Der lange Schatten des Jürgen E.

Subprole hat hier einen älteren Kommentar von mir zitiert (das Beste ist freilich nicht von mir, sondern der Schwanengesang des Ex-ISF’lers, auf den ich mich beziehe).
Ich möchte das gerne ergänzen, denn ein wichtiger Baustein fehlte in meinem damaligen Kommentar1.
Es ist nicht so, dass Antideutsche die »Peripherie« (die längst keine Peripherie mehr ist) vergessen oder übersehen hätten, dass sie ganz der Logik ihres Existenzialismuswahns folgend – bei dem das Subjekt immer wieder Setzung um Setzung um Setzung vornehmen muss, um sich seiner moralischen Einzigartigkeit und Überlegenheit zu vergewissern: antideusch = kommunistisch = israelsolidarisch = prowestlich = antideutsch = … und wieder von vorne – nie dahin gelangen , wo etwas passiert, ohne dass sie darin vorkommen (»Politik in der ersten Person« wurde das mal, ich glaube sogar vom Bruhn, hämisch genannt).
Denn es gab ja in den 1990er Jahren tatsächlich eine »Abrechnung« mit der sogenannten Dritten Welt2, die nunmehr Monster gebiert, raffgierige, gealterte Befreiungskrieger, sich metzelnde Stämme, Indios mit einem notorischen Hang zur Selbst- und Lynchjustiz, kurzum: Neo-Wilde, die unter das Niveau der bürgerlichen Gesellschaft fallen und also nicht mal kritikwürdig sind3.
Was Antideutsche genussvoll ihren Hassobjekten vorrechnen – Ihr seid so maßlos israelobsessiv, dass ihr euch für das Unrecht auf dieser Welt gar nicht interessiert, deshalb ist eure Solidarität mit den Erniedrigten und Beleidigten nur geheuchelt! –, fällt auf sie selbst zurück. Zur Erinnerung: Die Parole »Keine Träne für Tschetschenien« war genuin antideutsch, die Srebrenica-Leugnung (die hat es für mehre Monate gegeben…) war es auch.
Ist heute alles verdammt peinlich, kann man aber prima abspalten, denn es war Jürgen Elsässer, der diese Parole ausgegeben hatte und der im jugoslawischen Bürgerkrieg sozusagen eineindeutig Stellung bezog4. Den Elsässer hat man hinter sich gelassen, der ist aus dem Kanon gestrichen, der war nie antideutsch, sondern schon immer mehr oder weniger verkappter Antiimp. Aber bitte, man lese seine KONKRET-Artikel aus den 1990ern: seine Sehnsucht nach den starken Männern, dem Kurzen-Prozess-Machen, den großen Imperien, die das ganze Gewürm und Gesocks zertreten, kurzum: sein »Toast auf die Fremdherrschaft« – das sind dermaßen arschklare antideutsche Topoi… Nur die Namen der Länder und der großen Männer wechselten: Ersetze Russland durch USA, Serbien durch Israel, Tschetschenien durch Afghanistan, Putin durch Bush, Stalin durch Churchill.

  1. Was der naiven Annahme Vorschub leisten könnte, es würde eine Konfrontation der jungen Burschen, mit dem, was in der großen weiten Welt wirklich vor sich geht, ausreichen, um sie aus ihrem Germanozentrismus zu locken. [zurück]
  2. Stichwort Haiti: Die Wiedereinsetzung des gewählten und dann weggeputschten linken Präsidenten Aristide 1994 durch amerikanische Streitkäfte wird als Vorgang gewertet, der klassische antiimperialistische Schemata entwertet. Jörn Schulz in der Jungle World:

    Meist wird George W. Bush dafür gescholten oder gelobt, dass er die Demokratie mit militärischen Mitteln verbreiten wollte. Doch Bill Clinton hatte es ihm schon vorgemacht, er hatte das US-Militär bereits im Jahr 1994 zur ›Operation Uphold Democracy‹ nach Haiti geschickt, um dem von rechtsextremen Putschisten gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder zu seinem Amt zu verhelfen. Diese Episode wird gerne unterschlagen, wenn Linke nun die militärischen Interventionen aufzählen, denn die zeitweilige Unterstützung für den linken Populisten Aristide passt nicht so recht ins Bild. Diese Lücke verweist auf grundsätzliche Schwächen der gängigen linken Theorien, besser sollte man wohl sagen der diffusen Vorstellungen über den ›Imperialismus‹.

    Nein, man muss keine unermüdliche Archivwühlmaus zu sein, um dahinter zu kommen, dass die USA Aristide erst wieder ins Land gelassen haben, als der zu weitgehenden Konzessionen an die Putschisten bereit war und mehrfach gegenüber den starken Herren beteuert hatte, keinerlei sozialreformerische (Sic! Aristide war nie einRevolutionär gewesen) Flauseln mehr zu verfolgen. Man kann das alles bequem bei Alex Dupuy, »Haiti in the new world order. The limits of the democratic revolution« (Westview Press, 1997) nachlesen. [zurück]

  3. Um mit Gegnern, die man im Grunde längst als nichtswürdige Gegenstände einer allerdings sich selbst missverstehenden Polemik abgetan hat, abzurechnen (noch einmal und noch einmal und immer wieder), werden auch schon mal Bilder von Eingeborenen bemüht. So heißt es in einem aktuellen Flugblatt der Kölner Georg-Weerth-Gesellschaft:

    Wertmüller wird als prominenter Exponent der Ideologiekritik dafür gehasst, dass er trotz der abschnurrenden Behauptung seiner totalen Irrelevanz immer wieder die niederträchtige Bewusstlosigkeit sieht und offen ausspricht, die sich gerade dort einstellt, wo es um die Befreiung des Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und Beschränktheit gehen sollte; bei denen, die sich mit den Adjektiven kommunistisch, feministisch, emanzipatorisch, solidarisch drapieren und die sich in ihrer unschuldigen Selbstgerechtigkeit vom bösen Blick dennoch so bedroht und zu wüstem Treiben berechtigt fühlen, wie blaue Amulette tragende Eingeborene, die den Raub ihrer Seelen durch das Objektiv der Kamera fürchten.

    »Unschuldige Selbstgerechtigkeit« und »wüstes Treiben« liegen ganz auf der Seite der Wertmüller-Hasser – und darin handeln sie so »wie blaue Amulette tragende Eingeborene«. In ihrem Hass auf Wertmüller erniedrigen sie sich so weit, bis sie auf dem Niveau jener legendären Eingeborenen (von denen wir alle schon gehört haben, die aber noch kein Mensch je entdeckt hat) angelangt sind. [zurück]

  4. Zu Elsässers Srebrenica-Skeptizismus siehe die Informationen in seinem Wikipedia-Eintrag. In den frühen 1990ern reagierten viele hiesige Linke auf die manifeste Anti-Serbien- und Anti-Jugoslawien-Hetze in deutscher Politik und deutschen Medien – gerade an dieser Hetze knüpften sich die Angstvorstellungen eines Vierten Reiches! – mit einer kaum hinterfragten Parteinahme für Milosevic und seinen angeblich bundesstaatlichen Visionen. Triumph der Verblödung: Deutsche Linke nutzten den jugoslawischen Bürgerkrieg für ihre Sehnsucht, auf der richtigen Seite zu stehen. Gegen Deutschland sollten vor allem alternative (entlang der alten antifaschistisch-alliierten Koalition sich gruppierende) Nationalismen stark gemacht werden. Dieses Geschwätz hat sich heute weitgehend ent-nationalisiert, sodass ganz allgemein von »dem Westen« die Rede ist, den es zu verteidigen gilt. [zurück]