« von Patrick Bahners hat nun doch jene Art Widerspruch von Broder und Sarrazin erfahren, dass ich fast versucht bin, es mir zuzulegen.

Denn Broder und Sarrazin reagieren dermaßen reflexhaft mit dem Vorwurf der Schuldumkehr – sprich: Verharmlosung des Islamismus durch Dämonisierung der Islamkritiker –, dass es sie wirklich getroffen haben muss. Der Vorwurf, dass jemand eine Sache in ihr Gegenteil verkehrt hat, ist ultimativ, weil er aufs Ganze geht, kann aber auch wohlfeil sein: Wenn man nämlich einen anderen Maßstab anlegt. Man erledigt sich der Auseinandersetzung mit der Sache selbst, sagt schlicht: Das Gegenteil stimmt!, kann das irgendwie auch belegen, hat aber in diesem Moment schon den anderen Maßstab eingeschmuggelt.

Das tun Sarrazin und Broder, und sie sind darin ziemlich groß – sonst wären sie nicht die Demagogen und Aggressivlinge, die sie nun mal sind.

Beispiel: Wenn Sarrazin aufstöhnt »Dank Patrick Bahners wissen wir endlich: Nicht Al Qaida ist eine Gefahr für den Weltfrieden, Necla Kelek ist es – und mit ihr alle, die ihre Befürchtungen teilen!«, dann weist er indirekt, aber überdeutlich daraufhin, dass Frau Kelek noch nie jemanden umgebracht hat und auch nicht danach trachtet, Massenvernichtungswaffen in ihren Besitz zu bringen – vor allem aber weist er darauf hin, dass schon der Hinweis selbst abwegig und ehrabschneiderisch ist, dass auch nur die Andeutung eines Rollentausches von Frau Kelek und Al Qaida, wie sagt Sarrazin?, »unanständig« ist. Das stimmt ganz sicher, Bahners weiß das, darauf will er auch gar nicht hinaus. Ihn in dieses Zwielicht zu rücken, Broder unternimmt ähnliche Anstrengungen1, gelingt nur mit Hilfe eines anderen Maßstabs. Dazu später.

Der ganze Zank hängt an einem Wort. Zugegeben, es ist waghalsig, über einen einzigen Begriff zu spekulieren, aber er markiert eine Grenze. In seiner Attacke auf Bahners zitiert Broder, dass dieser Islamkritiker u.a. als »Hilfsverfassungsschützer« bezeichnet. Wer Hilfsverfassungsschützer sagt, der setzt voraus, dass es auch Profis gibt, die richtigen Verfassungsschützer, und er will signalisieren: Es gibt Leute, deren Job es ist, die Verfassung zu schützen, die können das, die sind ausgebildet, die haben Erfahrung, es ist nicht unsere Aufgabe (es kann sogar sehr gefährlich sein), sich in ihr Metier einzumischen. Das ist die Grenze: Natürlich weiß Bahners, dass es islamischen Terrorismus gibt, auch er wird von Zwangsheiraten, Ehrenmorden und antirepublikanischer Hetze in einigen Moscheen gehört haben. Dagegen vorzugehen, ist aber Aufgabe der Polizei und des Verfassungsschutzes. Es gibt Gesetze, und es gibt eine Staatsmacht, die entschlossen und in der Lage ist, diese anzuwenden und durchzusetzen. Als Feuilleton-Chef der FAZ verneigt sich Bahners demütig vor dem Staat – was auch sonst?!

Bekanntlich ist das deutsche Bürgertum eines der anspruchslosesten, es ist zahnlos und politisch ganz und gar unoriginell. Bahners macht da selbstverständlich keine Ausnahme. Diese Anspruchslosigkeit ist zum einen eine Art Selbstschutz – die letzte Diktatur in eigner Sache ist dem Bürgertum in Deutschland nicht gut bekommen –, zum anderen haben die Alliierten, zumal die westlichen, doch ein wenig nachgeholfen, dass sich die deutsche Bourgeoisie in ihr Paria-Schicksal fügt (Westbindung, importierte Kulturindustrie, massive Präsenz fremder Truppen etc.pp.). Vor allem aber ist die Anspruchslosigkeit Ausdruck eines allgemeinen Zugs des Kapitalismus. Dieser ist schließlich die größte Enteignungsmaschinerie der bisherigen Menschheitsgeschichte, sein Expropriationsfuror macht auch nicht vor heroischen Unternehmern und unabhängigen Intellektuellen halt und würdigt sie zu bloß gehobenen Funktionsträgern des Akkumulationsprozesses herab.

Das kennt Bahners aus eigener Anschauung, weswegen er seine Aufgabe nolens volens darin sieht, zumindest die Grenze, die die Grenze seiner Einflussmöglichkeit ist, exakt zu definieren. Dort drüben die Verfassungsschützer, die fürs Grobe zuständig sind und die dafür nicht die guten Vorschläge eines Bahners’ (oder eines Broders oder einer Kelek) brauchen; hier die aufgeklärten oder besser – im Sinne des Verwaltungsfachmanns Niklas Luhmann: abgeklärten Bürger, die die vornehme Aufgabe haben, die Zivilgesellschaft zu gestalten und sich dabei gegen die Zumutungen des Staates verwahren. Ist die Welt des Staates eine, in der Repression, eiserne Regeln und kühle Verwaltung herrschen, so ist das Reich der Zivilgesellschaft der Ort, in dem Toleranz geübt wird — das freie, leichte, ironische Miteinander — , in dem man Widersprüche aushält und, nun ja, schon mal »das Fremde« zulässt.

Bahners ist jener mustergültige Liberale, der das System von Repräsentation und Delegierung verinnerlicht hat2. Deshalb ist es absolut korrekt, wenn er Kelek vorwirft: »Indem sie aussprach, dass sie in der islamischen Welt nicht einmal auf Verbündete im Geiste zu hoffen wagte, hatte sie die Frontlinie eines Weltbürgerkrieges gezogen.«3, und ihr Bescheid gibt »Die Auffassung, dass der Staat das Höchste ist und es für den Frommen nie eine Gewissenspflicht zum Widerstand geben kann, haben in Deutschland zuletzt die Deutschen Christen vertreten.«

Der Punkt – so viel zu den unterschiedlichen Maßstäben – ist nicht, dass Necla Kelek etwa mordlustig und ein Pamphlet von ihr so brisant wie eine Schläferzelle im Südsauerland wäre. Auf der Ebene der reinen Tat, der schieren kriminellen Handlung Kelek mit Al Qaida zu vergleichen – das ist absurd; auf diese Absurdität aber wollen Broder und Sarrazin hinaus, um Bahners daran zu blamieren.

Indem nun Kelek – und Broder und Sarrazin und Giordano und … wie der Verfassungsschutz auftreten, nicht die Zivilgesellschaft hinnehmen, wie sie ist (um in ihr zu wirken), sondern ihre staatliche Rahmung betonen und darauf drängen, dass stählerne Band des Gewaltmonopols noch enger, noch rigider zu ziehen, zersetzen sie diese, vergiften das Klima, durchlöchern eine Systemgrenze und lassen es so zu – begrüßen es! –, dass staatliche Gewalt endemisch wird: Ein Selbstmordattentäter reißt zwanzig Menschen mit in den Tod; eine entfesselte staatliche Gewaltmaschine, die durch die Zivilgesellschaft pflügt, richtet ungleich größeres Leid an. Es sind Intellektuelle vom Schlage einer Kelek oder eines Broders, die die Entfesselung herbei schreiben wollen. »Die Idee, man könnte dem Terror nur mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen, übersteigt die Grenze zum Irrealen. Es ist, als ob man die Feuerwehr auffordern würde, sich bei ihren Einsätzen an die Straßenverkehrsordnung zu halten.« (Henry M. Broder, »Hurra, wir kapitulieren!«, S. 124)
Kein Zweifel, hier wird die »Frontlinie eines Weltbürgerkrieges gezogen«.

Broder & Co. sind Apologeten des Ausnahmezustandes, eben: Hilfsverfassungsschützer. Sie reden einer Versubjektivierung der Staatsgewalt das Wort (die sich in Denunziationswut und einer Kampagnenlust gegen Missliebige wie Bahners oder etwa, schon vergessen?, Wolfgang Benz ausdrückt) und treten in ihrer selbstherrlichen Arroganz auf wie Mini-Staaten. Es gab Zeiten, da wurde das faschistisch genannt.

Aber nicht doch! Ist doch »Faschismus« jenes Label, was nicht nur die damit Bedachten in die schmuddeligste Schmuddelecke schickt, sondern auch alle anderen nobilitiert und sie einer kritischen Auseinandersetzung mit dem »Faschismus« enthebt. Denn jenseits der Faschisten gibt es keine Nicht-Faschisten, sondern nur Antifaschisten. Der Faschismus-Vorwurf wäre passend, wenn er nicht so effekthascherisch wäre.

Wie so oft reicht der Rückgriff auf Marx. In seinen Analysen des Scheiterns der 1848er Revolution leitete er die unheimliche bonapartistische Restauration in Frankreich aus der demokratischen Verfassung selber ab. Ihn interessierten in jenem System der Repräsentation und der Delegierung vor allem die Momente, die dieses System außer Kraft setzen: die entsprechenden Ausnahmeparagrafen, die dann, wenn die Ordnung selbst in Gefahr ist, wenn Privateigentum und Konkurrenzwirtschaft bedroht sind, zur Anwendung kommen. Die Aufhebung der Demokratie als Sicherung ihres Fortbestandes.

Die Grenze zwischen Zivilgesellschaft und staatlicher Gewaltsphäre ist längst nicht so eindeutig gezogen, wie der Liberale Bahners sich das vielleicht erträumt. Umgekehrt stehen Sarrazin oder Broder nicht für einen Bruch mit der Zivilgesellschaft, auch nicht für die Selbstaufgabe des angeblich auf Toleranz und Ausgleich drängenden Bürgertums. Sie sind dessen Avantgarde.

Sie schreiben es nicht, aber sie meinen es: Wir machen die Drecksarbeit, damit der Bahners weiterhin den Schöngeist geben kann – was mischt der sich in unsere Belange ein?!

  1. O-Ton Broder: »In seiner Welt ist es nicht der militante Islam beziehungsweise der Islamismus, der das friedliche Zusammenleben der Menschen bedroht, es ist die Spezies der ›Islamkritiker‹ – lauter Panikmacher, Paranoiker und Politkasper, die sich aufgemacht haben, um eine so friedliche, harmlose und tolerante Weltanschauung wie den Islam in Verruf zu bringen. Er nennt viele Namen und zitiert viele Beispiele, nur eine Information verkneift er sich: wie die ›Islamkritik‹ als Diskursgegenstand in die Welt gekommen ist. Dabei kann man den Zeitpunkt auf die Minute genau festlegen: Es war der 11. September 2001, um 8.46 Uhr New Yorker Zeit.« [zurück]
  2. Als solcher müsste er selbstverständlich von den Grigats, Scheits, Nachtmanns und Wertmüllers – jenen großen kritisch-marxistischen Verteidigern des Bürgerlichen – geachtet und verehrt werden! Dass sein Buch auch in diesen Kreisen verrissen werden wird, ist freilich so absehbar wie Glockengeläut Sonntag um 10 Uhr. [zurück]
  3. Die Bahners-Zitate sind Sarrazins Verriss entnommen. [zurück]

Notiz zum Histomat

Dass Marx und Engels ein Schema der historischen Entwicklung vorgelegt haben, das ist kein Drama. Jeder, der was zu sagen hat, arbeitet mit Schemata, und man muss sich nicht zeilenweise quälen, um das zu »beweisen«. Ich fange auch nicht gleich an zu weinen, weil sie – vor allem Engels – eine zeitlang die erschütternde Hegel’sche Redeweise von den »geschichtslosen Völkern« (die aus sich heraus also zu keiner Entwicklung fähig sind, sondern getreten werden müssen – sprich: kolonisiert, kapitalisiert, proletarisiert) verwendeten. Relevanter sind doch die Fragen: Zu welchem Zeitpunkt revidieren sie ihre Rede? Wie überwinden sie ihren Eurozentrismus? Wo sehen sie alternative Übergänge zum Sozialismus resp. Ausstiege aus dem Kapitalismus/der Despotie?
Es ist diese radikale Historisierung des marxschen Denkens, die sie von Projektionen, die immer unsere sind, freiräumt und einen nüchternen Blick über Grenzen und Reichweite seiner Kritik ermöglicht. »Geschichte ist kein Argument«, lautet ein beliebter Sonntagsspruch penetranter Neo-Aufklärer. Mag sein. Geschichte ist aber ein Teil unserer Gegenwart und insofern immer auch ein Kampfplatz, auf dem sich der Kommunismus zu behaupten hat.
Bekanntlich haben Linke ihre Haltung zu Afghanistan, Irak, dem Krieg gegen den Terror etc.pp. immer auch mit dem Histomat begründet (die legendären Bedingungen der Möglichkeit …): ’historischer Materialismus’ ist nicht Analyse, sondern Manipulation im Gewande der materialistischen Geschichtsbetrachtung – weswegen es auch DEN Histomat nie gegeben hat, er war immer abhängig von der jeweiligen ZK-Linie.
Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Marotte von Antideutschen1, die nach fünf Jahren sowieso für die WELT schreiben oder FDP-Mitglieder werden, sondern es ist genereller Zug einer provinziellen deutschen Linken, die sich kaum noch mit dem Weltgeschehen (»Internationalismus«) auseinandersetzt, dies also nur durch die deutsche Brille tut. Und dagegen muss man nun sagen: Manipuliert so viel ihr wollt, aber den ganzen Marx kriegt ihr nicht.

  1. Die Antideutschen sind tatsächlich Geschichte, da mag die Bahamas noch so penetrant auf angeblich steigende Verkaufszahlen und überlaufene Veranstaltungen hinweisen (sie wollen ja gar nicht auf die Idee kommen, dass viele vor allem deshalb zu den Veranstaltungen gehen, um eine amüsante Freakshow zu erleben). Früher ging es bekanntlich nicht um verkaufte Hefte, sondern darum, die Redaktionen einschlägiger Kiosk-Magazine vor sich herzutreiben, Kampagnen zu organisieren, missliebige Kritiker zu brandmarken und unmöglich zu machen, Veranstaltungen zu sprengen, halbwegs intakte Szenen zu ruinieren, dies aber der anderen Seite zuzuschreiben, kurzum: um Hegemonie. Das ist vorbei. Deshalb die Langweile und Sterilität in antideutschen Verlautbarungen der letzten Jahre, deshalb auch die Stilkritik eines Lars Quadfasels: Es geht nur noch um die Hülle, gar nicht mehr um den – verdunsteten – Inhalt.
    Geblieben ist der Provinzialismus, jene gespenstische Abhängigkeit vieler Linksradikaler von bürgerlicher Ideologie, die mit feister Selbstgefälligkeit vorgetragen wird. Alles andere als harmlos. [zurück]

Zum Weiterlesen (Marx und der Eurozentrismus)

Hier die angekündigten Literaturhinweise, kein Anspruch auf Vollständigkeit, kein Interesse an »Originalität«.

Bahnbrechend war die kommentierte Quellenedition »Late Marx and the Russian Road: Marx and the ‚Peripheries of Capitalism‘« (1983), für die der anglorussische Soziologe Teodor Shanin verantwortlich zeichnete. Shanin geht der Öffnung des Marxschen historischen Denkens in dessen letzten Lebensjahren nach, gerade weil Marx sich dem »russischen Rätsel« widmete und ihm gewahr wurde, dass das »Kapital« (mit dem Modell eines ideal durchschnittlichen Kapitalismus) vielleicht doch zu beschränkt war – weswegen er in den 1870er Jahren eben nicht am »Kapital«, sondern an der Russland-Frage weiterarbeitete.
Ganz aktuell hat der verdienstvolle Kevin Anderson (siehe »Foucault and the Iranian Revolution. Gender and the Seductions of Islamism«, zusammen mit Janet Afray, 2005) »Marx at the margins. On nationalism, ethnicity, and non-western societies« vorgelegt, das Buch habe ich noch nicht lesen können, dafür aber diesen Aufsatz: »Marx’s Late Writings on Non-Western and Precapitalist Societies and Gender« (2002), der vermutlich einige Thesen des Buches in nuce enthält. Anderson ist ein wenig spitzfindig, er will herausfriemeln, dass auch der »eurozentrische« Marx (nach Shanin: der Marx vor 1872) bereits differenzierter über außereuropäische Gesellschaften und andere gesellschaftliche Entwicklungswege geschrieben hat, als es den Anschein hat. Marx ist ein Meister der Subtilitäten und Zwischentöne, deswegen ist die Spitzfindigkeit Andersons legitim. Hier sein Vergleich der englischen und französischen Ausgabe des »Kapital« (Marx bezeichnete die französische Ausgabe als im Prinzip eigenständiges Werk; die englischen Ausgaben basieren – natürlich – allesamt auf den deutschsprachigen Editionen, die aber nur teilweise [!] die Änderungen der französischen berücksichtigen…)

First, in a well-known passage on the relationship of capitalist to noncapitalist societies, the English edition reads: “The country that is more developed industrially only shows, to the less developed, the image of its own future” (emphasis added). Some of those who criticize volume one of Capital as a deterministic work have interpreted this passage to suggest that Marx thought all human societies would be forced to follow a single pathway of development, that of nineteenthcentury capitalist England (Shanin). But note how this same passage reads in the French edition, where Marx clarified his argument: “The country that is more developed industrially only shows, to those which follow it on the industrial path [échelle], the image of its own future” (emphasis added). Here the notion of one country following the pathway of another is explicitly limited to those that are moving toward industrialization. Nonindustrial societies of Marx’s time such as Russia and India are now seemingly bracketed out, leaving open the notion of alternative pathways for them.
Marx did something similar with another passage, this one from the section on primitive accumulation, where he discussed the origin of capitalism in the expropriation of the peasantry. In the standard English and German editions, Marx wrote: “The expropriation of the agricultural producer, of the peasant, from the soil, is the basis of the whole process . . . Only in England, which we therefore take as our example, has it the classic form” (emphasis added). However, in the later French edition, this passage reads: “But the basis of this whole development is the expropriation of the peasants. England is so far the only country where this has been carried through completely . . . but all the countries of Western Europe are going through the same development” (emphasis added). Once again, he left room for a possibly alternative development for Russia and other non-Western societies.

Got the picture? Anderson ist vorsichtiger (oder einfach: orthodox-marxistischer), mit ihm könnte man sagen: Es gab vielleicht keinen Bruch in Marxens Denken und Forschen, aber eine massive Verschiebung — die einigen Radikalen in den 1970er Jahren zufolge ganz andere Perspektiven für revolutionäres Handeln eröffnete. Das bekannteste Statement dazu ist sicherlich Rudi Dutschkes Doktorarbeit »Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus: Lenin, Lukács und die 3. Internationale« (1974). Die Arbeit ist wesentlich ideengeschichtlich, hätte aber sozialgeschichtlich vorgehen müssen. So läuft es auf einen Vorwurf hinaus, auf den eigentlich nur Intellektuelle kommen können: Hätte Lenin – der westeuropäische Revolutionär im halbasiatischen Russland – doch nur bei Marx besser aufgepasst! Dann wäre er vielleicht nicht auf die Idee gekommen, ein verfehltes Revolutionskonzept auf Teufel komm raus verwirklichen zu wollen! Dutschkes Buch ist natürlich um Lichtjahre all dem klügelnden Zeugs voraus, das heutzutage als akademischer Marxismus firmiert.
Den Blueprint für Dutschkes Arbeit lieferte der Ethnologe Fritz Kramer in zwei brillanten Aufsätzen: »Über den Sozialismus in China und Rußland und die Marxsche Theorie der Geschichte« (in: »Rotes Forum. Organ des SDS Heidelberg«, 3/1970) und »Kollektivwirtschaftliche Ursprünge des Sozialismus in China und Rußland« (in: »Gesellschaftsstrukturen. Hg. von Klaus Meschkat und Oskar Negt«, 1973). Kramer hat später eine tiefgehende Selbstkritik seines Fachs, »Verkehrte Welten. Zur imaginären Ethnographie des 19. Jahrhunderts« (1977) veröffentlicht, sowie zusammen mit Christian Sigrist zwei Sammelbände »Gesellschaften ohne Staat« ediert (1978/1983).
Jacques Camatte, Meisterschüler Amadeo Bordigas und gleichzeitig der rätselhafte Aussteiger aus der bordigistischen Szene (wie überhaupt aus der ganzen Politik), hat – als geplante Einleitung zu einer letztendlich verhinderten Ausgabe mit Rußland-Schriften Bordigas – ebenfalls einen langen Kommentar zum russischen Gemeinwesen, Marx’ Geschichtsanalyse und der Revolution der Bolschewiki vorgelegt: »Community and Communism in Russia« (1974, englische Übersetzung: 1978).
Zum Abschluss zwei Schritte zurück – und ein Ausblick. Roman Rosdolsky hat 1948 Material zum Sturz eines Heiligenbildes vorgelegt: »Friedrich Engels und das Problem der „geschichtslosen“ Völker :die Nationalitätenfrage in der Revolution 1848 – 1849 im Lichte der „Neuen Rheinischen Zeitung“)« (die knapp 200-seitige Studie liegt online vor, Achtung – wegen großer Datenmenge längere Ladezeit möglich!). Rosdolsky, den man als bahnbrechenden »Grundrisse«-Kommentator (»Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapitals«) kennt, war einer der Revolutionäre des 20. Jahrhunderts, die nicht viel Aufhebens um sich gemacht haben, deren Lebenslauf einen aber stumm dastehen lässt. Rosdolsky hat mal ganz nebenbei, es wird demnächst auf Ofenschlot dokumentiert, eine ebenso abseitig-kuriose wie schlüssige Geschichte erzählt, was Universalismus tatsächlich ist. Anyway – in seiner Engels-Kritik listet er schmerzhaft genau die chauvinistischen Borniertheiten der 48er-Revolutionäre auf und ist optimistisch genug – 1948! Welche Verzweifelung dahinterstecken mag! –, auf die langfristige Durchsetzung des proletarischen Internationalismus zu setzen.
Und der Ausblick? »Europa als Provinz« von Dipesh Chakrabarty.