Unterwegs mit Gesine

Immer bei unseren Spaziergängen im Kaiserstuhl bin ich es, der sagt, oh, lasst uns doch hier noch die Kurve nehmen, dort den Hügel, schau mal, das Dörfchen dort unten ist bestimmt nett. Ich kenne mich natürlich nicht aus, habe aber bis jetzt noch jede Begleitung überzeugen können. Manche finden die Monotonie des dritten Weinbergs, in dem wir uns hoffnungslos verlaufen haben, auch noch irgendwie ganz reizvoll.
Allen Frustrierten werde ich demnächst mit Gesine Lötzsch ein wenig Trost spenden.

Auf jeden Fall wird es nicht den einen Weg geben, sondern sehr viele unterschiedliche Wege, die zum Ziel führen. Viel zu lange stehen wir zusammen an Weggabelungen und streiten über den richtigen Weg, anstatt die verschiedensten Wege auszuprobieren. Zu lange laufen wir auf Wegen, obwohl wir ahnen oder gar wissen, dass sie nicht zum Ziel führen. Doch wir kehren nicht um, weil wir Angst vor denen haben, die immer noch diskutierend an der Weggabelung stehen und uns mit höhnischem Gelächter empfangen könnten. Wir müssen lernen, Sackgassen zu verlassen …

Genau, so ungefähr!
Nun schwafelt die Links’lerin nicht für irgendein Merian-Heft über irgendeinen gottverlassenen Landstrich, sondern über den … Kommunismus1.

… Sackgassen zu verlassen und sie nicht ambitioniert als Wege zum Kommunismus zu preisen. Egal, welcher Pfad zum Kommunismus führt, alle sind sich einig, dass es ein sehr langer und steiniger sein wird. Warum eigentlich?

Das ambitionierte Preisen, ein gehobener Job in der AgitProp-Abteilung.

Lötzsch entdeckt den Kommunismus, und der Spiegel deckt das auf. Schreit bei der Gelegenheit Zeter und Mordio, spuckt Blutspuren, wütet im Taumel einer alternden Drama Queen: Jetzt sei das Biest entlarvt, zeige es seine Fratze. Alle Wege des Kommunismus usw. usf.
Das muss so sein, denn in den Arbeitsverträgen von Spiegel-Redakteuren ist festgehalten, dass man mindestens einmal in seiner Laufbahn einen Kommunisten entlarvt und die Blutspur einer Utopie nachgezeichnet haben muss.

»Warum eigentlich?«, meldet sich wieder Frau Lötzsch, und ganz Polit-Profi, der sie ist, gibt sie sich und uns die Antwort (die natürlich nicht im Spiegel steht):

Angenommen, der Euro geht als Währung in den nächsten zwei Jahren unter, die Europäische Union zerbricht, die USA kommen nicht aus der Wirtschaftskrise und fallen bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in die Hände von radikal-fundamentalistischen Christen. Das Klima verändert sich dramatisch, der Golfstrom kühlt ab, die Flüchtlingsströme überrennen die »Festung Europa«, und wir werden gefragt, ob wir für diesen verworrenen Problemhaufen eine Lösung haben. Wer behauptet, daß er für dieses Szenario eine Strategie in der Schublade hat, der ist ein Hochstapler. Was wir anbieten können sollten, ist eine Methode für den Umgang mit solchen Problemhaufen. Wir wissen gar nicht, ob die Mechanismen der Wohlstands- und Verteilungsdemokratie der Bundesrepublik geeignet sind, solche komplexen Aufgaben zu lösen und friedlich abzuarbeiten. Ich habe da meine Zweifel. Die Regierung verbreitet schon jetzt nur noch Kompetenzillusionen. Allerdings sehe ich auch die Linken noch nicht wirklich gut gerüstet, wenn es um die Bewältigung von Gesellschaftskrisen geht. Doch beim Schattenboxen sind wir in der Lage, unseren eigenen Freunden schwere Verletzungen zuzufügen. Manchmal – nicht immer – hilft ein Blick in die Geschichte, um sich selbst zu befragen: Wie hättest du unter den gegebenen Bedingungen reagiert? Sind wir heute eigentlich wirklich schlauer? Haben wir wirklich aus unseren Fehlern gelernt?

So redet also eine Kommunistin im Jahr 2011: Der Kapitalismus – »ein verworrener Problemhaufen«. Die Kommunisten – bieten an » eine Methode (!) für den Umgang (!) mit solchen Problemhaufen«. Eine Strategie zu haben? Wäre Behauptung und Hochstapelei. Das Wissen der Kommunisten – »Wir wissen gar nicht, ob die Mechanismen der Wohlstands- und Verteilungsdemokratie der Bundesrepublik geeignet sind, solche komplexen Aufgaben zu lösen und friedlich abzuarbeiten.« Das Urteil der Kommunisten – »Ich habe da meine Zweifel.«
Megagefährlich, megabrisant.

Der Spiegel-Analyst bebt indessen vor Kühnheit und Verachtung: »Die Menschheit ist aufgerufen, diesen Weg zu suchen – natürlich unter Anleitung der Partei. Und natürlich nach Untergang der bürgerlichen Gesellschaft.« Der Kommunismus ist nicht der Untergang der bürgerlichen Gesellschaft, er kommt erst nach ihm. Eine interessante Differenz. Weil sie beim Spiegel, und nicht nur dort, vermuten, vielleicht sogar ganz zurecht, dass die bürgerliche Gesellschaft schneller untergehen wird als die Schweine mit den Äuglein blinzeln resp. die Proleten sich was Besseres einfallen lassen werden.
Denn klickt man auf die Hauptseite zurück, dann funkelt und blinkt es dort nur so vor guter Laune.

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Gefunden zu beliebiger Uhrzeit, stündlich aktualisiert. »Man sieht dem Imperialismus Tag für Tag beim Zusammenbrechen zu«, hat der Dichter einst geschrieben, den die Partei doch so gerne für sich reklamieren will. Aber bitte nicht Gesine Lötzsch weitersagen, sie sucht noch nach dem Ausgang.

  1. Es handelt sich um einen Gastbeitrag in der Jungen Welt vom 3.1., der Text ist online nur für Abonnenten zugänglich, aber z.B. hier zu finden. [zurück]