Die Maulwurfsarbeit wird untergründig und mühsam bleiben

(…) Dass der Kapitalismus den Reichtum der Nationen schafft, galt nach Adam Smith als sicher. Hegel stimmte dem durchaus zu, fügte in der Rechtsphilosophie indes etwas an, das weder Smith noch Ricardo gesehen hatten: dass sich die Anhäufung der Reichtümer vermehrt, dies zugleich aber zur „Vereinzelung und Beschränktheit der besondern Arbeit und damit die Abhängigkeit und Noth der an dieser Arbeit gebundenen Klasse“ (§ 243) führt. Hegel entwickelte das Problem weiter und kam zu dem Schluss, dass die bürgerliche Gesellschaft bei dem Übermaß des Reichtums nicht in der Lage ist, „dem Übermaß der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“ (§ 245). Was Hegel Pöbel nannte, waren die damals schon marginalisierten Massen. Hier hatte Ricardo die richtige Erkenntnis: Der Kapitalismus schaffe zwar Reichtum, aber auch redundant population. Im ersten Band des Kapitals ging Marx darauf ein, zollte Ricardo das ihm gebührliche Lob, meinte jedoch, dies sei eine zyklische Erscheinung. Beim Wiederaufschwung der Kapitalakkumulation würde die überflüssige Bevölkerung vom Produktionsprozess wieder absorbiert werden. Dabei hatten alle vier Klassiker, Smith, Ricardo, Hegel und Marx, verständlicherweise nur Europa im Sinn. Der Rest der Welt kam für sie – kein Skandal, vielmehr verständlich – einfach nicht in Betracht.

Wir können heute feststellen, dass Ricardo Recht behalten hat. Überflüssige Bevölkerung gibt es im Rest der Welt in Milliardenhöhe. Sie fällt aus den Annehmlichkeiten des Weltmarkts heraus, gerät gleichwohl unter die Folgen der totalen Subsumtion ökonomisch-gesellschaftlicher Prozesse, unter die „Gesetze des Marktes“ und die Erfordernisse der Akkumulation. Der Rest der Welt stellt ein Problem dar, dem wir wohl mit noch so ausgedehnten Sammlungen von Brot für die Welt nicht beikommen.

Die Frage ist, ob diese Überflüssigen eine Negation des sie außen vor lassenden Systems sein können. Sie sind jedenfalls – mögen sie auch noch im Zustand der Passivität, der Resignation und der ohnmächtigen Geduld verharren – weder integriert noch integrierbar. Sie stehen vor den Toren des ökonomisch gesicherten und gesellschaftlich verteilten Wohlstands. Der Weltmarkt braucht sie höchstens als Ressourcenlieferanten, aber nicht als Subjekte gesellschaftlicher und ökonomischer Tätigkeiten.

Wäre die redundant population nur im Rest der Welt zu finden, so könnten die Machtmittel des Nordens die Schwierigkeiten meistern. Inzwischen aber hat der Rest der Welt, der „Süden“, den industrialisierten Norden eingeholt. Im ricardoschen Verstande des Wortes findet sich auch bei uns zu Hause überflüssige Bevölkerung in der landeseigenen Art der Arbeitslosen. Die Arbeitslosigkeit – hört man hin und wieder – sei durch technische Prozesse und Veränderungen in der industriellen Produktion und im Dienstleistungssektor „strukturell bedingt“, und das heißt nichts anderes als: keine zyklische Erscheinung, sondern ein Dauerzustand. Ricardo also und nicht Marx.

Die politische Form des bürgerlichen Staats mit seiner Symbiose von gesellschaftlichen, ökonomischen und berufspolitischen Führungsgruppen gründete sich auf der stabilen Koppelung von Binnenmarkt und Nationalstaat. Löst sich die Koppelung auf, so geht die Wirklichkeit des globalen Marktes neuen organisatorischen Formen entgegen. Eines Personalwechsels in der politischen Klasse bedürfte es dabei nicht, denn das Personal bleibt verfügbar für jeden Formwechsel.

Es wird sich – wieder einmal – eine „Neue Ordnung“ etablieren, ausgestattet mit noch ordentlicheren Machtstrukturen. Eine Verhärtung des objektiven Zwangscharakters der Gesellschaft steht somit in Aussicht. Dies schließt nicht aus, dass anstelle der Willkürherrschaft eine neue geregelte Verfassung treten wird – wieder mit der erbaulich-himmlischen Seite der Deklarationen und der irdischen der Spielregeln. Die Errungenschaften bürgerlicher Revolutionen brauchen nicht verloren zu gehen. In dieser möglichen neuen Verfassung werden sie ihren gesicherten Platz haben, als blaue Blume am Knopfloch des Zwangsjacketts.

Nicht nur der Markt weitet sich aus, sondern auch die Aporie: im Denken, Tun, im Zusammenleben. Der Emanzipation stehen harte Bedingungen und schwere Zeiten bevor. Und die mühselige Arbeit des Maulwurfs. In der Aporie müssen die Maulwürfe einen entgegengesetzten Orientierungspunkt haben. Hier gilt es, die Utopie, die viel geschmähte, von der Assoziation der Freien und Gleichen aus der Verbotszone zu befreien, in die interessierte Ideologen der Ideenlosigkeit, die Vertreter der zweckrationalen Vernunftlosigkeit sie gedrängt haben.

Die Maulwurfsarbeit wird untergründig und mühsam bleiben. Sie kann auf die Überflüssigen im Lande hoffen, bei denen durchaus Klarheit zu erreichen ist über die Verbindung von Freiheit und Gleichheit mit ihren unmittelbaren Interessen. Für die Weltüberflüssigen sind Freiheit und Gleichheit ein materielles Ziel: Freiheit als Befreiung von Hunger und Not, Gleichheit als gleicher Zugang zu den Angeboten des Weltmarktes. In diesem Ziel liegt für sie der Sinn der Emanzipation. Wie schon Hegel kryptomaterialistisch sagte: Haben die Leute genügend Nahrung und Kleidung, kommt das Reich Gottes von alleine.

Die Orientierung an der Utopie und am Prinzip Hoffnung ergänzt sich durch ein anderes Prinzip, das jeden Neubeginn kennzeichnet und aus dem alles Leben entsteht: das Prinzip Negation. Es wäre schlimm, die radikale Form der Verweigerung ohne utopischen Hintergrund als Rückzug aus der Gesellschaft zu verstehen, als Einkehr in die Geborgenheit des individuellen Gewissens, das sich im Lamentieren beruhigt. Die Verweigerung soll vielmehr in die gesellschaftliche Wirklichkeit eintreten, dort als das klare, bewusste, aber allemal wirksame Nein gegen die falsche Entwicklung handeln. Maulwurfsarbeit ist das genaue Gegenteil der Privatisierung des Protestes. (…)

Ausschnitt aus dem Essay »Die Transformation der Linken«, der wohl letzte längere Text Johannes Agnolis, den die ZEIT (!) anlässlich seines 75. Geburtstages am 22.2.2000 veröffentlichte.