»Doch gibt es einen Unterschied des unterdrückten Menschen gegenüber dem Arbeitstier, er hat Letzterem voraus, spontan die Theorie nachplappern zu können, wonach das Pflugziehen gut für ihn sei…«

Folgender Auszug stammt aus der Einleitung zu »Gewalt und Diktatur im Klassenkampf«, einer Art Leitfaden für kommunistische Militante, den Amadeo Bordiga1946 schrieb, ganz sicher ein Grundlagentext, aus dem wir schon öfters zitiert haben.

Leider ist es so, dass, obwohl einige Leute in letzter Zeit Großartiges geleistet haben, ein Großteil seines Werkes immer noch nicht übersetzt ist, dass also z.B. seine Kommentare zu Marxens »Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten« und wichtiger noch: seine »Grundrisse«-Einführung nicht auf Deutsch vorliegen (auf die Relevanz dieser Einführung verweist implizit Riccardo Bellofiore). Deshalb können wir hier keine Aussage zum tatsächlichen Stellenwert von »Gewalt und Diktatur im Klassenkampf« geben, außer eben, dass dieser Leitfaden unter den auf Deutsch vorliegenden Texten zentral ist.

Sollten sich die eifrigen Studenten des Histomat von ihren Feldherrensandhäufchen hinab begeben und den Leitfaden in toto lesen, sie werden einen schematischen, doktrinären Text vorfinden, (scheinbar) ganz nach ihrem Gusto. Trotzdem finden sich funkelnde, brillante Einsichten und immer wieder Abschweifungen, die das Werk dieses Ultraleninisten doch viel weniger leninistisch geraten lassen. Und ehe ich den heißen Atem von drei Generationen Linkskommunisten in meinem Nacken spüre, korrigiere ich sogleich: Nicht trotzdem, sondern deswegen.

Weil kursorische Leser dieses Blogs sich in dem Urteil gefallen, hier würde beliebiges Material zusammengerafft, folgender Hinweis. Dieser Eintrag steht im engen Zusammenhang mit jenen:

* Christian Enzensberger, »Die Erfindung des Königs«
* Volker Braun, »Simplex russisch«
* Amadeo Bordiga, »In Jalisco kennt man keine Angst vor dem Tod«

Was gewöhnlich Zivilisation genannt wird, hat folgenden grundsätzlichen Wesenszug: Der Stärkere verzehrt mehr als der Schwächere. Solange wir im Reich der Tiere bleiben, könnte man sagen, dass die sogenannte Natur aus Sicht der bürgerlichen Theorien alles aufs Beste geregelt hat, weil mehr Muskeln mit einem größeren Magen und somit mit mehr Nahrung einhergehen. Dann aber richtet der Stärkere die Dinge so ein, dass der Schwächere mehr arbeitet als er selbst. Weigert sich der Schwächere zuzusehen, wie der andere mehr isst und weniger, wenn überhaupt, arbeitet, halten ihn die überlegenen Kräfte nieder und er bekommt eine dritte Plage, nämlich Prügel, zu spüren.

Kennzeichnendes Element der Zivilisation ist, wie gesagt, dass sich dieses einfache Verhältnis in allen Bereichen des gemeinschaftlichen Lebens unzählige Male reproduziert, ohne dass es notwendig wäre, Zwang in aktueller bzw. kinetischer Form auszuüben.

Am Anfang einer solch ungleichen Lebenslage der Menschengruppen stand ursprünglich eine Aufgabenteilung, die einen wirklichen Nutzen für alle hatte, so dass einem Individuum, einer Familie, einer Gruppe oder einer privilegierten Klasse Achtung gezollt wurde, was alle möglichen Ausdrucksformen annahm, mit der Zeit aber zu einer Unterwerfungshaltung gegenüber diesen Individuen und Gruppen führte. Im Laufe der Zeit setzt sich diese Haltung fest und wird Bestandteil der Tradition, denn auch die Gesellschaftsformen haben ihre Trägheit, analog zur physischen Welt, und neigen dazu, immer dieselben Umlaufbahnen zu beschreiben, dieselben Verhältnisse zu verewigen – bis übergeordnete Störfaktoren eintreten.

Auch der marxistisch ungeschulte Leser wird bemerkt haben, dass wir diese Darstellung der Kürze halber im Rahmen einiger schematischer Hinweise halten. Fahren wir also fort. Als der minus habens erstmals seinen Ausbeuter nicht mehr dazu „nötigte“, die Befolgung seiner Anweisungen mit Gewalt durchzusetzen, sondern gelernt hatte nachzusprechen, dass Auflehnung eine große Sünde sei, weil sie die Regeln und Verordnungen, von denen das Heil aller abhing, gefährdeten, zu diesem Zeitpunkt entstand – alle Achtung! – das Recht.

Mag der erste König ein mutiger Jäger und ein großer Krieger gewesen sein, der oftmals sein Leben einsetzte und sein Blut vergoss, um seinen Stamm zu verteidigen; mag der erste Priester ein weiser Forscher gewesen sein, der zum Nutzen des Allgemeinwohls und der Heilkunst Naturgeheimnisse entdeckte; mag der erste Herr über Sklaven oder Arbeiter ein tatkräftiger Organisator gewesen sein, der fähig war, die Arbeit so anzuleiten, dass Ackerbau und erste Technologien größere Frucht trugen – allein die anfängliche Anerkennung dieser nützlichen Funktionen erlaubte es, Autoritäts- und Machtstrukturen zu errichten, was es wiederum denen, die an der Spitze der neuen und effizienteren Gesellschaftsformen standen, leicht machte, einen großen Teil des Produktionszuwachses für sich selbst abzuzweigen.

Zunächst zwang der Mensch die Tiere unter ein solches Verhältnis. Das wilde Rind konnte erst nach harten Kämpfen und unter Opfern der kühnsten Tierbändiger unterjocht werden. Später ist keine aktuelle Gewalt mehr nötig, damit das Tier den Nacken beugt. Seine gewaltige Kraft verzehnfacht die Getreidemenge seines Herrn, und das Rind erhält einen Teil davon, um dieselbe Kraft auch morgen noch zu haben.

Bald wird der entwickelte homo sapiens dieses Verhältnis auch bei seinesgleichen einführen, die Sklaverei tritt auf. Der unterlegene Gegner einer persönlichen oder kollektiven Auseinandersetzung bzw. der geschundene und verwundete Kriegsgefangene wird mit weiterer Gewalt unter den gleichen Tarifvertrag wie das Rind gezwungen. Anfangs rebelliert er, kann aber den Unterdrücker selten überwältigen oder ihm entfliehen. Auf die Dauer wird es zur Normalität, dass der Sklave, obwohl er, wie der Ochse, dem Herrn an Körperkraft überlegen ist, die Unterordnung erleidet und wie das Rindvieh schuftet, allerdings eine viel größere Bandbreite von Arbeiten und Diensten leistend.

Im Laufe der Jahrhunderte bildet dieses System seine eigene Ideologie heraus, es wird theoretisiert. Der Priester rechtfertigt es im Namen der Götter, der Richter sanktioniert die Übertretungen mit Hilfe von Strafgesetzen. Doch gibt es einen Unterschied des unterdrückten Menschen gegenüber dem Arbeitstier, er hat Letzterem voraus, spontan die Theorie nachplappern zu können, wonach das Pflugziehen gut für ihn sei, eine gesunde und zivilisierte Freude, eine Erfüllung göttlichen Willens und heiliger Gesetzespflichten; auch vermag der Ochse sein Einverständnis nicht durch Abgabe eines Wahlzettels kundzutun.