MEGA² / IV 22-29

(Erster Teil einer dreiteiligen Reihe über Marx als Entwicklungstheoretiker. Zwei und drei folgen in den nächsten Tagen.)

Sie sind gleichzeitig ein Gegenstand des Begehrens, der Verheißung und zugleich einer der großen Langweile, der Ödnis, Zeugnisse der Mühsal und der Abschweifung, die uns gegenüber aber nahezu stumm bleiben: Die Exzerpte von Karl Marx (und auch Friedrich Engels, hier wird aber auf die von Marx eingegangen). Sie erscheinen in der zweite MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) = MEGA² in der IV. Abteilung, und die damalige Ankündigung, alle erhaltenen oder wiedergefundenen Exzerpte der beiden Alten zu veröffentlichen, machte (und macht immer noch) den großen Reiz dieses Editionsprojektes aus. Was sich wohl dahinter verbergen mag? Zunächst einmal eine überragende Arbeitsmethode der Textaneignung, Textverdichtung, Textübersetzung, des Destillierens und Kondensierens. Marx war ein fanatischer Leser, Kopist und Notizenmacher, dass es selbst dem fleißigsten Philologieprofessor die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste.
Man sieht, wie Marx gearbeitet hat und welche Grundlagen er für z.B. das »Kapital« sich selbst geschaffen hat: Marx hat ja bei der Abfassung seiner Schriften nicht noch mal die gelesenen Bücher herangezogen, sondern arbeitete direkt aus den Exzerptheften heraus (was übrigens die ein oder andere Fehlleistung zur Folge hatte).
Die Hoffnung von uns Laien wird aber weitestgehend enttäuscht: jene Suche nach Überschuss nämlich, auf den Übergang von Kopie zum Exzerpt zur eigenständigen Notiz – die ganz direkt einen Blick etwa in die »Kapital«-Werkstatt ermöglicht. Dieser Überschuss ist marginal. Der Weg zur Erkenntnis bleibt äußert beschwerlich und lässt sich nicht über Fragmentarische, Aphoristische abkürzen.
Wer sich die Liste der projektionierten und bereits veröffentlichten MEGA-Bände der vierten Abteilung anschaut, entdeckt zweierlei: A) zwei Drittel der Bände sind noch nicht erschienen (einige sind noch nicht einmal in Arbeit, mit deren Veröffentlichung ist demnach nicht vor 2025 zu rechnen!); B) die meisten Bände, sprich: die meisten Exzerpte beziehen sich auf tatsächlich von Marx ausgearbeitete Werke. Die Exzerpte stehen im Dienst eines späteren Werkes, sind sozusagen der Weg, der dorthin führt. Man muss nicht jeden Weg verfolgen, wenn man sich im Ausflugslokal auf eine Bockwurst verabredet hat.
Damit könnten wir enden – gäbe es nicht eine stattliche Exzerptgruppe, die völlig für sich steht, die auf (fast) nichts verweist, was Marx in diesen Jahren noch an die Öffentlichkeit ließ, kurzum: die für ein großes, nie geschriebenes – aber wohl gedachtes, umrissenes – Werk stehen: Sie werden veröffentlicht in den Bänden 22 bis 29. Angefertigt wurden sie in den Jahren 1875 bis 1882, im letzten Lebensabschnitt von Marx. In dieser Zeit veröffentlichte er so gut wie nichts mehr. Seine Arbeit an den Kapital-Bänden: nahezu eingestellt. Einmischung in politische Debatten? Bis auf die knappe, aber alles treffende Kritik am »Gothaer Programm«: Fehlanzeige. In der Wissenschaft gilt der alte Marx als ausgelaugt, von Krankheiten schwer gepeinigt (die Furunkel haben ihm regelrecht das Gemüt eingetrübt), traurig darüber und von sich selbst enttäuscht, dass das »Kapital« schwere Konstruktionsfehler enthält (der angebliche Widerspruch zwischen dem ersten und dem dritten Band, den Marx unglücklicherweise durch eine schwache Rechenoperation überwinden wollte, anstatt ihn explizit inhaltlich zu erklären – aber das gehört hier nicht hin).
Anhand der ausstehenden Exzerpt-Bände kann man aber sehr gut sehen, dass Marx mitnichten ausgelaugt und »traurig« war, sondern sich mit manischem Eifer an ein ganz neues Projekt machte: Weltgeschichte – nicht als theoretisches Modell, die, wie noch im KAPITAL, westeuropäische/ englische Entwicklung als ideales Maß nimmt, sondern als realer Prozess.
Schauen wir uns die »Gegenstände« seiner Exzerpte an (M = Marx, E = Engels):

Exzerpte und Notizen. Januar 1875 bis Februar 1876: Rußland nach den Reformen (M)
März bis Juni 1876: Physiologie, Geschichte der Technik (M), russische, englische und griechische Geschichte (M/E)
Mai bis Dezember 1876: Geschichte des Grundeigentums, Rechts- und Verfassungsgeschichte (M)
Januar 1877 bis März 1879: Politische Ökonomie, besonders Bank- und Finanzwesen, kaufmännische Arithmetik (M), Geschichte (M/E)
Mai bis September 1878: Geologie, Mineralogie, Agronomie, Agrarstatistik, Erdgeschichte, Geschichte des Welthandels (M)
1879 bis 1881: Ethnologie, Frühgeschichte, Geschichte des Grundeigentums (M)
1879 bis 1882: russische und französische Geschichte, besonders agrarische Verhältnisse (M), Geschichte des Grundeigentums (E)
Ende 1881 bis Ende 1882: chronologische Tabellen zur Weltgeschichte (M)

Im Klartext: Marx nimmt Abschied vom Eurozentrismus, er nimmt Abschied vom starren Entwicklungsschema und damit von einer ganzen Reihe von liebgewonnenen Vorstellungen über »Bedingungen und Möglichkeiten« des Sozialismus/Kommunismus!
Als Ergebnis dieser Anstrengungen sind bislang vor allem die Briefentwürfe an die russische revolutionärin Vera Sassulitsch bekannt. Marx distanzierte sich von jenen russischen Gelehrten, die »Das Kapital«, das bekanntlich nicht der zaristischen Zensur anheim fiel, als Lehrbuch der kapitalistischen Entwicklung und somit als Blueprint für kapitalistische Reformen im Zarenreich lasen und anpriesen. Das blieb den jungen linksradikalen russischen Exilanten, die sich ihrerseits auf dem Weg zum Marxismus befanden, nicht verborgen. Höflich fragten sie Marx nach seiner Positionierung, seiner Einschätzung der russischen ökonomischen Lage und den daraus folgenden Perspektiven für eine sozialistische Revolution. Die besseren Perspektiven sah Marx nicht in einer weiteren Industrialisierung, sondern in einer Bauernrevolution gestützt auf die russische Dorfgemeinde.
Aus dem ersten Entwurf:

Und die historische Situation der russischen „Dorfgemeinde“ hat nicht ihresgleichen! Als einzige in Europa hat sie sich nicht in Gestalt von Trümmern in der Art jener seltenen und merkwürdigen Miniaturen, jener Überbleibsel des archaischen Typus erhalten, wie man sie noch unlängst im Westen antraf, sondern als quasi vorherrschende Form des Volkslebens und über ein ungeheures Reich verbreitet. Wenn sie im Gemeineigentum am Boden die Grundlage für die kollektive Aneignung besitzt, so bietet ihr das historische Milieu, die Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion, alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit im großen Maßstab. Sie ist daher imstande, sich die positiven Errungenschaften des kapitalistischen Systems anzueignen, ohne durch dessen Kaudinisches Joch [schmachvolle Erniedrigung] gehen zu müssen. Sie kann den Parzellenackerbau allmählich durch eine mit Hilfe von Maschinen betriebene Großflächenwirtschaft ersetzen, zu der die physische Beschaffenheit des russischen Bodens geradezu einlädt. Sie kann also der unmittelbare Ausgangspunkt des ökonomischen Systems werden, zu dem die moderne Gesellschaft hinneigt, und ein neues Leben anfangen, ohne sich selbst umzubringen. Man müßte im Gegenteil damit beginnen, sie in eine normale Lage zu versetzen

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: » Sie kann also der unmittelbare Ausgangspunkt des ökonomischen Systems werden, zu dem die moderne Gesellschaft hinneigt, und ein neues Leben anfangen, ohne sich selbst umzubringen.«!
Der schlussendlich abgeschickte Brief ist daran gemessen nur ein Abklatsch und demonstriert im Vergleich zu den drei Entwürfen vor allem Marxens Tasten – lieber zu wenig sagen, als noch einmal ein allzu euphorisches Entwicklungsmodell zu präsentieren:

Die im „Kapital“ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben und wofür ich mir Material aus Originalquellen beschafft habe, hat mich davon überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müßte man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.

Marx erweitert den historischen Materialismus: weg von der Entfltung einer Entwicklungslogik, in deren Mittelpunkt die bürgerliche Gesellschaft steht, hin zur Suche nach dem Ausbruch aus der kapitalistischen Entwicklungslogik. Dieser Ausbruch – er schreibt von der sozialen Wiedergeburt Russlands – wird nicht mehr monolithisch gedacht (Industrieproletariat als Träger der Revolution), sondern konkret bezogen auf die sozialen, geographischen, ja: geologisch-mineralogischen Umstände eines Landes/einer Weltregion.
Wenn der alte Marx sich einer gewisse Melancholie hingab, dann nicht so sehr wegen des Scheiterns der Internationale oder wegen der angeblichen Fehler im »Kapital«, melancholisch wurde er darüber, dass er den Bruch mit dem Eurozentrismus nicht schon früher, als er wirklich noch bei Kräften war, in Angriff genommen hatte.

(Vorläufige und selektive Editionen der späten Exzerpte liegen bereits vor: »Karl Marx, die ethnologischen Exzerpthefte«, hrsg. von L. Krader, übers. von Angelika Schweikhart, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1976; »Karl Marx über Formen vorkapitalistischer Produktion. Vergleichende Studien zur Geschichte des Grundeigentums 1879-80«, aus dem handschriftlichen Nachlass hrsg. u. eingel. von H.-P. Harstick, Campus, Frankfurt a.M., 1977.)