Marx wird bisweilen vorgeworfen (nach der »Neuen Marx Lektüre« gibt es jetzt auch wieder eine »Über Marx hinaus«-Lektüre – das wäre ja alles schön gut, wenn die einen denn bitte erklären könnten, was die »Alte Marx Lektüre« wäre und die anderen, ehe sie über Marx hinaus wollen, ihn überhaupt mal gründlich zur Kenntnis nähmen; der Dialektik des menschlichen Verstandes resp. des freien Willen ist übrigens zueigen, dass jede Lektüre eines Textes ein »über ihn hinaus« impliziert, Menschen haben keine Kamera im Kopf, sondern eine hochproduktive, kreative Veranstaltung namens Bewusstsein. Wo waren wir noch mal stehen geblieben?) … Marx wird bisweilen vorgeworfen, er hätte die freie Lohnarbeit resp. den doppelt freien Lohnarbeiter verabsolutiert und damit a) die historischen wie realen Mischformen von freier und unfreier, selbstständiger und abhängiger Arbeit unter den Tisch fallen lassen und b) somit das Ideal-Bild der Sozialdemokratie und später der post-sozialdemokratischen Kommunisten geschaffen: der weiße, männliche Industriearbeiter. Weil Marx bereits einen falschen Arbeitsbegriff hat (der wiederum auf einen falschen Wertbegriff ruht), so heißt es, hat er auch einen falschen Klassenbegriff. Mit fatalen Folgen für die Praxis. Denn Sozis und Kommunisten hätten niemals die realen Klassenprozesse vor Augen haben können, niemals die Selbstständigkeit und Eigenmächtigkeit aller Subalternen, sondern hätten alle Emanzipationsbemühungen von unten ihr Klassenkampfschema von oben aufgedrückt. Mit den bekannten Folgen.
Das ist wohl wahr. Aber hat das ursächlich mit Marx zu tun? Abgesehen davon, dass es doch etwas too much ist, einem Buch, dem KAPITAL, die Wirkmächtigkeit zuzuschreiben, zigtausende Kader zu verblenden – auf Jahrzehnte hinaus! So ein Buch hat noch nicht mal der liebe Gott zu schreiben vermocht (weswegen er sich ja andauernd zeigen musste). Bei Marx geht es also mit dem Teufel zu, auch nicht schlecht.
Bei Marx geht es tatsächlich mit dem Teufel zu! Denn schließlich sind die Ergebnisse, die er im Laufe seiner Kapital-Studien präsentiert keine fixen Begebenheiten, sondern gleichen eher dem Kaninchen, das man sich merken muss, denn gleich stülpt der Zauberer seinen Hut darüber, und es ist weg – nur um wenig später aus einem anderen Accessoire hervorzuhoppeln.
Oder um Georg Stamatis zu zitieren:
Um im Bd. 1 des KAPITAL das Wesen des Kapitalverhältnisses, d.h. das Kapitalverhältnis ohne seine Verkehrungen durch seine Existenzformen darstellen zu können, muß Marx dort wohl die Arbeit darstellen nicht nur als das wirkliche Subjekt des kapitalistischen Produktionsprozesses (welches sie in der Tat auch ist), sondern zudem als das, was in der kapitalistischen Wirklichkeit auch als dieses wirkliche Subjekt der kapitalistischen Produktionsweise erscheint (und als welches sie aber nicht wirklich erscheint). Im I. Bd. stellt Marx also die Arbeit so dar, als ob sie und nicht, wie es wirklich ist, das Kapital das wäre, welches in der kapitalistischen Produktionsweise als das Subjekt des Produktionsprozesses, als der waren- und profitschaffende Faktor, erscheint. In der Marx’schen Darstellung des Wesens des Kapitalverhältnisses im I. Bd. des KAPITAL ist also die Arbeit nicht nur (wie sie in der Tat ist), sondern sie erscheint auch (wie sie in der kapitalistischen Wirklichkeit nicht erscheint) als das Subjekt des kapitalistischen Produktionsprozesses.
Dies grundsätzlich. Und um der Frage, welches »Arbeiterideal« Marx nolens volens geschaffen habe (schnelle Antwort: gar keins), nachzugehen, sollte man doch dorthin hinabsteigen, wo er den doppelt freien Lohnarbeiter zwar einführt – aber nur, um aus dieser Freiheit ihr Umschlagen in (Lohn-)Sklaverei zu folgern:
»Da Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen haben, das heißt den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen Wert, so erhält der eine desto mehr, je weniger dem anderen zufällt, und umgekehrt. Sobald ein Quantum gegeben ist, wird der eine Teil davon zunehmen, wie, umgekehrt, der andere abnimmt. Wenn der Arbeitslohn sich ändert, wird der Profit sich in entgegengesetzte Richtung ändern. Wenn der Arbeitslohn fällt, so steigt der Profit; und wenn der Arbeitslohn steigt, so fällt der Profit.« (Lohn, Preis und Profit) Der Lohn ist für die Kapitalseite eine negative Größe – die es zu reduzieren und unter Kontrolle zu halten gilt. Das Modell, in dem Reduzierung und Kontrolle zusammenfallen, ist die Sklaverei. Sklaverei ist die Form von Lohnarbeit, in der das Moment der Kontrolle die »technische« Kontrolle des Kapitalisten über den unmittelbaren Produktionsprozess übersteigt und darauf zielt, die gesamte soziale Existenz der Proleten in Schach zu halten. Der Zwang, dass der Prolet seine Arbeitskraft verkaufen muss (Es ist hochinteressant, dass Marx von »verkaufen« und nicht von »vermieten« spricht!), um an die Mittel zum Leben zu gelangen, heißt nicht, dass er jenseits dieses Verkaufen-Müssens seine Ruhe hätte. Es bedeutet zum einen, dass wegen dieses Zwangs ein sozialer Antagonismus gesetzt ist, der sich zur Revolte ausweiten kann, der beständig der Kontrolle bedarf, weswegen bis heute jede Form von Kollektivität polizeilich-medial schikaniert resp. sozialstaatlich befriedet wird. Aber mehr noch: Dieser Zwang lässt sich bis in den kleinsten Aspekt des Tausches von Arbeitskraft gegen Geld hinein noch vertiefen. Dieser Zwang gibt nicht nur Anlass zur Kontrolle, sondern übersetzt sich selbst in Kontrolle, je rücksichtsloser er ausgeübt wird.
[Klarstellung: Diejenigen, die Marx in seiner Bestimmung des modernen Zwangsarbeiters vorwerfen, die Hybridität der modernen Arbeit zu wenig zu berücksichtigen – wer diese Kritik nachlesen will, suche einfach in jüngeren Aufsätzen von KH Roth und Marcel van der Linden –, verfehlen mit ihrer empiristischen Herangehensweise die fundamentale kategoriale Kritik Marxens. Marx wollte mit der Bestimmung des ›doppelt freien Lohnarbeiters‹ weder eine empirische orientierte Kritik geben noch einen Leitfaden für solche vorlegen. Es ging ihm um die Herausarbeitung eines zentralen Elementes in seiner Kritik der politischen Ökonomie. Die Forschungen von Marcel vdL zur Weltarbeiterklasse – sein Standardwerk kann man sich hier herunterladen – bieten einen weiß Gott nicht zu unterschätzenden Reichtum … und verzetteln sich ebenso oft in Erbsenzählerei.]
Dazu fallen mir zwei abschließend Texte ein, ein historischer – es ist Ausschnitt aus Amadeo Bordigas »Dialog mit den Toten« von 1956 – und ein aktueller – eine Anekdote Volker Brauns, die er in seinem jüngsten Büchlein »Flickwerk« wiedergegeben hat.
Nunmehr können antiker Sklave und Leibeigener den modernen Lohnarbeiter schon von oben herab ansehen. Sicher, sie durften ihren Arbeitsort nicht verlassen, mussten aber auch nicht in den Krieg ziehen. Der moderne Sklave steht andauernd unter dem Alb des Krieges und hat die besten Aussichten, verletzt, getötet, gefangen oder zu Zwangsarbeit herangezogen zu werden.
[Das Meisterwerk Amerikas: der Konsumentenkredit.] Der Arbeiter ist nicht mehr Besitzer, sondern Schuldner seiner paar Habseligkeiten, und wenn ihm auch seine Wohnung gehört, schuldet er ihren Wert. Es geht ihm also praktisch wie dem Sklaven, der, nachdem er zu Essen bekommen hatte, Schuldner des Nettowerts seiner eigenen Person war.
Dieses amerikanische Kreditsystem, das den Arbeiter durch die Schulden an seinen Arbeitsplatz bindet, wurde schon industrieller Feudalismus genannt. Ein weiterer Schritt in Richtung „wachsender Verelendung“, also Verlust jeglicher wirtschaftlichen „Reserve“. Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve: Es muss erst eine beträchtliche Summe abzahlen, um nackt davonziehen zu können. Womit soll man zahlen, wenn nicht wie dem Shylock, mit einem Stück des eigenen Fleisches?
Das Kollier des hohen Lebensstandards und Wohlstands, jenes gemeinsame Ideal beider, in der gegenwärtigen „quantitativen“ Zivilisation miteinander wetteifernden Welten [Russlands und Amerikas], ist die Kehrseite des Stacheldrahts der Konzentrationslager – gleich welche Flagge dort gehisst wurde.
ES GEHT AN DIE NIEREN
– so sagt man ja, und wirklich hat ein Kerl in Viersen am Niederrhein, der soweit gesund, aber arm am Beutel war, eine seiner Nieren angeboten im Internet. 400 000 Mark beanspruchte der Arbeitslose für sein Körperteil, um ausgesorgt zu haben für seine Familie. So weit, so gut, aber das Auktionshaus Ebay unterbrach die Versteigerung und bot den Mann der Polizei an. Die griff zu und erstattete ihrerseits Anzeige, und nun machten die Medien ihren Schnitt. – Der Narr hatte nicht gewußt, daß er sich zwar im ganzen, als Arbeitskraft, anbieten, aber nicht stückweis verkaufen darf; daß er sich also zusammennehmen und als ganzer Mensch das Leben bestehen muß. Die Polizei sprach von einem tragischen Fall.