Von der vernünftigen Vernunft

Gehen wir aber wissenschaftlich und rein statistisch an die Untersuchung heran und fragen uns, wie viel nicht-bezahlte Arbeit ausgepresst wird, um die Privilegierten in den Genuss des produzierten Reichtums zu bringen, wie viel Elend es in den untersten Schichten der Gesellschaft gibt, wie viele Menschenleben infolge der wirtschaftlichen Mühsal, ferner durch Krisen und Konflikte – ob es sich nun um die Streitigkeiten etwa unter Fürsten oder Baronen handelt, oder um Bürgerkriege oder militärische Zusammenstösse zwischen Staaten – geopfert und zugrunde gerichtet werden, wird die schlechteste Bilanz auf das Konto der bürgerlichen, demokratisch-parlamentarischen Gesellschaft gehen. (Amadeo Bordiga)

Es ist schade oder vielmehr bezeichnend, dass mit Erscheinen des fünften und letzten Bandes von Hans-Peter Duerrs großer Studie »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« vor fast neun Jahren das öffentliche Interesse an dieser Studie erlahmte und die hiesige Linke, die in den Jahren nach 9/11 und bis heute lieber über Zivilisation, Kultur, Religion und Universalismus sinniert als über die hard facts – Kapital, Lohnarbeit, Grundrente – (Haupt- und Nebenwiderspruch revisited, nicht wahr?) und somit aus Marx einen öden Zivilisationstheoretiker macht, weder von dem Fortgang von Duerrs 1988 begonnener Studie noch von ihrem Ende großartig Notiz nahm.
Dabei zählt »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« zu den wirklichen Knallern im Wissenschaftsbetrieb, sie war einer der ganz großen Skandale der 80er und 90er Jahre. Die einzelnen Bänder der Studie sind zwar durchaus redundant (was leseökonomisch immerhin den Vorteil hat, dass man beliebig einsteigen kann und also nicht alle Bände hintereinander gelesen haben muss). Das hat aber wesentlich damit zu tun, dass die Angriffe auf die Studie dermaßen furios und zahlreich waren, dass Duerr regelrecht genötigt war, sie jeweils in einem langen Vorspann wieder und wieder zu entkräften1.
Was war denn nun der Skandal? »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« ist eine vollständige Destruktion – nicht Dekonstruktion, sondern genau das: Destruktion – von Norbert Elias berühmter, sagen wir ruhig: paradigmatischer Studie »Über den Prozeß der Zivilisation« (1939). Duerr zeigt in ausschweifenden, akribischen Detailstudien, dass Elias’ Forschungsresultate –kurz gesagt: in der Herausbildung der (immer als westlich verstandenen) Zivilisation nehmen Schamschwellen, Peinlichkeitsschwellen, Psychologisierung und Rationalisierung immer weiter zu, bis das vernünftige Individuum fix und fertig ist – einfach falsch sind. Duerr kam zu dem Schluss, »daß von einer allgemeinen Evolution der Gesittung hin zu stärkerer Triebkontrolle und ›Affektmodellierung‹ innerhalb der letzten Jahrtausende nicht die Rede sein kann«. Elias’ Forschungen stehen auf sehr wackeligen empirischen Grundlagen und verdanken sich einem – oh ja! – imperialistischen Weltbild. Für viele eine schmerzhafte Einsicht, wenn man bedenkt, dass Elias Emigrant und Antifaschist war.
Man hat Duerr, gerade mit Bezug auf seine frühen Werke »Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildheit und Zivilisation« (1978) und »Sedna oder die Liebe zum Leben« (1984), Irrationalismus und Aufklärungsfeindlichkeit vorgeworfen. Das Gegenteil ist der Fall: Er zeigt vielmehr die lebens- und also vernunftfeindliche Beschränkung des westlichen Rationalitätskonzepte auf (er tut das ethnologisch-historisch, politisch fand er seine Verbündeten einst bei den Anarchisten – Duerr selbst hatte 1974 die Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie vorgelegt »Ni Dieu, ni mètre« [sic! Eine Anspielung auf den libertären Schlachtruf »Ni Dieu, ni maitre«] –, philosophisch-theoretisch war Duerr ein Genosse des wunderbaren Paul Feyerabend, der bekanntlich Karl Poppers Werk ebenso gründlich zerlegt hat – richtig gelesen: Wer Popper kritisieren will, muss Feyerabend lesen, nicht Adorno!). Nicht nur, dass die Menschen aus anderen Gesellschaften und anderen Zeiten ebenfalls rational gehandelt haben (nämlich ihren Lebensumständen angepasst), unter Umständen waren sie auch viel rationaler – weil sie um »die Grenze zwischen Wildheit und Zivilisation« sehr genau wussten.
Duerr hat das einst so ausgedrückt,

daß die ›archaischen Menschen‹ rationaler waren als wir heutigen, weil sie ein vernünftiges Verhältnis zu dem hatten, was jenseits der Vernunft liegt, und daß man deshalb sagen kann, daß sie die Weisheit geliebt haben, also Philosophen gewesen sind.

Später (im Sedna-Buch) relativierte er diese These dahingehend,

daß die ›archaischen Menschen‹ weniger das Wissen liebten als das Leben und daß sie es unternahmen, das Leben zu erhalten und immer wieder zu regenerieren. Sie waren keine Intellektuellen, sondern Ritualisten, und wenn es auch unwahrscheinlich klingen mag, so dachten sie doch nicht tiefer als, sagen wir, Karl Popper oder Jürgen Habermas. Damit will ich nicht sagen, daß sie an der Wirklichkeit desinteressiert gewesen sind; aber liebten sie die Wahrheit, dann handelte es sich, wie Nietzsche sagte, um »Wahrheiten für ihre Füße, Wahrheiten, nach denen sich tanzen läßt«.

Von Duerr, der sich einst das frohe, optimistische Motto Gustav Landauers auf die schwarze Fahne geschrieben hatte

Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen … und wir wollen denn, wenn’s sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen.

konnte man in letzter Zeit eher vergnatzte, pessimistelnde Töne vernehmen (wobei seine Spekulation, dass der Untergang ›unserer‹ Zivilisation, den er für unausweichlich hält, für die Menschen nicht die schlechtesten Folgen hätte, schon wieder ganz charmant ist, siehe das Interview-Bändchen »Vom Nomaden zur Monade«, 2002). Auch ist sein Forschungsinteresse mittlerweile ein anderes.
Aber es geht ja nicht um die Person, es geht um Duerrs Kritik und die schier unglaublich reichen Entdeckungen, die diese Kritik als positive Wissenschaft nach sich zog. Und dass der anarchistische Impuls kein Gestus ist, keine coole Pose, um die vor dreißig Jahren erschütternd verschnarchte Ethnologie zu schocken, was ihm nachhaltig gelang, sondern eben ein Impuls: etwas, was sich im historischen Material selbst findet, das macht dieser Brief, den Duerr am 24.12.1980 an seinen Freund Paul Feyerabend schrieb sofort klar (entnommen aus dem Band »Briefe an einen Freund«, Suhrkamp 1995):

Bei den ganz alten Völkern, den Wildbeutern, gab’s überhaupt keine Kriege, nur kleine Scharmützel, bei denen kaum jemand verletzt wurde. Kamen Konflikte auf, zog man sich meist unter Verwendung von Lügen (»… ach Gitte, da fällt mir ein, daß ich ja schon lange meine Tante besuchen wollte …«) und Ausreden zurück. Im Sinne unsere Zivilisation etwas weiter entwickelte Jäger und Sammler wie die Eskimos haben stark ritualisierte Singwettbewerbe, die australischen Ureinwohner beleidigen sich meist, die Schlachtreihen standen sich gegenüber und warfen sich Obszönitäten (»Arschloch«, Motherfucker«) an die Köpfe, bis sie keine Wut mehr hatten. D.h. entwicklungsgeschichtlich stehen Tapferkeit, Mut usw. nicht am Anfang, sondern ziemlich am Ende (Pflanzer, Hochkulturen, Nomaden). Der Wildbeuter-Held ist eher eine Mischung aus Nestor und Odysseus, weise, gutmütig, aber auch raffiniert – er überlistet als Jäger die Tiere eher als daß er sie mit Stärke und Mut verfolgt. Besonnenheit und Gerechtigkeit sind Wildbeuter-Tugenden par exellence, d.h. wir (homo sapiens) waren 99% unserer Geschichte besonnen und gerecht – das ist ein ganz anderes Bild von unserem Archaikum, was wir sonst so vorgeführt bekommen. Die Wildbeuter kennen auch keine Häuptlinge und keine institutionelle Macht, sie sind empfindlich anti-autoritär. Allerdings diskutieren sie die Dinge nicht wie unsere Antiautoritären ad nauseam durch, sondern weichen den Problemen aus – ihre Wirtschaftsform erlaubt ihnen das. Sie haben auch keine tiefen Wahrheiten – das kann man sehr gut bei den Mbuti-Pygmäen sehen, die über die Mythen und Rituale der Bantu-Neger feixen und sich amüsieren, aber hinter dem Rücken der Neger, denn sie wollen die Neger ja nicht vor dem Kopf stoßen. Den Ethnologen gegenüber verhalten sie sich oft nach dem Motto »Wie hätten sie’s denn gerne« und liefern ihnen, was immer die letzteren wollen.

  1. Zwei aussagekräftige Rezensionen zu einzelnen Bänden finden sich hier und hier. [zurück]